direkt zum Inhalt

Diagnose Handy-Daumen

Seit Erfindung des Smartphones wird in jeder freien Minute getippt und gewischt – Akkordarbeit für unsere Daumen. Die reagieren auf den Stress oftmals mit schmerzhaften Entzündungen.
Chatten, mailen, Fotos teilen – in teils enormer Geschwindigkeit jagt der Daumen tagtäglich über das Display des Smartphones. Allein 42 Milliarden Whatsapp-Nachrichten verschicken Smartphone-Nutzer weltweit pro Tag. Dieser unnatürliche Dauereinsatz kann für unseren Daumen zum Problem werden. Denn: Der Mensch ist diese kleinen Bewegungen nicht gewohnt – vor allem das Wischen von oben nach schräg unten.

Technik mit Nebenwirkungen

So ist mit dem Siegeszug des Smartphones eine neue Zivilisationskrankheit entstanden: der Handy-Daumen. „Eine solche Überbeanspruchung kann zu einer Sehnenscheidenentzündung führen“, erklärt Prof. Dr. Reiner Oberbeck, Chefarzt der Handchirurgie am SRH Wald-Klinikum Gera. Sie äußert sich erst durch ein Ziehen im Daumen und später durch Schmerzen bei der Bedienung des Handys. Nimmt der Betroffene diese ersten Signale nicht ernst, kann der Daumen auch in anderen Situationen schmerzen – etwa beim Schließen von Knöpfen oder Reißverschlüssen. Wer gar nichts unternimmt, riskiert sogar eine chronische Entzündung, bei der oft nur noch eine Operation hilft. „Bei auftretenden Schmerzen sollten Betroffene daher zügig einen Arzt aufsuchen“, rät Oberbeck.Die Sehnen in unserer Hand verbinden Knochen und Muskeln miteinander. An besonders stark beanspruchten Stellen sind sie von Sehnenscheiden umhüllt. Diese Bindegewebe sind mit einem Gleitfilm versehen, welcher der Sehne das Gleiten erleichtert und sie vor zu starker Reibung schützt. „Bei übermäßiger Belastung reibt die Sehne zu stark an der Innenseite der Sehnenscheide,wodurch sie sich entzünden kann“, erklärt der Handspezialist. Es kommt zu einer Kettenreaktion: Die Sehnenscheide schwillt an, wodurch der Sehnenkanal zu eng wird. Dadurch kommt es zu zusätzlichen Reizungen und einem Kreislauf aus Schwellung und Entzündung.

Erste Anzeichen selbst testen

Eine erste eigene Einschätzung ermöglicht Betroffenen der sogenannte Finkelstein-Test. Vereinfacht beschrieben funktioniert er so: Der Patient schließt den Daumen in die Hand ein und knickt das Handgelenk anschließend ruckartig zum kleinen Finger hin ab. Kommt es dabei zu Schmerzen und einem leichten Knirschen, spricht das für die Diagnose Handy-Daumen.Das Wichtigste ist dann, den Daumen sofort ruhig zu stellen. Das Handy einfach mal liegen lassen oder mit anderen Fingern tippen. „Unterstützend helfen entzündungshemmende Medikamente, Kälte-Wärme- oder Ultraschall-Behandlungen sowie Gelenkorthesen“, sagt Chefarzt Oberbeck. Diese festen Bandagen empfänden viele Patienten allerdings als unangenehm, weil sie oft an der schmerzenden Stelle zusätzlichen Druck ausüben. Haben sich aufgrund des Schmerzes bereits Muskeln verspannt, sind auch lockernde Massagen sinnvoll. Ebenfalls empfohlen wird bisweilen, Kortison in die Sehnenscheide zu spritzen. Oberbeck ist dabei vorsichtig: „Hier sollten Risiken und Wirkungen sehr gut abgewogen werden.“Erkrankung kann chronisch werden Ignoriert der Betroffene die Beschwerden oder beginnt er zu früh wieder mit den belastenden Bewegungen, kann es zu verändertem Greifverhalten oder dauerhaften Entzündungen kommen. Im ersten Fall wird eine Ergotherapie notwendig, im zweiten unter Umständen sogar eine Operation. „Wir öffnen dann den Sehnenkanal, wodurch die entzündliche Reibung endet“, erläutert der Handchirurg. Die OP wird in der Regel ambulant durchgeführt. Anschließend kann und soll der Patient die Hand wieder frei bewegen. Erste medizinische Beobachtungen zeigen, dass das Symptom Handy-Daumen keine Eintagsfliege ist – im Gegenteil. „Es deutet einiges darauf hin, dass das Risiko, später an einer Arthrose, einem Gelenkverschleiß, zu erkranken, mit zunehmender Handynutzung steigt“, berichtet Chefarzt Oberbeck. Darüber hinaus seien bereits Einzelfälle dokumentiert, in denen durch die Überlastung am Daumen und die chronische Entzündung sogar Sehnen gerissen sind. Die Folge ist eine aufwendige Operation, bei der eine andere Sehne als Ersatz verpflanzt werden muss. Wer nicht aufs Smartphone verzichten kann und will, sollte beispielsweise mit Entspannungsübungen (siehe Kasten) dauerhaften Problemen vorbeugen.

 

 

„Der Daumen ist für unsere Feinmotorik unerlässlich.“

Prof. Dr. Reiner Oberbeck, Chefarzt der Handchirurgie am SRH Wald-Klinikum Gera

Der Star unter den Fingern

Denn ohne Daumen geht es nicht; er gilt als der wichtigste Finger der Hand. „Er ermöglicht uns, selbst kleinste Teile zu greifen. Für die Feinmotorik ist er unerlässlich“, erklärt der Chefarzt. In der Handchirurgie nimmt der Daumen daher eine Sonderrolle ein. „Bei Erkrankung und Verletzungen des Daumens ist stets oberstes Ziel, dass die Greiffähigkeit erhalten bleibt“, sagt Oberbeck. Die Behandlung von Sehnenscheidenentzündungen, Arthrosen im Daumen- oder Daumensattelgelenk und des sogenannten Schnappfingers (Ringbandstenose), bei dem eine knötchenartige Verdickung der Beugesehne das Strecken und Beugen des Daumens behindert, sind bei Oberbeck und seinem Team am SRH Wald-Klinikum Gera an der Tagesordnung. Hinzu kommen Daumenreplantationen oder -rekonstruktionen, wenn der Finger ganz oder teilweise etwa durch einen Unfall abgerissen oder gequetscht wurde.
Vor allem in solchen Fällen arbeiten die Experten mikrochirurgisch. „Eine stark vergrößernde Sehhilfe ermöglicht uns bei diesen Operationen, selbst kleinste Blutgefäße und Nerven exakt zu vernähen“, beschreibt Oberbeck. Beim Handy-Daumen ist diese Technik nicht unbedingt erforderlich. „Dennoch operiere ich auch dann aus Gründen der Patientensicherheit oft mit einer Lupenbrille.“ Ohne einen gesunden Daumen geht es schließlich nicht – egal ob am Smartphone, Laptop oder im übrigen Alltag.

Text Melanie Rübartsch

Training gegen gestresste Hände

Unsere Finger sind im Dauereinsatz. Diese Übungen helfen, Belastungsschmerzen vorzubeugen:
1. Daumen und Zeigefinger zusammenführen, bis sich die Fingerspitzen berühren. Mit dem Zeigefinger gegen den durchgestreckten Daumen drücken; Spannung für etwa zehn Sekunden halten. Zehn Wiederholungen.

2. Den Mittelhandknochen des Daumens kräftig drücken und langsam bis fünf zählen, bevor man den Druck löst. Zehn Wiederholungen.

3. Hände waagerecht halten. Daumen und Handgelenk nach oben strecken und so lange beugen, bis die Fingerspitzen Richtung Decke zeigen. Bis fünf zählen, dann in Richtung Boden beugen. Fünf Wiederholungen.

Der Daumen hat eine ganz besondere Bedeutung, da er für das Greifen der meisten Gegenstände unabdingbar ist. Im Laufe der Entwicklung des Menschen wurde der Daumen immer größer, kräftiger und beweglicher. Die menschliche Hand gewann dadurch mehr und mehr Fähigkeiten, konnte immer präziser auf Befehle des Gehirns reagieren und es gleichzeitig informieren. Aufgrund seines vielseitigen Einsatzes sind Schmerzen im Daumen besonders gravierend; sie können unsere Bewegungsfreiheit stark einschränken.

 


Die Mikrochirurgie ist eine spezielle Operationstechnik unter anderem in der Handchirurgie. Eine stark vergrößernde Sehhilfe, die der Operateur benutzt, sowie spezielle Instrumente erlauben Schnitte und Nähte in schwer zugänglichen Bereichen mit geringen Abmessungen. Im Unterschied zur minimalinvasiven Chirurgie, bei der unterhalb der Haut gearbeitet wird, wird bei der Mikrochirurgie der Zugang zum OP-Gebiet zunächst klassisch freigelegt.