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Jeder Kilometer zählt

Für die leitende Oberärztin Dr. Christine Schmidt gehört Sport, vor allem Laufen, zum Alltag.

Regelmäßige Bewegung ist die beste Prophylaxe gegen einen Schlaganfall. Das Team vom Schlaganfallzentrum am SRH Zentralklinikum Suhl geht mit gutem Beispiel voran und sammelt sportliche Kilometer gegen die oft folgenschwere Erkrankung.

10.000 Kilometer Luftlinie sind es ungefähr von Suhl in Südthüringen bis nach Singapur. Oder nach Kapstadt. Diese beachtliche Strecke wollen die Mitarbeiter des Schlaganfallzentrums am SRH Zentralklinikum Suhl bis Ende des Jahres gemeinsam sportlich zurücklegen: Ob beim Joggen, Walken, Radeln, Rudern, Schwimmen, Tennis, Handball oder Fußball – alles zählt. Allerdings nur, wenn es sich dabei um eine Extraportion ­Bewegung außerhalb des oft stressigen Arbeitsalltags handelt: „Dienstlich absolvierte Kilometer gelten nicht, auch wenn da schon oft einiges zusammenkommt“, erläutert die leitende Oberärztin Dr. Christine Schmidt. 
Seit gut einem Jahr leitet die begeisterte Läuferin in Suhl die „Stroke Unit“. So heißt die im Jahr 2016 von der Deutschen Schlaganfallgesellschaft zertifizierte Spezialabteilung zur besonders schnellen und fachkundigen Versorgung von Schlaganfallpatienten. Denn bei einem Schlaganfall muss es schnell gehen. Durch eine plötz­liche Durchblutungsstörung im Gehirn drohen Betroffenen ohne zügige Gegenmaßnahmen schwere Folge­schäden bis hin zum Tod. Stroke Units mit einem eingespielten Team aus Fachärzten und Pflegekräften verbessern deshalb nachweislich die Überlebens- und Genesungschancen.

Zu viel Essen, zu wenig Sport 

Doch Vorbeugen ist bekanntlich besser als Heilen: „Mit unserer Kilometeraktion möchten wir auf eine gesunde Lebensweise aufmerksam machen und zeigen, dass jeder sein Schlaganfallrisiko ein gutes Stück weit selbst beeinflussen kann“, sagt Christine Schmidt. Denn: Der heutige Lebensstil mit viel Stress, überflüssigen Kalorien und wenig Bewegung leistet Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt kräftig Vorschub. Ty­pische Wohlstandserkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, ein gestörter Fettstoffwechsel oder Übergewicht erhöhen das Risiko und führen dazu, dass zunehmend auch jüngere Menschen Schlaganfälle erleiden.Auch wer raucht oder oft Alkohol trinkt, treibt sein Schlaganfallrisiko in die Höhe. Denn in Summe und auf Dauer belasten die verschiedenen Faktoren die Blutge­fäße: Rund 80 Prozent aller Schlaganfälle werden von Durchblutungsstörungen im Gehirn verursacht. Ablagerungen an den Gefäßwänden oder Blutgerinnsel verhindern bei einem sogenannten Hirninfarkt, dass die betroffenen Gehirnregionen ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Auch Blutungen im Hirngewebe können einen Schlaganfall auslösen, zum Beispiel wenn wegen entzündeter Gefäßwände oder zu hohen Blutdrucks Gefäße im Gehirn platzen.

So kommt Bewegung in den Alltag

- Wer sich ausreichend bewegt, stärkt sein Herz-Kreislauf-System und senkt das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall. 
- Es muss kein Hochleistungssport sein, auch moderate, aber dafür konsequente Bewegung hält gesund. Empfehlenswert sind 30 Minuten täglich.
- Eine Gruppe kann motivieren und hilft, am Ball zu bleiben. Erlaubt ist, was gefällt. Wie wäre es zum Beispiel mit: Wandern, Tanzen, Inline Skates fahren, Schwimmen, Gymnastik, Rad fahren oder Joggen?
- Wenig Zeit für Sport? Dann einfach mehr Bewegung in den Alltag einbauen: 
Die Treppe statt des Aufzugs nehmen, bewusst ein Stück weiter weg parken, kurze Strecken zu Fuß statt mit dem Auto zurücklegen und die Mittagspause für einen kleinen Spaziergang nutzen.
- Nicht übertreiben: Herzrasen, Übelkeit oder heftiges Kopfweh nach dem Training sind ein Grund, den Arzt aufzusuchen. 
- Vorher durchchecken: Wer bisher kaum Sport getrieben hat, sollte sich vor dem Start am besten vom Hausarzt beraten lassen.
- Der Selbsttest der Deutschen Schlaganfallhilfe zeigt, ob man sich genug bewegt: www.schlaganfall-test.de

Den Schweinehund gemeinsam überwinden

Regelmäßige Bewegung hilft, Risikofaktoren in Schach zu halten. „Sie kurbelt den Stoffwechsel an, senkt den Bluthochdruck, trainiert das Herz und hilft beim Abnehmen oder Gewichthalten“, zählt Schmidt auf. Für die Marathonläuferin gehört Sport zum Alltag. Selbst im Winter geht sie nach einem langen Arbeitstag lieber eine Runde laufen als auf der Couch die Füße hochzulegen. Unter ihren Kollegen von der Suhler Stroke Unit sind ­einige begeisterte Sportler – doch selbst unter Schlag­anfallexperten gibt es wider besseres Wissen auch Bewegungsmuffel. Um mit gutem Vorbild voranzugehen und bei sich selbst anzufangen, entstand im vergangenen Sommer im Kollegenkreis die Idee, öffentlichkeitswirksam in Bewegung zu kommen.Ausgestattet mit Pulsuhr oder Fitness-App sammelten die zwölf Ärztinnen und Ärzte aus dem Schlaganfall-Team ab August 2016 in ihrer Freizeit sportliche Kilometer. Sogar Chefarzt Dr. Björn Wito Walther ließ ­öfter mal das Auto stehen und kam mit dem Rad in die Klinik. Teams des SRH Zentralklinikums traten zu einem Benefiz-Fußballspiel in Berlin und beim Thüringer Wald Firmenlauf an. Viel öfter als zuvor verabredeten sich Kollegen zum gemeinsamen Wandern, Joggen, Schwimmen oder Kicken. Einmal wöchentlich wurden die gesammelten Kilometer verglichen und akribisch protokolliert. „Das hat einen richtigen Ruck gegeben“, erinnert sich Christine Schmidt. Alle hatten Spaß an ihren Kilometerstandsmeldungen, die ursprüngliche Zielmarke von 1.000 Kilometern in drei Monaten war bereits Mitte September geknackt. Bei dem einen oder anderen purzelten schon bald sichtbar die Pfunde.

„Jeder kann sein Schlag­anfallrisiko selbst beeinflussen.“

Dr. Christine Schmidt, Leiterin der Stroke Unit am SRH Zentralklinikum Suhl

Extrameilen für die Patienten

Einmal in Bewegung, dachte niemand ans Aufhören: „Alle hatte der Ehrgeiz gepackt und wir wollten einfach sehen, wie weit wir zusammen noch kommen“, erzählt Schmidt. Das Ergebnis: Bis zum Weltschlaganfalltag am 29. Oktober 2016 waren es 1.600 Kilometer, am Ende des Jahres stand der Tacho sogar bei 2.200. Damit auch die Patienten etwas davon haben, suchte sich das Team der Stroke Unit Sponsoren, um mit seinen Extrameilen ein zusätzliches Bewegungstherapiegerät zu finanzieren. „So können wir die Kilometer an unsere Patienten weitergeben“, freut sich die Neurologin. Und weil gerade alle so gut in Schwung sind, läuft die gesunde Sammel­aktion auch im Jahr 2017 weiter. Inzwischen sammelt nicht nur das zwölfköpfige Ärzteteam, sondern auch die 24 Pflegekräfte der Stroke Unit und der Neurologie machen mit. Zusammen wollen sie bis Jahresende 10.000 Kilometer zurücklegen. Das ist nicht nur gesund, sondern fördert auch den Teamgeist, weiß Christine Schmidt: „Gemeinsam bewegen verbindet.“ 

Text Kirstin von Elm  Foto Roger Hagmann

Gemeinsam in Bewegung bleiben: Das Ärzteteam der Suhler Stroke Unit tauscht nach Feierabend weiße Kittel gegen Sportklamotten.

Stroke Units: Spezialisierte Hilfe bei Schlaganfall

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Je schneller eine Diagnose gestellt und die betroffenen Hirnregionen korrekt behandelt werden, desto höher ist für den Patienten die Chance, zu überleben ohne bleibende Schäden davonzutragen. Deshalb gibt es Stroke Units, in denen speziell ausgebildete Teams aus Ärzten verschiedener Fachrichtungen, Pflegekräften, Physio- und Ergotherapeuten besonders eng zusammenarbeiten – oft unter Anwendung neuartiger Operationsverfahren. Wie etwa das SRH Wald-Klinikum Gera, das bei der sogenannten mechanischen Thrombektomie für schwere Fälle, in denen ein Blutgerinnsel ein großes Hirngefäß verschließt, Pionierarbeit geleistet hat. Dabei wird das Blutgerinnsel mechanisch mit einem Mikrokatheter entfernt.
Über zertifizierte Stroke Units verfügen das SRH Zentralklinikum Suhl, das SRH Wald-Klinikum Gera, das SRH Klinikum Karlsbad-Lagensteinbach und die SRH Kliniken im Landkreis Sigmaringen.

Stroke Units in der Nähe finden: www.dsg-info.de