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Aus heiterem Himmel

Aus heiterem Himmel (Foto: Thomas Raffler)

Die Angst vor einem Schlaganfall ist vor allem bei älteren Menschen groß, doch auch Jüngere sind betroffen. Die SRH unterstützt sie durch Therapien und hilft auch beim beruflichen Neuanfang.

Auf den ersten Blick ist Mathias Beyer nichts anzumerken. Erst im längeren Gespräch fällt auf, dass der 27-Jährige leicht stottert und seine Bewegungen nicht ganz so flüssig sind, wie man es bei einem jungen Mann erwarten würde. Der Grund dafür liegt bald zwölf Jahre zurück. Damals wird Mathias Beyer von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben als gewöhnlicher Teenager gerissen. Eines Morgens wacht er mit heftigen Kopfschmerzen auf und stellt fest, dass sein Körper halbseitig gelähmt und gefühlstaub ist. Sein Vater findet ihn hilflos im Bett. Als der Zehntklässler erklären will, dass etwas nicht stimmt, bekommt er die Worte nicht zusammen. Auf dem Weg ins Krankenhaus verliert er schließlich das Bewusstsein. Die Diagnose: Schlaganfall. 

„Natürlich habe ich mich seither immer wieder gefragt: Wie konnte das passieren?“, erinnert sich Mathias Beyer. „Bis dahin dachte ich, dass so etwas nur ältere Menschen trifft.“ Tatsächlich ist von den mehr als 270.000 Deutschen, die jedes Jahr einen Schlaganfall erleiden, etwa die Hälfte über 75 Jahre alt. „Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch jüngere Menschen einen Schlaganfall erleiden können“, mahnt Professor Dr. Michael Fetter, Chefarzt der Abteilung für Neurologie und Frührehabilitation am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Der Anteil der Schlaganfall-Patienten, die jünger als 50 sind, liege immerhin bei geschätzten fünf bis acht Prozent.

Ursache für einen Schlaganfall ist eine Hirnblutung oder ein Blutgerinnsel, das die Durchblutung im Gehirn stört. Dadurch werden Teile des Gehirns schwer geschädigt. Oft leiden die Betroffenen ein Leben lang unter den Folgen wie einseitigen Lähmungen und Gefühlsstörungen in Armen und Beinen, Seh-, Schluck- und Gleichgewichtsproblemen oder einer eingeschränkten Wahrnehmung. Häufig kommen auch Sprachstörungen wie bei Mathias Beyer, eine sogenannte Aphasie, vor. Jeder dritte Schlaganfallpatient ist davon betroffen. Aphasiker können zum Beispiel nur stockend und angestrengt sprechen, haben Probleme, Worte zu finden, können beim Schreiben nicht mehr auf die passenden Buchstaben zugreifen oder haben Mühe, komplizierte Sätze zu verstehen.

„So gesehen hatte ich noch Glück im Unglück. Immerhin kann ich mich mit den Menschen in meiner Umgebung ohne größere Probleme verständigen“, sagt Beyer. Trotzdem hat der Schlaganfall sein Leben umgekrempelt. Seit zwölf Jahren wechseln sich ambulante Reha-Therapien mit stationären Aufenthalten ab. Mit Mühe schafft er als Teenager den Hauptschulabschluss, arbeitet sich mit großem Einsatz zum Realabschluss und zum Fachabitur vor. Eine Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten schließt der junge Mann erfolgreich ab. Seine Aphasie macht den Job, der vom Gespräch mit Kunden und Kollegen lebt, aber zur Qual. Dann wird ihm das Aphasie-Modell des SRH Berufsförderungswerks Heidelberg empfohlen. Beyer ist Feuer und Flamme. Mit diesem Modell absolviert er seit einem Jahr nun eine Ausbildung zum Fachinformatiker und fühlt sich pudelwohl. Das Angebot der Logopädie nutzt er regelmäßig, um seine sprachlichen Fähigkeiten weiter zu verbessern. Dass sich die vielen Therapiestunden gelohnt haben, zeigt die große Selbstständigkeit, die er erlangt hat: „Eigentlich führe ich mittlerweile ein ganz normales Leben.“ Renate Rohde-Schweizer, Dozentin für Logopädie bei den SRH Fachschulen in Heidelberg, ist Beyers Therapeutin und bestärkt ihn: „Mit gezielter logopädischer Therapie erhöhen die Betroffenen tatsächlich die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Sprache ganz oder teilweise wiedererlangen.“

Zeit ist alles

Um die Folgen eines Schlaganfalls gering zu halten, ist eine schnelle Notfallversorgung wichtig. Denn die ersten Stunden entscheiden. Je eher die Ursache gefunden ist, desto früher kann die richtige Therapie helfen, das Gehirn vor einem dauerhaften Schaden zu bewahren. Das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach verfügt deshalb über eine „Stroke Unit“, eine speziell ausgestattete Akut-Station für Schlaganfälle. Ärzte, Pfleger und Therapeuten können hier schnell zusammen die nötige Hilfe einleiten. Deutschlandweit gibt es etwa 180 Stroke Units. „Blutgerinnsel können wir in vielen Fällen mit einer Infusion oder einem Katheter auflösen. Bei einer Blutung muss der Blutdruck sorgfältig eingestellt und entschieden werden, ob eine Operation nötig ist“, erläutert Prof. Michael Fetter. „Da Vorsorge aber bekanntlich besser ist als Nachsorge, sollte man sich frühzeitig klarmachen, dass viele Risikofaktoren, die einen Schlaganfall begünstigen, beeinflussbar sind“, betont der Chefarzt. Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes, Herzrhythmus- und Fettstoffwechselstörungen sowie Bewegungsmangel, Übergewicht, Stress, Alkohol und Rauchen. Wer solche Faktoren bei sich ausmacht, sollte sie, soweit möglich, angehen und reduzieren.

Von Julian Kerkhoff

So erkennen Sie einen Schlaganfall

Sehstörungen, insbesondere eingeschränktes, doppeltes oder verschwommenes Sehen bis hin zur kurzzeitigen Erblindung

Sprach-, Schrift- oder Verständnisstörung Check: Lassen Sie den Betroffenen einen einfachen Satz nachsprechen. Alarmierend ist, wenn er dazu nicht in der Lage ist oder die Stimme verwaschen klingt.

Plötzlich auftretender Schwindel und Gleichgewichtsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit

Heftige Kopfschmerzen (schlagartig einsetzend und kaum zu ertragen)

Plötzliches einseitiges Taubheitsgefühl oder Lähmung im Gesicht, in Armen, Beinen oder einer ganzen Körperhälfte Check: Bitten Sie den Betroffenen, zu lächeln. Wenn nur eine Gesichtshälfte reagiert, deutet das auf eine Halbseitenlähmung hin. Bitten Sie ihn, die Arme auszustrecken und die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben oder gedreht werden.

 

So helfen Sie bei einem Schlaganfall

• So schnell wie möglich die 112 wählen und die Symptome schildern.

• Den Betroffenen nicht allein lassen, ihn beruhigen.

• Beengende Kleidung lockern.

• Bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage vornehmen, um Atemwege frei zu halten. Zahnprothesen entfernen. Nur wenn der Patient wach ist, den Oberkörper erhöhen.

• Atmung und Puls kontrollieren.

• Keine Getränke oder Medikamente reichen. Verschluckungsgefahr!

• Bei Herz- oder Atemstillstand: sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten.

 

Quelle: Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Das Aphasie-Modell

Das Aphasie-Modell des SRH Berufsförderungswerks (BFW) Heidelberg verknüpft berufliche Orientierung mit der nötigen Therapie. Sozial- und Berufs-pädagogen erarbeiten mit Aphasikern, wo ihre Stärken liegen. Am BFW besteht darüber hinaus die Möglichkeit, eine Ausbildung oder Umschulung zu absolvieren. Persönliche Ansprechpartner helfen bei der Bewerbung, aber auch bei Fragen im Alltag. Der SRH Campus bietet spezielle Sprachtherapien für Aphasiker sowie Physio- und Ergotherapie, um körperlich wieder fit zu werden.

Aus heiterem Himmel (Foto: SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach)

Prof. Dr. Michael Fetter, Neurologe

„Vorsorge ist besser als Nachsorge. Viele Risikofaktoren, die einen Schlaganfall begünstigen, lassen sich beeinflussen.“

 

 

www.bfw-heidelberg.de

 

www.klinikum-karlsbad.de