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Gute Nacht!

Schlafapnoe-Patient Michael Irmischer wird verkabelt, um seine nächtliche Hirn- und Muskelaktivität zu überprüfen.

Schnarchen und Atemaussetzer, Lärm und Schichtdienst, Stress und Lebensgewohnheiten – vieles kann unsere Nachtruhe stören. Im Schlaflabor checken Ärzte, ob eine Erkrankung dahintersteckt. 

Müdigkeit war jahrelang Michael Irmischers ständiger Begleiter. Morgens wachte der 58-Jährige oft wie gerädert auf – und das, obwohl er eigentlich gut sieben Stunden geschlafen hatte. Im Büro musste er häufig dagegen ankämpfen, dass ihm die Augen zufielen, und „wenn ich nachmittags von der Arbeit kam, half nur ein Nickerchen auf dem Sofa – so kaputt war ich“, erzählt Irmischer. 

Dass er nachts lautstark schnarcht, wusste er. Bereits seit einigen Jahren haben Irmischer und seine Frau deshalb getrennte Schlafzimmer. „Ich dachte, das liegt an den Kilos, die ich leider zu viel auf den Rippen habe. Dass mein Schnarchen eine Krankheit ist und meine Nachtruhe so massiv stört, hätte ich nicht gedacht“, sagt der Familienvater. Erst als ihm tagsüber beim Autofahren ein paar Mal die Augen kurz zufielen, war Irmischer alar­miert und ließ sich untersuchen.

Im Schlaflabor des SRH Zentralklinikums Suhl kam Oberarzt Matthias Eckardt den Ursachen für die ­extreme Tagesschläfrigkeit von Irmischer endlich auf die Spur: ein ausgeprägtes Schlafapnoe-Syndrom mit 100 Atemaussetzern pro Stunde. „Ein extremer Fall. Schnarchen und Atempausen wechseln sich nachts ununterbrochen ab. An erholsamen Schlaf ist so nicht zu denken“, sagt der Leiter des interdisziplinären Schlaflabors, in dem Experten aus den Fachrichtungen Neurologie, Pneumologie und der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung das nächt­liche Ruheverhalten ihrer Patienten analysieren und Störungen behandeln.
Weiteres Resultat der Untersuchung: Jede Nacht leidet Irmischer unter schwerem Sauerstoffmangel. „Dadurch hat er, wenn er schläft, ein hohes Risiko, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden“, erklärt Oberarzt Eckardt.

Im Polysomnogramm lässt sich ablesen, ob die Maske bei Patient Irmischer wirkt.

Müdes Deutschland

Das Gefühl, nicht richtig ausgeruht zu sein, kennen viele Deutsche. Schlafstörungen sind auf dem Vormarsch. Laut DAK-Gesundheitsreport 2017 klagen mehr als 80 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 35 und 65 Jahren über Schlafprobleme. Der „Beurer Schlafatlas 2017“ zeigt, dass die Deutschen im Schnitt nur sechs Stunden pro Nacht schlafen. „Das ist für die meisten Menschen auf Dauer definitiv zu wenig“, sagt Dr. Björn Wito Wal­ther, Chefarzt der Neurologie am SRH Zentralklinikum Suhl. Im Schnitt braucht ein Erwachsener rund sieben bis acht Stunden, „wobei das Schlafbedürfnis sehr indi­viduell ist“, so Walther. Ebenso der Rhythmus, wann wir am besten ins Bett gehen und aufstehen können.

Beruf und Schule zwingen viele, gegen die eigene innere Uhr zu leben. Welch zentrale Bedeutung der biologische Taktgeber für die Steuerung zahlreicher ­Körperfunktionen hat, haben jüngst US-Wissenschaftler ­gezeigt – und für ihre Forschungen den diesjährigen ­Nobelpreis für Medizin erhalten. Ein Ergebnis: Gerät die innere Uhr aus dem Takt, kann das zu erheblichen gesundheitlichen Problemen führen.
Denn die nächtliche Ruhepause stellt die einzige nachhaltige Regenerationsphase des menschlichen Organismus dar. Alle Organsysteme, vor allem Herz-Kreislauf-, Nerven- und Immunsystem, aber auch unsere Psyche, brauchen ausreichend tiefen und langen Schlaf, um sich zu erholen und dauerhaft funktionieren zu können. Ohne die Erholungsphase wird unser Körper anfällig für Krankheiten. „Neben einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck, grippale Infekte und Depressionen gibt es auch Hinweise, dass sich aufgrund von Schlafstörungen das Demenzrisiko erhöht“, erklärt Mediziner Walther. Auch Übergewicht und Diabetes können eine Folge sein, weil der Stoffwechsel beeinträchtigt wird.

Und jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie stark Konzentrations-, Denk- und Merkleistung nachlassen, wenn man übermüdet ist. Die Auswirkungen durch müde Arbeitnehmer lassen sich sogar beziffern. Einer aktuellen Studie der Rand Europe Organisation zufolge gehen der deutschen Wirtschaft jährlich rund 60 Milliarden Euro durch Produktivitätsausfall und 210.000 Fehltage am Arbeitsplatz aufgrund von Schlafstörungen verloren. 
Die Ursachen von Ein- und Durchschlafstörungen sind vielfältig. Schuld sind laut DAK-Report beispielsweise die Arbeitsbedingungen. Wer oft unter Termin- und Leistungsdruck steht, Überstunden macht oder auch nach Feierabend ständig erreichbar sein muss, kommt nachts schlechter zur Ruhe. Auch Schichtarbeit zählt zu den Risikofaktoren, sagt Chefarzt Walther. Manchmal ­resultieren unsere Probleme auch aus Lebensgewohn­heiten, etwa späte, schwere Mahlzeiten, Nikotin und Alkohol oder zu viel Koffein.

Hinter vielen Schlafstörungen verbergen sich aber auch Erkrankungen wie etwa das Restless-Legs-Syndrom. Dabei treten besonders nachts, wenn der Körper zur Ruhe kommt, Missempfindungen und Bewegungsdrang in den Beinen auf. Schätzungsweise rund fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Das Schlaf­apnoe-Syndrom mit wiederholten Atemstillständen während der Nachtruhe kann erhebliche Tagesschläfrigkeit verursachen und das Unfallrisiko im Straßenverkehr deutlich steigern – wie bei Michael Irmischer.

Unter Beobachtung: Solche Kameras gibt es in allen Zimmern des Schlaflabors.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2017 klagen mehr als 80 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 35 und 65 Jahren über Schlafprobleme.

Spurensuche nach Mitternacht 

Im Schlaflabor analysieren Ärzte, wie ein Patient schläft und was seine Nachtruhe beeinträchtigt. Bei den Untersuchungen wird ein sogenanntes Polysomnogramm ­erstellt. Es gibt Auskunft über die verschiedenen Stadien wie Leicht-, Tief- und Traumschlaf.

Mithilfe von Elektroden, die an Kopf und Kinn angebracht werden, können Hirn- und Muskelaktivität, Augenbewegungen, Atmung über Mund und Nase, Schnarchen, Herzfrequenz und Beinbewegungen kontinuierlich gemessen und aufgezeichnet werden. Gurte um Brustkorb und Bauch haben beispielsweise bei Michael Irmischer die Atemanstrengungen gemessen, ein weiterer Sensor den Sauerstoffgehalt im Blut. Trotz der Verkabelung fühlte sich der 58-Jährige nur wenig in seiner nächtlichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt. „Ich konnte überraschend gut schlafen“, sagt der Schlaf­apnoe-Patient. Selbst die Nasenmaske, die künftig seine Atemwege in der Nacht offen hält, ihn beim Atmen ­unterstützt und seinen Körper mit mehr Sauerstoff versorgt, stört weit weniger als Irmischer befürchtet hat. 

Schon nach zwei Nächten im Labor hat sich sein Schlaf erheblich verbessert: Statt bisher mehr als 600 verzeichneten die Laborgeräte nur noch 40 Atemaus­setzer pro Nacht. Und Michael Irmischer selbst hat das Gefühl, „seit Jahren zum ersten Mal wieder durchgeschlafen zu haben und morgens erholt aus dem Bett zu steigen“. Eine ganz neue Lebensqualität.

1/2 Matthias Eckardt, Leiter des Suhler Schlaflabors, und sein Team überwachen an den Monitoren die Nachtruhe ihrer Patienten. 3 Die Maske unterstützt die Atmung und versorgt zusätzlich mit Sauerstoff.

Seltene Krankheit wird spät entdeckt

Das Leben von Karin Zillgitt wird von Müdigkeit und plötzlichen Schlafattacken bestimmt. Die 74-Jährige leidet seit ihrer Jugend an Narkolepsie, einer seltenen neurologischen Erkrankung, von der deutschlandweit schätzungsweise 40.000 Menschen betroffen sind. Die Dunkelziffer ist hoch, weil oft Jahre vergehen, bis eine Diagnose erfolgt. 

So ging es auch Karin Zillgitt. Schon als Jugend­liche ist sie im Schulunterricht ab und an kurz eingenickt. „Ich habe es nur gemerkt, weil ich dann Lücken in meiner Mitschrift hatte“, erinnert sie sich. Später, als die begeisterte Sportlerin in einer Schule Deutsch unterrichtet, schläft sie beim Vorlesen immer wieder kurz ein – und auch zu Hause beim Kochen für die Familie fallen ihr oft ganz unvermittelt die Augen zu. 
„Es war wirklich schwer, meinen Alltag zu bewältigen“, sagt die zweifache Mutter. Sie habe teilweise Aufputschmittel genommen, die aber viele schwere Nebenwirkungen hatten. 

Oberarzt Matthias Eckardt bespricht die Ergebnisse mit Michael Irmischer.

Mehr Lebensqualität durch Tiefschlaf

Erst nach der Wende im Jahr 1990 wurde die Dia­gnose „Narkolepsie“ gestellt. Da war Karin Zillgitt 47 Jah­re alt. Im SRH Zentralklinikum Suhl behandelt Chef­arzt Dr. Walther sie seit vielen Jahren – mit Erfolg. Dank Me­dikamenten hat die ehemalige Lehrerin nachts ­mittlerweile Tiefschlafphasen, die für die Er­holung sehr wichtig sind. „Seitdem fühle ich mich wie ein neuer Mensch und habe tagsüber viel mehr Energie.“  

Auch ein unangenehmes Symptom ihrer Schlaf­lähmung, die so­genannte Kataplexie, ist mit der Behandlung weitgehend verschwunden. Dabei verliert der Körper ganz plötzlich die Muskelspannung – und sackt zusammen. „Manchmal bin ich einfach hingefallen, ohne jede Vorwarnung“, beschreibt Zillgitt. „Das Schlimms­­te ist: Dein Gehirn ist 100 Prozent da und ganz wach, aber deine Muskeln reagieren nicht und du kannst dich nicht bemerkbar machen.“ 

Auch wenn ihre Erkrankung nicht heilbar ist, kann die 74-Jährige dank der Behandlung im SRH Zen­tralklinikum Suhl ihr Leben wieder mehr genießen. „Ich treibe nach wie vor Sport und gehe mit Freunden wandern“, sagt Karin Zillgitt. 

Wieder mehr unternehmen möchte auch Mi­chael Irmischer. „Dank Schlafmaske und Sauerstoff habe ich tagsüber viel mehr Antrieb – auch um nach Feierabend endlich wieder ein bisschen Sport zu ­machen und abzunehmen“, sagt der 58-Jährige und fügt schmunzelnd hinzu: „Früher habe ich nachts mit meinem Schnarchen Bäume gesägt, heute fühle ich mich wieder so fit, dass ich Bäume ausreißen ­könnte.“

Text Katja Stricker Fotos Christoph Busse

Erholsamere Nächte

Stehen Sie jeden Tag um die gleiche Zeit auf – auch am Wochenende.

Und gehen Sie möglichst zur gleichen Zeit zu Bett.

Idealerweise tagsüber nicht schlafen.

Alkohol und Nikotin vermeiden.

Sechs bis acht Stunden vor dem Zubettgehen keinen Kaffee, schwarzen oder grünen Tee sowie Cola oder andere koffeinhaltige Getränke trinken. Die schlafstörende Wirkung von Koffein hält oft viele Stunden an.
Keine schweren Mahlzeiten drei Stunden vor der Nachtruhe; ein kleiner Snack wie etwa Milch mit Honig oder eine Banane sind okay.

Ein regelmäßiges Zubettgeh-Ritual kann dem Körper helfen, sich auf die Schla­fens­zeit einzustimmen. Beispiel: Kräutertee trinken, lesen, umziehen, Heizung abdrehen und durchlüften, Zähne putzen, Licht ausmachen. 
Einüben eines Ruhebildes: Wer schlecht ein- oder wieder einschlafen kann, versucht in Gedanken einen Spaziergang oder eine Radtour auf einer gut bekannten Route zu unternehmen. Das lenkt vom Grübeln ab. So finden viele Menschen erfahrungsgemäß leichter ins Land der Träume. 

Licht spielt eine Schlüsselrolle für den Schlaf-Wach-Rhythmus. Ein gut abgedunkeltes Zimmer erleichtert vielen das Ein- und Durchschlafen. Tageslicht am Morgen hilft den Rhythmus zu stabilisieren.

Die SRH betreibt mehrere schlafmedizinische Zentren deutschlandweit. Neben dem SRH Zentralklinikum Suhl haben auch das SRH Wald-Klinikum Gera und die SRH Kli­niken Landkreis Sigmaringen ein Schlaflabor, in dem Patienten mit schlafbedingten Erkrankungen interdisziplinär untersucht und behandelt werden.
www.zentralklinikum-suhl.de

www.waldklinikumgera.de

www.kliniken-sigmaringen.de

Die obstruktive Schlaf­apnoe gehört zu den häufigsten Schlafstörungen, die im Labor untersucht werden. Typische Symptome sind Schnarchen, Tagesmüdigkeit und Einschlaf­neigung am Tage. Männer sind häufiger betroffen als Frauen, vor allem, wenn sie Übergewicht haben. Ausgelöst werden Schnarchen und Atemaussetzer unter anderem durch eine erschlaffte Schlundmuskulatur. ­Folge: Zunge und Gaumensegel rutschen nachts gegen die Rachenwand und verhindern die ungestörte Atmung.

Narkolepsie ist eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus, verbunden mit extremer Tagesmüdigkeit. Die Betroffenen schlafen tagsüber ganz ­unvermittelt ein. Weiteres typisches Symptom ist eine soge­nannte Kataplexie – ein kurzzeitiger, plötzlich auftretender Verlust des Muskeltonus. Narkolepsie ist nicht heilbar, aber mit Medikamenten je nach Schweregrad recht gut behandelbar. Weitere Informationen für Betroffene und Kontakt zu Selbsthilfegruppen bei der Deutschen Narkolepsie-Gesellschaft:
www.dng-ev.de