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Mit offenen Armen

Um ihren Bedarf an qualifiziertem Personal zu decken, stellen immer mehr Krankenhäuser Pflegekräfte aus dem Ausland ein. Das Einarbeiten ist für alle Beteiligten anstrengend, aber es lohnt sich, wie das SRH Fachkrankenhaus Neresheim zeigt.

Wenn Galina Rais von ihrer Arbeit als Krankenschwester auf der Intensivpflegestation am SRH Fachkrankenhaus Neresheim und Basaler Simulation® in der Pflege oder Aromapflege erzählt, erinnert nur noch das gerollte „R“ daran, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Vor genau 20 Jahren kam die heute 43-Jährige mit ihrem Mann und einer kleinen Tochter aus Kasachstan, um sich im baden-württembergischen Neresheim ein neues Leben aufzubauen. Es fing nicht gut für sie an, das neue Leben. Obwohl die junge Frau als ärztliche Assistentin ausgebildet war, wollte ihr kein Krankenhaus im Umkreis ein Praktikum ermöglichen. Rais’ Deutsch war ihnen nicht gut genug. Das Praktikum war aber wichtig, um ihre ­Ausbildung anerkennen zu lassen. Nur damit durfte sie in Deutschland als Krankenschwester arbeiten. 
„Ich jobbte schließlich als Mädchen für alles in einem Metall verarbeitenden Betrieb und war schon bereit, meine medizinische Laufbahn abzuschreiben“, erinnert sich Galina Rais (Foto links). „Doch eine Beraterin im Regierungspräsidium war hartnäckig und drängte mich zu einer letzten Bewerbungsrunde.“ In den Gelben Seiten fand sie das SRH Fachkrankenhaus Neresheim (siehe Kasten S. 22). Dort zögerte man nicht lange. „Frau Rais war hervorragend ausgebildet, wollte arbeiten und sich inte­grieren. Warum es also nicht mal versuchen?“, erinnert sich der stellvertretende Pflegedienstleiter Michael Steube, der Galina Rais 2001 durch ihr Praktikum und ihre Anerkennungsprüfung begleitete. „Ich erinnere mich noch gut. Nach jeder Schicht hatte Frau Rais eine ganze DIN-A4-Seite mit Begriffen gesammelt, die bei der Arbeit aufgetaucht waren und die sie noch nicht kannte. Sie hat wirklich hart gebüffelt.“ Neun Monate lang begleitete sie die Kollegen durch den Pflegealltag, packte kräftig mit an und stellte Fragen, viele Fragen. 
„Am schwierigsten waren die medizinischen und intensivmedizinischen Vokabeln. Ich habe daheim sehr, sehr viel gelernt. Die Kollegen hatten es bestimmt nicht immer leicht mit mir“, lacht sie heute und ist ihnen unendlich dankbar für ihre Geduld damals. „Zum Glück ­haben wir viele neurologische Patienten, die man nicht überfordern darf, indem man zu viel redet.“ Michael Steube bestätigt: „Die Hand, die mit Verständnis pflegt, ist bei uns wichtiger als eine perfekte Aussprache.“

Mitarbeiter im Ausland suchen

Lange Zeit war Galina Rais so ziemlich die einzige aus­ländische Pflegekraft, die es zu integrieren galt. Das Fachkrankenhaus konnte seinen Personalbedarf bis vor Kurzem mit hiesigen Bewerbern decken. „Das hat sich nun geändert“, stellt Michael Steube fest. Die Klinik will zudem in den kommenden Jahren weiter wachsen. „Deshalb haben wir begonnen, uns auch mit ausländischen Pflegekräften zu verstärken“, erklärt Steube. „Wichtig ist uns aber, dass wir nur arbeitslose Bewerber nehmen. Wir wollen keinem Land die Fachkräfte wegfischen.“
Wie Neresheim geht es vielen Krankenhäusern, Altenheimen und anderen Pflegeeinrichtungen hierzu­lande. Die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit deuten den aktuellen Fachkräftemangel in Deutschland an: 100 offenen Stellen für Gesundheits- und Krankenpfleger standen im Dezember 2015 nur 80 Arbeitssuchende ­gegenüber. Es dauert 110 Tage, eine Stelle zu besetzen, deutlich länger als im Durchschnitt aller Berufe.

Aus diesem Grund schauen sich immer mehr 

Gesundheitsbetriebe im Ausland nach Personal um, vielfach unterstützt von staatlichen Initiativen wie etwa Triple Win, bei der um Pflegekräfte aus Bosnien-Herzegowina, Serbien, Tunesien und von den Philippinen geworben wird. Auch einige der SRH Krankenhäuser nehmen an ­Triple Win teil. So hat das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach darüber gut zwei Dutzend erfah­rene Mitarbeiter aus Bosnien und Serbien einstellen können. Das SRH Fachkrankenhaus Neresheim hat fünf Pflegekräfte über Triple Win gewonnen, vier weitere kommen über eine Vermittlungsagentur, die Kandidaten aus anderen Ländern anwirbt, ihnen bei ihren Anerkennungsverfahren hilft und sie sprachlich vorschult. 
Bevor ausländische Pflegekräfte überhaupt in Deutschland als Gesundheits- und Krankenpfleger arbeiten dürfen, müssen ihre heimischen Ausbildungen als gleichwertig anerkannt werden und erste Sprachkenntnisse vorliegen.

Brasilianisches Sprachwunder

Diese Hürde hat Walter Cardoso de Almeida schon erfolgreich genommen. Seit Juni ist das portugiesische Krankenpflege-Studium des gebürtigen Brasilianers anerkannt. ­Zudem hat er die B2-Sprachprüfung bestanden, sodass er als Gesundheits- und Krankenpfleger in Neresheim arbeiten kann. Die deutsche Sprache meistert Cardoso nach zwei Monaten Intensivkurs und viel Pauken nach Feierabend schon mit Bravour, meinen seine Kollegen – auch wenn er selbst sein Deutsch fürchterlich findet. „Krankenpflege ist mein Traumjob, und weil ich schon Berufserfahrung habe, fällt mir die Arbeit mit den Patienten leicht“, erklärt Cardoso. „Ich kann das, was der Patient hat und was er braucht, in seinen Augen und an seinem Körper ablesen.“ Aber die Sprache … „Ich schreibe jeden Tag Protokolle über meine Patienten. Aber meine Grammatik ist nicht gut, ich schreibe so viel falsch.“ Macht gar nichts, finden die Kollegen, sie kämen auch mit falscher Rechtschreibung klar. Vor Kurzem bestand Walter Cardoso de Almeida darauf, jetzt schon aktiv an einer Reha-Besprechung ­teilzunehmen. In diesen Runden sprechen Ärzte, Pfleger, Psychologen und Psychotherapeuten die Therapien für jeden Patienten durch – selbstverständlich auf Deutsch. „Ich habe drei Nächte nicht gut geschlafen, weil ich befürchtete, nicht gut genug vorbereitet zu sein“, erinnert sich Cardoso. „Aber ich arbeite hier, also will ich so etwas auch lernen.“ Natürlich lief alles glatt. 

 

 

„Meine Kollegen sind meine Freunde.“

Walter Cardoso de Almeida, Gesundheits- und Krankenpfleger aus Brasilien

 

Ankommen dauert lange

Dennoch ist die Integration ausländischer Pflegekräfte für alle Beteiligten kein Spaziergang, betont der stellvertretende Pflegedienstleiter Michael Steube. „Die Menschen sind medizinisch hervorragend ausgebildet. Davon pro­fitieren wir und die Patienten sehr. Dennoch müssen wir sie ins Team integrieren und ihnen deutsche Pflege beibringen.“ Für Waschen, Essen, An- und Ausziehen oder den Toilettengang sind im Ausland oft die Familie oder Hilfskräfte zuständig, sodass die neuen Kollegen diese Handgriffe noch gar nicht beherrschen. 
All das lasse sich zügig lernen, „das Einzige, was wirklich zwischen uns steht, ist die Sprachbarriere“, meint Steube. Nach sechs Monaten Training könne man alltagstauglich sprechen, sei aber noch weit entfernt von medizinischer Fachsprache. Ein Sprachlehrer der orts­ansässigen Volkshochschule trainiert deshalb die neuen Mitarbeiter intensiv. Im Dienst wird bewusst nur Deutsch gesprochen, erklärt Steube. „Klar dauert das Einarbeiten dann länger, aber auf lange Sicht wird es erfolgreicher sein.“ Es sei schließlich die Frage, wie gut ein Mitarbeiter integriert ist, wenn nach zwei Jahren die Übergaben und Visiten immer noch auf Englisch stattfinden.
Die standardisierte Einarbeitung, die es für neue deutschsprachige Kollegen gibt, hat die Klinik auf die ausländischen Kräfte übertragen. Jedem Neuling steht über mehrere Monate ein Mentor zur Seite, mit dem er in jeder Schicht zusammenarbeitet und der ihm alles zeigt. Gemeinschaftliche Besuche auf dem Weihnachtsmarkt, gemeinsame Feste sollen den neuen Kollegen auch beim privaten Ankommen helfen.

Trotzdem ist es nicht einfach für sie. Neresheim 

ist eine Kleinstadt und Walter Cardoso de Almeida der weit und breit einzige Brasilianer. Mit Familie und Freunden bleibt er via Skype in Kontakt. Per Bus besucht er die umliegenden Städte, das neue Fahrrad bringt ihn raus aufs Land. „Meine Kollegen sind meine Freunde“, sagt er. Gelegentlich unternimmt man etwas zusammen. „Aber die meiste Zeit bin ich vom Arbeiten und Lernen so müde, dass ich nur noch schlafe“, sagt er. Ständig im Kopf übersetzen zu müssen, ist anstrengend.
Die Anerkennung für das, was die ausländischen Pflegekräfte da leisten, ist bei den Patienten und ihren Angehörigen groß, berichtet Michael Steube. „Jeder stellt sich vor, er selbst müsste mit einer fremden Sprache in einem fremden Land neu anfangen. Davor zieht jeder den Hut.“ 

Walter Cardoso de Almeida ist zuversichtlich. 

„Ich denke, in ein, zwei Jahren spreche ich gut Deutsch und verstehe alles.“ Das wünscht ihm auch Galina Rais. Seit Juni ist die gebürtige Kasachin zertifizierte ehrenamtliche Seelsorgerin in ihrer evangelischen Gemeinde und wird 2018 ihre Fortbildung zur ärztlich geprüften Aroma­expertin abgeschlossen haben. Nach nun 20 Jahren in Deutschland findet sie sich langsam integriert und so richtig angekommen. 

Text Ulrike Heitze 

Fotos Patrick Schmidt, SRH

 

 

Das SRH Fachkrankenhaus Neresheim

Die neurologisch-neurochirurgische Klinik im östlichen Baden-Württemberg ist spezialisiert auf die Behandlung von Patienten mit schwersten Schädelhirntraumata und Hirnschädigungen. Auf drei Stationen inklusive eines OPs und 16 Intensivbehandlungsplätzen können 50 Patienten betreut werden. Anders als in vielen anderen Kliniken kann schon während der Intensivphase, sogar bei noch beatmeten Patienten, die Rehabilitation beginnen. Dabei werden auch computerassistierte Therapie­systeme eingesetzt. Das SRH Fachkrankenhaus Neresheim hat 199 Mitarbeiter, 109 davon in der Pflege. 

www.fachkrankenhaus-neresheim.de 

Basale Stimulation® ist ein pflegetherapeutisches Konzept, das die Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Bewegungsfähigkeiten von schwer beeinträchtigten Menschen fördert. Individuelle nonverbale Ansprachen wie Berührungen, Klänge, vertraute Stimmen, wohltuende Gerüche, farbiges Licht oder sanfte Vibrationen sollen Patienten erreichen und aktivieren.

Bei Aromapflege geht es um ätherische Öle in der Pflege. Die Inhalts- und Duftstoffe, die durch Verdampfen, Einreiben, Massieren oder Baden aufgenommen werden, sollen das Allgemeinbefinden des Patienten verbessern und seine Selbst­heilungskräfte anregen.

Triple Win ist ein Pilotprojekt der Bundesagentur für ­Arbeit und der Deutschen Gesellschaft für Internationale ­Zusammenarbeit (GIZ), um ausländische Krankenpflegekräfte zu gewinnen. Die GIZ arrangiert Vorstellungsgespräche mit den Kliniken und organisiert eine achtmonatige sprachliche und kulturelle Vorbereitung. Die Krankenhäuser zahlen dafür 3.900 Euro pro Teilnehmer. Bislang haben 250 Pflegekräfte eine Stelle in Deutschland angetreten. 260 sind noch im Training. 

www.triple-win-pflegekraefte.de