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Viel hilft viel

Mithilfe von Therapierobotern und Videospielen sollen Menschen nach einem Schlaganfall am SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen verloren gegangene Fähigkeiten wieder neu lernen. 

Das Training beginnt bereits beim Aufstehen. Ein Therapeut am SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen übt mit einem Patienten, der vor etwa vier Wochen einen Schlaganfall erlitten hat, aus dem Bett zu steigen. Nach dem Frühstück folgen Gehübungen auf dem Laufband oder an Geländern. Anschließend kommen die Thera­pie­roboter ins Spiel. Angeleitet trainiert der Patient intensiv einzelne Bewegungsabläufe mit Unterstützung von sogenannten Exoskeletten. Ab 17 Uhr steht ­Eigentraining etwa mit Videospielen auf dem Plan. Ein ausgefüllter Tag für die Reha-Teilnehmer.

Neu lernen statt kompensieren

Bei der neurologischen Rehabilitation von Schlaganfallpatienten mit schweren Lähmungen geht das etwa 30-köpfige Team in Bad Wimpfen neue Wege. Grundlage ist die impairmentorientierte Rehabilitation. „Anders als die bisher vor allem angewandte funktionelle Therapie setzt sie unmittelbar an dem erlittenen Defizit an und versucht, die zuständigen Nervensysteme in der Hirnregion wieder zu aktivieren“, erklärt Prof. Dr. Volker Hömberg, Chefarzt der Neurologie am SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen. Das Gehirn soll sich nach dem Schlaganfall reorganisieren. 

Ziel ist es, beispielsweise bei einem Menschen mit einem gelähmten rechten Arm alles zu versuchen, um diesen wieder voll einsatzfähig zu machen. Bei der üblichen funktionellen Therapie steht dagegen im Vordergrund, andere Körperfunktionen so zu trainieren, dass sie die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit kompensieren. Der rechts eingeschränkte Patient etwa würde trainieren, künftig alles mit der gesunden linken Hand zu erledigen. Indem bei der neuen Methode einzelne Bewegungsabläufe ständig wiederholt werden, „kann eine natürliche Nervenaktivität wieder entstehen“, sagt der Mediziner. Eine Voraussetzung: Die Erkrankten beginnen ein bis drei Wochen nach dem Schlaganfall mit dem Training. Denn das Zeitfenster, um die verloren gegangenen neurologischen Funktionen wiederherzustellen, ist klein.

Die impairmentorientierte Therapie beinhaltet verschiedene Ansätze. Das Zentrum in Bad Wimpfen ist eines der ersten weltweit, das sie systematisch und auf den jeweiligen Patienten abgestimmt zusammenfasst. Dabei kommen auch Techniken der Elektrostimulation von Nerven, Muskeln und den beeinträchtigten Hirnregionen, Medikamente, die den Hirnstoffwechsel anregen sollen, und computergestützte Systeme wie Therapieroboter oder Videospiele zum Einsatz. 

Die Roboter nutzt das Reha-Team bereits seit 2014. Mit ihnen lässt sich eine Wiederholungssequenz sicherstellen, die ein Therapeut rein körperlich gar nicht erreichen könnte. Jemand, dessen rechtes Bein beispielsweise nach einem Schädel-Hirn-Trauma gelähmt ist, kann mithilfe zweier Therapeuten in einer halben Stunde maximal 200 Schritte zurücklegen. Mit einem Roboter schafft er 1.200 Schritte.

Chefarzt Prof. Dr. Volker Hömberg will die tägliche Therapiedauer kontinuierlich erhöhen.

Individuelles Trainingspensum 

Die Innovation besteht aber nicht allein in dem Zusammenführen der Hilfsmittel. Es geht auch darum, den ­Therapietag für die Reha-Teilnehmer im Rahmen der finanziellen und personellen Möglichkeiten deutlich zu verlängern. „Bislang hat der Patient üblicherweise feste Termine, die ihn täglich drei bis vier Stunden beschäftigen“, weiß Chefarzt Hömberg. Die neuartige Methode ist aber nur erfolgreich, wenn deutlich mehr trainiert wird. „Die Übungen müssen zudem möglichst abwechslungsreich sein, damit der Patient motiviert bleibt.“

Diese Überlegung stellte das Team aus Ärzten, Therapeuten und Pflegern vor eine enorme organisatorische Herausforderung: „Damit wir mit allen Patienten in gleicher Qualität über mehrere Stunden arbeiten können, mussten wir unseren kompletten Behandlungsablauf verändern“, erinnert sich Therapieleiterin Katja Reinders. Geholfen hat dabei unter anderem der Einsatz von therapeutischen Spielen, die weitgehend im Eigentraining genutzt werden können. Zum Beispiel pflückt der Patient am Computer Blumen oder legt Äpfel in Körbe. Ein angeschlossener Roboter unterstützt ihn entsprechend dem Grad seiner Einschränkung bei der Bewegung. Was der Patient auf dem Bildschirm sieht, sorgt für ein Biofeedback an das Gehirn, das die Bewegung darüber im besten Fall neu lernt.

Einen Erfolg können Ärzte und Therapeuten al­lerdings nicht garantieren. „Es gibt immer wieder Patienten, bei denen wir relativ schnell feststellen, dass die neuen Ansätze nicht anschlagen“, berichtet Chefarzt Hömberg. Dann muss das Team auf eine rein funktio­nelle Rehabilitation umstellen, um dem Patienten die Rückkehr in den Alltag zu erleichtern. Die Arbeit der Therapeuten ist mit dem neuen Behandlungskonzept ­anspruchsvoller geworden. „Sie brauchen ein umfassenderes Wissen über die verschiedenen Therapieansätze, technisches Know-how und vor allem Organisations­talent“, weiß Reinders. Allein zwei Kollegen sind in erster Linie damit beschäftigt, die Anwendungspläne zu k­oordinieren. Das Wichtigste ist und bleibt jedoch der Blick auf den Patienten. „Alle Maßnahmen stimmen wir vor allem darauf ab, wie belastbar er ist und inwieweit seine Seele mitmacht“, formuliert es Reinders. Die meisten nähmen die neuen Methoden sehr gut an. Berührungsängste mit Robotern oder dem Computer gebe es selten.

Gut ein Viertel aller Neurologie-Patienten in Bad Wimpfen profitiert bereits von dem neuen Konzept. Alle sind Phase-C-Patienten, die nach einem Schlaganfall stark pflegebedürftig und mehr oder weniger immobil sind. Außerdem ist die Methode auch bei Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma, Parkinson oder Multipler Sklerose anwendbar. Durchschnittlich vier bis sechs Wochen dauert die Rehabilitation. Sechs Stunden Training sind für die Patienten inzwischen die Regel. Schritt für Schritt will Prof. Hömberg auf acht bis zehn Stunden kommen. Denn: Viel hilft viel. 

www.gesundheitszentrum-badwimpfen.de

Text Melanie Rübartsch Fotos Hartmut Nägele

Exoskelett bedeutet übersetzt Außenskelett. Künstliche Exoskelette kommen zum Beispiel als Orthesen in der Medizin zum Einsatz. Inzwischen gibt es sie aber auch als am Körper tragbare Roboter, die die Bewegungen des Trägers unterstützen, indem Servomotoren Gelenke des Exoskeletts antreiben.

Ein Schlaganfall ist ein unvermittelt einsetzender Ausfall bestimmter Funktionen des Gehirns. Ursache kann eine Mangeldurchblutung sein (Hirn­infarkt) oder der Austritt von Blut in das Hirngewebe (Hirnblutung). Knapp 270.000 Schlaganfälle ereignen sich jährlich in Deutschland. Häufige Folge sind einseitige Lähmungen.