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3-D im OP

Spezielle Brillen machen aus dem Kamerabild vom Körperinneren eine dreidimensionale Aufnahme.

3-D-Technik kennen die meisten Menschen vor allem aus dem Kino. Weniger bekannt sind die Einsatzmöglichkeiten bei Operationen. Die Klinik für Urologie im SRH Zentralklinikum Suhl ist eine der ersten Einrichtungen in Thüringen, die damit arbeitet.

Ein früher Mittwochmorgen im Juni. Fünf Mediziner ar­beiten gut aufgelegt und konzentriert in einem weiß ­getäfelten Operationssaal. Alle tragen die typische grüne OP-Kleidung: sterile Kittel, Mundschutz, Haube sowie OP-Handschuhe. Nur ein Detail passt nicht so recht in das gewohnte Bild: Das gesamte Team trägt dunkel getönte Brillen – ein Hauch von Blues Brothers zwischen all den Apparaten und Monitoren. Doch die vermeintlichen Sonnenbrillen sind kein modischer Gag, sondern gehören zum medizinischen Hightech: In der urologischen Abteilung des SRH Zentralklinikums Suhl wird seit Anfang des Jahres mit modernster 3-D-Technik operiert. „Als junger Medizinstudent hätte ich nie gedacht, dass das technisch einmal möglich sein wird“, sagt Dr. Udo Wachter, Chef­arzt der Suhler Urologie. Und doch, mithilfe der neuen Technologie entfernt er heute gemeinsam mit seinem Team einen Nierentumor. 

Der Patient ist bereits in Narkose, sein Körper mit sterilen Tüchern abgedeckt, nur eine kleine Fläche rund um seinen Bauchnabel schaut heraus. „Moderne Endoskopie-Instrumente ermöglichen es uns, minimalinvasiv durch die Bauchdecke zu arbeiten“, erklärt Udo Wachter. So sind bei dieser Operation lediglich drei je etwa einen Zentimeter lange Schnitte nötig. Die eingeführte Mini­kamera überträgt gestochen scharfe Videobilder aus dem Bauchinneren auf einen großen 3-D-fähigen Monitor oberhalb des Operationsgeschehens: gut ausgeleuchtet, siebenfach vergrößert und, im Zusammenspiel mit den Brillen, für die Ärzte dreidimensional sichtbar.

Tolle Ein- und Aussichten

„Durch die 3-D-Technik habe ich einen ganz plastischen Tiefeneindruck aus dem Körperinneren“, stellt der Urologe fest. „Gegenüber den zweidimensionalen Aufnahmen, mit denen wir bisher gearbeitet haben, erleichtert die räumliche Sicht die Orientierung während der Operation enorm. Ein erfahrener Operateur kann dadurch rascher und so für den Patienten noch schonender operieren“, erklärt der Chefarzt. Die Vorteile der neuen Perspektive seien vergleichbar mit einem Navigationsgerät im Auto: Wird nur die Kartenansicht gezeigt, lässt sich schwieriger abschätzen, wo man ist und wie man zum Ziel kommt. Wechselt man hingegen in die 3-D-Version, fällt die Orientierung in der Landschaft leichter.

Und in der Tat erscheinen die inneren Organe 

des Patienten sehr plastisch auf dem Monitor, während Wachter die Kamera mit sanften Bewegungen von außen lenkt. Strukturen und Abstände im Inneren des Patienten lassen sich gut erkennen. Dabei bietet die Kamera noch einen weiteren großen Vorteil: Sie liefert nicht nur glas­klare 3-D-Aufnahmen, sondern lässt sich auch in vier Rich­tungen um bis zu 100 Grad abwinkeln. „Dadurch kann ich sogar hinter die Niere schauen“, erklärt der Experte. 

Präzisionsarbeit gefragt 

Genau hier findet Wachter auch den Tumor, den es heute zu entfernen gilt. Seine Strukturen sind auf dem Monitor deutlich sichtbar, in der dreidimensionalen Darstellung scheint er zum Greifen nah. Vorsichtig verschließt der Urologe mit einer Klemme die Nierenarterie. Das verhindert das Abschwimmen von Krebszellen in den Körper und ermöglicht ein blutloses Arbeiten an dem Organ. Als Nächstes trennt er mit einer Schere den kaum zehn Gramm schweren Tumor von der Niere ab. Schließlich kommen eine Art Miniaturkescher und eine Minipinzette zum 

Einsatz, mit denen Wachter den Tumor sorgfältig einsammelt. All diese Instrumente sind superschlank und wer­­-den über das Endoskop in die Bauchhöhle eingeführt. „Bei einer Geschwulst ist es sehr wichtig, das gesamte Gewebe zu erwischen, damit daraus keine neuen Krebsherde entstehen. Durch die dreidimensionale Sicht ist das viel leichter und schneller möglich“, erklärt der Chefarzt. 

Minimalinvasive Eingriffe sind für Patienten schonender, weil nur wenige kleine Schnitte gesetzt werden.

Investition für mehr Patientensicherheit

Nach gut einer Stunde ist die Operation erfolgreich be­endet. Udo Wachter ist zufrieden. „Mit der 3-D-Technik können wir nun auch da minimalinvasive Operationen vornehmen, wo es bisher zu kompliziert für dieses Verfahren wurde“, erklärt er. Dadurch würden auch die Risiken einer Operation sinken: „Gerade große und lang­wierige Eingriffe können rascher und sicherer ausgeführt werden. Starke Blutungen und Gewebeverletzungen ­treten seltener auf.“ Außerdem müssten die Patienten ­weniger lange im Krankenhaus bleiben, und die Schnitte seien kleiner als bei der konventionellen Methode. 

100.000 Euro hat das Klinikum in die Technologie investiert, die auch bei Eingriffen an Harnleiter, Blase oder Prostata zum Einsatz kommt. Zehn bis 15 Operationen pro Monat werden aktuell in der Urologie mit der schonenden 3-D-Technik durchgeführt – immerhin knapp die Hälfte aller Nierenoperationen. Man wolle die neue Technik nicht überstrapazieren, nicht bei allen Patienten sei der Einsatz sinnvoll und nützlich. „Aber wo sich die Möglichkeit bietet, werden wir künftig minimalinvasiv drei­dimensional operieren“, betont Udo Wachter. 

Will der Urologe einem Außenstehenden erklären, welche neuen Perspektiven ihm die Technologie eröffnet, vergleicht er das auch gerne mal mit dem Seherlebnis in 3-D-Kinos. „Dabei unterscheidet den OP- vom Kino-Saal, dass wir für unseren Teil am liebsten so unblutig wie 
mög­lich arbeiten“, fügt er augenzwinkernd hinzu. 

www.zentralklinikum-suhl.de

Von Julian Kerkhoff

Diesmal ohne 3-D-Aufmachung: Chefarzt Dr. Udo Wachter (dritter von links) mit Ärzten und Schwestern aus der Urologie.

Operieren mit 3-D-Brille ermöglicht uns ähnlich tolle Perspektiven wie ein Kino-Blockbuster in 3-D. Im Unterschied zu Hollywood mögen wir es allerdings so unblutig wie möglich.

Operieren mit 3-D-Brille ermöglicht uns ähnlich tolle Perspektiven wie ein Kino-Blockbuster in 3-D. Im Unterschied zu Hollywood mögen wir es allerdings so unblutig wie möglich.

Noch mehr 3-D im OP

Auch im SRH Wald-Klinikum in Gera operiert man mithilfe von 3-D-Technik. Anders als in Suhl geht es hier aber nicht um den Einsatz von 3-D-Brillen, sondern um einen neuen mobilen Computertomografen, der während Operationen am Schädelinneren, an der Wirbelsäule oder am Brustkorb dreidimensionale Schnittröntgenbilder in Echtzeit liefert. Die Operateure in Gera (oben im Bild mit ihrem mobilen CT-Gerät­) können dadurch in Bereiche des Körperinneren blicken, in die man noch nicht einmal mit Miniaturkameras kommt. So können Implantate noch präziser gesetzt ­werden – und das bei gleichzeitiger Minimierung der Verletzungsgefahr. Das Gerät im Taschenformat ist nicht nur wesentlich kleiner als seine raumgroßen Vorgänger, sondern hilft durch seine Verbindung mit einem Navigationscomputer auch, wichtige Operationsschritte exakt zu steuern. Zudem kann noch während des Eingriffs die Qualität der Implantate kontrolliert werden. Das macht Korrektur- und Folgeeingriffe überflüssig. Das SRH Wald-Klinikum in Gera gehört zu den ersten fünf Einrichtungen in Deutschland, die mit diesem mobilen Computertomografen arbeiten.

www.waldklinikumgera.de

Bei minimalinvasiven Operationen geht es im Wesentlichen darum, die für eine Operation der inneren Organe bislang nötigen langen Einschnitte durch wenige, zentimeterkurze Schnitte zu ersetzen und durch diese hindurch mit Instrumenten zu arbeiten. Durch den ersten Schnitt wird der Bauch mit Kohlendioxid aufgebläht, um so die sonst eng anliegenden Organe voneinander
zu trennen. So bekommt der Arzt freie Sicht und die Bewegungsfreiheit, um in
der Bauchhöhle arbeiten zu können. Durch den zweiten und dritten Schnitt werden über sogenannte Trokare das winzige Operationsbesteck und eine Videokamera eingeführt. Diese Methode heißt Schlüsselloch-Technik oder Laparoskopie und hilft, die Belastung für den Körper des Patienten zu verringern, seine Erholung zu beschleunigen und das kosmetische Ergebnis
zu verbessern.