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Digitalisierung in der Medizin

Egal ob im Krankenhaus, beim Hausarzt oder im Wohnzimmer: Neue Technologien revolutionieren die Gesundheitsversorgung. Was heute und in Zukunft möglich ist – und wie Patienten davon profitieren.

Er ist gut hüfthoch, vanillegelb und auf seinen vier Rollen recht wendig. Dr. Alexander Schmid hat ihn gerne dabei, wenn er auf seiner Station nach den Patienten sieht. Schmid ist Oberarzt an der Klinik für Kardiologie am SRH Wald-Klinikum Gera, und sein mobiler Visiten-Begleiter beherbergt einen Computer und einen Mo­nitor. Mit nur wenigen Mausklicks kann der Mediziner alle relevanten Informationen zu einem Patienten auf­rufen, ihm am Bett die anstehende OP anhand von 3-D-Darstellungen seines Herzens erklären oder Behand­lungen und Medikamente anweisen. 
Kein Blättern mehr durch dicke Krankenakten im Plastikordner, keine unleserlichen Handschriften, kein Warten mehr auf Untersuchungsergebnisse, die noch im Haus unterwegs sind. „Ich kann von überall in der Klinik auf die aktuellsten Daten zugreifen“, erklärt Schmid. Das erhöht die Qualität der medizinischen Entscheidungen und damit die Sicherheit für Patienten. Zugegeben, die Visiten dauern nun ein bisschen länger, weil die Ärzte ihre Anweisungen direkt eingeben. Dafür sind die Pflegekräfte entlastet, weil weniger nachzube­reiten ist. 
Seit 2016 sind die elektronische Patientenakte und der di­gitale Vi­sitenwagen im SRH Wald-Klinikum Gera (1+2, S. 20/21) im Einsatz. Andere SRH Krankenhäuser setzen sie ebenfalls ein oder bereiten die Einführung vor. Das sind zwei Beispiele dafür, wie digitale Technologien im Gesundheitswesen helfen, Patienten intensiver zu betreuen und Abläufe zu vereinfachen. 

„Die Digitalisierung wird für Patienten spürbare Vorteile haben.“

Werner Stalla, Geschäftsführer SRH Kliniken

Möglich machen dies immer schnellere Daten­leitungen und Prozessoren, vernetzte Computer und wachsende Speicherkapazitäten. Durch sie werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ganz neue medizinische Angebote entstehen, da ist Werner Stalla sicher. Der Geschäftsführer der SRH Kliniken erwartet dabei Fortschritte vor allem durch drei Entwicklungen: die stärkere Vernetzung aller Beteiligten im Gesundheitswesen (4–7, 11, 12, 14), den weltweiten Einsatz von Big Data zur ­Erforschung und Behandlung von Krankheiten (18) und die stärkere Automatisierung von medizinischen Aufgaben, wodurch Ärzten ein präziseres Operieren möglich wird oder Pflegekräfte zeitlich entlastet werden (17).

Digitales Herzkatheter-Informationssystem: Dank Digitalisierung können verschiedenste Bilddaten zusammengeführt werden.

 

Erste Schritte zur Medizin 4.0

Insbesondere für eine stärkere Vernetzung zwischen Patienten, Ärzten, Kliniken und Krankenkassen stellt das E-Health-Gesetz die ersten Weichen. Es führt zum Beispiel Online-Sprechstunden und Tele-Befundung als Kassenleistung ein (4 + 5). Damit aber im weit verzweigten Gesundheitssystem alles zuverlässig und sicher in­einandergreifen kann, werden noch mehr Standards zu definieren sein. Deshalb ist die Digitalisierung in der ­Medizin längst noch nicht so weit gediehen wie in ­anderen Lebens- und Arbeitsbereichen. Dort tauschen die Menschen schon ganz selbstverständlich Daten ­online aus, lassen sich per App durch den Alltag lotsen, kaufen übers Internet ein oder sehen darüber fern. 

 

 

Herzspezialisten besprechen eine Operation. Die digitale Informationsaufbereitung erlaubt eine detailgenaue Darstellung des Herzens.

Mehrheit ist offen für digitale Medizin

Welche Verfahren würden Sie im Krankheitsfall in Anspruch nehmen?
Operationsroboter 61 %
Fernüberwachung meines Gesundheitszustands 59 %
Fernoperationen 59 %
Tabletten, die Informationen versenden 47 %
Online-Sprechstunden 33 % 
Mikrochips unter der Haut zur Überwachung der Vitalwerte 33 %
Antworten: Summe aus „Auf jeden Fall“ & „Könnte ich mir vorstellen“, Quelle: Bitkom Research 2016

Großflächige Lösungen, die das gesamte Ge­sundheitswesen miteinander vernetzen, brauchen noch etwas Zeit. Auf lokaler Ebene sind neue Technologien vielerorts schon im Einsatz oder in Planung und ermög­lichen eine bessere Versorgung der Patienten. So arbeitet das SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen an einem Online-Portal, über das Reha-Patienten und ihre Haus­ärzte nach einer Kur von den Reha-Experten weiterbetreut werden (11). Die Mediziner in den SRH Krankenhäusern in Bad Saulgau und in Pfullendorf können digitale Röntgenaufnahmen online mit den SRH Kollegen in Sigmaringen austauschen und so für ihre Patienten eine besondere Expertise in der Diagnostik nutzen (5). Die rund 50 Patienten am SRH Zentralklinikum Suhl, die einen Defibrillator im Körper tragen, leben seit Jahren unbeschwerter, weil ihr Gerät Störungen automatisch an die Klinik funkt und ein Arzt sofort reagiert (6).

Digitale Technik unterstützt Operateure bei der Arbeit.

„Die Digitalisierung wird für Patienten spürbare Vorteile haben“, meint deshalb SRH Kliniken Geschäftsführer Stalla: „Sie schafft neue Behandlungsmethoden, verbessert Abläufe, die Patienten wie Ärzten noch mehr Sicherheit geben, und spart Zeit und Kosten. Zudem ermöglicht sie qualitativ hochwertige Angebote auch in ländlichen Regionen und bietet praktikable Lösungen gegen den Fachkräftemangel.“ Die Patienten sehen den neuen Möglichkeiten durchaus aufgeschlossen entgegen, wie verschiedene Studien zeigen. So wären laut einer Bitkom-Research-Studie drei von vier Bundesbürgern bereit, ihre Patientendaten für die Erforschung einer Krankheit zur Verfügung zu stellen – einen optimalen Datenschutz vorausgesetzt. 61 Prozent könnten sich eine robotergestützte Operation vorstellen und genauso viele schätzen, dass die Digitalisierung der Medizin unterm Strich mehr Chancen als Risiken bietet (siehe auch Grafik S. 23).

SRH Gesundheit

Die SRH betreibt zehn Akut- und drei Rehabilitationskliniken sowie Medizinische Versorgungszentren an 18 Standorten in Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Rund 8.500 Mitarbeiter betreuen rund 700.000 Patienten pro Jahr stationär oder ambulant.

 

Auf Nummer sicher gehen

Das A und O sind dabei aber immer Sicherheit und Datenschutz. Tatsächlich fürchten laut Bitkom-Studien 82 Prozent der Bundesbürger, dass durch die digitale Medizin die Gefahr für den Missbrauch von Gesundheitsdaten steigt. Bedenken, die Tony Luderer, Leiter der Biomedizintechnik am SRH Wald-Klinikum Gera, durchaus verstehen kann. Dennoch gibt er Entwarnung. „Die Anforderungen an den Datenschutz sind hierzulande sehr hoch.“ Das ist auch ein Grund, warum die Digita­lisierung in der Medizin langsamer Einzug hält als in anderen Lebensbereichen.

 

 

Digitale Visite: Ausgestattet mit PC und Monitor, hat der Arzt bei der Visite jederzeit Zugriff auf alle Patientenakten.

Schutz persönlicher Daten wichtig

Wie finden Sie das E-Health-Gesetz und die Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Ich sehe schon Vorteile, habe aber Angst vor Datenmissbrauch. 43 %
Ich sehe nur Vorteile. Durch die Tele-Medizin erhalte ich mehr Flexibilität. 22 %
Keine Ahnung, ich kenne das Gesetz gar nicht. 21 %
Ich bevorzuge die gute alte Papierakte und physische Termine beim Arzt. 15 %
Antworten gesetzlich Krankenversicherter. 
Quelle: PwC, Healthcare-Barometer, 2016

Wenn Innovationen wie die elektronische Patientenakte oder OP-Roboter eingeführt würden, würde nichts dem Zufall überlassen, erklärt Luderer. So wie Notstromaggregate und Akkus eine sichere Stromversorgung garantieren, sorgen Zwischenspeicher, gespiegelte Server und Langzeitarchive für Datenstabilität. Alle Aufnahmen und Daten lassen sich als zusätzliche Absicherung auch immer direkt an den Geräten ausdrucken und auf Papier archivieren. „Da, wo es um Menschenleben geht, ist größte Sorgfalt angesagt“, betont Werner Stalla. Deshalb seien neue Technologien nicht von jetzt auf gleich eingeführt. „Es bedarf vieler Standardisierungen und Prozessdefinitionen, damit sichergestellt ist, dass ­alles so funktioniert, wie es soll.“ Und so birgt das zöger­liche Tempo den Vorteil, dass sich alle Beteiligten – Pa­tienten, Ärzte und Pflegekräfte – langsam an die techno­logischen Neuerungen gewöhnen können, meint Patrick Mombaur. Er ist Geschäftsführer der SRH IT Solutions. Das Unternehmen betreut die IT-Systeme der SRH und begleitet in den 
SRH Kliniken die Einführung neuer Technologien und Prozesse. Mombaur ist sicher: „Die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung liegt in der Digitalisierung.“ 

„Die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung liegt in der Digitalisierung.“

Patrick Mombaur, Geschäftsführer SRH IT Solutions

Dr. Alexander Schmid mit einer Patientin. 3-D-Darstellungen erleichtern die individuelle Planung von Operationen.

Text Ulrike Heitze Illustration Jens Amende Fotos Sven Döring

Das E-Health-Gesetz heißt eigentlich „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“ und trat 2016 in Kraft. Es regelt zum Beispiel, dass eine zentrale digitale Datenautobahn für Kliniken und Krankenkassen geschaffen wird. Bis Ende 2018 soll eine einheitliche technische Infrastruktur für elektronische Patientenakten entstehen. Ärzte erhalten ab 2017 einen Zuschlag, wenn sie Arztbriefe digital verschicken. Online-Sprechstunden und Tele-Diagnostik werden ab 2017 von den Krankenkassen übernommen. Ab 2018 können Patienten ihren Medikationsplan und medi­zi­nische Notfalldaten auf ihrer Versichertenkarte speichern lassen. 

www.bundesgesundheits­ministerium.de (Themen – Krankenversicherung – E-Health-Gesetz)