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Therapie auf Augenhöhe

Dr. Frank-Thomas Bopp freut sich, dass die Einführung des Sigmaringer Modells erste positive Veränderungen im Stationsalltag bewirkt hat.

Miteinander reden, aneinander wachsen – darauf setzt das SRH Krankenhaus Sigmaringen. Dank des „Sigmaringer Modells“ werden Patienten in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik von Anfang an intensiv in die Gestaltung ihrer Behandlung ein­gebunden. So wenig Zwang wie möglich anzuwenden, baut Ängste ab und Vertrauen auf. Davon profitieren Patienten, Angehörige und Mitarbeiter.

Was genau sind Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie?

Dr. Frank-Thomas Bopp: Das sind Maßnahmen am Patienten, die gegen seinen Willen eingesetzt werden. Das kann die Gabe von beruhigenden Medikamenten sein, die Unterbringung in Isolationsräumen oder die Fixierung der Gliedmaßen und des Bauches. Zwangsmaßnahmen müssen jedoch der Situation angemessen sein. Dazu gehört, den Betroffenen so wenig einzuschränken und zu entwürdigen wie möglich.

Wann und wie oft werden sie nötig?

Grundsätzlich werden sie nur als letztes Mittel angewandt, etwa wenn der Patient sich selbst oder andere erheblich gefährdet und ihm anders kein Einhalt geboten werden kann. In der psychiatrischen Einrichtung im SRH Krankenhaus Sigmaringen waren im vergangenen Jahr bei etwa 20 Prozent der Patienten auf der Aufnahmestation Zwangsmaßnahmen nötig, was dem bundesweiten Durchschnitt entspricht. Doch wir wollen noch besser werden.

„Zentral ist der Teamgedanke: Gemeinsam mit dem Patienten entscheiden wir, wie die Behandlung aussieht.“

Dr. Frank-Thomas Bopp, Chefarzt in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am SRH Krankenhaus Sigmaringen

Warum sind Zwangsmaßnahmen problematisch?

Patienten erleben sie als demütigend, insbesondere Fixierungen. Das kann mitunter zu Traumatisierungen und zum Abbruch der therapeu­tischen Beziehung durch den Patienten führen. Unser Ziel ist daher, Zwangsmaßnahmen so selten und so kurz wie möglich einzusetzen. Und da, wo sie unvermeidbar sind, um eine Eigen- oder Fremdgefährdung abzuwenden, sollten sie so professionell wie möglich angewandt werden, um die Würde des Patienten zu wahren. 

Und an dieser Stelle greift das Sigmaringer Modell?

Ja. Deshalb haben wir in unserem Hause in enger Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Tilman Steinert vom Zentrum für Psychiatrie Weißenau in Ravensburg das Sigmaringer Modell entwickelt. Damit rücken wir von der althergebrachten Denkweise „Ich weiß, was gut für dich ist“ ab. Denn die Grundlage jeder Therapie muss sein, den Patienten zu überzeugen und seine Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Wie genau funktioniert das?

Wir beziehen die Patienten und deren Angehörige systematisch und von Anfang an in die Gestaltung des Behandlungsplans ein. Wir kommunizieren deutlich mehr mit allen Beteiligten. Denn zentral ist der Teamgedanke: Gemeinsam mit dem Patienten entscheiden wir, wie die Behandlung aussehen wird und wie wir zum Beispiel idealerweise reagieren können, wenn sich der Patient nicht mehr unter Kontrolle hat. Das baut Vertrauen auf und hilft, Widerstände zu reduzieren. Zudem führen wir intensive Nachbesprechungen mit dem Patienten und den Mitarbeitern, wenn wir doch einmal Zwangsmaßnahmen an­wenden mussten. Und natürlich werten wir genauestens aus, unter welchen Umständen diese zustande kamen.

Wie erfolgreich ist das Sigmaringer Modell bisher?

Da wir erst seit Juli 2016 mit dem Modell arbeiten, haben wir noch keine belastbaren Ergebnisse. Aber wir können bereits jetzt die von uns erwarteten Vorteile beobachten. So müssen wir nur noch halb so viele Zwangsmaßnahmen vornehmen wie zuvor. Sie dauern auch nicht mehr so lange. Davon profitieren nicht nur die Patienten, sondern auch die Mitarbeiter, für die das Anwenden von Zwangsmaßnahmen natürlich auch belastend ist.

www.kliniken-sigmaringen.de

Interview Julian Kerkhoff  Foto: SRH