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Wenn die Luft raus ist

Vier harmlose Buchstaben – COPD – stehen für eine der am meisten verbreiteten und eine der gefährlichsten chronischen Lungenerkrankungen. Millionen Menschen sind betroffen. Was sich gegen eine Raucherlunge tun lässt. 

Irgendwann wurde Manfred Weiß klar, dass er mehr hat als nur einen „normalen“ Raucherhusten. Beinahe täglich hustete er Auswurf aus. Die Atemzüge wurden immer häufiger und flacher. Beängstigend sei das gewesen, erinnert sich der heute 71-Jährige. Die Diagnose seines Arztes lautete schließlich: COPD. 
Die Krankheit war bereits weit fortgeschritten. Weiß’ Bronchien waren chronisch entzündet. Bronchiektasen, sackförmige Ausweitungen der Bronchien, hatten sich gebildet. Darin sammelte sich vermehrt Schleim, ein perfekter Nährboden für Bakterien. 2001 musste sich der Thüringer schließlich einen Lungen­flügel entfernen lassen – und gleichzeitig lernen, dass er dennoch dauerhaft auf Hilfe angewiesen sein würde. Regelmäßig geht er nun in die pneumologische Klinik des Lungenkrebszentrums am SRH Wald-Klinikum Gera, um sich bronchoskopieren zu lassen. Dabei wird das Sekret aus seinen Bronchien gesaugt. „Das verschafft mir dann für einige Zeit Linderung“, sagt der Rentner. 

Raucher besonders gefährdet

Manfred Weiß ist kein Einzelfall. COPD zählt zu den häufigsten Erkrankungen weltweit. Laut Weltgesundheitsorganisation sind rund um den Globus fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen über 40 Jahren betroffen. Viele sogar, ohne es zu wissen. Deshalb ist die Dunkelziffer hoch. Bis zum Jahr 2030, so schätzen Experten, wird sich COPD zur vierthäufigsten Todesur­sache entwickelt haben. Als Risikofaktor Nummer eins gilt Rauchen. Auch Passivrauchen. Ungesunde Er­nährung und wenig Bewegung verstärken die Gefahr. Weit­aus seltener sind angeborene Defekte. 

Das Tückische an der Erkrankung: Einmal beschädigtes Lungengewebe lässt sich nicht wiederherstellen. Bei COPD gibt es also keine Heilung. „Sämtliche Behandlungen konzentrieren sich daher darauf, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten zu verhindern“, erklärt Prof. Dr. Susanne Lang, Chefärztin der pneumologischen Klinik am SRH Wald-Klinikum Gera. In den vergangenen 20 Jahren habe sich dabei eine Menge getan. So hätten die Krankenkassen etwa für COPD-Patienten ein Chronikerprogramm aufgelegt. Dafür seien unter anderem auch zahlreiche Hausärzte geschult worden. Das erhöht die Chancen, dass die Krankheit früh genug entdeckt wird.

Zudem hat die Wissenschaft die Krankheit und ihre Ursachen noch intensiver erforscht. Eine wichtige Erkenntnis: Es gibt sehr unterschiedliche Ausprägungen und Ursachen, die verschiedene Therapien nach sich ziehen. Grob unterscheiden die Mediziner zwei COPD-Typen: den Pink Puffer und den Blue Bloater. Bei Ersterem steht ein Lungenemphysem als Ursache im Vor­dergrund. Die meist untergewichtigen Patienten leiden unter einer Überblähung der Lunge, Reizhusten und Atemnot. Die oft übergewichtigen Blue Bloater da­gegen kämpfen in erster Linie mit einer chronischen Entzündung der Bronchien. Sie leiden unter starkem Husten, Auswurf und Sauerstoffmangel im Blut.

Früherkennung ist lebenswichtig

Problematisch in beiden Fällen ist, dass die Menschen ihre Krankheit zu spät erkennen. „Sie tun ihre Symptome als typische Raucherprobleme ab. Dass Organe bereits unwiederbringlich zerstört werden, ist ihnen nicht klar“, mahnt Prof. Lang. Die Medizinerin spricht vom AHA-Effekt – Atemnot, Husten und Auswurf – bei dem die Patienten spätestens aktiv werden müssten.

Der erste Schritt in der Behandlung: das Rauchen stoppen – und zwar sofort. „Jede weitere Ziga­rette beschleunigt den Abbau der Lunge“, bringt es Dr. Susanne Lang auf den Punkt (Tipps siehe Infokasten Seite 20). Auch Impfungen gegen Grippe oder Pneumokokken gehören zum Standardprogramm. „Denn eine Infektion der Atemwege kann zu einer akuten Verschlechterung der COPD führen“, sagt die Lungenspezialistin. 

Medikamente helfen, um zum Beispiel die ­Bronchien zu erweitern, die Lungenleistung zu verbessern und das Sekret abzuhusten. Das erfolgt in der Regel über Inhalationen, die die Erkrankten regelmäßig durchführen müssen. Zudem gibt es Apparate, die den Patienten mittels Oszillation – Schwingungen – ermöglichen, besser abzuhusten. Miniimpulse von außen imitieren kleine Hustenstöße und mobilisieren so das festsitzende Sekret.

Raucher erkranken 13-mal häufiger an COPD als Nichtraucher. Das macht Rauchen zum Hauptrisikofaktor.

Die Patienten haben es selbst in der Hand

In einer nächsten Stufe kann die Sauerstofftherapie folgen. „Über einen Nasenschlauch wird dem Patienten permanent Sauerstoff zugeführt, was seine Atemmuskulatur entlasten soll“, erklärt Claudia Heise, Atmungstherapeutin am SRH Wald-Klinikum Gera. Die Sauerstoffflaschen lassen sich als Rucksack aufschnallen oder auf einem Rollator abstellen. „Das Argument, die Therapie behindere den Alltag, lasse ich daher nicht gelten“, sagt Heise. In der Klinik zeigt sie ihren Patienten, wie sie die Geräte handhaben. „Sie müssen die Nasenbrille auch zu Hause wirklich konsequent tragen“, mahnt die Therapeutin.

Atmungstherapeuten bringen COPDlern dar­über hinaus Techniken bei, die das Abhusten von Bronchialschleim verbessern oder ihre Kurzatmigkeit reduzieren können. Dazu gehört etwa die Lippenbremse: „Die Patienten atmen durch die Nase tief ein und pressen beim Ausatmen die Lippen wie einen Wasserschlauch zusammen“, beschreibt Heise. Der dadurch erhöhte Widerstand bei der Ausatmung sorgt für einen Luftrückstau, der den Luftdruck in den Bronchien erhöht und einem Kollaps der Atemwege entgegenwirkt.

Auch Maßnahmen wie der Kutschersitz – aufrecht sitzen und Arme auf den Oberschenkel legen – oder mit dem Rücken an die Wand lehnen entlasten die Atemmuskulatur. Zudem lernen die Patienten, ihre körperliche Belastung gezielt an ihre Atmung anzu­passen. Die Regel dabei: „Anstrengendes beim Aus­atmen unternehmen“, rät Claudia Heise. 

Nichtraucher werden

/Kurse zur Raucherentwöhnung basieren in der Regel auf Verhaltens­therapien. Manche Krankenkassen tragen die Kosten. 

/Nikotinersatzprodukte sollen Entzugserscheinungen und das Verlangen nach einer Kippe abmildern. Nikotinpflaster & Co geben Nikotin langsamer, aber dafür sicherer ab als Zigaretten. Sie sind zudem frei von Teer, Kohlenmonoxid und krebserregenden Stoffen.

/Zu den Medikamenten gegen Entzugserscheinungen zählen die verschreibungspflichtigen Mittel Bupropion (Zyban) oder Vareniclin (Champix). Nebenwirkungen: Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche oder Übelkeit.

/Einige Raucher haben es per Hypnose geschafft aufzuhören. Wissenschaftlich belegt ist die Wirkung nicht.

/Auch Akupunktur soll helfen. Ihr bescheinigt die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften immerhin einen Placebo-Effekt.

/Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt umfangreich Tipps unter: 
www.rauchfrei-info.de

Bewegen, bewegen, bewegen

Extrem wichtig für COPD-Patienten ist Sport. „Wenn sich COPDler wegen ihrer Atemnot immer weniger bewegen, verschlechtert sich ihre Gesamtkonstitution, was wiederum die Krankheit voranschreiten lässt“, erläutert Chefärztin Lang den Teufelskreis. Mit Lungensport und körperlichem Training können die Patienten die Leistungsfähigkeit ihrer Muskulatur dagegen so verbessern, dass sie höhere Belastungen mit weniger Atemaufwand durchführen können. Je kräftiger und beweglicher zudem der Brustkorb ist, desto besser können sie abhusten.

Sport, Inhalationen und Atmungstherapie sind deshalb feste Bestandteile von pulmonalen Rehabilitationen. In der Regel geht es für mindestens drei Wochen an Orte mit salzhaltiger Luft – an die Nordsee oder in Heilbäder, die Soleanwendungen anbieten. Salz bindet Wasser aus der Atemluft und hält es auf der Oberfläche der Atemwege fest. Damit werden die Schleimhäute auf ­natürliche Art und Weise befeuchtet, und tief sitzender Schleim wird gelöst. 

Nach der Reha geht es vielen Patienten deutlich besser. Der Haken dabei: „Wie es danach weitergeht, ist in Deutschland noch nicht optimal organisiert“, sagt Prof. Dr. Lang. Welche weiteren Therapien die Kassen dann ­finanzieren, sei sehr unterschiedlich. „Oft liegt es damit vor allem an den Patienten selbst, am Ball zu bleiben und zum Beispiel eine Lungensportgruppe aufzusuchen, Entspannungs- und Atemübungen zu machen, konsequent zu inhalieren und sich von Infekten fernzuhalten“, betont die Ärztin. Alle halbe Jahre sollten sie zudem einen Lungenfacharzt aufsuchen.

„Sämtliche Behandlungen kon­zentrieren sich darauf, Symptome zu lindern und das Fortschreiten zu verhindern.“

Prof. Dr. Susanne Lang, Chefärztin der pneumologischen Klinik am SRH Wald-Klinikum Gera

Operation als letztes Mittel

Erst wenn sich der Krankheitszustand trotz Medikamenten, Atemübungen und Sport deutlich verschlechtert, kommen operative Maßnahmen in Betracht. Bei Patienten wie Manfred Weiß, die eher zu Bronchitis neigen, kann das Entfernen von Lungenteilen ein weiteres Fortschreiten der Krankheit für eine Zeit aufhalten. Bei eher zu Überblähung der Lunge neigenden COPDlern geht es darum, das Lungenvolumen künstlich zu reduzieren, etwa durch das Einsetzen von Ventilen oder Metallspangen in die Lunge. Alternativ lassen Biokleber oder Wasserdampf die betroffenen Lungenbezirke einschrumpfen und verkümmern.

„Ob und welche Methode dem Patienten für wie lange Besserung bringen kann, ist immer eine Frage des Einzelfalls und muss medizinisch gut geprüft werden“, betont Lang. Zudem müsse man sich darüber im Klaren sein, dass all diese Eingriffe in die Lunge unumkehrbar sind. Die Professorin mahnt zudem: „Keine Operation ist ein Freibrief dafür, Sport oder Bewegung aufzugeben.“ Den Vorsprung, den ein Patient durch eine OP gewinnt, kann er nur durch weiteres Training für sich nutzen. 

Wie stark COPD letztlich das eigene Leben einschränkt, hängt vom Stadium der Krankheit ab. Nehmen die Beschwerden zu, wird ein normales Leben immer schwieriger. „Jeden Schritt muss ich überlegen“, schildert zum Beispiel Manfred Weiß. Wenn er es noch nicht einmal mehr von der Haustür zur Garage schafft, weiß er, dass es wieder Zeit für eine erneute Bronchoskopie ist.

www.waldklinikumgera.de


Text Melanie Rübartsch Foto: SRH

COPD steht für chronic obstructive pulmonary disease. Weil sehr oft Raucher betroffen sind, ist die chronisch obstruktive Lungenerkrankung auch als Raucherlunge bekannt. Es kann aber auch Nichtraucher treffen. COPD entsteht nicht plötzlich, sondern entwickelt sich über Jahre. Oft wirken mehrere Ursachen – wie dauerhaft entzündete und verengte Bronchien oder Lungenemphyseme – in unterschiedlicher Ausprägung zusammen. Die Folgen: Das Atmen fällt schwer, der Schleim in den Bronchien lässt sich nicht mehr komplett abhusten. Zu Atemnot, Kurzatmigkeit und Reiz­husten können in der Folge auch Herz-Kreislauf-Probleme kommen. 

Infos für COPD-Patienten

www.copd-deutschland.de 

www.lungensport.org 

www.gesundheitsinformation.de / Themen von A bis Z / COPD