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Besser mit Krebs leben

Evelin Schlange berichtet Carsten Lekutat und den Teilnehmern der „Mehr Wissen“-Veranstaltung von den Erfolgen ihrer Immuntherapie.

Der Satz „Sie haben Krebs!“ verändert das Leben. Doch dank großer Fortschritte in der Medizin können Patienten heute viel hoffnungsvoller in die Zukunft schauen. Auf einer Veranstaltung des SRH Wald-Klinikums Gera und der SRH Hochschule für Gesundheit Gera stellten Ärzte und Wissenschaftler dem Publikum neueste Erkenntnisse vor. 

„Dass ich heute vor Ihnen stehe und Ihnen Mut machen kann, hätte ich mir vor drei Jahren nicht träumen lassen“, berichtete Evelin Schlange gut gelaunt den fast 200 Zuhörern, die an diesem Abend zur „Mehr Wissen“-Veranstaltung im Audimax der SRH Hochschule für Gesundheit Gera gekommen waren. Denn vor drei Jahren, 2014, erhielt sie eine niederschmetternde Dia­gnose: Nach fast zehn Jahren ohne Beschwerden war der schwarze Hautkrebs zurückgekehrt – und hatte groß­flächig gestreut. „Ich fiel in ein tiefes Loch“, erinnert sich die heute 67-Jährige. „Mein Mann und ich wollten uns damals eigentlich eine neue Couch kaufen. Aber wozu? Die würde ich ja doch nicht mehr nutzen. Und warum noch neue Blumen im Garten pflanzen?“
Dr. Carsten Lekutat, Moderator, TV-Medizinexperte, Hausarzt: Noch vor einigen Jahren hätte eine solche Diagnose – Metastasen im ganzen Körper – tatsächlich den sicheren Tod bedeutet. Dass sich Frau Schlange nun doch an einer neuen Couch und ihrem Garten erfreuen kann, ­haben wir verbesserten Krebstherapien zu verdanken. Was gibt es auf diesem Gebiet Neues, Herr Dr. Kaatz?

Dr. Martin Kaatz, Dermatologe und Chefarzt am SRH Wald-Klinikum Gera: Glücklicherweise haben wir inzwischen für viele Krebsarten und Patienten einen ganzen Strauß von Therapiemöglichkeiten, die infrage kommen können. Das erste Mittel der Wahl ist nach wie vor der chirurgische Eingriff, das Entfernen der Tumoren dort, wo es möglich ist. Aber schon bei Chemotherapie und Bestrahlung hat sich eine Menge getan. Die Medikamente in der Chemotherapie sind viel verträglicher geworden. ­Außerdem werden laufend neue Mittel ent­wickelt, die Tumorzellen noch gezielter angehen und gesunde Zellen schonen.
Immer präziser arbeitet auch die Strahlentherapie. Mittlerweile können wir sogar einzelne Knoten anvisieren, was zum Beispiel am Kopf eine große Entlastung für die Patienten ist.

Lekutat: Das sind die Klassiker unter den Therapien. Was sind die neuesten Entwicklungen?
Kaatz: In den letzten Jahren hat man im Tumorgewebe Mutationen entdeckt, die dazu führen, dass sich eine Tumorzelle weiter teilt und der Krebs so wächst. Es ist gelungen, Mittel – sogenannte Inhibitoren – zu entwickeln, die nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip funktionieren und weiteres Metastasenwachstum stoppen können.
Diese Form heißt zielgerichtete Therapie oder auch targeted therapy. Während eine Chemotherapie alle Zellen trifft, werden hier vor allem die Tumorzellen attackiert. Es gibt sie für viele Krebsarten unter anderem an Haut, Darm, Nieren und dem blutbildenden System. 

Zwar haben nicht alle Tumoren Mutationen, aber wenn sie welche haben, kann die gezielte Therapie den Krebs ganz oder, wie bei Frau Schlange, zumindest über längere Zeit in Schach halten. Danach sind wir bei ihr zur Immuntherapie übergegangen und erzielen gute Erfolge.

Durch neue Krebstherapien können Patienten länger gut mit ihrer Erkrankung leben.

Priv.-Doz. Dr. Manfred Kaatz, Dermatologe am SRH Wald-Klinikum Gera

Lekutat: Wie wirkt die Immuntherapie?

Kaatz: Mit der Immuntherapie stacheln wir das ­körpereigene Immunsystem so an, dass es die Krebszellen wiedererkennt und bekämpft. Unglücklicherweise schießt es dabei aber auch schnell mal übers Ziel hinaus, was zu schweren Entzündungen am Darm und an den Drüsen führen kann. Es ist also eine Therapieform, die Arzt und Patient genau im Auge behalten müssen. Die Medikamente werden aber kontinuierlich verbessert, und es gibt neue Mittel gegen die Nebenwirkungen. 
Bei Frau Schlange konnten wir unterm Strich eine ganze Reihe von Therapien einsetzen und so eine Krankheit, die noch vor zehn Jahren nicht behandelbar gewesen wäre, erst einmal aufhalten.

Lekutat: Dann kann Krebs künftig öfter als chronische Krankheit gelten?

Kaatz: In gewisser Weise ja. Bisher haben wir bei Krebs hauptsächlich einen kurativen – heilenden – Ansatz oder einen palliativen – schmerzlindernden – Ansatz verfolgt. Durch die neuen Therapien ist es uns nun vielfach möglich, den Krebs, sofern wir ihn nicht heilen können, für eine lange Zeit in eine chronische Erkrankung zu verwandeln, wie es beispielsweise Diabetes, Rheuma oder Multiple Sklerose sind. Das bedeutet dann, dass der Patient bei relativ guter Lebensqualität länger mit dem Krebs leben kann.

Lekutat: Krebstherapien bleiben trotz aller Innovationen sehr belastend. Kann ein Patient mit ergänzenden The­rapien die Nebenwirkungen lindern und sein Wohlbefinden steigern?

Dr. Manuela Pertsch, Chefapothekerin am SRH Wald-Klinikum Gera: Der Körper hat mit Chemotherapeutika, aber auch mit anderen aggressiven Arzneimitteln, Tabak oder Alkohol generell sehr zu kämpfen. Die Körperpolizei ist angeschlagen. An dieser Stelle könnte man ihr mit Komplementärmethoden wie etwa der Gabe von Spurenelementen unter die Arme greifen.

Lekutat: Welche Stoffe sind das?

Pertsch: Ein gutes Beispiel ist das Selen. Das ist ein essenzielles Spurenelement, das der Körper nicht selbst produzieren kann, aber für viele wichtige Funktionen braucht. Aufgrund der selenarmen Böden in vielen europäischen Ländern wird hierzulande zu wenig Selen über die Nahrung aufgenommen. Deshalb kann es für Patienten sinnvoll sein, Selen über Tabletten zuzuführen – in seiner anorganischen Form als Natrium-Selenit.
In jedem Fall sollte ein Patient die Einnahme und Dosierung von Nahrungsergänzungsmitteln mit seinem Onkologen besprechen. Um sicherzustellen, dass die Stoffe die Behandlung nicht gefährden oder sogar kontra­produktiv sind. Von Selbstmedikation rate ich dringend ab.

Lekutat: Eine Krebsdiagnose wirkt nicht nur auf den Körper, sondern auch auf die Psyche. Wie gehen Patienten am besten mit ihrer Erkrankung um?

Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit Gera: Hilfreich ist es, wenn ein Patient seine Erkrankung annimmt. Weiter am Leben teilnehmen, Freunde treffen, Sport machen, in die Natur gehen, sich um sich selbst kümmern, den Arzt auf dem Laufenden halten – das sind alles Faktoren, die beim Überleben ­helfen. Aber das gelingt natürlich nicht jedem. Jeder Mensch ist anders. Manche trauern beispielsweise sehr um den Verlust von Fähigkeiten oder Freiheiten. Patienten sind oft in großer psychologischer Not.

Spurenelemente können dem angeschlagenen Immunsystem helfen.

Dr. Manuela Pertsch, Chefapothekerin am SRH Wald-Klinikum Gera

Lekutat: Was empfehlen Sie dann?

Luck-Sikorski: Einen Königsweg gibt es da noch nicht, aber wer merkt, dass er nicht gut mit seiner Krankheit umgeht und zum Beispiel Dinge tut, die nicht zur Gesundung beitragen, kann sich Hilfe suchen. Das kann der Hausarzt sein. Oder Selbsthilfegruppen. Oder ein Psychologe. Über Probleme reden ist immer sinnvoll.

Lekutat: Worum geht es oft in den Gesprächen?

Luck-Sikorski: Viele Patienten quälen sich mit der Schuldfrage. Warum ausgerechnet ich? Oder: Hätte ich doch bloß weniger geraucht und weniger Fleisch gegessen. Wir versuchen, den Patienten zu „entschulden“, den Druck von ihm zu nehmen. Denn diese rückwärtsgewandten Gedanken bringen einen in keinster Weise weiter, die Erkrankung ist ja schon eingetreten. Manche Krebsarten sind zwar in Teilen auch verhaltens- oder erblich bedingt. Größtenteils ist es aber einfach nur Pech, wenn Zellen entarten. Das kann jedem passieren. 
Viele Patienten fühlen sich auch durch ihre Um­gebung gestresst. Gut gemeinte Durchhalteparolen wie „Du musst kämpfen!“ oder „Du darfst dich jetzt nicht hängen lassen!“ bauen Druck auf. Man darf nicht vergessen, dass Krebs eine Krankheit ist, die nicht allein durch positive Gedanken oder Ehrgeiz zu heilen ist. Der eigene Anteil ist letztlich begrenzt. Deshalb rate ich Familie und Freunden, den Patienten in seinen Bemühungen zu unterstützen, ihn aber nicht zu stark zu „schubsen“.

Schlange: Ich versuche, meine Krankheit positiv zu handhaben und das Beste draus zu machen. Mir geht es nicht immer gut. Manchmal gehe ich auch durch die Hölle. Aber ich beiße dann die Zähne zusammen, denn ich will nicht, dass die Krankheit mein ganzes Leben bestimmt. 
Ich lebe heute bewusster und intensiver, belaste mich nicht mehr mit Sachen, die nicht wichtig sind. Vor Kurzem habe ich mein Auto zu Schrott gefahren. Früher hätte ich mich schrecklich geärgert. Heute denke ich: Was soll’s? Dinge sind ersetzbar. Trotz Krebs habe ich Freude am Leben. 

Hilfreich ist es, wenn ein Patient seine Erkrankung annimmt.

Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski, Professorin an der SRH Hochschule für Gesundheit Gera

Text Ulrike Heitze       Fotos Martin Jehnichen

Krebspatientin Evelin Schlange bekommt seit zwei Jahren alle 14 Tage ein Immuntherapie-Präparat.

Unter dem Titel „Mehr Wissen“ laden das SRH Wald-Kli­nikum Gera und die SRH Hochschule für Gesundheit Gera interessierte Bürger regelmäßig zu Infoabenden über medizi­nische Alltagsthemen wie Sturzprophylaxe, Übergewicht, Schlaganfall oder Pflege ein. 
Termine jeweils zeitnah unter: 

www.waldklinikumgera.de (Veranstaltungen – Für Pa­tien­ten und Interessierte) oder 

www.gesundheitshochschule.de (Events)

 

Mehr Details zur Wirkweise der Immuntherapie unter: www.perspektiven-magazin.de (Gesundheit Beitrag „Körperpolizei stoppt Krebszellen“)

 

500.000
Menschen
pro Jahr bekommen in Deutschland erstmals eine Krebsdiagnose.

 

Etwa 50 Prozent 
aller erwachsenen Krebspatienten und vier von fünf Kindern können heute geheilt werden.