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Gesundheit08.03.2013

Affolter-Therapie* hilft bei Wahrnehmungsproblemen

DIE WELT WIEDERFINDEN

Wie wichtig es ist, seine Umwelt mit allen Sinnen wahrzu­nehmen, zeigt sich, wenn diese Fähigkeit aufgrund einer Schädigung des Gehirns gestört ist. Hier kann die Affolter-Therapie helfen, Patienten wortwörtlich wieder zu „erden“. Ein Kurs am SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg führt in die komplexe Methode ein.

Rosmarie Feucht-Rietsch sitzt auf der Bank, die Augen geschlossen. Langsam zieht ihr Emily Petridou die Socken aus, wobei sie genau darauf achtet, dass die Sohlen ihrer Kollegin möglichst in Kontakt zum Boden bleiben. Zunächst assistiert ­Mario Meusburger, dann tauscht er mit Petridou die Rolle.

Eine knappe Stunde Zeit zum Üben haben die drei Therapeuten, die an dem Affolter-Grundkurs im Kurpfalzkrankenhaus teilnehmen. Mit dem sogenannten Trockenführen können sie sich auf die bevorstehende Arbeit mit Patienten vorbereiten, alle Handgriffe vorab üben und Abläufe besprechen. Indem sie abwechselnd in die Rolle des Patienten schlüpfen, erspüren sie am eigenen Körper, wie die Therapie wirkt. Birte Hausmann, Assistentin der Kursleitung, beobachtet die drei und gibt Tipps: „Achtet darauf, dass der Fuß immer fest auf der Unterlage steht, damit der Patient seine Umwelt spürt. Sind nur noch seine Zehenspitzen auf dem Boden, müsst ihr ein WO machen.“ Das WO vermittelt durch eine Bewegung des Gesäßes auf der Unterlage dem Patienten wieder ein Gespür für seinen Körper – und dessen Bezug zur Umwelt. Es ist ­eines der wiederkehrenden Elemente der Affolter-Therapie.

Wenn die Wahrnehmung gestört ist

Bei der Affolter-Methode* führt der Therapeut den Patienten behutsam durch eine Handlung.

Und das ist gerade bei Kindern und Erwachsenen mit angeborenen oder erworbenen Schädigungen des Gehirns wie ­Autismus, degenerativen Erkrankungen des Nervensystems, Schlaganfall oder Schädelhirntrauma wichtig. „Ihr Hirn ist durch die Erkrankung desorganisiert, ihre Wahrnehmung gestört“, erklärt Kursleiterin Brigitte Pastewka von der Stiftung wahrnehmung.ch. „Schon alltägliche Handlungen bereiten Probleme, weil diese Menschen häufig nicht einschätzen können, wo sich ihr Körper im Raum befindet.“ An diesem Punkt setzt die Affolter-Therapie an: Behutsam führen die Therapeuten die Betroffenen durch Geschehnisse wie essen oder waschen. Ziel der Therapie ist aber nicht, die Handlungen an sich zu trainieren. Vielmehr geht es darum, die Wahrnehmung insgesamt zu stärken, sodass der Patient Informationen wieder besser aufnehmen und verarbeiten kann. „Wir möchten die Patienten sozusagen erden und ihnen helfen, die Welt wiederzufinden“, ergänzt Pastewka.

Das vermitteln die Kurse der Stiftung wahrnehmung.ch in Theorie und Praxis. Schwerpunkt sind dabei die Praxisblöcke, in denen die Teilnehmer gezielt mit erkrankten Erwachsenen und Kindern sowie deren Familien zusammenarbeiten – immer eng begleitet von der Kursleiterin und zwei Assistentinnen. Im November 2011 ist der erste im SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg gestartet; weitere sollen alle zwei Jahre stattfinden. Die Zusammenarbeit ist durch den Kontakt zwischen Brigitte Pastewka und Ergotherapeut Mathias Mathes entstanden, der selbst einen Grundkurs absolviert hat und seither im Kurpfalzkrankenhaus mit Patienten nach der Affolter-Methode* arbeiten darf. Insgesamt sechsmal in anderthalb Jahren treffen sich die neun Kursteilnehmer – Pflegekräfte, Ärzte, Therapeuten, Logopäden, Neuropsychologen und Pädagogen aus Deutschland und der Schweiz – für je eine Woche. Die Klinik stellt Räume und Ausstattung zur Verfügung und ermöglicht den Teilnehmern, mit Patienten der Neurologie zu arbeiten. Dafür erhält sie einen freien Kursplatz. „Dieses Angebot ­nehmen wir natürlich gerne an. Das Affolter-Modell ist sehr komplex und erfordert viel Feingefühl. Je mehr Mitarbeiter darin geschult sind, desto besser für unsere Patienten“, betont Mathes.

Feingespür entwickeln

Heinz Zoller sitzt auf dem Bett, gestützt von großen Polstern, die verhindern, dass er zur Seite kippt. „Wo bin ich jetzt? Noch im Rollstuhl?“, fragt Zoller, der seit einem Schlaganfall unter einer halbseitigen Lähmung leidet. „Nein, Sie sitzen jetzt auf einem Bett“, antwortet Rosmarie Feucht-Rietsch, bevor sie beginnt, seine Hand zu einer Dose mit Badepulver zu führen. Gemeinsam drehen die beiden den Deckel auf, führen die Dose zur Nase. „Riecht gut“, sagt er und lächelt vorsichtig.

Abwechselnd leiten die drei Therapeuten den Patienten des Kurpfalzkrankenhauses durch alle Schritte eines Fußbads – vom Einfüllen des Wassers in eine Schüssel über das Einstreuen des Pulvers bis hin zum Ausziehen der Schuhe und Socken. Dabei sprechen sie nur das Nötigste, denn die Affolter-Therapie ist vorrangig nonverbal. „Zu viel Sprache während der Handlung überfordert die Patienten“, erläutert Pastewka. „Die Therapeuten müssen also lernen, ihnen auf andere Weise zu zeigen, warum sie etwas tun sollen – sodass die Patienten selbst Rückschlüsse ziehen und Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung entdecken können. Die sprach­liche Verarbeitung folgt im Anschluss.“

In ihren Kursen will sie daher vor allem vermitteln, wie wichtig es ist, jeden Patienten ernst zu nehmen und ein Gespür für ihn zu entwickeln. „In der Affolter-Therapie gibt es keine allgemeingültigen Rezepte. Es geht immer um diesen einen Patienten und darum, wie ich ihn in seinem Alltag unterstützen kann“, sagt sie. „Ich muss spüren, welche Rückmeldung er mir etwa durch Körperhaltung oder Bewegungen gibt, denn ich kann niemanden gegen seinen Willen führen.“ Reagiert ein Patient zum Beispiel stark abwehrend, sei auch das ein wichtiger Lernprozess für die Teilnehmer. Denn die Reaktion zeige: Der Patient fühlt sich überfordert. „Also muss ich klären: Versteht er etwas nicht? Will er nicht? Oder mache ich etwas falsch?“

So liefern schon minimale Veränderungen im Verhalten zahlreiche Informationen. Während des Führens sind sie jedoch häufig nur schwer erkennbar – selbst für erfahrene Therapeuten. Daher ist die Videoanalyse fester Bestandteil der Affolter-Methode. Auch die Kursteilnehmer filmen jede ihrer Therapiestunden und analysieren die Aufnahmen gemeinsam mit der Kursleitung. „Das alles sieht so einfach aus. Doch mache ich etwas falsch, arbeite ich nur an einzelnen Handlungen, nicht aber an der Wahrnehmung“, betont Brigitte Pastewka. Das Ziel sei aber, sich nach und nach aus dem Führen herauszuschleichen und die richtige Balance zwischen Führen und Loslassen zu finden. „Dazu braucht es Zeit und Geduld. Doch es lohnt sich. Denn am Ende zu wissen, dass ich nun überflüssig bin, das ist einfach toll.“

Gabriele Jörg

www.wahrnehmung.ch

*Die Begriffe Affolter-Therapie und Affolter-Methode sind markenrechtlich geschützt.

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SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg

Das SRH Kur­pfalz­kran­ken­haus Hei­del­berg ist ein Fach­kran­ken­haus für In­ne­re Me­di­zin, Neu­ro­lo­gie und Dia­ly­se mit 102 Bet­ten und 12 Dia­ly­se­plät­zen.