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Leben im Takt

Einige Jahre hat Suzana Visic auf ein neues Herz warten müssen. Ein Kunstherz half, die Zeit zu überbrücken. Heute lebt sie gut mit einem Spenderorgan.

Menschen, die auf ein Spenderherz warten, benötigen eine intensive Betreuung. Das SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg ist darauf spezialisiert, Patienten vor und nach einer Transplantation zu betreuen – insbesondere, wenn sie ein Kunstherz haben. 

20 Minuten auf dem Trimmrad. So lange hält Suzana Visic inzwischen durch. Auch die Spaziergänge im Park des SRH Kurpfalzkrankenhauses Heidelberg werden immer länger. Bisweilen beschwert sich sogar ihr Mann, sie gehe zu schnell. „Das habe ich ganz lange nicht erlebt“, lacht die 43-Jährige.

Schritt für Schritt kämpft sie sich in den Alltag zurück, entdeckt ein völlig neues Lebensgefühl. Ein Leben, in dem ein gesundes Herz in ihrer Brust klopft – ganz ­ruhig, ganz gleichmäßig. Am 28. Juli 2015 hat Suzana ­Visic ein neues Herz bekommen. Dieses Datum steht nun gleich­berechtigt mit ihrem Geburtstag im Kalender. 

Bereits mit 27 erhielt die Stuttgarterin die Diagnose Herzschwäche. Damals war der Defekt noch mit Medikamenten gut im Griff zu halten. Doch ihr allgemeiner Gesundheitszustand verschlechterte sich, das Herz wurde schwächer. Mit 39 Jahren kam sie nach einem Herzinfarkt zum ersten Mal ins Herzzentrum an der Uniklinik Heidelberg – und auf die Warteliste für ein Spenderherz. 

Dieses Jahr im April brach sie erneut zusammen, musste per Helikopter nach Heidelberg gebracht werden. Aufgrund der Herzschwäche waren viele ihrer Organe bereits schwer beeinträchtigt. Die Ärzte in Heidelberg rieten ihr dringend zu einem Kunstherzen – es sollte die Funktionen der restlichen Organe und ihre Gesamtkons­titution stabilisieren. „Das Kunstherz war Voraussetzung dafür, dass Suzana Visic eine Transplantation überhaupt gut überstehen konnte“, erklärt Dr. Philipp Ehlermann. Der Kardiologe leitet die Innere Medizin des SRH Kurpfalzkrankenhauses und ist zugleich in der Uniklinik Heidelberg tätig, einem der größten Herztransplantationszentren in Deutschland. Beide Krankenhäuser arbeiten Hand in Hand, wenn es um schwere Herzerkrankungen geht. Patienten, die in der Uniklinik behandelt werden, werden in der Regel vorher und nachher auf der anderen Seite des Neckars im Kurpfalzkrankenhaus engmaschig betreut. „Wir sind unter anderem darauf spezialisiert, Kunstherzpatienten zu versorgen“, betont Dr. Ehlermann – eine Disziplin, die viele andere Kliniken aus Mangel an Praxis eher scheuen. 

Für Suzana Visic folgte im Sommer dann die gute Nachricht: Ein Spenderherz war gefunden. Sie erinnert sich noch genau an das überwältigende Gefühl, als sie nach der Transplantation aus der Narkose aufwachte. „Es fühlte sich überhaupt nicht wie ein Fremdkörper an. Es passte einfach – und es hat vor allem so normal geschlagen.“ Suzana Visic hat insgesamt beinahe ein halbes Jahr in den beiden Krankenhäusern verbracht – den Großteil davon in der SRH Klinik. Sie lobt die persönliche Betreuung in dem übersichtlichen 102-Betten-Haus. „Als ich nach der Transplantation wieder hierhin verlegt wurde, empfing man mich beinahe wie ein Familienmitglied“, ­erinnert sie sich. „Diese Wohlfühlatmosphäre und das hohe Vertrauen, das ich in die Ärzte hatte, haben sicher besonders dazu beigetragen, dass alles so gut geklappt hat.“ 

„Zunächst wollte ich kein Kunstherz, heute bin ich sehr dankbar dafür.“
Heinrich Brixius, Patient

Warten mit einem Kunstherzen

Rund 20 Herztransplantationen stehen in der Heidelberger Uniklinik pro Jahr auf dem OP-Plan. Fünf bis sechs der Patienten hatten zuvor ein Kunstherz – so wie Heinrich Brixius. Der 60-Jährige hat seit Ende Juli ein künstliches Herz, seit September wird er in der Kurpfalzklinik betreut. Nach einer Herzmuskelentzündung vor elf Jahren hatte sich seine Herzfunktion Schritt für Schritt verringert. Niere und Leber waren bereits in Mitleidenschaft gezogen. „­Zunächst wollte ich kein Kunstherz, heute bin ich sehr dankbar dafür“, sagt er. „Was nützt mir schließlich später die Transplantation, wenn die Niere bis dahin so kaputt ist, dass ich dreimal pro Woche zur Dialyse muss.“ 

Sein Herz wird von rund 15 Kilogramm schweren Akkus angetrieben. Die schiebt Heinrich Brixius auf einem Trolley vor sich her – und bleibt daher weitgehend mobil. „Man gewöhnt sich daran“, versichert er. Ebenso an die Schläuche und an das monotone „Klick-Klack“ des Geräts. Seit 2014 steht er auf der Warteliste für ein Spenderherz. 

Nach der Kunstherz-OP kam es zu einem Schlaganfall, weil sich trotz maximaler Blutverdünnung wiederholt Gerinnsel im Kunstherzen gebildet hatten. Den Schlaganfall hat Brixius fast vollständig weggesteckt, doch der Zeitdruck für eine Transplantation stieg dadurch. Daher stellte das Herztransplantationsteam der Uniklinik für ihn bei Eurotransplant einen Antrag auf High-Urgent-Status (HU), der von einem unabhängigen Gutachterteam auch genehmigt wurde. 

Bis ein Spenderherz zur Verfügung steht – und das kann bei dem großen Mangel an Organen noch viele Monate dauern –, muss sich Brixius jetzt im nahen Umkreis der Klinik aufhalten. „Bis eines gefunden ist, das zu meiner Blutgruppe und meiner Körpergröße passt, bleibe ich also im Zweifel im Kurpfalzkrankenhaus“, fasst der ehemalige Bauleiter zusammen. Das Klinikteam weiß, wie die Schlaucheingänge im Brustkorb zu versorgen sind, die Kompressoren gewechselt werden oder welche Komplikationen auftreten können. Die Fachleute kennen die mög­lichen Wechselwirkungen von Medikamenten.

 

Notstand bei Spenderorganen

„Zurzeit sind Kunstherz-OPs noch eher die Ausnahme. Das könnte sich aber bald ändern“, prophezeit Kardiologe Ehlermann. Grund ist, dass sich das Verhältnis zwischen Herzpatienten und Spendern zunehmend verschlechtert. 2015 wurden nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation in den ersten neun Monaten 224 Herztransplantationen durchgeführt (siehe Grafik oben). Dem gegenüber standen laut Eurotransplant Ende September 781 Menschen, die auf ein Organ warteten. „Für eine optimale Versorgung bräuchten wir im Grunde zehnmal so viele Herzen wie in Deutschland verfügbar sind“, kalkuliert Ehlermann.
 
„Die Warterei ist das Schlimmste“, sagt Brixius, „man muss mental wirklich stabil sein.“ Er hat sich einen festen Tagesrhythmus geschaffen und versucht, sich immer neue Ziele zu setzen. Das hat auch Suzana Visic geholfen. „Ich wollte wieder gehen können, ohne nach zwei Schritten Luft holen zu müssen“, sagt sie. Außerdem möchte sie schon bald wieder in ihren Job als Versicherungskauffrau zurück. Jetzt geht sie erst einmal für drei bis fünf Wochen in die Reha nach Bad Schönborn. „Und dann freue ich mich riesig auf meine Wohnung in Stuttgart, die ich ein halbes Jahr nicht gesehen habe“, strahlt sie. Auch die werde sie bestimmt mit ganz neuen Augen sehen. So wie sie derzeit alles um sich herum viel intensiver wahrnimmt. 

Text Melanie Rübartsch
Fotos Martin Leissl

 

 

Die Kompressoren, die Blut durch sein Kunstherz pumpen, muss Heinrich Brixius immer dabeihaben. Dank der Rollen kann er trotzdem mobil sein.

SRH Kurpfalzkrankenhaus

Das SRH Kurpfalzkrankenhaus in Heidelberg ist ein Fachkrankenhaus für Innere Me­dizin, Neurologie und Dialyse. Es hat 102 Betten und zwölf Dialysestellplätze und beschäftigt 200 Mitarbeiter. 

Das Hämophiliezentrum der Klinik gehört zu den bundesweit größten für die Behandlung von Bluter-Krankheiten. Eine weitere Besonderheit ist die Spezialeinheit für die neurologische Frührehabilitation, in die Patienten nach Schlaganfall und anderen Schädigungen des Nervensystems aufgenommen werden. In einer interdisziplinären Intensivstation können jederzeit kritische Fälle versorgt werden. Die Klinik ist akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg.

www.kurpfalzkrankenhaus.de

In Sachen Kunstherz arbeiten die Ärzte des SRH Kurpfalzkrankenhauses unter anderem mit dem Modell Berlin Heart Excor: Mit diesem System können beide Herzkammern gleichzeitig unterstützt werden. Vier daumendicke Schläuche werden durch eine Öffnung im Brustkorb direkt mit den großen Blutgefäßen am Herzen verbunden. Außerhalb des Körpers sind die Schläuche mit zwei Kompres­soren verbunden, die das Blut über die Schläuche pulsierend in den Blutkreislauf pumpen.