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Die Scham überwinden

Die Scham ueber winden

Inkontinenz ist ein Tabuthema, über das die Betroffenen nicht einmal mit ihrem Arzt sprechen möchten. Dabei gibt es hervorragende Therapien. Das SRH Zentralklinikum Suhl behandelt das Blasenleiden auch mit Botox.

Noch vor zwei Jahren war Irene K. eine aktive 72-jährige Seniorin: Sie ging zur Wassergymnastik, liebte Museumsbesuche und kümmerte sich um ihre beiden Enkel. Dann wurde sie immer müder, war ständig erschöpft und verließ kaum noch das Haus. Sie habe schlecht geschlafen, erklärte sie ihrer Tochter. Eines Tages fand ihre Tochter zufällig ein Paket Windeln im Schrank. Irene K. war inkontinent. „Die Windeln brauche ich nur manchmal“, wiegelte sie ab. Es dauerte noch Monate, bis sie bereit war, mit einem Arzt über ihre Inkontinenz zu reden. Neun Millionen älteren Menschen in Deutschland geht es ähnlich. Die Ursache ihres Leids verschweigen sie häufig sogar ihren engsten Angehörigen. Inkontinenz, der unkontrollierbare Harnverlust, ist eine Diagnose, die viele nicht wahrhaben wollen. Die Mehrheit der Betroffenen sind Frauen. Nach den Wechseljahren sind vier von fünf Frauen inkontinent. Lediglich 25 Prozent der Patienten sind Männer.

„Die psychische Belastung ist bei Inkontinenz-Patienten enorm groß. Sie ziehen sich völlig zurück, oft leidet auch die Beziehung zum Lebenspartner“, erklärt Dr. Thomas Hagemeier, Leiter des Zentrums für Kontinenz und Beckenbodenchirurgie am SRH Zentralklinikum Suhl. Dort arbeiten Gynäkologen, Urologen, Physiotherapeuten und Enddarmspezialisten bei der Therapie von

Inkontinenz-Patienten zusammen. Auch physisch sind die Patienten häufig am Ende ihrer Kräfte. „Viele müssen acht- bis zehnmal nachts zur Toilette. Chro­nische Müdigkeit und Kreislaufprobleme sind die Folge. Die Gefahr, zu stürzen, nimmt bei älteren Patienten drastisch zu“, berichtet Gynäkologe Hagemeier.

Botox für die Blase

„Für eine erfolgreiche Behandlung ist die gezielte Diagnostik am wichtigsten“, betont Hagemeier. Zunächst muss ein Harnwegsinfekt ausgeschlossen werden. Dann werden die Blasenfunktionen an einem sogenannten urodynamischen Messplatz getestet. Die meisten Patienten leiden unter einer sogenannten Belastungsinkontinenz. Bei rund 22 Prozent ist die Blase überaktiv – „Dranginkontinenz“ heißt dann die Diagnose. In einem Drittel der Fälle vermischen sich beide Formen.

„Bei der Therapie gilt der Grundsatz: konservativ vor operativ“, stellt Hagemeier klar. Nur sieben bis acht Prozent der Frauen benötigen eine Operation. Den meisten geht es bereits durch gezielte Gymnastik in Kombination mit schwach dosierten Estriolen (Hormonbestandteile) besser. „Die Estriole sind so schwach dosiert, dass sie sogar für Brustkrebspatientinnen zugelassen sind“, erklärt der Facharzt. Halten die Probleme an, gibt es eine weitere, ungewöhnliche Therapie, die seit rund einem Jahr auch von den Krankenkassen übernommen wird. So kann den Patienten mit gezielten Botox-Injektionen in die Blase geholfen werden. Dabei wird das Botox an 20 unterschied­lichen Punkten in den Blasenmuskel injiziert, was zu einer Lähmung des überaktiven Muskels führt. Die Wirkung hält rund ein Jahr an, danach muss der Eingriff wiederholt werden.

Die Scham ueber winden

Petra Prenzel

Die Scham ueber winden (Foto: SRH Zentralklinikum Suhl)

Dr. Thomas Hagemeier

 

„Bei der Therapie gilt grundsätzlich: konservativ vor operativ.“

Formen der Inkontinenz

Belastungsinkontinenz: Fast die Hälfte der Betroffenen leidet unter einer Belastungsinkontinenz. Sie verlieren beim Husten, Lachen oder schwerem Heben unwillkürlich Harn. Ursachen sind hormonelle Veränderungen, Erschlaffung des Bindegewebes, Schwächung der Beckenbodenmuskulatur sowie die Senkung von Blase und Gebärmutter.

Dranginkontinenz: Bei rund 22 Prozent der Patienten wird eine Dranginkontinenz diagnostiziert. Ihre Blase ist überaktiv. Der Harndrang tritt plötzlich ein, häufig nachts. Diabetiker, Parkinson-Patienten und Frauen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, leiden häufig an Dranginkontinenz.

Botox

Botox heißt medizinisch korrekt Botulinum­toxin und ist das tödlichste Gift der Welt – eine Million mal stärker als ­Arsen. In der Neurologie wird Botox in minimaler Dosis seit Anfang der 80er-Jahre­ bei der Behandlung unterschiedlicher Formen von Krämpfen und Spasti­ken eingesetzt. Weltweit bekannt wurde das Bakteriengift in den vergangenen Jahren jedoch vor allem durch den weitverbrei­teten Einsatz in der Schönheitsmedizin.