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Hanf auf Rezept

Ehrenamtlich aktiv: MS-Patient Tobias Zippel steht alle zwei Wochen im Jenaer „Café 13“ hinter dem Tresen; öfter lässt seine Erkrankung es derzeit nicht zu.

Seit März können schwerkranke und chronisch kranke Menschen pflanzliches Cannabis verschrieben bekommen. Multiple-Sklerose-Patienten wie Tobias Zippel hoffen durch die Gesetzesänderung auf eine bessere Schmerztherapie. Ärzte ­sehen die neuen Regelungen eher kritisch.

Wenn Tobias Zippel hinter dem Tresen des „Café 13“ steht und dort Kaffee, Tee oder Cola ausschenkt, ist er ganz in seinem Element. Er scherzt mit den Gästen der Jenaer Begegnungsstätte der Diakonie, hat ein offenes Ohr für die Sorgen der Besucher, die häufig unter psy­chischen Erkrankungen leiden, und vergisst dabei für ein paar Stunden die Krankheit, die seit mehreren Jahren sei­nen Alltag bestimmt:  Multiple Sklerose (MS) – so lautete vor fünf Jahren die Diagnose. „Ich war damals fast froh, dass meine Beschwerden endlich einen Namen bekommen haben“, erinnert er sich. Der Ex-Zeit­soldat und ehemalige Küchenmeister war bereits Jahre zuvor Dauergast bei Ärzten, wurde wegen Depressionen, Burn­out und Schmerzen in Händen und Füßen ­behandelt.
Sein ehrenamtliches Engagement im Café ist für Tobias Zippel sehr wertvoll: „Ich habe dort viele Freunde gefunden, und es tut mir gut, mal für eine Weile raus­zukommen und die Schmerzen zu vergessen“, sagt der 35-Jährige, der bereits seit einiger Zeit erwerbsunfähig ist. Schmerzfrei sein, das ist das größte Ziel für den MS-Patienten aus Jena. Seit er im Multiple-Skle­rose-Thera­piezentrum am SRH Wald-Klinikum in Gera behandelt wird, geht es ihm besser. „Vorher konnte ich kaum noch laufen oder Auto fahren. Dank Oberarzt Stefan Uhde und seinem Team habe ich ein großes Stück Lebensqualität zurückbekommen.“ Neben Krankengymnastik und Ergotherapie ist auch der Einsatz von Fertigarzneimitteln auf Cannabisbasis wie Sativex, einem Spray mit dem Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), ein Teil seiner Schmerztherapie. „Mit dem Spray schaffe ich es zwar, weitgehend schmerzfrei durch den Tag zu kommen, der Preis ist aber leider, dass ich mich dabei sehr benebelt fühle – wie in Watte gepackt.“ Die ausgeprägte Fatigue, sprich krankhafte Müdigkeit, bleibt.

Cannabis-Therapie: das neue Gesetz

Im März sind einige Änderungen unter anderem im Betäubungsmittelgesetz und im Fünften Sozialgesetzbuch in Kraft getreten, die es erlauben, pflanzliches Cannabis in Form getrockneter Blüten an schwerkranke Menschen auf Rezept abzugeben. Die Patienten erhalten das Cannabis in standardisierter Qualität in der Apotheke. Mit der Gesetzesänderung wird die Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln auf Cannabisbasis in der gesetzlichen Krankenversicherung erweitert, die bislang auf zugelassene Fertigarzneimittel begrenzt war. Der Anbau in Deutschland wird vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte kontrolliert und überwacht. Der Eigenanbau bleibt weiterhin verboten.
 Der Einsatz ist auf die Therapie bei schwerkranken Patienten beschränkt: Cannabis wird zum Beispiel in der Schmerztherapie bei chronischen oder neuropathischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und Aids-Patienten sowie in der Palliativ-Versorgung eingesetzt. Eine begleitende Studie soll Erkenntnisse über die langfristige Wirkung gewinnen; dazu werden anonymisierte Patientendaten ausgewertet. 

 

Pflanzliches Cannabis über die Kasse

Gesetzesänderungen, die im März in Kraft getreten sind, sollen es für Patienten mit chronischen Erkrankungen leichter machen, natürliches Cannabis auf Rezept zu bekommen (siehe Kasten). Die Kosten übernehmen die Krankenkassen. Tobias Zippel setzt große Hoffnungen auf die pflanzlichen Cannabis-Extrakte. „Ich hoffe, dass ich damit die gleiche Wirkung wie mit dem synthetischen Cannabis-Spray erreiche, ohne die einschläfernden Nebenwirkungen.“Der ärztliche Leiter des MS-Zentrums am SRH Wald-Klinikum Gera, Stefan Uhde, sieht die Gesetzes­änderung kritischer: „Noch fehlen langfristige Studien über die Wirksamkeit von pflanzlichem Cannabis in der Schmerztherapie. Und natürlich darf das Gesetz nicht als Freifahrtschein fürs Kiffen auf Rezept verstanden werden“, betont der Facharzt für Neurologie. Die medizinische Indikation müsse stimmen. Neben der Anwendung für MS-Patienten sieht er vor allem Einsatzmöglichkeiten in der Palliativ-Versorgung (siehe Interview). 

 

Kontrollierte Abgabe

Wie der Einsatz in der Praxis aussehen wird, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen, sagt Stefan Uhde. „Sicher wird das pflanzliche Cannabis keine Massen­the­rapie werden, aber eine Erweiterung unserer Möglich­keiten“, so der Neurologe. Generell sieht er Vorteile ­gegenüber illegalem Cannabis von der Straße: „Das Cannabis aus der Apotheke wird in speziellen Kulturen angebaut und in qualitätsgesicherter Form mit genauen Dosierungsmöglichkeiten an die Patienten weitergegeben.“ Denn für das in der Apotheke zu medizinischen Zwecken erhältliche Cannabis gelten die Grundsätze der Arzneimittelsicherheit. Das heißt: Der Wirkstoff­gehalt der Can­nabisblüten wird klar deklariert, um die Dosierung für Arzt und Pa­tienten zu erleichtern. „Das ist mit natürlichem Cannabis, das es illegal zu kaufen gibt, nicht vergleichbar“, so Oberarzt Uhde. Rausch auf ärztliche Anweisung möchte der Mediziner nicht unterstützen: „High auf Rezept – das wird es nicht geben und das kann auch nicht der Sinn sein.“„Mir geht es ganz sicher nicht darum, mich zu bedröhnen“, sagt MS-Patient Tobias Zippel. „Ich möchte einfach nur die sechs bis acht wachen Stunden, die mir meine Erkrankung aktuell lässt, möglichst schmerzfrei und aktiv verbringen können. Das bedeutet für mich Lebensqualität.“ Freunde treffen, sich mit anderen Betroffenen austauschen und im „Café 13“ zumindest hin und wieder hinter dem Tresen stehen, gehört für ihn dazu. Vielleicht kann der MS-Patient demnächst durch pflanzliches Cannabis auf Rezept mehr unbeschwerte Stunden genießen. 

 

www.waldklinikumgera.de

Text Katja Stricker Fotos Robert Schlesinger/picture alliance

„Ich hoffe, mit dem pflanzlichen Cannabis die gleiche Wirkung zu erreichen – ohne die Nebenwirkungen.“

Tobias Zippel, MS-Patient aus Jena

„Es fehlen Erfahrungswerte“

Prof. Dr. Michael Kretzschmar, Chefarzt des Zen­trums für Schmerztherapie und Palliativmedizin am SRH Wald-Klinikum Gera, bewertet die Gesetzes­änderung kritisch.

Verwenden Sie Cannabis in der Schmerz- und Palliativmedizin?

Ja, bereits seit einigen Jahren nutzen wir Wirkstoffe aus der Hanfpflanze in Kapsel-, Spray- oder Tropfenform, vor allem bei Palliativ­patienten. Ich verordne sie beispielsweise bei Krebspatienten, um Übelkeit und Erbrechen während der Chemotherapie zu mildern und den Appetit anzuregen. In der Schmerztherapie sind die Wir­kungen meiner Erfahrung nach eher begrenzt.

 

Werden Sie auch die neuen pflanzlichen Cannabis-Extrakte ver­schreiben?

Ich sehe ehrlich gesagt in der Gesetzesänderung keinen Vorteil für meine Patienten und halte das neue Gesetz für nicht ausgereift. Als Medikament kann ich ja nur etwas verschreiben, was als standardisiertes Produkt genau dosierbar ist. Ich bin gespannt, wie das in der Praxis mit dem Kraut aus der Apotheke funktionieren soll. Außerdem habe ich Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen. Schon beim Cannabis-Fertigarzneimittel, das nur einzelne Wirkstoffe enthält, treten teilweise Angstzustände und andere psychische Beeinträchtigungen auf. Für die neuen Extrakte fehlen einfach Erfahrungswerte.Parallel zum neuen Gesetz soll eine Studie zur Langfrist­wirkung ­angefertigt werden.Da wird aus meiner Sicht das Pferd von hinten aufgezäumt: Normalerweise ist es bei neuen Medikamenten üblich, erst eine klinische Zulassungsstudie zu machen, bevor die Freigabe für den Markt erfolgt – und nicht umgekehrt. Und ich kenne keine Studie, die die Vorteile von pflanzlichem Cannabis gegenüber den Fertigarzneimitteln, die wir bereits einsetzen, belegt. Ich kann nicht nachvollziehen, ­warum die ­Bundesregierung ein so unausgegorenes Gesetz in Kraft treten lässt.

 

Welche Risiken sehen Sie?

Pflanzliches Cannabis auf Rezept birgt die Gefahr des Missbrauchs. Weniger Bedenken habe ich, was das Thema Abhängigkeit angeht. Wenn wir sehr kranken Menschen mit beschränkter Lebenserwartung in der Palliativ-Versorgung die Lebensqualität in den letzten Wochen und Monaten damit erhöhen können, bin ich offen für neue Wege, wenn die Wirksamkeit belegt ist.

 

 

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und neben Epi­lepsie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen. Durch die Entzündungen wird die Marksubstanz in den Nervenbahnen geschädigt und es kommt zu neurologischen Ausfällen und oft schmerzhaften Spastiken. Darunter versteht man eine erhöhte Muskelspannung, die die Beweglichkeit beeinträchtigt, Muskelsteifigkeit, Verkrampfungen, Schwere- und Spannungsgefühl bis hin zu Muskelverkürzungen. MS ist nicht heilbar, der Verlauf der Krankheit kann aber günstig beeinflusst werden.
Fertigarzneimittel auf Basis von Cannabis sind seit längerer Zeit im Einsatz. Wirkstoffe wie Tetrahydrocannabinol (THC) oder Cannabidiol (CBD) helfen MS-Patienten vor allem bei der Therapie der Schmerzen, die durch die Spastiken verursacht werden. Im Gegensatz zu pflanzlichen Cannabis-Extrakten enthalten die synthe­tischen Medikamente nur ein oder zwei Wirkstoffe.