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Helden der Nacht

Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Denise Dunse kümmert sich in der Nacht um den neugeborenen Nikolas.

Sie bleiben wach, wenn alle anderen längst schlafen: Pflegekräfte, Ärzte und Rettungsdienst sorgen dafür, dass Patienten auch nachts immer bestens versorgt werden – und Notfälle schnelle Hilfe bekommen. Wir haben eine Nachtschicht im SRH Krankenhaus Sigmaringen begleitet. 
Wenn es draußen dunkel wird und die meisten Deutschen es sich auf dem Sofa bequem machen, geht für sie der Arbeitstag erst los. Die Nachtschicht im SRH Krankenhaus Sigmaringen beginnt ihren Dienst: Pflegekräfte, Ärzte und Radiologen, Labormitarbeiter und Sicherheitsdienst bleiben wach und sorgen dafür, dass die rund 150 Patienten des Klinikums sowie Notfälle, die aus dem Umland in die Notaufnahme gebracht werden, auch nachts bestens versorgt werden. „Unsere Nacht­arbeiter sind eine tragende Säule unseres Krankenhauses“, sagt Melanie Zeitler-Dauner, Geschäftsführerin der SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen. „Ein entzündeter Blinddarm oder ein Schlaganfall wartet genauso wenig bis zum Morgen wie ein Baby, das auf die Welt will. Dank der Nachtschicht sind wir 24 Stunden für unsere Patienten da, 365 Tage im Jahr.“

Das Nachtteam hält zusammen

In der Notaufnahme hat heute Thomas Unger, leitender Krankenpfleger, Dienst – gemeinsam mit den Assistenz- ärzten Ilias Badyine und Florian Appenzeller. Die Nacht beginnt ruhig, bis Mitternacht behandelt das Ambulanzteam einige Patienten mit akuter Luftnot und Kreislaufproblemen sowie einen Sturz. „Ich möchte auch nach 30 Jahren, die ich hier im Krankenhaus arbeite, die Nachtdienste nicht missen“, sagt Thomas Unger. „Nachts arbeiten alle im ganzen Haus besonders eng zusammen. Diese familiäre Atmosphäre gefällt mir.“ 
Auf vielen Stationen hält nachts ein Mitarbeiter die Stellung. Zusätzlich gibt es einen Springer, der zwischen 20 und sechs Uhr für das gesamte Krankenhaus zuständig und immer dort im Einsatz ist, wo die Kollegen weitere helfende Hände brauchen. Diese Hauptnachtwache ist heute Gesundheits- und Krankenpflegerin Linda Mathauer. „Wenn es ­irgendwo im Hause brennt, klingelt mein Telefon. Und wenn ich einen Notruf 2000 bekomme, heißt es auch schon mal flitzen“, sagt die junge Frau, die tagsüber auf der allgemeinmedizinischen Station ­arbeitet. Wenn dringend ein Medikament benötigt wird oder eine Blutprobe schnell ins Labor muss, wenn es einen medizinischen Notfall auf der Station gibt oder eine Kollegin kurz Pause machen möchte, ist Linda Mathauer sofort zur Stelle.
Meist arbeitet die 25-Jährige zwei Nachtschichten hintereinander, etwa sechs bis acht pro Monat: „Der Tag dazwischen besteht nur aus Schlafen, Duschen, Essen – und wieder fertig machen für den nächsten Dienst“, beschreibt sie ihren Alltag. Dafür genießt sie es, im Gegenzug einige Wochentage frei zu haben, etwa um Sport zu treiben oder in aller Ruhe einzukaufen. „Im Nachtdienst lebt man schon sehr an Freunden und Familie vorbei. Dennoch können sich, glaube ich, die ­wenigsten hier vorstellen, jeden Tag immer von neun bis 17 Uhr zu arbeiten“, sagt Mathauer.

„Ein entzündeter Blinddarm oder ein Schlaganfall wartet genauso wenig bis zum Morgen wie ein Baby, das auf die Welt will.“

Melanie Zeitler-Dauner, Geschäftsführerin der SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen

Anlaufstelle für Patienten auch in der Nacht: das SRH Krankenhaus Sigmaringen.

Im Schockraum sitzt jeder Handgriff

Kurz nach ein Uhr kommt plötzlich Leben in die Ambulanz. Ein Notfall ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Schnell funkt der Leitende Krankenpfleger Thomas Unger einige Kollegen an. Gespannt und einsatzbereit wartet das Team im Schockraum. Ein Rettungswagen fährt mit Blaulicht vor – dahinter Polizei. Ein blutüberströmter junger Mann wird hereingefahren; er hat diverse Schnittwunden und ist laut den Polizisten Opfer einer Messerstecherei geworden. Der Notarzt hat den Patienten bereits intubiert. Routiniert checkt Unfallchi- rurg Ilias Badyine gemeinsam mit dem Traumateam den jungen Mann auf der Liege durch, jeder Handgriff sitzt. Schnell ist Badyine klar: „Die Vitalparameter sind stabil.“ Um innere Verletzungen auszuschließen, ordnet er eine Computertomografie an. Das Gerät steht direkt im Nebenraum.
Kurze Verschnaufpause für den jungen Assistenz- arzt, der mittlerweile 18 Stunden im Dienst ist. Wie seine Kollegen macht Badyine in der Regel 24-Stunden-Bereitschaftsdienste. Das heißt: Nach einem normalen Arbeitstag auf der Station – in seinem Fall die Unfallchirurgie und Orthopädie – wechselt er gegen Abend in die Notaufnahme. Theoretisch kann Ilias Badyine nachts schlafen, wenn es keine Notfälle gibt. „Aber das ist selten der Fall. Wenn ich Glück habe drei bis vier Stunden pro Nacht – und die meist nicht an einem Stück“, erklärt der 36-Jährige. „Mir reicht das, um wieder fit zu sein. Der Körper gewöhnt sich daran, mit wenig Schlaf auszukommen“, sagt der Unfallchirurg und fügt hinzu: „Wenn es einen Notfall gibt, bin ich sofort hellwach.“ Nachdem das CT fertig ist, lässt ­Badyine den Verletzten zur Beobachtung auf die Intensivstation bringen. 
Zur gleichen Zeit behandelt Internist Florian Appenzeller ein paar Räume weiter gerade ein Mädchen, das eine künstliche Herzklappe hat. Ihr akutes Nasenbluten hört nicht auf, weil die Zehnjährige Blutverdünner nehmen muss. Die Eltern sind in Sorge, das Mädchen weint. Appenzeller versucht, die Blutung zu stoppen und lässt die Blutwerte des Mädchens untersuchen. Im Laufe der Nacht wird die junge Patientin zur Weiterbehandlung in die nächstgelegene Kinderklinik verlegt.

„Nachts arbeiten alle im ganzen Haus besonders eng zusammen – diese familiäre Atmosphäre gefällt mir.“

Thomas Unger,Leitender Krankenpfleger der Zentralen Patientenaufnahme

Gegen Abend legt sich die Betriebsamkeit ein wenig. Trotzdem haben die Kollegen der Nachtschicht oft alle Hände voll zu tun.

Wohlbehütet auch im Schlaf

Während in der Ambulanz selbst mitten in der Nacht ständig etwas los ist, herrscht auf den Gängen der insgesamt sieben Fachstationen des Krankenhauses meist Stille. Ab und an klingelt ein Patient, der Schmerzen hat oder etwas braucht. Regelmäßig drehen die Pflegekräfte ihre Runden durch die Zimmer: überwachen die frisch Operierten, checken die Werte an den Kontrollgeräten beispielsweise bei Schlaganfall- oder Herzpatienten, verabreichen Medikamente oder sind einfach nur da, wenn die Patienten in den langen, oft einsamen Nächten nicht in den Schlaf finden. 
Arbeiten und hellwach sein, wenn die meisten anderen schlafen. Das ist ein herausfordernder Job. Die ganz ruhigen Nächte sind am schwersten, da sind sich alle Nachtarbeiter einig. Ansonsten hat jeder seine eigene Strategie, mit der Müdigkeit und dem Tiefpunkt umzugehen, der meist zwischen zwei und vier Uhr morgens kommt. Hauptnachtwache Linda Mathauer beispielsweise schwört auf jede Menge Kaffee und zwischendurch ein Nutellabrötchen, „damit mein Blutzucker nicht in den Keller geht.“
Denise Dunse hofft auf viele Neugeborene. Die junge Frau arbeitet seit einigen Jahren auf der Geburtsstation des SRH Krankenhauses Sigmaringen. Gerade kümmert sich die Gesundheits- und Krankenpflegerin um Nikolas – der Kleine ist erst zwei Tage alt. Seine Mutter hatte einen Kaiserschnitt, und das Aufstehen fällt ihr noch schwer. Die junge Pflegerin unterstützt die jungen Mütter nachts beim Wickeln, bereitet die Fläschchen für die Kinder vor oder hilft, damit das Stillen der Neugeborenen besser klappt. „Eigentlich haben wir hier ‚Rooming in‘. Das heißt, die Babys schlafen im Zimmer bei ihren Müttern. Aber wenn jemand mal ganz dringend ein paar Stunden ungestörten Schlaf braucht – und es sonst eher ruhig auf Station ist –, kümmere ich mich ein bisschen um die Kleinen“, sagt Dunse, und man sieht ihr an, dass sie das sehr gerne macht. 

Ilias Badyine (2. v. r.) und seine Kollegen bereiten einen Notfallpatienten für eine Computertomografie vor.

Putzen gegen die Müdigkeit

Die 32-Jährige hält nachts alleine auf der Station die Stellung. Im Kreißsaal direkt nebenan begleitet eine Hebamme zwei Geburten. Die ruhigen Stunden zwischen zwei und fünf Uhr morgens nutzt Denise Dunse, um „notwendigen Bürokratiekram“ zu erledigen – und zum Putzen. „Jede Nacht reinigen wir beispielsweise den Still- und Wickelraum ganz gründlich; das Putzen hält einen gut wach, weil der Kreislauf in Schwung kommt“, erzählt sie lachend. So überbrückt sie die Zeit, bis das nächste Neugeborene und seine Eltern ihre Unterstützung brauchen.
Wenn es langsam dämmert, kehrt auf den Gängen des Krankenhauses langsam wieder die Geschäftigkeit zurück. Patienten werden ­geweckt, Betten gemacht, Frühstück verteilt, Operationen vorbereitet. Für Thomas Unger und seine Kollegen in der Notaufnahme, für die Hauptnachtwache Linda Mathauer und die Pflegerin Denise Dunse heißt es dann: endlich schlafen. 

Text Katja Stricker Fotos Marc Holzner

Ein Ärzteteam steht schon bereit, als Rettungswagen und Notarzt vorfahren.

Während der Patient von den Klinikärzten versorgt wird, haben Thomas Unger und der Notarzt Zeit für ein kurzes Gespräch.

Als Hauptnachtwache packt Linda Mathauer auf allen Stationen mit an.

Die SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen GmbH mit den Standorten Bad Saulgau, Pfullendorf und Sigmaringen versorgt mit 1.300 Mitarbeitern jährlich rund 20.000 Patienten. Alle drei Kliniken auf der Schwäbischen Alb mit insgesamt 558 Betten sind Akutkrankenhäuser der Grundversorgung. Das SRH Krankenhaus Sigmaringen betreut in der medizinischen Klinik jährlich mehr als 6.000 Patienten stationär und über 8.000 Patienten ambulant. Besondere Schwerpunkte sind die Gastroenterologie, die Kardiologie, die Hämatologie, die internistische Onkologie/Palliativmedizin und die internistische Intensivmedizin.
www.klksig.de