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Nicht ausgrenzen

Nach Gewalttaten wie dem Amoklauf in München konzentriert sich die öffentliche Debatte häufig auf die psychischen Probleme der Täter. Dadurch werden viele andere Patienten schnell ebenfalls als gefährlich abgestempelt. Wenig hilfreich findet das Prof. Dr. Matthias Weisbrod vom SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. 

Wann spricht man bei Patienten überhaupt von einer psychischen Erkrankung?

Prof. Dr. Matthias Weisbrod: Wenn eine krankhafte Beeinträchtigung beispielsweise der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens oder der sozialen Beziehungen vorliegt, die der Patient nicht selbst steuern kann. Nicht immer kann man das einem Betroffenen ansehen, aber es gibt Anzeichen: Wenn jemand etwa nicht mehr gut schläft, fahrig ist, schlecht isst, sich zurückzieht oder sonst wie in seinem Verhalten deutlich abweicht, können das Hinweise sein, dass es dem Betroffenen nicht gut geht. Was kaum einer weiß: Rein statistisch ist jedes Jahr beinahe ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland von mindestens einer see­lischen Störung betroffen. Dazu zählen etwa Ängste, Depressionen, Essstörungen und Süchte.

„Jedes Jahr ist beinahe ein Drittel der Erwachsenen von mindestens einer seelischen Störung betroffen.“

Prof. Dr. Matthias Weisbrod, Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach

Sind psychisch Kranke gewaltbereiter als Gesunde? 

Nein. Die meisten psychisch kranken Menschen ziehen sich eher zurück oder gefährden sich selbst als anderen etwas anzutun. Anders kann das etwa bei akuten Psychosen sein, wenn die Betroffenen den Bezug zur Realität verlieren. Insgesamt ist die Zahl der psychisch Kranken, die als fremdgefährdend eingestuft werden muss, aber sehr klein. Fatalerweise ist es aber diese Gruppe, die das Bild von psychisch Kranken in der Öffentlichkeit prägt. 

Wie sieht dieses Bild aus?

Gewalttaten übersteigen das Vorstellungsvermögen vieler Menschen derart, dass sie glauben, das kann nur ein psychisch Kranker gewesen sein. Das führt dazu, dass nach jeder Bluttat psychisch Kranke noch einmal misstrauischer beäugt und verstärkt als Gefahr für andere angesehen werden. Der starke Fokus auf die psychische Störung des Täters ­produziert außerdem regelmäßig öffentliche Forderungen, etwa nach verpflichtenden Gesundheitsscreenings, Arbeitsverboten für bestimmte Berufsgruppen oder eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht. Das verstärkt die Ängste gegenüber psychisch Kranken dann noch einmal. 

Wie wirkt das auf die Betroffenen? 

Steigen die Vorbehalte in der Gesellschaft, geben sich Menschen mit psychischen Problemen noch seltener zu erkennen, und es wird deutlich unwahrscheinlicher, dass sie sich überhaupt Hilfe holen. Dadurch steigt die Gefahr, dass sich ein psychisches Leiden weiter etabliert und sich die Symptome verschlimmern. Und nicht zuletzt kommen auch vielen selbst Zweifel, ob sie eine Gefahr für andere darstellen oder nicht.

Wie kann man stattdessen diese Menschen unterstützen? 

Man sollte nicht auf den Zug der Stigmatisierung aufspringen. Denn ­Betroffene, die sich verurteilt fühlen, neigen dazu, sich zurückzuziehen. Dabei ist es für eine erfolgreiche Behandlung entscheidend, dass sie sich öffnen und rechtzeitig Hilfe holen. Hierbei können Familie und Freunde zumindest moralische Unterstützung leisten. Kollegen wiederum sollten Betroffenen Verständnis entgegenbringen. Viele Firmen sind bereits sensibilisiert und unterstützen Mitarbeiter, die wegen einer psychischen Krankheit aussetzen mussten, mit speziellen Wiedereingliederungsprogrammen.

Wo liegen die größten Probleme bei der Rückkehr in den Job?

Nicht selten kommt es zu Rückfällen, und häufig wird auch die alte Belastbarkeit nicht wieder erreicht. Wichtig ist dann, alte Verhaltensmuster zu durchbrechen, um nicht wieder in eine Erschöpfungsspirale zu geraten. Das erfordert Offenheit, Wissen aus der Therapie – und Zeit. 

 

Interview Julian Kerkhoff

Hier finden psychisch Kranke Hilfe

Bundespsychotherapeutenkammer (www.bptk.de

Psychiatrisches Zentrum am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach und Aktiv gegen Stigma e. V. (beides Prof. Dr. Matthias Weisbrod, psychiatrie@kkl.srh.de, www.klinikum-karlsbad.de

SRH Rehakliniken in Magdeburg und Bad Kösen www.srh.de (/ Gesundheit / Unsere Rehakliniken)

SRH Rehaeinrichtung für psychisch Kranke www.rpk-karlsbad.de