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Schritt für Schritt in die Zukunft

Im Training mit Physio­therapeuten lernt Habbas Alshammari das ReWalk Exoskelett System zu beherrschen.

Drei Jahre lang konnte Habbas Alshammari nicht gehen. Im SRH Gesundheitszentrum in Bad Wimpfen hilft jetzt eine hochintelligente Maschine dem 26-Jährigen wieder auf die Beine. 

Jeder Schritt ist ein kleiner Sieg. Meter für Meter nimmt Habbas Alshammari dafür seine ganze Kraft zusammen und kämpft sich mit hoch konzentriertem Gesicht über den Übungsplatz des SRH Gesundheitszentrums Bad Wimpfen – immer zwei Trainer an seiner Seite, die ihn lotsen, Bewegungen vormachen, Details erklären. Seine Hände hat der 26-Jährige auf Unterarmkrücken gestützt, die ihm beim Laufen sicheren Halt geben, während er schon mit beiden Beinen in der Zukunft steckt. „ReWalk Exoskelett System“ heißt die intelligente Neuroprothese: zwei schwarze Schienen, die der junge Mann von der Hüfte bis zum Knöchel trägt und die seine Beine vorwärtsbewegen. 

Noch vor Kurzem war es für Habbas Alshammari unvorstellbar, jemals wieder gehen zu können. Der 26-Jährige ist von der Hüfte abwärts gelähmt und saß drei Jahre lang im Rollstuhl, bevor er das erste Mal von dem Exoskelett in Deutschland hörte. 5.000 Kilometer ist er von seiner Heimat Saudi-Arabien für die Chance geflogen, in Bad Wimpfen mit dieser hochmodernen Laufmaschine zu trainieren. 

Science-Fiction zum Anziehen

„Das ,ReWalk Exoskelett System‘ eignet sich für Patienten mit einem kompletten und inkompletten Querschnitt, bei denen sämtliche Nervenverbindungen zwischen Beinen und Gehirn unterbrochen sind“, erklärt Professor Dr. Volker Hömberg, Chefarzt der Neurologie am SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen. Damit die Neuroprothese richtig eingesetzt werden kann, liegt dieser Querschnitt idealerweise zwischen dem siebten und zwölften Brustwirbel. Das heißt, der Patient kann Kopf, Arme und Rumpf fühlen und bewegen, spürt aber seine Beine nicht mehr. Eine Tumor-Operation oder ein Trauma können die Ursachen für die Rückenmarksverletzung und damit einen kompletten Querschnitt sein. Habbas Alsham­mari verlor die Fähigkeit zu gehen bei einem Verkehrsunfall. „Als ich erfuhr, dass ich nicht mehr laufen kann, fühlte ich mich wie im falschen Film, in einer neuen Welt ohne Hoffnung. Mithilfe meiner Familie und Gott habe ich meinen Zustand aber mit der Zeit akzeptiert.“ 

Das „ReWalk Exoskelett System“ soll jetzt imitieren, was Habbas Körper seit drei Jahren nicht mehr eigenständig kann: seine Beine zu heben, zu senken und abzuknicken. Allerdings wird die Bewegung nicht wie bei einem gesunden Menschen durch Nervenimpulse vom Gehirn und Muskelkontraktionen in den Beinen ausgelöst. „Die Neuroprothese greift nicht in den Körper ein, sondern ist sozusagen um den Menschen herumgebaut“, erklärt der Chefarzt. 

Deshalb trägt der Patient das Herzstück des Systems in einem Rucksack auf dem Rücken mit sich: einen batteriebetriebenen Computer, der über Kabel mit den Schienen an den Beinen verbunden ist und die Motoren in den künstlichen Gelenken steuert. 

 

 

„Die Neuroprothese greift nicht in den Körper ein, sondern ist sozusagen um den Menschen herumgebaut.“

Prof. Dr. Volker Hömberg, Chefarzt Neurologie

 

Aufrecht durchs Leben gehen

Was sich wie Science-Fiction liest, hört sich im Praxistest auch ein wenig so an: Bei jedem Schritt schnurrt die Hydraulik und erzeugt ein Geräusch, das an laufende Roboter in Kinofilmen erinnert. Schaffen Testläufer wie Habbas Alshammari anfangs nur wenige Meter über flachen Boden, geht das Exoskelett nach ein paar Monaten Training viel weiter: über Treppen und schiefe Ebenen, durch Gras oder auf Waldwegen. 

„Mindestens genauso wichtig wie das reine Vorwärtskommen ist es den Menschen, die mit dem „ReWalk Exoskelett System“ üben, aufzustehen und aufrecht durchs Leben zu gehen“, weiß Neurologe Volker Hömberg. Dem Partner bei der Umarmung gerade in die Augen zu blicken oder das Lieblingsbuch einfach aus dem obersten Regalfach nehmen zu können – oft sind es die ganz alltäglichen Wünsche, die Querschnittpatienten an die Tür des Chef­arztes in Bad Wimpfen klopfen lassen. Und dennoch ist das „ReWalk Exoskelett System“ längst nicht für jeden Patienten das Richtige.

Denn gegenüber der intelligenten Neuroprothese hat der klassische Rollstuhl auch klare Vorteile: Das Sitzen entlastet den gelähmten Teil des Körpers, und mit ein wenig Übung gelangt man mit dem Rolli heute fast überall hin, kann einkaufen, ins Theater gehen und sogar Auto fahren. Der Umgang mit dem hochintelligenten Exoskelett ist dagegen vergleichbar mit dem Erlernen eines Musikinstruments – ohne regelmäßiges Üben geht gar nichts.

 

 

So funktioniert das „ReWalk Exoskelett System“

Hinter der Marke „ReWalk Exoskelett System“ steckt ein roboterhaftes Exoskelett, das am Körper getragen wird. Die batteriebetriebenen, motorisierten Beine laufen aber nicht von selbst: Die Bewegung der künstlichen Knie- und Hüftgelenke in den Prothesen wird vom Benutzer durch regelmäßige Bewegung des Oberkörpers ausgelöst. Möglich macht das ein cleveres Zusammenspiel aus Stützapparaten, Bewegungssensoren und einem Steuerungscomputer, der die Bewegung des Oberkörpers in Schritte übersetzt. Patienten mit einer Rückenmarksverletzung, die von der Hüfte abwärts gelähmt sind, können dank des Exoskeletts wieder aufrecht stehen, gehen und sogar Treppen steigen. Die Kosten für den 100.000 Euro teuren Apparat werden derzeit von einigen Unfallversicherern und der Berufsgenossenschaft übernommen.

www.rewalk.com

Alles andere als ein Selbstläufer

Weil die Drehachsen der Motoren dafür genau an der richtigen Stelle am Bein sitzen müssen, fängt die Kunst des künstlichen Gehens schon beim Anziehen an. „Am Anfang wusste ich weder, wie ich in die Prothese hineinkomme, noch wann ich auf welchen Knopf drücken muss!“, erinnert sich der 26-Jährige an die ersten unbeholfenen Testläufe, bei denen er oft nach wenigen Schritten schlappmachte – auch weil der Körper immer mitarbeiten muss. 

Denn das „ReWalk Exoskelett System“ ist alles andere als ein Selbstläufer: Damit das Exoskelett in Schwung kommt, muss der Mensch die Bewegung der Kunstbeine beim Gehen immer wieder anregen. Ein kleiner Kraftakt, bei dem die Muskeln der Oberarme über die Krücken den Körper mit abstützen müssen, während der Oberkörper durch eine leichte, regelmäßige Vor- und Rückwärtsbewegung die Gewichtsverlagerung beim normalen Gehen nachahmt. Der Computer übersetzt diese Bewegungen über die Kunstbeine in gleichmäßige Schritte.

Fortschritt in ein neues Leben

„Ein Patient sollte deswegen nicht nur fit, sondern vor allem auch motiviert genug sein, um das tägliche Training auf sich zu nehmen, dass dieses System einfach braucht“, bestätigt Professor Hömberg die noch jungen Studienergebnisse zur Thematik. Das „ReWalk Exoskelett System“ ist erst seit einigen Jahren auf dem deutschen Markt zu haben. Laut dem Hersteller haben es hierzulande bislang einige Hundert Patienten ausprobieren können, Habbas Alshammari am SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen ist einer von ihnen. Wieder auf zwei Beinen durchs Leben zu gehen, wenn auch mit der Hilfe einer hochmodernen Maschine: Das ist das große Ziel, dem er jeden Tag einen Schritt näher kommt und dabei manchmal sogar schon vergisst, dass sein Körper auch einmal eine Pause braucht. „Natürlich fühlt sich das künstliche Gehen anders an als normales Laufen“, erzählt er, während seine Füße abwechselnd auf dem Boden auftreten, ohne den rauen Untergrund des Trainingsgeländes, den Turnschuh auf der Haut oder das Gewicht seines Körpers zu spüren. Durch das inten­sive Training ist die Maschine dennoch ein alltäglicher Begleiter geworden: „Das Exoskelett ist ein neuer Teil von mir, den ich morgens einfach erst anziehen muss.“

Ob er diesen neuen Teil seines Körpers bald mit nach Hause nehmen kann, ist noch ungewiss. Die Regierung seines Heimatlandes entscheidet derzeit, ob sie die Kosten für das 100.000 Euro teure „ReWalk Exoskelett System“ übernehmen wird. Dennoch erlaubt sich Habbas schon heute, von einem Leben mit dem Exoskelett zu träumen. Das ­Abitur hat er in der Tasche. Auf zwei künstlichen Beinen würde er gerne neue Wege gehen, vielleicht studieren oder eine Ausbildung machen, neue Hobbys starten. Natürlich wäre das alles auch mit Rollstuhl möglich. Hier macht nicht die Technik den Unterschied, sondern das Ge­fühl: „Ich sehe endlich wieder eine Zukunft vor mir und traue mich, Pläne zu schmieden!“

Dieser Fortschritt ist keine 100.000 Euro wert. Er ist unbezahlbar. 

Text Kristina Junker   Foto: SRH

Das SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen

Das SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen ist eine Fachklinik für Prävention, Rehabilitation und Anschlussheilbehandlungen mit drei Fachabteilungen: Innere Medizin, Orthopädie und Neurologie mit den Rehabilitationsphasen C und D. Insgesamt stehen 350 Betten zur Verfügung, jährlich werden rund 6.000 Patienten behandelt. 2015 wurde das „Haus der Neurologie“ eröffnet, das nun mehr Bettenkapazitäten und mehr Therapieflächen bietet. Dort ist auch das neue Referenzzentrum für computergestützte Therapie angesiedelt.

www.gesundheitszentrum-badwimpfen.de

Stolze zwölf Kilogramm, so viel wie ein durchschnittliches Fahrrad, bringt der Gehanzug auf die Waage.

Pause für Habbas Alshammari. Die täglichen Trainingseinheiten strengen ordentlich an.

Über eine Art Uhr am Handgelenk kann der Patient Kraft und Tempo der unterstützenden Beinschienen steuern.

Als kompletten Querschnitt, auch Plegie genannt, bezeichnet man eine Lähmung an den unteren und oberen Ex- tremitäten oder am Rumpf, bei der das Rückenmark vollständig durchtrennt oder geschädigt ist. Dann fehlen dem Patienten in dieser Körperregion Muskelkraft und Empfindungsvermögen voll­ständig. Bei einem inkompletten Querschnitt (Parese) dagegen sind Teilfunktionen noch erhalten.