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Behütet via Satellit

Im SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen können Patienten, die in ihrer Orientierung eingeschränkt sind, mit GPS-Ortungsuhren ausgestattet werden. Droht sich jemand zu verlaufen, schlägt die Uhr Alarm.

Eigentlich fühlt sich Stefan K. schon wieder recht fit. Nach mehreren Wochen im Krankenhaus und nun in der neurologischen Klinik am SRH Gesundheitszentrum in Bad Wimpfen hat er seinen erlittenen Herzstillstand körperlich ganz gut verkraftet. Der stämmige 60-Jährige möchte am liebsten raus an die frische Luft, sich bewegen. Dass aber sein Gedächtnis und sein Orientierungssinn durch die zeitweilige Sauerstoffunterversorgung längst nicht in Bestform sind, ist ihm selbst kaum bewusst – dafür seiner Familie und dem Pflegepersonal. Ihnen fällt auf, dass Stefan K. große Schwierigkeiten hat, sich auf der Station zurechtzufinden. Zusammen mit seinem Bewegungsdrang macht ihn das zu einem sogenannten weglaufgefährdeten Patienten.

Kleine Lücken, große Wirkung

Es ist keine Seltenheit, dass Patienten nach einem Schlaganfall oder einer Hirnverletzung verwirrt sind, erklärt Roman Dieudonné, Pflegedienstleiter in Bad Wimpfen. „Die Kombination aus Erkrankung, neuer Umgebung und fremden Bezugspersonen kann bei neurologischen Patienten vorübergehend zu örtlichen und zeitlichen Orientierungsstörungen führen. Nach zwei Wochen Aufenthalt in der Klinik kann das bereits vorbei sein.“ 

In der Zwischenzeit besteht allerdings die Gefahr, dass sich die Patienten auf oder sogar jenseits des Klinikgeländes verirren und sich beispielsweise im Straßen­verkehr in Gefahr bringen. „Wir wundern uns manchmal, woher Patienten, die wochenlang in einer Akutklinik waren, die Kraft nehmen, doch relativ weite Strecken zurückzulegen“, berichtet Dieudonné mit einem Lächeln. Manche wollen einfach nach Hause gehen, weil sie im Nachbarort wohnen, und verlaufen sich dabei. Andere möchten auf eigene Faust einen Spaziergang in die Altstadt unternehmen und finden nicht zurück. Glücklicherweise sei das nicht an der Tagesordnung, aber es komme eben auch immer mal wieder vor, sagt Dieudonné im Rückblick auf seine mehr als 16-jährige Tätigkeit in der neurologischen Rehabilitation. 

Was stets folgte, waren aufwendige Suchaktionen, nicht selten auch mit Hubschraubern der Polizei. „Für den Patienten, die Angehörigen und das Klinikpersonal bedeutet das massiven Stress und nicht unerhebliche psychologische Irritationen“, weiß Professor Volker Hömberg, Chefarzt und Leiter der neurologischen Abteilung in Bad Wimpfen. Doch wie lassen sich solche traumatischen Situationen verhindern? „Wir müssen und möchten die Sicherheit eines verwirrten Patienten garantieren“, betont er. Doch weglaufgefährdete Patienten irgendwo einzuschließen, sei keine Alternative. „Das ist mit unserem therapeutischen Konzept unvereinbar“, stellt Hömberg fest. 

Patientenfreundlicher Schutz

Daher hat man in Bad Wimpfen intensiv nach Alternativen gesucht und sie mit den GPS-basierten Ortungsuhren gefunden. Diese Spezialuhren der Firma DeutscheSenior sind mit einem Sender ausgestattet: Sollte sich der Patient verlaufen, kann er über die Notrufzentrale schnell gefunden werden (mehr dazu siehe Kasten oben). Als eine der ersten Gesundheitseinrichtungen bundesweit hat die Klinik nun vier Geräte im Einsatz. „Sie bringen dem Patienten die größtmögliche Sicherheit bei größtmöglicher Freiheit“, erklärt Pflegedienstleiter Dieudonné. 

Auch Stefan K. raten die Ärzte, für die nächsten Wochen eine solche Uhr zu tragen. Seine Familie und er stimmen zu. Eine weise Entscheidung, wie sich bald zeigt. Nur wenige Tage später wird in der zentralen Leitstelle der DeutscheSenior der Alarm ausgelöst, weil Stefan K. auf dem Weg zur Cafeteria in einem völlig anderen, abgelegenen Klinikteil landet und dabei die intern festgelegte Bewegungszone hinter sich lässt. Dank der übermittelten Standortdaten aus der Ortungsuhr kann eine Pflegerin den 60-Jährigen zurück auf seine Station begleiten, noch bevor er sich beunruhigen kann. Schon wenige Wochen später – und ohne weitere Zwischenfälle – hat sich sein Orientierungssinn wieder so weit gebessert, dass er gut auf die GPS-Uhr verzichten kann.

www.gesundheitszentrum-badwimpfen.de

Von Petra Prenzel

So tickt die Ortungsuhr

Das mit einem Sender ausgestattete, wasserfeste Gerät wird wie eine normale Armbanduhr getragen, kann allerdings nur mit einem Spezial­schlüssel an- und abgelegt werden.

Innerhalb des Klinikgebäudes werden die Patienten über Radiofrequenzwellen geortet, außerhalb sorgt der Satellitenkontakt über GPS für eine punktgenaue Bestimmung des Aufenthaltsortes.

Entfernt sich ein Patient weiter als 150 Meter vom Klinikmittelpunkt, geht ein Signal bei der rund um die Uhr ­besetzten Notrufzentrale des Ortungsuhr-Betreibers ein.

Diese benachrichtigt umgehend die diensthabenden Ärzte und Pfleger in Bad Wimpfen, damit der Orientierungslose schnell zurückgebracht werden kann.

Zudem hat die Uhr eine Freisprechanlage, über die die Klinik Kontakt zum Patienten aufnehmen und ihn beruhigen kann. Über einen integrierten Notfallknopf kann ein Patient auch selbst um Hilfe bitten.

Um die Daten der Patienten zu ­schützen, sind diese nur dem Arzt und der Pflegedienstleitung zugänglich. 
Die Notruf­zentrale übermittelt ausschließlich die Standortdaten der Uhren.

Bevor ein Weglaufgefährdeter eine GPS-Ortungsuhr erhält, wird er umfangreich aufgeklärt. Der Patient und die Angehörigen oder der Vormund müssen einverstanden sein.

GPS steht für „Global Positioning System“ und ist ein globales Navigationssatelli­tensystem zur Positionsbestimmung. Ursprünglich war es in den 1970er-Jahren für das Militär entwickelt worden. Heute wird es auch massiv im zivilen Bereich genutzt: etwa in der See- und Luftfahrt, in der Landwirtschaft, in den Navigations­systemen der Autos und in Mobil­telefonen.