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Gesundheit08.03.2012

Medizinische Versorgungszentren nützen allen

Alles unter Dach und Fach

Immer mehr Fachärzte schließen sich medizinischen Versorgungszentren an. Den Patienten kann das nur recht sein, denn durch die Zusammenarbeit vieler Spezialisten unter einem Dach werden Diagnosen genauer, Therapien ziel­gerichteter – und Wege kürzer. So entfällt auch der gerade für ältere Menschen beschwerliche Weg von Arzt zu Arzt.

Jutta Möller sitzt im Wartezimmer des medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) am SRH Zentralklinikum Suhl und hat einen Termin im Fachgebiet Gynäkologie und Geburtshilfe. Viermal im Jahr kommt sie zur Routineuntersuchung in die Sprechstunde von Dr. Thomas Hagemeier. Die rund zwölf Kilometer lange Strecke von ihrem Wohnort Schmiedefeld zum Klinikum in Suhl fährt sie mit dem Bus – gewissermaßen von Haustür zu Haustür. „Ich bin froh, dass die Laufwege kurz und wenig beschwerlich sind. Aber so bequem war das nicht immer“, sagt die 74-Jährige. „Früher hatte Dr. Hagemeier seine Praxis in der Stadt, und die letzten Meter dorthin führten über eine Treppe. Das empfand ich schon als beschwerlich, denn in meinem Alter ist jede Stufe, die man hochzusteigen hat, eine zu viel“, erinnert sie sich.

Seit Sommer 2009 ist das anders. Damals beschloss Hagemeier, seine Privatpraxis aufzugeben und ins SRH Zentralklinikum überzusiedeln. Dort leitet er seitdem im MVZ das Fachgebiet Gynäkologie und Geburtshilfe, in seiner Funktion als angestellter Arzt am Klinikum operiert er inkontinente Patientinnen.

Seine Patientin Jutta Möller ist froh über den Umzug. „Da hier im MVZ viele Fachärzte tätig sind, kann ich, wenn nötig, an einem Tag mehrere Arzttermine wahrnehmen. Das erspart mir viel Rennerei“, sagt sie. Als ihr Mann vor einiger Zeit in der Klinik lag, konnte sie den Krankenhausbesuch mit eigenen Terminen verknüpfen. „Dabei lernten wir auch die sonstige Infrastruktur hier im Haus schätzen: Es ist schon sehr angenehm, einfach zwischendurch einen Kaffee in der Cafeteria trinken oder im Shop in der Eingangshalle mal eine Kleinigkeit einkaufen zu können.“

Das Ende der Poliklinik

Mit dem Fall der Mauer verschwand auch das alte Gesundheitssystem der DDR. Die Poliklinik als eine seiner tragenden Säulen hatte keine Überlebenschance. Zwar sicherte man den Kliniken und Ambulatorien vertraglich die Zulassung bis 1995 zu. Doch im Paragraf 311 des Einigungsvertrags stand: „Die Niederlassung in freier Praxis ist mit dem Ziel zu fördern, dass der freiberuflich tätige Arzt maßgeblicher Träger der ambulanten Versorgung wird.“

Diese rasche und unreflektierte Übernahme des westlichen Gesundheitssystems sahen viele Ärzte der ehemaligen DDR kritisch. In ihren Augen hätte man erfolgreiche Projekte aus der DDR-Zeit integrieren müssen – wenn nötig in leicht angepasster Form. Beispiele hierfür sind neben der Poliklinik auch die Vorsorge und die Behandlung chronischer Erkrankungen in den Kliniken.

Die Poliklinik erlebt seit Jahren eine Renaissance in Form der medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Wie in der Poliklinik sind auch in einem medizinischen Versorgungszentrum beliebig viele Ärzte in einem Angestelltenverhältnis tätig. Während bei der Poliklinik jedoch der Staat der Träger war, können MVZ von Vertragsärzten der gesetzlichen Krankenversicherungen, aber auch von Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen, Apotheken oder Kirchen gegründet werden. Diese und nicht die Ärzte sind dann Vertragspartner der Krankenversicherung.

Attraktive Vielfalt

Seit seiner Gründung im Mai 2005 ist das MVZ am Suhler Klinikum kontinuierlich gewachsen. Denn entscheidend für den Patienten ist das medizinische Angebot. Heute sind dort insgesamt zehn Ärzte aus acht Fachdisziplinen angestellt, neben Gynäkologie und Geburtshilfe sind auch die Disziplinen Augenheilkunde, Urologie, HNO-Heilkunde, Kinderchirurgie, Kinder- und Jugendmedizin, Strahlentherapie sowie physika­lische und rehabilitative Medizin vertreten.

Je breiter das medizinische Portfolio ist, desto attraktiver ist ein MVZ für den Patienten. Er wird aus einer Hand versorgt, umständliche Überweisungsvorgänge reduzieren sich, und die Informationen fließen schneller von Arzt zu Arzt. Das steigert auch die Qualität der Behandlung. Denn durch den fachlichen Austausch können die Mediziner Diagnosen rascher und fundierter stellen und Therapien besser den Bedürfnissen der Patienten anpassen. Durch die enge Zusammenarbeit – sowohl der MVZ-Ärzte untereinander als auch die mit den Klinik­ärzten – lassen sich zudem die verschriebenen Arzneimittel besser aufeinander abstimmen und unnötige Doppelunter­suchungen vermeiden.

Als großer Vorteil hat sich auch der ständige Wissensaustausch zwischen den MVZ-Ärzten und ihren Kollegen in der Klinik erwiesen. Das gilt für die MVZ in Suhl, aber auch die des SRH Wald-Klinikums Gera. Beide Kliniken binden die ambulant im MVZ tätigen Kollegen in ihre internen Weiterbildungen ein und umgekehrt. „Einige unserer MVZ-Ärzte bieten Weiterbildungen für Klinikärzte und niedergelassene Kollegen an, die sich dadurch gut eingebunden fühlen; ich denke zum Beispiel an den regelmäßig stattfindenden urogynäkologischen Grund- und Aufbaukurs“, sagt Wolfgang Eckhardt, Geschäftsführer des MVZ in Suhl, und Uwe Leder, Geschäftsführer am SRH Wald-Klinikum Gera, ergänzt: „Wer als Stationsarzt schon einmal eine Sprechstunde im ambulanten Bereich gemacht hat, der weiß, wo der Schuh drückt. Genauso ist es mit ambulant tätigen Kollegen, die den Betrieb auf einer Krankenstation erleben. Das fördert das Verständnis für die Belange der Kollegen, führt zu besseren Absprachen und schließlich zu einer besseren Patientenbetreuung.“ In der Wirbelsäulenchirurgie beispielsweise würde darauf geachtet, dass der operierende Arzt den jeweiligen Patienten später auch in der
Nachsorge betreut. „Bislang kommt dieser Service bei unseren Patienten sehr gut an“, sagt Leder.

Medizinische Versorgungszentren haben aber nicht nur für die Patienten Vorteile. Auch für Ärzte ist eine Anstellung dort interessant. Tatsächlich möchten viele junge Mediziner nicht mehr in einer Klinik arbeiten, scheuen aber das finan­zielle Risiko, das mit der Übernahme oder Gründung einer eigenen vertragsärztlichen Praxis verbunden ist. Als Königsweg erweist sich für viele eine Festanstellung an einem MVZ. Im Gegensatz zur Klinik sind die Arbeitszeiten dort flexibel gestaltbar, was besonders Ärzten mit Familie entgegenkommt. Auch die Tatsache, dass sie sich im MVZ nicht um lästige Verwaltungsaufgaben kümmern müssen, lockt viele Ärzte dorthin.

Die Vorzüge, die ein Arbeiten im MVZ mit sich bringt, schlagen sich auch statistisch nieder. Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit steigt die Zahl der in Deutschland zugelassenen MVZ ständig. Seit 2007 wurden in jedem Quartal zwischen 50 und 80 neue MVZ gegründet. Und der Trend ist ungebrochen. Allein in Thüringen gibt es inzwischen mehr als 85 solcher Ärztegemeinschaften. Drei Viertel der MVZ in Thüringen liegen in der Trägerschaft von Krankenhäusern.

Kliniken binden MVZ stärker ein

Das SRH Zentralklinikum Suhl zum Beispiel betreibt neben dem MVZ direkt im Haus noch eines in Zella-Mehlis und eines in Schmalkalden. Das SRH Wald-Klinikum Gera ist Träger der MVZ in Gera, Altenburg, Greiz, Zeulenroda und Crimmitschau. In den Augen von Uwe Leder und Wolfgang Eckhardt sichern die MVZ die fachärztliche Versorgung in der Region. „Daher unterstützen wir Ärzte, die sich in MVZ zusammenschließen wollen“, betonen beide unisono. Vielen Fachärzten fiele es heute schwer, einen Nachfolger für ihre Praxis zu finden. „Wir gehen auf sie zu und überlegen uns gemeinsam eine Lösung“, erläutert Leder. „Ohne unser Engagement, etwa für die Pädiatrie in Greiz oder die Dermatologie in Zeulenroda, gäbe es dort heute dieses fachärztliche Angebot nicht mehr.“

Von der engen Zusammenarbeit profitieren Patienten und Klinik gleichermaßen. „Natürlich haben die MVZ für das Krankenhaus eine Portalfunktion, weil sie Patienten dorthin überweisen“, sagt Eckhardt. So hätten die im MVZ am Suhler Klinikum angestellten Ärzte im Jahr 2010 mehr als 900 Einweisungen zur stationären Behandlung getätigt. Gleichwohl sind nach Meinung von Eckhardt und Leder MVZ-Modelle, die für Krankenhäuser einzig und allein die Zuweisung stationärer Patienten absichern wollen, zum Scheitern verurteilt. „Wir achten streng darauf, dass die Kollegen in den Versorgungszentren Wert auf Qualität und Service legen und sich auf dieser Basis entscheiden, mit welcher Klinik oder welchen anderen Partnern sie kooperieren. Das letzte Wort hat in jedem Falle der Patient“, sagt Leder, für den die MVZ neben den niedergelassenen Arztpraxen und den Kliniken mittlerweile die dritte Säule in der schulmedizinischen Versorgung sind. „Letztlich geht es jedoch darum, ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln, beispielsweise dafür, wie wir mit dem Thema Pflege und Versorgung Kranker und Hochbetagter oder mit dem Thema Gebrechlichkeit allgemein umgehen.“ Hier seien ebenso Tugenden wie Hilfsbereitschaft und gegenseitige Fürsorge gefragt. Denn
es geht eben auch darum, dass sich ab und an ein Nachbar findet, der Jutta Möller ins Krankenhaus bringt, wenn sie ihren Bus verpasst hat oder witterungsbedingt keiner fährt.

Georg Haiber

"Meine Patientinnen profitieren"

2008 gründete Dr. Sabine Brinkmann mit einer Kollegin ein MVZ unter der Trägerschaft der SRH Poliklinik Gera GmbH – eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut.

 

Frau Dr. Brinkmann, warum haben Sie sich dazu entschieden, in einem medizinischen Versorgungszentrum zu arbeiten?
Nach langjähriger Tätigkeit in einer Klinik habe ich eine neue Herausforderung gesucht. Ich wollte mehr Zeit für die ambulante Betreuung meiner Patientinnen haben. Im medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) habe ich die, ohne deshalb das Operieren aufgeben zu müssen. In meinen Augen ist das MVZ eine ideale Brücke zwischen ambulanter Betreuung und stationärer Versorgung.
Das ist der Grund, weshalb ich mich vor vier Jahren dazu entschlossen habe, gemeinsam mit einer Kollegin (Dipl.- Med. Angela Rittler, Fachärztin für Anästhesiologie) ein MVZ zu gründen, das unter der Trägerschaft der SRH Poliklinik Gera gGmbH steht. Meine Erwartungen wurden bis heute nicht enttäuscht.

Welche waren das konkret?
Ich wollte, wie bereits erwähnt, unbedingt weiterhin auch operativ tätig sein. Gleichzeitig war es mir wichtig, in ständigem fachlichem Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen in der Klinik zu stehen, denn auch dort werden meine Patientinnen behandelt. Durch die enge Zusammenarbeit erhalte ich ein genaueres Bild vom Krankheitsverlauf bei einer Patientin, und das kommt natürlich wiederum der Qualität der Behandlung zugute.

Und wie sehen die Vorteile für Ärzte allgemein aus?
Generell profitieren die Ärzte in einem MVZ von der engen Zusammenarbeit mit den Ärzten in einer Klinik. Vorteile ergeben sich auch für das Pflegepersonal – sowohl im MVZ als auch in der Klinik. Denn die Angestellten beider Einrichtungen können wechselseitig in MVZ und Klinikum hospitieren. So sind sie fachlich immer auf dem neuesten Stand.

Wie gestaltet sich die Kooperation mit dem SRH Wald-Klinikum Gera in der Praxis?
Durch meine OP-Tätigkeit bin ich mindestens einmal pro Woche in der Klinik. Wenn ich nicht im OP stehe, werte ich unter anderem mit Kollegen Labordaten aus und erörtere mit ihnen einzelne Krankheitsverläufe aus klinischer und ambulanter Sicht. Die daraus resultierenden Befunde bespreche ich anschließend mit den Patientinnen. Außerdem kann ich die OP-Einrichtungen des Klinikums nutzen, die stets auf dem neuesten Qualitätsstandard sind.

Welche Vorteile ergeben sich daraus für die Patienten?
Meine Patientinnen profitieren von kurzen Wegen, weniger Wartezeiten und modernsten therapeutischen Möglichkeiten – dank der Ausstattung im Wald-Klinikum. Die enge Verzahnung von ambulanter und stationärer Therapie, bei der alle wichtigen Fachbereiche einbezogen sind, erlaubt es mir zudem, die Behandlung besser auf die einzelne Patientin abzustimmen. Und da ich sie vor, während und nach einer Operation betreue, kann ich beispielsweise auch Langzeitverläufe beobachten und entsprechende Maßnahmen einleiten.

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SRH Zentralklinikum Suhl

Mit 666 Planbetten und 20 eigenständigen Fachbereichen ist das SRH Zentralklinikum Suhl die größte Klinik in der Region Südthüringen.