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Weg mit den Stolperfallen

Nicht selten stürzen ältere Menschen und verletzen sich schwer. Und mit jedem Sturz wächst die Angst. Dabei ist es gar nicht so schwer, vorzubeugen.

Schwimmen, Laufen, Musizieren und in früheren Jahren sogar Bungee-Jumpen – Renate Heuchel ist ein sehr ak­tiver Mensch. Und doch kämpft auch die 78-Jährige mit alterstypischen Problemen: „Ich bin in letzter Zeit öfter gefallen. Im letzten Jahr war dann sogar das Sprunggelenk gebrochen. Das hat mich alles fürchterlich geärgert. Aber ich muss da jetzt wirklich ein bisschen aufpassen“, erzählt die ehemalige Lungenärztin. 

Tatsächlich sind Stürze gerade bei älteren Menschen ein wunder Punkt. Sie kommen öfter vor und haben schwerwiegendere Folgen. So zeigen Studien, dass fast jeder Dritte über 65 Jahre und jeder Zweite über 80 mindestens einmal jährlich im eigenen Haushalt stürzen. Rund ein Drittel dieser Unfälle führt zu Knochenbrüchen, jeder vierte Gestürzte landet im Krankenhaus. „Wir erleben in solchen Fällen viele der klassischen Bruchformen: Handgelenksfrakturen, Wirbelbrüche und die so gefürchteten Schenkelhalsfrakturen“, beobachtet Prof. Dr. Reiner Oberbeck, Leiter der Klinik für Unfallchirurgie am Wald-
Klinikum Gera. 

80 Prozent der geriatrischen Sturzopfer, die stationär behandelt werden müssen, werden anschließend zum Pflegefall. „Ein Bruch, insbesondere einer des Schenkelhalses, ist ein sehr einschneidendes Erlebnis für einen älteren Menschen“, weiß der Chefarzt, der in der Klinik als Unfall- und Handchirurg arbeitet. „Allein durch die Narkose und die Bettlägerigkeit baut der Körper sehr ab.“ Auch geistig hinterlässt so ein Sturz Spuren. Betroffene verlieren leicht das Vertrauen in die eigene Selbstständigkeit, werden ängstlich. All das macht Prävention zu einem wich­tigen – und zu einem generationsübergreifenden Thema. „Der Sturz an sich betrifft zwar die Älteren“, sagt Oberbeck. „Aber mit den Folgen müssen auch Angehörige und Pflegepersonal umgehen.“ Deshalb ist es Aufgabe aller Beteiligten, Unfallrisiken abzustellen, bevor etwas passiert.

Infoquellen rund um Sturzvermeidung

- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.gesund-aktiv-aelter-werden.de und www.aelter-werden-in-balance.de

- Verschiedene Sozialverbände: www.trittsicher.org

- Deutscher Turner-Bund: www.dtb-online.de (- Gymwelt -Ältere)

Wohnqualität verändert sich

Tatsächlich lässt sich einiges tun, um Sturzgefahren zu mindern. So sind die Wohnungen von Senioren oft nicht mehr ihrer körperlichen Konstitution entsprechend ein­gerichtet. Wich man als junger Mensch losen Teppich­kanten oder herumhängenden Lampen- und Telefon­kabeln noch behände aus, so werden sie für Mobilitäts-einge­schränkte schnell zur Stolperfalle. War die Treppe ins Obergeschoss jahrzehntelang ein Kinderspiel, kann sie im Alter ebenso zur echten Hürde werden wie der Einstieg in die Badewanne oder das filigrane Beistelltischchen, das leicht umkippt (siehe Beispiele links). Die Maßnahmen, die das Leben in diesen vier Wänden wieder einfacher machen, sind oft recht unaufwendig: Antirutschmatten in Dusche, Badewanne oder unter dem Wohnzimmerteppich, Haltegriffe an neuralgischen Punkten, standfestes Mobiliar oder barrierefreie Laufwege erfordern keine großen Investitionen – nur die Einsicht, dass etwas getan werden muss.

Neben diesen äußeren Einflüssen erhöhen auch körperliche Umstände das individuelle Sturzrisiko (siehe Kasten S. 24). Wer etwa Probleme mit den Augen, den Ohren oder dem Gleichgewicht hat, lebt per se sturz­gefährdeter und tut gut daran, diese Einschränkungen beim Arzt behandeln und regelmäßig checken zu lassen. Die Kombination von mehr als vier Medikamenten oder Schlaf- und Beruhigungsmittel erhöhen nachweislich das Sturzrisiko. Patienten sollten ihre Ärzte deshalb immer gut über sämtliche Medikationen informiert halten, um Wechselwirkungen zu vermeiden.

Ein zuverlässiges Mittel gegen Stürze und ihre Folgen ist körperliche Fitness, betonen Altersmediziner. Wer ­regelmäßig seine Muskeln trainiert und sein Gleichgewicht schult, bewegt sich sicherer. 

30%

der über 65-Jährigen stürzen jährlich mindestens einmal. Bei den über 80-Jährigen ist es sogar jeder Zweite. Quellen: Robert Koch-Institut, Statistisches Bundesamt, Deutsches Zentrum für Altersfragen

Der Sturzangst aktiv begegnen 

30 bis 60 Prozent der gestürzten Patienten entwickeln ein sogenanntes Post-Fall-Syndrom, erklärt Chefarzt Reiner Oberbeck die Angst, erneut hinzufallen. Betroffene nehmen ihre Umgebung dann argwöhnischer wahr, werden – wie Renate Heuchel – zögerlicher. „Im schlimmsten Fall kommt es zu einer kompletten sozialen Ausgrenzung, weil sich die Senioren nicht mehr aus dem Haus trauen“, sagt Oberbeck. Oft kommt eine verhängnisvolle Spirale in Gang: Aus Angst bewegen sich die Menschen nicht mehr so agil wie früher, die Muskeln bauen ab, der Gang wird unsicher, was dann den nächsten Sturz begünstigt. 

In Bewegung zu bleiben, ist also auch nach einem Sturz das A und O. Hilfreich kann da, so zeigen Studien, zum Beispiel Physiotherapie sein, um den Körper durch angeleitete Übungen wieder fit zu bekommen. Doch was lässt sich aus psychologischer Sicht tun, um Sturzpatienten die Angst zu nehmen? Dieser Frage ging im Frühjahr eine Pilotstudie der SRH Hochschule für Gesundheit Gera nach. Zehn Senioren mit Sturzangst, unter ihnen auch Renate Heuchel, wurden über mehrere Wochen von drei angehenden Gesundheitspsychologen in Sachen Entspannungstechniken trainiert.

„Man wird durch Vorbeugung nicht alle Stürze verhindern können, aber doch viele.“
Prof. Dr. Reiner Oberbeck, Chefarzt am SRH Wald-Klinikum Gera

Prof. Dr. Franziska Einsle, Studiengangsleiterin im Masterstudiengang Psychische Gesundheit und Psychotherapie, erklärt die Grundidee: „Sobald zum Beispiel jemand an eine Treppe kommt, die ihm Angst macht und ihn wacklig werden lässt, entspannt er gedanklich erst einmal und geht die Treppe dann viel ruhiger an.“ Das Ganze basiert auf dem Prinzip der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson, die für das Sturzangst-Projekt so weit verfeinert wurde, dass die Senioren mit ein bisschen Übung die vorgesehenen Anspannungsphasen nur noch in Gedanken durchzuspielen brauchten und gleich zur Entspannung übergehen konnten. Zusätzlich bekamen die Teilnehmer von angehenden Physiothe­rapeuten der Hochschule unterstützend Stabilisierungs-, Gleichgewichts- und Kräftigungsübungen gezeigt. 

Psychologin Franziska Einsle ist mit den Forschungsergebnissen sehr zufrieden: „Weil die Gruppe so klein war, können wir noch keine revolutionären Ergebnisse vorweisen, aber eine Tendenz sehen wir schon. In der Summe ist die Sturzangst bei den Teilnehmern leicht zurückgegangen, die Gangsicherheit wurde leicht besser.“ Weitere Projekte sind deshalb in Vorbereitung. 

Auch Rentnerin Renate Heuchel will bei der Stange bleiben. „Ich fahre viel Straßenbahn. Da habe ich Zeit, meine Übungen zu machen.“ Sowohl das Entspannungstraining wie auch das Muskelaufbauprogramm hätten ihr sehr gutgetan, sagt sie. „Insgesamt fühle ich mich durch das Training schon deutlich sicherer.“ 

www.waldklinikumgera.de / www.srh-gesundheitshochschule.de

Text Ulrike Heitze
Illustration Stephan Schmitz

Das erhöht die Gefahr hinzufallen

- Schwache, untrainierte Muskeln, schlechte Kondition
- Vorangegangene Stürze
- Schwindel, schlechtes Gleichgewicht, unsicherer Gang
- Sturzangst
- Medikamente und ihre Nebenwirkungen
- Alter über 80 Jahre
- Depressionen
- Arthritis
- Schlechtes Sehvermögen, falsche Brille

 

Häufige Fallstricke 

- Gewellte Teppichkanten
- Unpraktisches Schuhwerk 
- Schlechte Beleuchtung
- Lose Kabel oder andere Stolperfallen
- Bücherstapel, Zeitungsständer, Haustiere & Co zum Drüberfallen
- Überfüllte Zimmer, die das Manövrieren schwierig machen
- Steile Treppen ohne Geländer 
- Unebene oder rutschige Fußböden und Stufen 
- Duschen oder Badewannen ohne Antirutschmatten
- Arbeiten in der Höhe auf wackligen Stühlen statt Trittleitern
- Unaufmerksamkeit, überhastete Bewegungen
- Wackliges, nicht standfestes Mobiliar (Tische, Regale)

Maßnahmen, mit denen sich Häuser und Wohnungen ­altersgerecht umbauen lassen, hat Susanne Edinger, Professorin an der SRH Hochschule Heidelberg, in einer Forschungs­arbeit zusammengetragen. Ihre Ergebnisse gibt es als „Handbuch Barrierereduzierung im ­Bestand“ (Beuth Verlag 2015, 120 Seiten, 68 Euro).