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Mehr möglich machen

Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, andere neurologische Verletzungen – um Patienten mit solchen Diagnosen eine noch bessere Rückkehr in ihren Alltag zu ermöglichen, hat das SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg ein bundesweit einzigartiges Management für die Frührehabilitation etabliert.

Dass Fabian Marquardt irgendwann wieder lächeln, einzelne Worte finden und sich sogar etwas bewegen würde, hat bis vor Kurzem kaum jemand für möglich gehalten. Zu schwer war der Unfall vor mehr als einem Jahr: Der damals 26-Jährige ist zu Fuß in Stuttgart unterwegs, als er beim Überqueren einer mehrspurigen Straße von einem Geländewagen erfasst und mit voller Wucht auf den Asphalt geschleudert wird. Die Neurochirurgen im Stuttgarter Klinikum geben alles, um sein Leben zu retten, doch die Verletzungen sind schwer. 

„Als wir von dem Unfall erfuhren, sagte man uns gleich, dass wir mit allem rechnen müssten“, erinnert sich Christian Marquardt, Fabians Vater. „Es war ein ­riesiger Schock für uns alle, dass Fabian den Unfall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht über­leben kann.“ Erst nach Tagen und einer Reihe von Ope­rationen wird klar, dass er es doch schafft, aber wegen ­eines schweren Schädel-Hirn-Traumas und eines Schlaganfalls unter Umständen im Wachkoma bleiben wird. Nach zwei Monaten wird er zur neurologischen Frührehabilitation der Phase B ins SRH Kurpfalzkrankenhaus nach Heidelberg verlegt. „Als Fabian zu uns kam, hatten wir kaum Hoffnung, dass wir noch viel für ihn tun können“, erinnert sich Dr. Andreas Becker, Chefarzt der Abteilung für Neurologie. 

Vorlieben und Hobbys als Planungshilfe

Die Fortschritte, die der junge Mann seither gemacht hat, verdankt er vor allem der intensiven Reha-Betreuung. ­Dabei profitiert er von einem neuen, in Deutschland bisher einmaligen Managementsystem, das das SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg vor wenigen Monaten in der Frührehabilitation eingeführt hat. Bislang wurden Patienten und Reha-Maßnahmen über den Barthel-Index danach beurteilt, in welchem Maße Mobilität, Selbstversorgung und Körperpflege wiederhergestellt werden können. Das neue System beruht auf dem ICF-Modell und berücksichtigt nun auch die Lebensumstände des Patienten. „Es geht nicht mehr rein darum, die körperlichen Funktionen bestmöglich wie­derherzustellen. Wir sehen uns den jetzt chronisch kranken Patienten in seinem gesamten Lebensumfeld an und beziehen persönliche Faktoren wie seine Motivation, seine soziale und familiäre Integration, seine Vorlieben und Hobbys mit ein“, erklärt Neurologe Becker. So zählt bei der Reha-Planung und -Bewertung, was der Patient in seiner neuen Lebenslage für sein Wohlbefinden benötigt – oder was dafür hinderlich wäre. 

Familie weiß Bescheid

Weil viele Patienten aber noch so krank sind, dass sie nicht selbst Stellung nehmen können, ist das Reha-Team auf den Austausch mit den Angehörigen angewiesen. Wichtig ist deshalb das strukturierte Aufnahmegespräch. „Dabei fragen wir uns gemeinsam mit den Angehörigen: Wie hat der Patient vor seinem Unfall gelebt? Was war ihm wichtig? Welche Fähigkeiten waren für seinen Alltag besonders relevant?“, sagt Chefarzt Becker. 

So hat zum Beispiel eine betagte Seniorin, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, eine ganz andere Ausgangslage als ein 30-jähriger Marathonläufer, der nach einem Unfall unter der gleichen körper­lichen Beeinträchtigung leidet. „Beide stehen zwar vor demselben gesundheitlichen Problem, haben aber unterschiedliche Ziele für ihre Zukunft.“ Die eine möchte wieder so fit werden, dass es für die geliebte Gartenarbeit reicht, der andere will in den Leistungssport zurück. 

Auf Basis des Aufnahmegesprächs entwirft das Reha-Team aus Fachärzten, Therapeuten, Neuropsychologen, Pflegern und Mitarbeitern der klinischen Sozial­arbeit einen individuellen Therapieplan, der die Lebensumstände des Patienten berücksichtigt. Ziel ist, ihm die Teilnahme am täglichen Leben so gut es geht zu ermöglichen. Das bedeute nicht, betont Becker, dass die Wiederherstellung der körperlichen Funktionen nicht mehr wichtig sei, sie werde aber nun individuell bewertet. 

So waren im Aufnahmegespräch mit Fabian Marquardts Eltern sein sprachliches Geschick, sein BWL-Studium­­ auf Englisch in Singapur und sein Umgang mit unterschiedlichen Kulturen auf seinen vielen Reisen wichtige Aspekte, die neben den Zielen Mobilität und Selbstversorgung in die Planung einflossen. Darum nahm das Sprachtraining in seiner Reha großen Raum ein.

SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg

Das SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg ist ein Fachkrankenhaus für Innere Medizin, Neurologie und Dialyse mit 85 Betten und zwölf Dialyseplätzen. Im Hämophiliezentrum werden alle Erkrankungen rund um die Blutgerinnung behandelt. Das Krankenhaus betreut im Jahr rund 3.000 stationäre und 3.500 ambulante Patienten. Die Neurologie ist spezialisiert auf die Intensivüberwachung und Frührehabilitation von Patienten nach Schlaganfällen, mit Schädel-Hirn-Traumata oder Hirnentzündungen. Bereits in der Akutphase der Erkrankung wird am Wiedereinstieg in den Alltag gearbeitet.

www.kurpfalzkrankenhaus.de

SRH Kurpfalzkrankenhaus als Vorreiter

Neben dem Patienten profitiert seine Familie von dem neuen Modell. „Die Angehörigen werden schon früh auf die Herausforderungen vorbereitet, die möglicherweise nach der Klinik auf sie warten. So gewinnen sie Zeit, um Lösungswege zu finden“, erklärt Manfred Göbel von der klinischen Sozialarbeit des SRH Kurpfalzkrankenhauses. Zudem steigert die einheitliche ICF-Sprachregelung die Betreuungsqualität. „Die Kommunikation zwischen den Kollegen wird verbessert. Wir sparen Zeit, die dem Pa­tienten zugutekommt“, so Becker. Im Schnitt könne sich das Reha-Team dem Patienten eine Stunde mehr pro Tag widmen. Noch sammelt das SRH Kurpfalzkrankenhaus Erfahrungen mit dem neuen Management-Verfahren. In einigen Jahren soll es auch anderen Kliniken dienen. Erste Einrichtungen sind bereits interessiert: Das Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Ludwig-Maximilians- Universität München möchte den neuen Ansatz in seine internationalen Schulungsunterlagen aufnehmen. 

Christian Marquardt ist längst überzeugt: „Ich denke, da Fabian eine so gute Entwicklung genommen hat, ist das Gesamtkonzept wohl stimmig. Und die sehr persönliche Kommunikation mit Dr. Becker hat uns geholfen, die Situation besser zu verstehen und Vertrauen zu fassen.“ Dass sein Sohn vor einigen Wochen „wie durch ein Wunder“ das erste Mal wieder „Papa“ geflüstert hat und langsam immer mehr Worte findet, stimmt den Vater hoffnungsvoll. Der Chefarzt gibt ihm recht: „Mit 27 Jahren ist Fabian noch sehr jung. Und nach allem, was er jetzt schon erreicht hat, bin ich optimistisch, dass weitere Reha-Erfolge möglich sind.“ 

Text Julian Kerkhoff Fotos: SRH

„Das neue Reha-Management spart Zeit, die dem Patienten zugutekommt.“

Dr. Andreas Becker, Chefarzt der Abteilung für Neurologie am SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg

Schädel-Hirn-Trauma (SHT) steht für Schädelverletzungen, die Hirnschwellungen und/oder Blutungen im Gehirn verursachen und dadurch das Gehirngewebe schädigen. Für Mediziner ist es schwierig, die Folgen eines SHTs gleich abzuschätzen. Die Behandlung benötigt oft Jahre, und eine völlige Rehabilitation ist nicht immer möglich, sodass kör­perliche und geistige Einschränkungen bleiben können.

Zur neurologischen Früh­rehabilitation der Phase B kommen Menschen, die eine intensive Rehabilitation benötigen, gleich nach der medizinischen Akutversorgung. Je früher Reha-Maßnahmen beginnen, umso mehr kann erreicht werden. Viele Patienten können sich zuerst weder bewegen noch sprechen oder selbstständig atmen.

Das ICF-Modell (International Classification of Functioning, Disability and Health) ist ein 2001 von der Weltgesundheitsorganisation erstelltes Konzept, mit dem sich der Gesundheitszustand, die Behinderung und die sozialen Beeinträchtigungen eines Patienten international einheitlich beschreiben lassen. Neben den üblichen körper­lichen Funktionen beinhaltet das Modell auch die individuellen Lebensumstände.

Der Barthel-Index ist ein 1965 eingeführtes Bewertungsverfahren für die Fähigkeiten eines Patienten. Über ein Punkte­system wird ermittelt, wie gut ein Patient selbst sprechen, sitzen, laufen kann usw. Die Skala reicht von null für komplette Pflegebedürftigkeit bis 100 bei voller Selbstständigkeit.