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Wohnen lernen

Fabian Marquardt (r.) und Pfleger Farried Hussein

Für junge Menschen, die Pflege brauchen, gibt es eine Alternative zum Heim. Die SRH Pflege in Heidelberg hat dazu ein Wohnkonzept entwickelt. Hier lernen Patienten, im Alltag besser allein zurechtzukommen.
Ungeduldig legt Fabian Marquardt seine rechte Hand mit der gesunden linken in den Schoß zurück und greift stattdessen mit links nach der Tasse. Immer noch will der andere Arm nicht so, wie es der 28-Jährige gerne hätte. Sein Pfleger, Farried Hussein, drückt tröstend seine Schulter: „Hab ein bisschen Geduld. Ihr arbeitet doch nachher in der Ergotherapie weiter daran. Das wird schon.“ Fabian Marquardt lächelt und nickt dazu. Die beiden verstehen sich ohne viele Worte. „Wenn er im Rollstuhl sitzt, fällt Fabian das Sprechen manchmal schwer, und vieles funktioniert längst noch nicht wie früher. Aber er hat enorme Fortschritte gemacht und ist sehr willensstark“, stellt der Pfleger fest. Farried ist selbst erst 25 Jahre alt und kann sich gut in Fabian hineinversetzen. Seit einigen Monaten kümmert er sich um den jungen Mann im Rollstuhl. Fabian hat bereits einen langen Weg hinter sich: Nach einem schweren Verkehrsunfall, vier Wochen im Koma und einer erfolgreichen medizinischen Reha im SRH Kurpfalzkrankenhaus (siehe SRH perspektiven 4/2016) lebt er seit September 2016 in der Wohnanlage Junges Wohnen auf dem SRH Campus in Heidelberg. Dort profitiert er von einem ambulanten und stationären Pflegekonzept, das die SRH Berufliche Rehabilitation Heidelberg vor fünf Jahren entwickelt hat. Hier kommen vergleichsweise jüngere Menschen mit Pflegebedarf im Alter zwischen 18 und 60 Jahren zusammen.
Denn auch wenn sie nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung mit Einschränkungen leben müssen, sind sie für ein klassisches Pflegeheim, das eher Senioren in ihrem letzten Lebensabschnitt begleitet, noch zu jung. Schließlich möchten viele von ihnen über kurz oder lang wieder nach Hause zurückkehren und vielleicht sogar neue berufliche Wege einschlagen.

Straff getaktetes Therapieprogramm

„Über die Unterstützung im Alltag zeigen wir den jungen Menschen Perspektiven auf und tragen so zu einer neuen Lebenseinstellung bei“, erklärt Petra Reis, Leiterin der SRH Pflege. Wichtig sei, das Reha-Potenzial jedes Einzelnen in vollem Umfang zu erkennen und zu fördern. Entsprechend groß ist die Nachfrage aus ganz Deutschland. 54 Betten zählt die SRH Pflege zurzeit im stationären Bereich, ambulant sind es weitere 43 Plätze. Mit der nötigen Unterstützung durch Pflegefachkräfte können Teilnehmer auf dem Campus wohnen, eine Ausbildung absolvieren oder studieren.
Kern des Konzepts ist das interdisziplinäre Zusammenspiel der SRH Pflege mit den Therapeuten der SRH Hochschule Heidelberg, der SRH Fachschule für Logopädie sowie den Ärzten des SRH Kurpfalzkrankenhauses direkt auf dem Campus. Die Nähe schafft einzigartige Möglichkeiten: Die Teams arbeiten Hand in Hand, um die Patienten zu unterstützen und voranzubringen. Auch Studenten gestalten bereits Therapieeinheiten mit. Für die meist noch jungen Reha-Teilnehmer bedeutet das neben einem breiten Angebot wichtige soziale Kontakte. 
Fabian Marquardt absolviert jeden Tag ein straff getaktetes Programm mit Logopädie, Physio- und Ergotherapie. Dank des intensiven und eng aufeinander abgestimmten Trainings – und seines Ehrgeizes – kann er sich im Rollstuhl nun selbst voranbewegen, langsam wieder sprechen und selbstbestimmt seinen Tag gestalten.

„Wir bestärken jeden Bewohner darin, so viel wie möglich selbst zu machen.“

Tamara Bickel, Pflegedienstleiterin Junges Wohnen

Eigenständigkeit fördern

40 Krankenschwestern, Heimerziehungspfleger, Heilpädagogen und gelernte Altenpfleger kümmern sich im stationären Bereich, dem Jungen Wohnen, um die 54 Bewohner. Jeder hat sein eigenes Ein-Zimmer-Apartment mit Bad, das er individuell einrichten kann. In den Gruppenräumen wird zusammen gekocht, bei Spieleabenden gelacht oder einfach zusammengesessen und geredet.
„Das ist eine andere Art der Pflege, als man sie klassischerweise kennt“, sagt Pflegedienstleiterin Tamara Bickel. Jeder Bewohner werde darin bestärkt, so viel wie möglich selbst zu machen. „Auch für uns als Pflegekräfte ist das eine große Umstellung. Man muss sich erst daran gewöhnen, dass man den Bewohnern nicht immer sofort jeden Handgriff abnimmt. Das braucht Geduld und Zeit auf beiden Seiten, aber es lohnt sich.“ Und so fährt Fabian Marquardt, seit er mit dem Rollstuhl wieder einigermaßen mobil ist, dreimal pro Woche alleine über den SRH Campus zur Behandlung in die Dialysestation.

Viele Heimkehrer

Die Chancen der Bewohner auf ein selbstständiges Leben stehen gut: Von den 95 Menschen, die seit Mai 2012 im Jungen Wohnen der SRH Pflege eingezogen sind, sind 50 bereits wieder erfolgreich nach Hause gezogen oder nutzen eine ambulante Betreuung. Die Übrigen haben in der SRH Pflege eine dauerhafte Wohnmöglichkeit gefunden. Fabian Marquardt möchte bald wieder nach Hause zu seiner Familie in Stuttgart und arbeitet deshalb im fünften Stock der Einrichtung mit seinem Ergotherapeuten hart daran, den rechten Arm wieder bewegen zu können. „Das bekomme ich auch noch hin“, ist der junge Mann sicher, „wie alles andere zuvor auch.“

Text Antje Urban Fotos Annette Mück

SRH Pflege Heidelberg

Die SRH Pflege gehört zur SRH Berufliche Rehabilitation Heidelberg. Das Unternehmen verhilft Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können, zu neuen Job-Perspektiven. In Heidelberg können sie aus über 40 Qualifizierungen mit staatlich anerkannten Abschlüssen wählen. Die SRH Pflege bietet ergänzend dazu mit ihren Teams aus Pflegefachkräften, Sozial- und Heilpädagogen eine breite Palette an Pflegedienstleistungen an, zum Beispiel eine ambulante Pflege in der eigenen Wohnung, die individuelle nachstationäre Betreuung nach Krankheit oder Unfall und das Junge Wohnen.