direkt zum Inhalt

Ein Ballon gegen den Schmerz

Menschen mit Trigeminusneuralgie werden tagein, tagaus von unsäglichen Schmerzen im Gesicht gequält. Das SRH Wald-Klinikum Gera hilft diesen Patienten mit einer speziellen, besonders schonenden Operationsmethode.

Aufgeblasen ist er kaum größer als eine reife Kirsche. Und doch verspricht der Miniballon aus medizinischem Latex Patienten Großes: die Chance auf ein Leben ohne Schmerzen. Patienten wie Gerhard Kurt Müller. Der 89-jährige Maler und Bildhauer, der zu den Schlüsselfiguren der Leipziger Schule zählt, litt 50 Jahre lang unter extremen Schmerzen im Gesicht. „Spitzig-reißend“, beschreibt er die Attacken der Trigeminusneuralgie, wie sein Nervenleiden im medizinischen Fachjargon heißt. 

Mehrmals täglich Schmerzen, „die einen treffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, meist einige Sekunden lang und gleich zwei- bis dreimal hintereinander. „Danach brauchte ich immer absolute Ruhe. Alles musste ganz still sein.“ Die täglichen Anfälle irgendwie durchzustehen und in der Zeit dazwischen einfach weiterzumachen, für Patienten wie Gerhard Kurt Müller ist das die größte Herausforderung. „Menschen mit einer Trigeminusneuralgie haben bis zu 40 Schmerzattacken am Tag, die als extrem quälend empfunden werden“, erklärt PD Dr. Michael Kretzschmar, Chefarzt des Zentrums für Schmerz- und Palliativmedizin am SRH Wald-Klinikum in Gera. Meist tritt die Krankheit in der zweiten Lebenshälfte auf und trifft vier bis sechs von 100.000 Menschen, Frauen dabei etwas öfter als Männer.

Wenn Schmerzattacken Alltag sind

Trigeminusneuralgie – der Name verweist auf die Stellen im Gesicht, wo der Schmerz zu Hause ist. Die drei Haupt­äste des Trigeminusnervs, der im Gehirn entspringt, machen Gesichtspartien wie Stirn, Augen und Nase sowie die gesamte Kiefer- und Kinnregion sensibel für Reize von außen. Bei Trigeminusneuralgie-Patienten werden diese Reize zu stark ans Gehirn gefunkt. Das passiert, weil zum Beispiel ein Blutgefäß zu nah an einem Nerv liegt und diesen reizt, oder weil der Nerv entzündet ist. Alltägliche Handlungen können dann schon die Attacken auslösen: ein Lächeln, eine angeregte Unterhaltung, Zähneputzen, eine kühle Brise oder ein Kuss.

Die Attacken gehören zu den stärksten Schmerzen, die ein Mensch erfahren kann. Dies erklärt, warum viele Patienten nicht nur psychisch, sondern auch körperlich extrem belastet sind. Sie sind nicht mehr in der Lage, ausreichend zu essen oder zu trinken, weil auch der Biss in ein Brötchen oder der Schluck aus dem Glas die nächste Schmerzattacke bedeuten kann. Ein Viertel der Betroffenen spielt im Laufe ihrer Leidensgeschichte mit dem Gedanken, Selbstmord zu begehen. 

Eine Pause für quälende Nervenzellen

Für Schmerzspezialist Kretzschmar ernste Gründe, die „Ballonkompression“ als Verfahren an das SRH Wald-Klinikum­­ nach Gera zu holen und sie als einer der wenigen Spezialisten in Deutschland anzuwenden. 2011 ging der Chefarzt an das Universitätsklinikum im englischen Leeds, um diese minimalinvasive Operationstechnik zu erlernen. „Durch eine Sonde wird der Ballonkatheter in die Wange des Patienten eingeführt, für drei Minuten aufgeblasen und dann wieder entfernt“, erklärt er. Seit 2012 behandelt er rund 15 Schmerzpatienten pro Jahr mit dem modernen Verfahren, das für viele Ärzte in Deutschland noch exotisches Neuland ist – und für Pa­tienten wie Gerhard Kurt Müller oft die letzte Chance.

„Alle minimalinvasiven Operationsmethoden gegen die Trigeminusneuralgie zielen darauf ab, die übersensiblen Nervenknoten rund um das Cavum Meckeli – das ist eine Höhle in der Schädelbasis – zu bremsen“, erklärt der Chefarzt. Während der Nervenast bei der Thermokoagulation-Methode mit hochfrequentem Strom durchtrennt oder der Nervenknoten bei der Neurolyse mit Medikamenten „abgetötet“ wird, geht die Ballonkompression deutlich sanfter vor (siehe Kasten). 

„Das Gewebe wird dabei nicht unwiederbringlich zerstört, sondern nur in seiner Funktion eingeschränkt“, erläutert Dr. Michael Kretzschmar. Der Erfolg gibt der Methode recht: 80 Prozent der Patienten sind bereits nach der ersten Behandlung stark schmerzreduziert 
oder sogar schmerzfrei. Bei Bedarf kann sie wiederholt werden.

Im Vergleich zu anderen Methoden geht die Ballonkompression deutlich sanfter vor.

Dr. Michael Kretzschmar, Chefarzt Schmerz- und Palliativmedizin am SRH Wald-Klinikum Gera

Schonende Lösung

„Im Vergleich ist die Ballonkompression außerdem risiko­arm“, ergänzt der SRH Mediziner. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kornealreflex – das ist der Blinzelreflex bei Fremdkörpern im Auge – nach der Behandlung ausfällt, liegt zum Beispiel bei unter einem Prozent. Bei anderen minimalinvasiven Methoden ist die Rate fünf- bis zehnmal höher. 

Auch Gerhard Kurt Müller hatte sich aus Angst vor den Risiken lange gegen eine Operation gesträubt und die Schmerzen mit Medikamenten bekämpft – bis sie ein Teil des Problems wurden: Weil sich der Körper an die Antiepileptika, die die Schmerzattacken unterdrücken sollten, gewöhnte, musste Müller die Dosis immer wieder erhöhen. Der Künstler litt unter den Nebenwirkungen der Tabletten. Schwindelgefühle, die Finger wurden zusehends unbeweglicher, Reizhusten, Bluthochdruck. Im Februar dieses Jahres wurden die Beschwerden unerträglich, sodass Müller den Ratschlag seiner behandelnden Fachärztin, sich in Gera der Ballonkompression zu unterziehen, annahm. Die Operation im Mai ist gut verlaufen, und nach wenigen Tagen konnte der rüstige Senior entlassen werden – in einen neuen Alltag mit deutlich mehr Lebensqualität. Die Pinsel liegen bereit. 

Text Kristina Junker
Foto Christoph Busse

 

 

Die Ballonkompression

Bei dieser minimalinvasiven Operationstechnik wird eine Kanüle durch die Wange des Patienten in eine kleine Höhle in der Schädelbasis, das Cavum Meckeli, eingeführt (siehe Bild oben). Durch die Kanüle wird der Ballonkatheter aufgeblasen und ein so hoher Druck aufgebaut, dass der pralle Miniballon auf den von Bindegewebe umschlossenen Nervenknoten drückt. Die Blutzufuhr des umliegenden Gewebes wird gedrosselt. Durch den Sauerstoffmangel werden Nervenzellen in ihrer Funktion stark eingeschränkt oder sterben ab. Nach drei Minuten kann der Ballon wieder entfernt werden. Die gesamte Operation, die in Vollnarkose durchgeführt wird, dauert etwa eine Stunde – nach drei bis fünf Tagen kann der Patient die Klinik verlassen. Nach der ersten Behandlung sind 80 Prozent der Patienten schmerzreduziert oder Sogar schmerzfrei. Die Kosten für die Operation und den stationären Aufenthalt übernimmt die Krankenkasse.

www.waldklinikumgera.de