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Endlich zurück ins normale Leben

Endlich zurück ins normale Leben (Foto: Michael Böhl)

Das SRH Wald-Klinikum Gera hat in Zusammenarbeit mit der AOK Plus die ­erste Adipositas-Ambulanz in Thüringen eröffnet. Andreas Scholz, Chef des Weimarer Gourmet-Restaurants „Anastasia“, hat hier erfolgreich abgenommen.

Er ist müde, hungrig und gestresst. Erst nach Mitternacht kommt Andreas Scholz nach einem anstrengenden Arbeitstag in seinem Restaurant „Anastasia“ im Hotel „Russischer Hof“ in Weimar nach Hause. Den ganzen Tag hat er für andere gekocht – und selbst so gut wie nichts gegessen­. Das holt er jetzt nach – und schlägt dabei über die Stränge. „Ich habe seit meiner Kindheit von al­lem zu viel und auch Falsches gegessen“, blickt der 43-Jährige zurück. Diäten helfen nicht weiter, stattdessen schraubt sich sein Gewicht immer weiter in die Höhe. Vor zwei Jahren fasst der ­Gastronom den Entschluss, sich den Magen im SRH Wald-Klinikum in Gera operativ verkleinern zu lassen. „Inzwischen habe ich dauerhaft 36 kg abgenommen. Jetzt schwankt mein Gewicht zwischen 128 und 132 kg. Außerdem hat sich der Diabetes zurückgebildet. Das ist ein schöner Erfolg“, freut sich Scholz.

Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen sind übergewichtig

„Adipositas ist eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“, sagt Privat-Dozentin Dr. Christine Stroh. Sie ist Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie am SRH Wald-Klinikum Gera und langjährige Expertin auf dem Gebiet der Adipositas-Chirurgie. In Deutschland sind inzwischen mehr Menschen übergewichtig als normalgewichtig, zeigen Daten der neuen „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS) des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2012. Zwei Drittel (67,1 Prozent) der Männer zwischen 18 und 79 Jahren sind übergewichtig. Das heißt, ihr Body-Mass-Index (BMI) liegt über 25. Bei den Frauen bringen 53 Prozent zu viele Kilos auf die Waage. Während die Zahl der Übergewichtigen in den vergangenen­ zehn Jahren annähernd gleich blieb, ist der Anteil adipöser Menschen gestiegen. „Besonders bei jungen Männern und Frauen unter 35 Jahren ist der Anteil der Adipösen überproportional gewachsen“, berichtet der RKI-Experte Gert Mensink. Innerhalb der Europäischen Union nimmt Deutschland den traurigen Spitzenplatz mit der größten Verbreitung von Übergewicht und Adipositas ein.

Bereits 1995 hat Christine Stroh die Adipositas-Chirurgie gemeinsam mit Professor Thomas Manger, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie, in Gera etabliert. Seit 2011 ist die Klinik als Referenzzentrum für Adipositas-Chirurgie zertifiziert – als einzige Klinik in Thüringen. Jährlich werden hier etwa 100 Adipositas-Patienten operiert. Das SRH Klinikum verfügt über spezielle OP-Tische, Patienten-Betten, Toiletten, Stühle und Türen.

Strukturierte Betreuung in der Adipositas-Ambulanz

Im April dieses Jahres hat das Wald-Klinikum nun in Zusammenarbeit mit der AOK Plus zusätzlich die erste Adipositas-Ambulanz in Thüringen eröffnet. Sie bietet stark übergewichtigen Patienten ein strukturiertes Behandlungsprogramm an. „Die Patienten werden fünf Jahre lang betreut“, erklärt Privatdozentin Dr. Stroh. Sie können zwischen einer Operation oder einer rein konservati­ven Therapie wählen. „Ich empfehle Patienten mit einem Body-Mass-Index, der größer als 35 ist, nach Ausschöpfen der konservativen Therapiemaßnahmen eine Operation, insbesondere bei Vorliegen von Begleiterkrankungen. Studienergebnisse belegen die Vorteile eines chirurgischen Eingriffs gegenüber einer rein konservativen Therapie“, sagt Stroh. Durch die Operation könne sich beispielsweise Diabetes mellitus Typ II völlig zurückbilden, eine Insulintherapie ist dann nicht mehr notwendig.

Das AOK-Programm verpflichtet die Teilnehmer zu einer sechs- bis zwölfmonatigen Vorbereitung auf die Operation. Für den reibungslosen Ablauf sorgen zwei Koordinatoren, die neu eingestellt wurden. Auf dem Plan stehen Seminare für gesunde Ernährung, ein wöchentliches Bewegungsprogramm, die Teilnahme an Selbsthilfegruppen sowie regelmäßige ärztliche Untersuchungen. Nach der Operation werden die Patienten über Jahre weiter betreut. „Alle Patienten müssen ihre Bewegungs- und Essgewohnheiten dauerhaft umstellen – auch nach der Operation, sonst kann die Abnahme auch stagnieren“, stellt Adipositas-Chirurgin Stroh klar. Überernährung und falsche Ernährung sowie Bewegungsmangel seien die beiden wichtigsten Ursachen für Übergewicht und Adipositas. „Die meisten Patienten essen zu viel Süßes und zu wenig Ballaststoffe“, sagt Dr. Stroh. Auch das soziale Umfeld wirkt sich aus: Mit steigendem sozioökonomischem Status sinkt der Anteil adipöser Menschen, zeigt die DEGS. 

Übergewicht erhöht Diabetes-Risiko

Starkes Übergewicht ist kein kosmetisches Problem, sondern führt oft zu einer Reihe weiterer ernsthafter Krankheiten: Diabetes mellitus Typ II, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Gelenkbeschwerden und Schlafapnoe. Zudem steigt das Risiko, an Krebs und Alzheimer zu erkranken. Viele Patienten leiden auch unter sozialer Ausgrenzung. Adipositas verkürzt die Lebenserwartung – bei Männern um etwa zwölf, bei Frauen um etwa neun Jahre.

„Ich habe mich für die Operation entschieden, weil ich meinen 60. Geburtstag noch erleben wollte“, blickt Andreas Scholz zurück. „Ich hatte Bluthochdruck und Diabetes mellitus Typ II“, berichtet der Gastronom. Die Ärzte verkleinerten seinen Magen und bildeten einen sogenannten Schlauchmagen. In der Folge essen die Patienten weniger, weil sie schneller satt sind. „Ein Sechs-Gänge-Menü schaffe ich jetzt nicht mehr“, sagt Scholz.

Bei der Magenverkleinerung wird zudem die Stelle entfernt, die das appetitanregende Hormon Ghrelin produziert. Dadurch wird das Hungergefühl unterdrückt. Die Operation dauerte nur eine Stunde. Danach blieb Scholz einige Tage im Krankenhaus. „Ich hatte keine Schmerzen“, erinnert er sich. Jetzt achtet er auf regelmäßig über den Tag verteilte Mahlzeiten. Die Speisekarte seines mehrfach ausgezeichneten Restaurants hat er allerdings nicht auf Gesundheitskost umgestellt: „Wir sind ein Restaurant und kein Sanatorium. Bei uns sollen die Gäste genießen“, stellt er klar.

www.waldklinikumgera.de

„Rund die Hälfte unserer Mahlzeiten sollte aus Obst und Gemüse bestehen“

Endlich zurück ins normale Leben (Foto: Wald-Klinikum Gera)

Sindy Zimmermann, Ernährungsberaterin am SRH Wald-Klinikum Gera, über die Entstehung und Vermeidung von Adipositas.

Welche Ernährungsfehler führen zu Adipositas?

Bei den moderat Übergewichtigen führt das tägliche Ein-bisschen-zu-Viel – also mal hier ein Stück Kuchen und dort ein Bier oder Glas Wein – über die Jahre zu Übergewicht und schließlich auch zu Adipositas. Denn jährlich ein Kilogramm mehr sind in 20 Jahren dann auch 20 Kilogramm zu viel. Bei der morbiden Form der Adipositas kommen sicherlich noch andere Ursachen hinzu: regelmäßig zu große Portionen, übermäßig Süßigkeiten oder fettreiche Lebensmittel, das permanente Essen, das gar nicht so bewusst wahrgenommen wird, und auch eine emotionale Komponente, das heißt Essen aus Frust, Langeweile, Stress. 

Mit welcher Ernährung können Adipositas-Patienten im konservativen Programm zum Normalgewicht zurückfinden?

„Normalgewicht“ oder ein BMI von 20 bis 25 kg/m2 ist in vielen Fällen schwerlich zu erreichen, da ein Großteil der Patienten 50, 60, 70 Kilogramm Übergewicht hat. Ziel ist, sich wohlzufühlen, wieder verstärkt am Leben teilzunehmen und alltägliche Aufgaben wieder mit Freude bewältigen zu können. Hierzu ist es notwendig, sein Ess- und Bewegungsverhalten selbstkritisch unter die Lupe zu nehmen und die mehr oder weniger regelmäßigen „Sünden“ aufzudecken. 

Wie sieht aus Ihrer Sicht eine optimale Ernährung aus?

Da kommt man am Thema Gemüse und Obst, das die Basis eines gesunden und „leichten“ Lebens ist, nicht vorbei. Knapp die Hälfte unseres Tellers sollte damit voll sein – und das bei jeder Mahlzeit. Außerdem heißt es: Regelmäßig essen, statt Mahlzeiten auszulassen – sonst drohen Heißhungerattacken. Nicht zuletzt wird das Trinken oft vernachlässigt oder zu viel Energie über zuckerhaltige Getränke aufgenommen. Wasser oder Tee stillen den Durst und unterstützen unsere Stoffwechselprozesse, zudem füllen sie den Magen und machen „satt“.

Petra Prenzel

Body-Mass-Index

Der Body-Mass-Index berechnet sich aus der Körpermasse in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße im Quadrat. Ein Ergebnis zwischen 18,5 und 25 deutet auf Normalgewicht hin. Der Definition der World Health Organization (WHO) zufolge sind Menschen mit einem BMI über 25 übergewichtig. Werte zwischen 25 und 30 zeigen eine Vorstufe zum Übergewicht. In diesem Bereich bewegt sich, wer bei 1,80 Meter Größe zwischen 81 und 97 Kilogramm wiegt. Oder bei 1,60 Meter zwischen 64 und 77 Kilogramm. Ab dem Wert 30 liegt Adipositas vor.

Apfel- und Birnentyp

Endlich zurück ins normale Leben (Foto: Fotolia)

Entscheidend für das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung ist nicht nur 

der Body-Mass-Index, sondern auch das Fettverteilungsmuster. Besonders nachteilig wirken sich Fettdepots im Bauchraum und an den inneren Organen aus. Die vor allem bei Männern verbreitete Kör­perform ähnelt einem Apfel. Als risikoärmer gilt die vor allem bei Frauen erkennbare hüft- und oberschenkelbetonte Fettverteilung – der Körper hat eine Birnenform. Die International Diabetes Founda­tion hält bei Männern einen Taillenumfang über 94 cm und bei Frauen von über 80 cm für kritisch.

Die Verteilung der Gewichtskategorien in der Bevölkerung

Endlich zurück ins normale Leben

Quelle: DEGS