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Tiefenentspannt

Bogenschießen ist als Freizeitsport gerade der Renner – und hilft Patienten in der Reha-Therapie erfolgreich auf die Beine.

Konzentriert hebt Dirk Kockskämper den Holzbogen in seiner linken Hand auf Schulterhöhe, zieht langsam mit der rechten Hand die Sehne bis ans Kinn und visiert in aller Ruhe die gelbe Mitte der Zielscheibe an. Als er die Hand öffnet, schnellt die Sehne los, der Pfeil bohrt sich einen Sekundenbruchteil später in den roten Ring gleich neben dem Gelb. Dirk Kockskämper lächelt zufrieden – und greift nach dem nächsten Pfeil in seinem Köcher. Kaum zu glauben, dass das Herz des kräftig gebauten 51-Jährigen erst vor Kurzem gefährliche Kapriolen schlug. Herzinfarkt. 
Gerade mal drei Wochen später steht er nun in der Sporthalle des SRH Gesundheitszentrums Bad Wimpfen zur Anschlussheilbehandlung und übt sich zweimal pro Woche im Therapeutischen Bogenschießen. „Es macht nicht nur enorm viel Spaß“, sagt Kockskämper. „Man muss sich auch konzentrieren, denkt an nichts und kommt zur Ruhe. Daran hapert es im Alltag ja allzu oft.“ Mit ein Auslöser für Herzinfarkte, weiß Dr. Reinhard Lang, Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie, und verweist darauf, dass laut Weltgesundheitsorganisation gut 60 Prozent aller Erkrankungen auf Stress zurück­gehen.
„Bogenschießen ist ein Zusammenspiel aus anspannen und entspannen, aus sich konzentrieren und nachlassen, Ruhe und Geschwindigkeit. Dieses Wechselspiel ist in unserer modernen Gesellschaft ein bisschen aus der Balance geraten“, erklärt er. 
Das meditative Element war deshalb einer der Gründe, warum das SRH Gesundheitszentrum das The­rapeutische Bogenschießen vor knapp zwei Jahren als ­Anwendung für Reha-Patienten in seine Sporttherapie ­aufgenommen hat. Aber es war längst nicht der einzige Grund: „Bogenschießen vertieft zudem die Atmung, stabilisiert und stärkt die Hals- und Nackenmuskulatur, den Rücken und trainiert Bewegungsabläufe“, erklärt Chefarzt Lang. Ein hilfreiches Angebot also für kardiologisch und für orthopädisch Erkrankte, wenn sie nicht frisch operiert sind. Sogar neurologische Patienten, etwa nach einem Schlaganfall, können Bogenschießen betreiben, „solange sie noch über eine ausreichende Restmotorik verfügen“.

Spaß und Erfolgserlebnis 

Und das Angebot kommt an. Die Nachfrage unter den Patienten ist so groß, dass Trainer Jürgen Littig (www.bogenschiessen-trainer-jl.jimdo.com) mittlerweile jeden Donnerstag und Samstag für einige Stunden anrückt. In Gruppen mit bis zu vier Teilnehmern bringt er ihnen penibel alles bei, was sie benötigen, um den Sport auch nach der Reha fortführen zu können. Materialkunde, Geschichte, Sicherheit und vor allem Haltung und Technik. „Bogenschießen ist längst nicht so statisch, wie es aussieht“, erklärt der Deutsche Meister von 2005. „Es ist eine Abfolge von vielen, vielen kleinen Bewegungen, die den Kopf ganz schön beschäftigen.“Kein Wunder also, dass die Patienten in den 40 Minuten pro Therapieeinheit ihre Erkrankung schnell mal vergessen. „Man muss immer bedenken, dass diese Menschen gerade einen schweren Schicksalsschlag hinter sich haben und innerhalb kurzer Zeit feststellen mussten, was alles nicht mehr geht. Und dann kommt da ein neuer Sport daher und sie merken, dass sie ­Sachen können, die sie gar nicht mehr für möglich gehalten hätten“, sagt Jürgen Littig, der seit 1994 Bogenschützen trainiert. „Es kommt oft vor, dass Reha-Teil­nehmer beim Aufwärmen noch rückmelden, dass sie eine bestimmte Bewegung nicht machen können, aber sobald sie den Bogen in der Hand haben, kommt Ehrgeiz auf und die Bewegung klappt plötzlich.“Der 60-Jährige hatte in den vergangenen Jahren selbst mit schweren Herzproblemen zu kämpfen. Als er 2013 als Herz-Patient zur Reha ins SRH Gesundheits­zen­trum kommt, entsteht gemeinsam mit Chefarzt Rein­hard Lang die Idee, das Therapeutische Bogenschießen in Bad Wimpfen einzuführen. Es wird auch ­bereits in etlichen anderen Kliniken und Reha-Einrichtungen in Deutschland eingesetzt. „Der Bogensport hat mir so sehr geholfen, mich wieder aufzurappeln. Diese Erfahrung kann ich nun an andere weitergeben“, freut sich Littig.

„Die Patienten merken plötzlich, dass sie Sachen können, die sie gar nicht mehr für möglich gehalten hätten.“

Jürgen Littig, Trainer für das Therapeutische Bogenschießen

Bewegung als Ventil für Stress

Die Reaktionen auf das Therapieangebot seien durch die Bank gut, sagt der Chefarzt. Das Positive am Bogenschießen sei, dass sich der Erfolg recht schnell einstelle, erst die psychologischen Effekte, dann die körperlichen. Lang berichtet von einem 85-jährigen Herz-Patienten, der seine anhaltenden Rückenschmerzen schließlich über Pfeil und Bogen in den Griff bekommen habe und „mit Freude feststellte, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört“. 
Bewegung an sich sei so immens wichtig, betont der Kardiologe: „Sie ist eine hervorragende Hilfe, die Stresshormonkonzentration in unserem Körper abzuarbeiten.“ Egal ob Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht oder Fettstoffwechselstörungen, alles wird zum Beispiel durch Laufen, Radeln, Schwimmen besser. „Die Ange­bote, die wir Patienten in der Reha machen, sind deshalb nur als Anregung zu verstehen“, mahnt Lang. „Sie sind erst dann wirklich hilfreich, wenn sie zu Hause fortgeführt werden.“ Welche Form von Bewegung dabei die passendste ist, hängt in erster Linie vom Ziel ab (siehe Kasten). Sollen nach einer Operation Muskeln wieder aufgebaut werden, hilft gezieltes Krafttraining. Die größte gesundheitsfördernde Wirkung hat, so belegen Studien, Ausdauertraining. Herz-Patienten empfiehlt man deshalb zwei Drittel Ausdauer- und ein Drittel Krafttraining. 
Egal aber, für welche Form von Bewegung sich ein Patient letztlich entscheidet, das A und O ist: Spaß muss sie machen. Sonst hält keiner lange durch. 

Text Ulrike Heitze  Foto: Guntier/photocase.de

Herz-Patient Dirk Kockskämper beim Therapeutischen Bogenschießen. Trainer Jürgen Littig setzt bewusst auf Bögen mit ­Visier. Die erfordern ­exakte Bewegungs­abläufe und höchste Konzentration.

Welcher Sport für welchen Zweck*?

Badminton– Beweglichkeit, Ausdauer/Kondition, Reaktionsvermögen
(Beach)Volleyball– Kraft, Ausdauer/Kondition
Bogenschießen– Konzentration, Koordination, Kraft, Entspannung
Fitnessstudio– Kraft, Ausdauer/Kondition, Beweglichkeit (je nach gewählter Übung)
Fußball– Schnelligkeit, Ausdauer/Kondition, Beweglichkeit
Golf– Koordination, Ausdauer/Kondition 
Inlineskaten– Koordination, Ausdauer/Kondition, Kraft 
Joggen– Ausdauer/Kondition
Klettern– Koordination, Kraft, Ausdauer/Kondition
Nordic Walking– Ausdauer/Kondition
Pilates– Koordination, Beweglichkeit, Konzentration, Kraft
Radfahren– Ausdauer/Kondition, Kraft
Rudern– Kraft, Ausdauer/Kondition, Koordination
Schwimmen– Ausdauer/Kondition
Tennis– Koordination, Beweglichkeit, Ausdauer/Kondition
Wandern– Ausdauer/Kondition
Wasserski– Koordination, Kraft
Windsurfen– Kraft, Koordination, Ausdauer/Kondition
Yoga– Konzentration, Koordination, Beweglichkeit, Entspannung
* Fitnessfaktoren, die der jeweilige Sport hauptsächlich trainiert

Das SRH Gesundheitszen­trum Bad Wimpfen ist eine Fachklinik für Prävention, Rehabilitation und Anschlussheilbehandlungen mit insgesamt 350 Betten. In den drei Fachabtei­lungen Innere Medizin, Orthopädie und Neurologie der Reha-Phasen C und D werden jährlich rund 6.000 Patienten behandelt. 
Das sportliche Reha-Angebot besteht zum Beispiel aus Schwimmen, Aquafitness, ­Rückenschule, Wirbelsäulen­gymnastik, Therapeutischem Klettern sowie Bogenschießen, ­Pilates, Nordic Walking und Ergometertraining.

www.gesundheitszentrum-badwimpfen.de