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Wenn nichts mehr hält

Viele Frauen leiden unter einer Beckenbodensenkung. Die Folgen sind manchmal so gravierend, dass nur eine Operation hilft. Das SRH Wald-Klinikum Gera arbeitet mit einer einzigartigen, besonders schonenden Methode.

Durch die Stadt schlendern, sich mit Freunden auf einen Kaffee treffen oder im eigenen Garten entspannen. So verbringt Sittah Rinke am liebsten ihre Freizeit. Doch lange war an so etwas gar nicht zu denken. Ständiger Harn- und Stuhldrang sowie Inkontinenz ließen die 52-Jährige nicht mehr zur Ruhe kommen, zwangen sie immer wieder ganz plötzlich auf die Toilette. Eine große Belastung auch in ihrem Beruf als Mitarbeiterin im Catering. „Das hat mich im Alltag total eingeschränkt und frustriert“, erinnert sich Rinke. Wie viele Frauen litt sie unter den Folgen einer Beckenbodenschwäche. Hilfe fand sie an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin am SRH Wald-Klinikum Gera. Dort operiert Chefarzt Dr. Norman Krause seit einigen Jahren nach einer außergewöhnlichen Methode. 

„Normalerweise stützt die Beckenbodenmuskulatur zwischen Scham- und Kreuzbein die inneren Organe von unten. Im Laufe eines Lebens ist der Beckenboden einer Frau aber vielen Belastungen ausgesetzt. Dadurch kommt es dort zu Störungen: Die Gebärmutter, die Blase und der Enddarm verlieren ihren Halt und senken sich unterschiedlich ab“, erklärt Gynäkologe Krause. 

Operation kann helfen

Die Folge: Die Betroffenen empfinden einen unangenehmen Druck und leiden häufig unter unkontrolliertem Harnverlust, etwa beim Niesen oder Husten. Oder aber die Blase kann nicht mehr vollständig entleert werden. Ist der Mastdarm, der unterste Teil des Dickdarms, betroffen, kommen oft noch Verstopfungen und manchmal sogar Stuhlinkontinenz hinzu. Im schlimmsten Fall ist die Senkung so gravierend, dass einzelne Organe durch den Scheidenausgang nach außen treten. Das führt zu Problemen beim Gehen und Sitzen sowie zu Entzündungen und Geschwüren an der nach außen gestülpten Scheidenwand. „Solange es bei der Inkontinenz bleibt, scheuen viele betroffene Frauen aus Scham den Gang zum Arzt. Oder sie finden, dass eine Operation nicht im Verhältnis zu ihrem Leiden steht“, beobachtet Dr. Norman Krause. Doch mit einer Operation können die Folgen einer Beckenbodensenkung behoben werden. Die Organe werden quasi neu fixiert. Früher war das nur über einen Bauchschnitt möglich. Mittlerweile hat sich der Eingriff von unten durch die Vagina durchgesetzt. „Das ist schonender, sodass sich die Patientinnen schneller erholen“, sagt der Gynäkologe. 

Möglichst wenig Fremdmaterial

Eine ältere Methode fixiert dabei außerhalb des natürlichen Verlaufs der Scheide. Sie wird stark nach hinten verlagert und weicht nach rechts deutlich von der Mittellinie ab. Das führt später häufig zu Beschwerden im Becken oder beim Geschlechtsverkehr. Zudem gilt grundsätzlich, dass bei jeder Methode möglichst wenig Fremdmaterial im Körper verbleiben sollte, um spätere Schmerzen im Becken zu vermeiden. So eine OP wird aber dann problematisch, wenn es zuvor bereits einen Eingriff wegen einer Beckenbodensenkung gegeben hat. Dann muss man oft mit einem Kunststoffnetz das Gewebe verstärken. 

Eine ganz besondere Lösung für all diese Probleme bringt die vaginale Kolpo-Rekto-Sakropexie, die Dr. Norman Krause 1998 am Universitätsklinikum Jena entwickelt hat. Dabei wird die Vagina nicht mit einem Netz, sondern mit zwei Kunststofffäden direkt am Kreuzbein fixiert. So behält sie ihre Form und Position in der Körpermitte bei. Das Verfahren wurde weltweit erst bei etwa 2.000 Frauen angewandt. Die Frauenklinik am SRH Wald-Klinikum Gera ist bis heute die einzige Einrichtung, die die ­vaginale Kolpo-Rekto-Sakropexie als Standardverfahren einsetzt. „Ich bin davon überzeugt, dass diese schonende und komplikationsarme Methode einen entscheidenden Fortschritt für die sichere Fixierung der Vagina bedeutet“, sagt Krause. Dennoch sei die Methode kein Patentrezept gegen sämtliche Senkungszustände. Vor allem, wenn sich die Blase gesenkt hat, seien häufig noch weitere Operationsschritte nötig. Wichtig für den vollen Erfolg sei auch, dass die Patientinnen im Anschluss ihren Beckenboden gezielt mit physiotherapeutischen Übungen trainieren. „Alle Frauen, die das unter Anleitung geübt haben, empfanden ihren Beckenboden als stabiler und hatten weniger Beschwerden beim Husten oder Heben.“

Auch Sittah Rinke ist von den Vorteilen der Kolpo-Rekto-Sakropexie mehr als überzeugt. Sie konnte schon eine Woche nach dem Eingriff die Klinik verlassen – und das beschwerdefrei. „Hätte ich das gewusst, hätte ich nicht so lange mit der OP gewartet“, erklärt sie. Nur so schwer heben wie früher darf sie nicht mehr. „Aber das Wichtigste ist, dass ich meinen Körper jetzt wieder unter Kontrolle habe und das Leben genießen kann.“ 

www.waldklinikumgera.de

 

Text Julian Kerkhoff

Tipps für einen starken Beckenboden

· Regelmäßiger Sport. Hilfreiche Sportarten: Schwimmen, Radfahren, Walken/Wandern, Reiten. Vorsicht bei Sportarten mit Stoßbelastung wie Tennis, Joggen oder Volleyball. Sie stressen den Beckenboden eher.
· Nicht schwer heben. Wenn es doch sein muss, nicht aus gebeugter Haltung heraus heben, sondern dabei in die Hocke gehen. Rund um die Geburt sind schwere Lasten komplett tabu. 
· Rückbildungsgymnastik nach jeder Geburt. 
· Übergewicht vermeiden. 
· Beckenbodengymnastik. Mögliche Übungen: 
 – Aufrecht hinstellen und Beine spreizen. Die Hände liegen auf dem Gesäß. Die Beckenbodenmuskeln nach oben und innen ziehen. Die Hände kontrollieren, dass die Gesäßmuskulatur außen vor bleibt. Mehrmals täglich wiederholen.
 – Flach auf den Bauch legen und ein Bein anwinkeln. Abwechselnd die Bauch-, Gesäß- und Beckenbodenmuskeln anspannen. Die Anspannung jeweils für zwei bis drei Sekunden halten. Mindestens achtmal wiederholen.
 – Mit leicht angezogenen Knien auf den Rücken legen. Beim Ausatmen das Gesäß anheben und den Bauch für zwei bis drei Sekunden einziehen. Mindestens achtmal wiederholen.
 – In den Schneidersitz setzen, den Rücken gerade halten und sich mit den ­Händen abstützen. Jetzt die Beckenbodenmuskeln nach oben und innen heben. Mindestens achtmal wiederholen.

Quellen: Berufsverband der Frauenärzte, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

Dr. Norman Krause vom SRH Wald-Klinikum Gera mit einem Modell der weiblichen Innenorgane.

Die Beckenbodensenkung ist die Folge einer schwachen Beckenbodenmuskulatur. Dafür gibt es viele Ursachen: schwere Geburten, zu oft zu schweres Heben, chronischer Husten, Übergewicht, eine genetische Bindegewebsschwäche. Zum Problem wird die Senkung oft nach den Wechseljahren, wenn die Elastizität des Bindegewebes weiter nachlässt. Fast jede dritte Frau über 45 Jahren leidet an einer mehr oder weniger schweren Form der Beckenbodensenkung.

Kolpo-Rekto-Sakropexie steht lateinisch für „Scheide-Mastdarm-Kreuzbein-Befestigung“.