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Bildung13.12.2011

Interview mit Hans-Joachim Eucker

„Wir müssen Reha neu denken“

Hans-Joachim Eucker

Foto: Timo Volz

Die berufliche Rehabilitation ist seit 40 Jahren eines der Kerngeschäfte der SRH. Und sie ist heute notwendiger denn je. Davon ist Hans-Joachim Eucker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der SRH Holding, überzeugt. PERSPEKTIVEN sprach mit ihm über die beruflichen Aussichten von Menschen mit Behinderung oder Handicap und darüber, was Rehabilitation heute für sie leisten muss.

Wie bewerten Sie die Chancen von Menschen mit Handicap auf dem Arbeitsmarkt?
Prinzipiell sprechen wir hier von Menschen, die trotz Krankheit oder Handicap in der Lage sind, einer geregelten Arbeit nachzugehen und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Für diese Menschen sehe ich gute Perspektiven.
Mein Optimismus gründet sich auf zwei Entwicklungen. Zum einen klagen immer mehr Unternehmen über einen Mangel an qualifiziertem Nachwuchs. Dadurch fehlen dem Markt Fachkräfte – quer durch alle Branchen. Zum anderen müssen die Menschen durch die schrittweise Anhebung des Rentenalters länger arbeiten. Berufliche Reha spielt in diesem Kontext eine zentrale Rolle, da sie Menschen hilft, arbeitsfähig zu bleiben und sie in Lohn und Brot zu halten.

Inwieweit hat sich der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung geöffnet, und welche Anforderungen stellen die Unternehmen?
Ich beobachte, dass Unternehmen heute eher bereit sind, Menschen mit Behinderung einzustellen und Zugeständnisse zu machen als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Selbst Firmen, die daran bislang nicht gedacht haben, öffnen sich der Personengruppe und integrieren die Betroffenen im Unternehmen. Allerdings erwarten sie im Gegenzug eine passgenaue Qualifizierung für die auszuübende Tätigkeit und eine ausgeprägte soziale Kompetenz.

Was bedeutet das für die berufliche Rehabilitation?
Wir müssen diese Form der Reha neu denken. Im Vordergrund steht nicht mehr nur die soziale Komponente nach dem Motto: Hauptsache, wir tun etwas. Das klare Ziel ist eine nahtlose und schnelle Integration in den Arbeitsmarkt. Das heißt, die zu treffenden Maßnahmen müssen effektiv und qualitativ hochwertig sein.
Gefragt sind zunehmend Maßnahmen mit einer kurzen Dauer, die in Wohnortnähe der Betroffenen angeboten werden. Wir müssen, wenn wir erfolgreich sein wollen, den betroffenen Menschen also buchstäblich entgegenkommen. Der absolute Bedarf an stationären Plätzen in Komplexeinrichtungen, die wohnortfern angesiedelt sind und klassische Reha-Angebote vorhalten, wird zurückgehen.

Hans-Joachim Eucker im Gespräch

Foto: Timo Volz

Heißt das, große Einrichtungen wie das SRH Berufsbildungswerk in Neckargemünd haben ausgedient?
Nein, keineswegs. Wir müssen hier unterscheiden zwischen traditionellen Einrichtungen, die klassische Lernbehinderungen behandeln – diese verspüren den Konkurrenzdruck weitaus stärker –, und spezialisierten Institutionen wie dem SRH Berufsbildungswerk in Neckargemünd oder den beruflichen Trainingszentren, die sich auf die geänderten Marktbedürfnisse eingestellt haben.
So haben wir im BBW neben der klassischen Reha für Körperbehinderte einen weiteren Schwerpunkt auf die Rehabilitation psychisch kranker Menschen gelegt und sind mit unserem Angebot bundesweit für junge Menschen interessant. Das belegen die Zahlen. Obwohl der Gesamtmarkt in der beruflichen Rehabilitation 2010 um etwa fünf Prozent geschrumpft ist, hat die SRH im vergangenen Jahr 13.250 Kunden betreut – 125 mehr als 2009. Allerdings werden auch wir von der demographischen Entwicklung eingeholt und rechnen in den nächsten Jahren insbesondere in den Berufsbildungswerken mit einem leichten Nachfragerückgang an stationären Maßnahmen.

Wie viele der Betroffenen kommen erfolgreich in den Beruf?
Die Vermittlungsquoten können sich sehen lassen. Beispielsweise haben rund 58 Prozent der Absolventen am Berufsbildungswerk Neckargemünd den Sprung in die Arbeitswelt geschafft, im Berufsbildungswerk Dresden waren es sogar 62 Prozent. Das ist besser als der bundesweite Durchschnittswert aller Berufsbildungswerke, der bei 57 Prozent liegt. Eine ähnlich gute Quote erreicht das Berufsförderungswerk Heidelberg: 58 Prozent seiner Absolventen gelingt es, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden in den einzelnen Berufsförderungswerken liegt uns hier allerdings kein Vergleichswert vor.

Zwei Vorzeigemodelle

RehaStep ist ein Modell der vier Berufsförderungswerke in Baden-Württemberg, das Menschen mit einer Behinderung in zwei Schritten zum Job führt. Im ersten Schritt, der drei Monate dauert, werden die persönlichen Kompetenzen der Betroffenen gestärkt und berufsbezogene Grundlagen trainiert. Im zweiten Schritt lernen sie direkt im Betrieb, der die Teilnehmer im Erfolgsfall auch übernimmt.

MOVE ist ein sechsmonatiges Kursangebot der SRH Beruflichen Trainingszentren in Wiesloch, Frankfurt, Mannheim und Stuttgart für Menschen, die wieder im Beruf Fuß fassen wollen. Während des Lehrgangs sollen die sozialen Kompetenzen der Teilnehmer geschult und gestärkt werden. Ein weiterer Schwerpunkt ist ein individuelles Bewerbungs- und Vermittlungscoaching.

Worauf führen Sie diese guten Ergebnisse zurück?
Wir loten bereits im Vorfeld aus, wer sich für welche Maßnahmen eignet. Dafür haben wir ein ausgefeiltes Profiling- und Analysesystem entwickelt. Auf diese Weise können wir die Zahl derjenigen minimieren, die eine Maßnahme abbrechen und sich erneut umorientieren. Darüber hinaus waren wir eines der ersten Unternehmen, die Integrationsfachkräfte und -berater eingesetzt haben. Diese helfen den Teilnehmern, geeignete Praktikums- und Arbeitsplätze zu finden.

Welche besonderen Konzepte hat die SRH zu bieten?
Spontan fallen mir die Modellprojekte RehaStep im Berufsförderungswerk Heidelberg und MOVE in unseren beruflichen Trainingszentren ein, die wir in den vergangenen Jahren in enger Zusammenarbeit mit Kostenträgern entwickelt haben. Immer mit dem Ziel, die Integration der Menschen mit Behinderung voranzutreiben.

Könnte man dies schneller erreichen, indem man die Betroffenen schon in der Schule besser integriert?
Möglicherweise fördert die Inklusion eine positive Einstellung der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderung. Gerade was die Barrierefreiheit in Gebäuden und Einrichtungen angeht, sind uns andere Länder wie die USA nach wie vor weit voraus. Allerdings sehe ich hier momentan auch gewisse Grenzen bei der Finanzierung.
Im Übrigen praktizieren wir die Inklusion schon seit Jahren, zum Beispiel in der Stephen Hawking Schule. Dort lernen junge Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam. Das hat vielerorts Interesse geweckt. Wir agieren als Modellschule im Rhein-Neckar-Kreis, und unsere sozialpädagogische Kompetenz wird verstärkt nachgefragt. Unsere seit Jahren existierende sonderpädagogische Beratungsstelle werden wir ausbauen und unsere Kompetenz auch bei Bedarf anderen Schulen anbieten.

Georg Haiber

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