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Blaues Wunder im OP

Chefarzt Oberbeck im Nachsorge-Gespräch mit seinem Patienten Siegfried Hilbert

Blaulicht blinkt nicht nur oben auf dem Rettungswagen. Mit ihm lassen sich auch Knochenbrüche heilen. Das SRH Wald-Klinikum Gera ist bundesweit eine der ersten Einrichtungen, die mit dieser Methode arbeiten.

Ein ausgiebiger Spaziergang, der Gang zum Supermarkt um die Ecke oder die Arbeiten im Haushalt – für die meisten Menschen sind solche Aktivitäten selbstverständlich. Siegfried Hilbert dagegen weiß seine Mobilität jeden Tag aufs Neue zu schätzen. Was es nämlich bedeutet, plötzlich nicht mehr laufen zu können, ist dem 79-Jährigen im vergangenen Jahr schmerzlich bewusst geworden. „Ich ging mit meinem Hund spazieren und knickte mit meinem linken Fuß um. Es gab einen lauten Knacks, und das war es dann“, erinnert sich der Rentner. Der Hausarzt stellte einen Wadenbeinbruch fest und schickte ihn ins Krankenhaus. „Nie hätte ich gedacht, dass man sich so leicht die Knochen brechen kann“, sagt Siegfried Hilbert. 

„Im hohen Alter werden die Knochen poröser, und damit steigt auch das Risiko für Knochenbrüche“, erklärt Prof. Dr. Reiner Oberbeck, Chefarzt der Klinik für Unfall­chirurgie am SRH Wald-Klinikum Gera. „Mittlerweile ist mehr als jeder zweite Knochenbruch-Patient bei uns älter als 60 Jahre“, so Oberbeck. Dabei reichen bei älteren Menschen oft schon kleinere Unfälle. Ursache ist häufig die im Alter deutlich höhere Sturzgefahr verbunden mit einer dünneren Knochenstruktur, der sogenannten  Osteoporose. Das ist eine Erkrankung des Skelettsystems, die häufig ältere Menschen trifft und die Knochen schleichend ihrer Festigkeit beraubt. Sehr selten kann auch ein Tumor den Knochen befallen und seine Stabilität so beeinträchtigen, dass er schon bei Normalbelastung bricht. 

Wenn solche Brüche dann operiert werden müssen, wird es mit herkömmlichen Methoden oft schwierig. „Sowohl bei Osteoporose als auch bei Tumorerkrankungen bieten die Knochenstrukturen aufgrund ihrer geringen Dichte häufig nicht genügend Halt, um einen Bruch in herkömmlicher Weise mit Schrauben, Nägeln und Platten zu stabilisieren“, erklärt der Chefarzt. Bei alten Menschen kommt hinzu, dass hier die oft 15 bis 20 Zentimeter langen Operationswunden wegen schlechter Durchblutung, Vorerkrankungen wie der Blutzucker-Krankheit oder einfach wegen der dünnen und schlecht belastbaren Haut nicht gut heilen. Auch diese Faktoren können zu schweren Komplikationen führen. Zudem besteht die Gefahr von Verletzungen an Blutgefäßen und Nervenbahnen.

 

„Die Einsatzmöglichkeiten des noch jungen Verfahrens kristallisieren sich zunehmend heraus.“

Prof. Dr. Reiner Oberbeck,Chefarzt Unfallchirurgie 

Füllungen wie beim Zahnarzt

Auch bei Siegfried Hilberts altersporösen Knochen und seiner durch frühere Operationen geschädigten Haut kamen die gängigen Maßnahmen nicht infrage. Doch statt einer Stahlplatte mit vielen Schrauben bekam Hilbert als einer der ersten Knochenbruch-Patienten in Deutschland eine neue Behandlungsmethode: die Intramedulläre 

Polymerosteosynthese, bei der die gebrochenen Knochenteile durch Kunststoff stabilisiert werden. Hierzu wird ein Spezialballon in den Innenraum der Knochen eingebracht. Dieser wird anschließend mit Kunststoff aufgefüllt und mit blau schimmerndem UV-Licht ausgehärtet, sodass aus dem flüssigkeitsgefüllten Ballon ein passgenauer, stabiler Kunststoffkörper entsteht, der den Knochen stabilisiert (Grafik S. 21). Ein Vorgang, der in der Zahnmedizin bereits seit 50 Jahren in ähnlicher Weise für die Aushärtung von Kunststofffüllungen zur Anwendung kommt. 

Gegenüber herkömmlichen Verfahren hat die „Blaulicht-OP“ einige Vorteile: Es sind keine großen Schnitte mehr nötig. Zudem bieten die Kunststoff-Implantate auch bei Brüchen Halt, bei denen Nägel und Schrauben nur unsicher verankert werden können. Wenn nötig, können Schrauben und Platten eingebracht werden, die dann nicht im Knochen, sondern im Kunststoff fest verankert werden. Und da, wo keine zusätzlichen Halterungen aus Metall nötig sind, muss das Kunststoff-Implantat nicht mehr aus dem Körper entfernt werden. Weitere Operationen werden dem Patienten so erspart. „Als der Chefarzt mir dieses Verfahren vorschlug, habe ich gar nicht lange überlegen müssen und gleich eingewilligt. Ich hab doch Vertrauen in die Ärzte hier“, bekräftigt Siegfried Hilbert. 

Auch der Chefarzt ist von dem noch jungen Blaulicht-Verfahren begeistert. „Die Einsatzmöglichkeiten kristallisieren sich zunehmend heraus“, beobachtet Reiner Oberbeck. In Gera wird die Methode seit wenigen Monaten angewandt, zwölf poröse Knochenbrüche konnten bereits damit gekittet werden. 

Patienten mit ansonsten stabilen Knochen und guten Weichteilen können auch weiterhin mit den etablierten OP-Verfahren gut versorgt werden, so Oberbeck. Zudem kommen die Kunststoff-Implantate auch nicht für alle Knochen infrage. So beschränkt sich die Anwendung aktuell auf bestimmte Brüche an Ober- und Unterarm, Wadenbein und Becken. Und schließlich sei die aufwendige Methode derzeit auch noch relativ teuer. „Ich bin aber zuversichtlich, dass Blaulicht-OPs dank des medizinischen Fortschritts günstiger werden und auch bei anderen Brüchen Anwendung finden“, sagt Oberbeck, in dessen Unfallklinik rund 2.400 Unfallopfer pro Jahr operiert werden. 

Für Siegfried Hilbert jedenfalls war das Blaulicht-Verfahren ein voller Erfolg. Schon zehn Tage nach dem Unfall konnte er wieder wie gewohnt laufen. Zurück blieben bei ihm statt langer Narben lediglich kleine Wund­male­. „Vor Kurzem erst habe ich wieder eine ganze Woche lang jeden Tag auf der Leiter gestanden und Äpfel gepflückt“, freut sich der Rentner. „Und gleich gehe ich noch eine Runde mit dem Hund.“  

www.waldklinikumgera.de 

Text Julian Kerkhoff
Foto: Jens Voigt
Foto: SRH
Illustrationen: IlluminOss Medical, Inc.

Prof. Dr. Reiner Oberbeck demonstriert an einem gläsernen Modellknochen die Wirkung des Blaulichts.

So lässt sich Osteoporose vorbeugen

Auf regelmäßige körperliche Betätigung achten. Vor allem Krafttraining kann das Osteoporose-Risiko senken. 

Genügend Calcium zu sich nehmen. Besonders Milch, Sojabohnen, Mineralwasser, Brokkoli, Nüsse, Grünkohl und Rucola helfen, Zähne und Knochen stabil zu halten. 

Vitamin-D-Mangel vermeiden, etwa durch ausreichend Sonnenlicht oder Lebensmittel wie Hering, Lachs und Sardinen, aber auch Avocado und Eier. ­Vitamin D wird benötigt, um Calcium in die Knochen einbauen zu können.

Übermäßigen Alkoholgenuss vermeiden, denn dieser hat eine schädliche Wirkung auf Zellen, die für den Aufbau von Knochensubstanz zuständig sind.

Mit dem Rauchen aufhören, weil Tabakrauch die Knochendichte verringert.

Quelle: Dachverband Osteologie e. V.

Osteoporose ist eine chronische Erkrankung, bei der sich die Knochenmasse viel schneller als normal verringert. In der Folge werden die Knochen zunehmend porös und können dadurch bereits bei alltäglichen Belastungen brechen. Besonders gefährdet sind die Wirbelsäule, der hüftnahe Oberschenkel und der Unterarm. In Deutschland sind 26 Prozent der über 50-Jährigen von Osteoporose betroffen, insgesamt 7,8 Millionen Menschen. Von diesen erleiden jedes Jahr vier bis fünf Prozent eine Fraktur.