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Fehler erlaubt

Alle Körperfunktionen von Hal werden aufgezeichnet und sind über ein Tablet ständig abrufbar.

Wenn es um Leben und Tod geht, muss bei Ärzten und Pflegern jeder Handgriff sitzen. Das Team vom SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg hat für solche Notfall-Situationen trainiert.

Der 20. Dezember 2015 ist kein guter Tag für Hal. Gerade noch hat der gut gebaute Patient mittleren Alters über Atemnot geklagt, als sich seine Lage auch schon dramatisch zuspitzt. Das Team auf der Intensivstation des SRH Kurpfalzkrankenhauses in Heidelberg nimmt eine Beatmungsmaßnahme nach der anderen vor, doch als letzte Rettung bleibt nur der Griff zum Skalpell. Beherzt setzt ein junger Arzt zum Luftröhrenschnitt an.
Nach dem chirurgischen Eingriff bekommt Hal zwar wieder ausreichend Luft, doch ausgestanden ist die Krise noch lange nicht: Ohne Vorwarnung wird der Patient plötzlich von schweren, anhaltenden Krämpfen geschüttelt und muss schnellstens die richtigen Notfallmedikamente erhalten. Ärzte und Pfleger reagieren korrekt und bekommen die Situation wieder unter Kontrolle.

Doch nun spielt das Herz verrückt: Kammerflimmern und Herzstillstand. Da helfen nur Elektroschocks mit dem Defibrillator. Und so geht es weiter. Am Ende des Tages hat Hal sechs lebensbedrohliche Situationen überlebt. Das medizinische Personal auf der Intensivstation hat eine ganze Palette von Geräten und Medikamenten erfolgreich zu seiner Rettung eingesetzt.

Dass im Notfall nichts schiefgeht, ist keineswegs selbstverständlich, denn unter Stress und Zeitdruck können schnell Fehler passieren. Selbst kleine Versäumnisse oder Missverständnisse haben dann mitunter gravierende Folgen für den Patienten. Auch wenn die Häufigkeit tödlicher Behandlungsfehler in deutschen Krankenhäusern im Promillebereich liegt, fällt wegen der hohen Patientenzahlen die absolute Fallzahl doch entsprechend hoch aus. Einer Studie der Krankenkasse AOK zufolge sterben jährlich weitaus mehr Menschen an Behandlungsfehlern im Krankenhaus als im Straßenverkehr. 

Training für den Patienten

Gerade für Notfälle gilt: Auch wenn Ärzte und Pfleger theo­retisch genau wissen, was sie zu tun haben, fehlt doch vielen in Ausnahmesituationen die praktische Erfahrung. Manche Situationen kommen im Alltag einfach nicht so häufig vor, dass man ansatzweise eine Routine entwickeln könnte. 

Um den Ausnahmezustand in Ruhe zu proben, ohne Menschenleben zu gefährden, gibt es Hal. Denn der ist kein echter Patient, sondern ein sogenannter Patientensimulator. Die komplexe Hightech-Puppe kostet bis zu 100.000 Euro und gehört dem neuen Simulationszentrum Mittelhessen in Marburg. Unter der Anleitung von erfah­renen Instruktoren – alle selbst Ärzte, Pfleger oder Rettungskräfte – werden Hal und seine 20 Artgenossen für das ­Training von Krankenhauspersonal und Rettungskräften eingesetzt. Wenn sich zeigt, dass Handgriffe nicht sitzen, Gerätschaften schlecht platziert sind oder die Kommuni­ka­tion hakt, ist das fast sogar erwünscht. Denn dann kann ­etwas verbessert werden, bevor es in einem echten Notfall ­kritisch wird.
„Simulationstrainings sind gelebte Patientensicherheit“, sagt Stephan Grosch, Leiter der Mitte 2015 eröff­neten Bildungseinrichtung. Die Idee stamme aus der Luftfahrt, dort sei es selbstverständlich, dass ein Pilot im Flugsimulator regelmäßig für Krisensituationen geschult werde. „Im medizinischen Umfeld sind Simulationen die einzige Möglichkeit, für Hochrisikosituationen zu trainieren, ohne Patienten in Gefahr zu bringen“, sagt der Rettungsassistent und Notfallsanitäter.

Hal und seine Familie, darunter auch ein Neugeborenes und eine Geburtssimulationspuppe, werden nach ­jedem Einsatz ausgiebig vom hauseigenen Techniker gewartet und zweimal jährlich vom Hersteller generalüberholt – eine Option, die es für echte Menschen nicht gibt.

„Wir haben alles benutzt, was die Intensivstation hergibt.“

Dr. Andreas Becker, Chefarzt der Neurologie am Kurpfalzkrankenhaus

Übung für den Ernstfall

Das Simulationszentrum in Marburg gehört zum Bildungszentrum des DRK Rettungsdienstes Mittelhessen und wurde im Sommer 2015 eröffnet. Die klinische Leitung liegt beim Universitätsklinikum Marburg-Gießen. Die Angebote richten sich an alle Bereiche, in denen Patienten versorgt werden – vorklinisch, klinisch und ambulant. Im Mittelpunkt steht das Training von kritischen Notfallsituationen. 

www.sim-mh.de

Hal verzeiht Fehler

„Die Technik ist wirklich beeindruckend,“ findet Dr. Andreas Becker, Chefarzt der Neurologie am SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg. Er hat das Training für das Team der Intensivstation organisiert. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen durften jeweils zehn Mitarbeiter einen ganzen Tag lang „Puppendoktor“ spielen. Das klingt nach lustigem Team­event kurz vor Weihnachten, war jedoch in der Praxis für alle Beteiligten ein harter und äußerst anspruchsvoller Tag. „Anfangs wurde noch ein bisschen gekichert, aber die ­Anspannung stieg schnell, genau wie bei einem echten Notfall“, sagt Becker. 

Denn auch wenn Fehler Hal nicht umbringen, lassen seine lebensechten Reaktionen schnell vergessen, dass der künstliche Patient nur simuliert. Ausgestattet mit Hörer und Mikrofon kann sich der DRK-Trainingsleiter aus dem Nebenraum mit den Kursteilnehmern unterhalten und zum Beispiel stellvertretend für den Patienten Schmerzen oder Beschwerden beschreiben. Drahtlos via Tablet steuert der Instruktor, was mit Hal geschieht. Reagieren seine Pupillen noch auf Licht? Oder hat er möglicherweise eine lebens­gefährliche Hirnblutung? Beschleunigen oder verlangsamen sich Puls oder Herzschlag? Geht sein Atem regelmäßig, oder hebt sich der Brustkorb nur noch flach und stoßweise? Lässt er sich gut intubieren oder sind Hals und Rachen so stark verengt, dass nur noch ein Luftröhrenschnitt hilft?

„Die Puppe reagiert praktisch genau wie ein echter Patient“, sagt Chefarzt Andreas Becker. Hal entsprechend zu programmieren und auf seinen Einsatz vorzubereiten, er­forderte vor Ort mehrere Stunden Vorbereitung durch das Team des Simulationszentrums. Und auch auf Seiten des SRH Kurpfalzkrankenhauses war einiges an Vorarbeit zu leisten. Schließlich wurde das Training live in der Intensivstation durchgeführt. Die Dienstpläne der Mitarbeiter mussten entsprechend organisiert werden, ebenso wie ein freies Intensivbett. Alle nötigen medizinischen Geräte mussten verfügbar sein. „Wir haben alles benutzt, was die Intensivstation hergibt“, sagt Becker. Sogar im Computertomografen wurde Hal untersucht, um festzustellen, ob er Hirnblutungen hat.

Wie im echten Leben

Viel Aufwand, der sich aber im Notfall voll auszahlt: „Wir sind klare Verfechter des Trainings am eigenen Arbeitsplatz“, sagt Notfalltrainer Stephan Grosch. Einer der wichtigsten Grundsätze für das Training von Notfall- und ­Ret­tungsteams laute schließlich, seine eigene Arbeitsumgebung genau zu kennen. Deshalb kommen die Instruktoren am liebsten zu ihren Schülern ins Krankenhaus. Für eine möglichst perfekte Simulation wird im Vorfeld jedes Detail abgestimmt: Welche medizinischen Geräte und Monitore verwendet das Krankenhaus? Wie ist der Medikamentenschrank aufgebaut? Wie sehen die Kurven aus, mit denen der Zustand des Patienten aufgezeichnet wird? Alles muss stimmen, damit jeder Handgriff realitätsnah geübt werden kann.

„Das Training war wirklich perfekt auf uns zugeschnitten und hat allen Beteiligten viel gebracht“, stellt ­Becker fest. Einer der wichtigsten Lerneffekte: „Im Notfall muss die Kommunikation im Team unbedingt stimmen, jede Ansage muss präzise sein.“ Nach der erfolgreichen Premiere im Dezember steht für den Heidelberger Chefarzt deshalb fest: „Wir werden das Simulationstraining bestimmt wiederholen. Wir wollen doch kontinuierlich noch besser werden.“  

Text Kirstin von Elm Fotos: SRH, Andreas Becker

Bis zu 100.000 Euro kostet ein Trainingspatient wie Hal.

Das SRH Kurpfalzkrankenhaus

Das SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg ist ein Fachkrankenhaus für Innere Me­dizin, Neurologie und Dialyse. Zu den Behandlungsschwerpunkten zählen unter anderem Schlaganfälle, Parkinson-Syndrom, Multiple Sklerose, Epilepsie, Herz- und ­Niereninsuffizienz. In der Hämophilie (Blutgerinnungsstörung) verfügt das SRH Kurpfalzkrankenhaus über eine der bundesweit größten Ambulanzen. Als akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg unterstützt das Krankenhaus Forschung und Lehre. Rund 200 Mitarbeiter arbeiten dort. 

www.kurpfalzkrankenhaus.de

Oberarzt Dr. Micha Kablau untersucht den Plastikpatienten.