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Abenteuer auf drei Rädern

BWL-Professorin Claudia Ossola-Haring posiert vor dem Start mit Bollenhut vor ihrem liebevoll angemalten Tuktuk.

Zehn Tage, mehr als 950 km und ein Zweitaktmotor: Claudia Ossola-Haring, Professorin an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw, und ihr Mann Michel haben bei einem Tuktuk-Rennen Indien ganz neu kennengelernt. 

Sie waren eine kleine Attraktion in den lärmenden und wimmelnden Straßen Indiens: Die bunt geschmückten und liebevoll bemalten Tuktuks, die am Rickshaw Challenge Classic Run 2017 teilnahmen. 46 Aben­teuerlustige aus Deutschland, Italien, Australien, Irland, Schottland, Kanada, den Niederlanden und Kenia stellten sich Anfang des Jahres der Herausforderung, fast 1.000 Kilometer quer durch den Süden Indiens zu fahren – ohne ein schützendes Auto, eine kühlende Klimaanlage oder sonstigen Luxus. 
Eine Professorin würde hier niemand vermuten. Doch Claudia Ossola-Haring hat für zehn Tage freiwillig den Hörsaal gegen eine wackelige Kabine aus Blech ­getauscht. Normalerweise unterrichtet sie Betriebswirtschaftslehre an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw. Nun war sie gemeinsam mit ihrem Mann Michel von der Sieben-Millionen-Metropole Chennai (früher Madras) an der Ostküste Südindiens bis Trivandrum, der Hauptstadt des Bundesstaates Kerala im äußersten Süden des Landes, unterwegs. 

Vespa mit Rasenmähermotor

Das Gefährt der Reisenden: eine Autorikscha, auch Tuktuk oder Three-Wheeler genannt. Drei Räder, eine ­wackelige Rückbank in einer bunt bemalten Blechkabine und ein knatternder Zweitaktmotor. Sicherheitsgurte, Türen, Seitenfenster – Fehlanzeige. Vorne ist Platz für ­einen Fahrer, hinten für zwei bis drei Passagiere. Das ­Tuktuk mit der Startnummer eins und dem klingenden Namen Blackforest Express war für zehn Tage das ­Fort­bewegungsmittel für das Ehepaar. Auch eine passende Bemalung mit Schwarzwaldmädel und Bollenhut durfte nicht fehlen. 

Schon beim obligatorischen Fahrtraining vor Rennbeginn wurde allen Teilnehmern klar: Tuktuk-Fahren ist nichts für Feiglinge – und das gilt besonders im Verkehr auf indischen Straßen. Direkt beim Einfahren stellte ein Team sein Gefährt auf den Kopf, ein anderes nahm Kurven stets nur auf zwei Rädern. Verletzt wurde glück­licherweise niemand. Für Claudia Ossola-Haring und ihren Mann entpupp­te es sich als besondere Herausforderung, den Rasenmähermotor am Laufen zu halten. Denn war der Motor ab­gewürgt, wurde es gefährlich. „Dann hieß es: Aus dem Tuktuk springen, mit dem Handhebel blitzschnell neu starten – was ganz schön in die Oberarme geht –, wieder reinspringen und weiterfahren, ehe einen der Verkehr überrollt.“

–1 Frauen in traditionellen Saris zückten ihre Handys für ein Foto von den bunten Tuktuks.

–2 Nicht nur die Fahrzeuge, auch einige Teilnehmer zogen mit bunten Verkleidungen und Perücken die Blicke auf sich.

–3 Erstaunlich, was alles auf ein einfaches Mofa passt …

–4 Elefanten und Ochsenkarren gehören ebenso zum typischen indischen Straßenbild wie hei­lige Kühe, Autos und Tuktuks.

–5 Unterwegs galt es für Claudia Ossola-Haring, spezielle Gebäude zu finden und Rätsel zu lösen. 

Alles, was im Weg steht, wird einfach weggehupt.

Claudia Ossola-Haring, Professorin an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw und Indienkennerin

Unterwegs mit dem Blackforest Express

Die Hierarchie im indischen Straßenverkehr stand sofort fest: „Kuh, weil heilig, Lastwagen oder Bus, weil groß – und dann folgen Auto, Tuktuk, Motorrad, Fahrrad und ganz zum Schluss Fußgänger“, erklärt die Professorin mit einem Augenzwinkern. „Alles, was im Weg steht, wird einfach weggehupt.“

Auch die Rollenverteilung im Tuktuk hatte das Ehepaar bald geklärt: Der 66-jährige Michel Haring übernahm das Steuer, seine Frau die Navigation. Und die war keine Kleinigkeit: Anfangs wollten die beiden auf den Einsatz von GPS und Google-Maps verzichten, doch das gaben sie schnell auf, nachdem sie „bereits am ersten Tag im Verkehrschaos von Chennai verloren gegangen sind.“ Das Problem: Nach dem Weg zu fragen, kann man in Indien vergessen, weiß Ossola-Haring. „Die Inder sind einfach zu höflich, um zuzugeben, dass sie den Weg nicht kennen – und schicken einen lieber irgendwohin.“

Liebe zu Indien früh entdeckt

Claudia Ossola-Haring hat durch das Rennen Indien ganz neu kennengelernt. Dabei kann die BWL-Professorin immerhin auf fast 40 Jahre Indienerfahrung zurückblicken. „Als Belohnung für meine bestandene Doktorarbeit bin ich im Jahr 1978 für einige Monate durch Indien gereist – und habe mich am ersten Tag in dieses Land verliebt“, erinnert sich die 64-Jährige. Seither ist sie unzählige Male dort gewesen, beruflich und privat. Eine ihrer beiden erwachsenen Töchter hat sechs Jahre lang in der indischen Hauptstadt Delhi gelebt, und die SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw pflegte gut zehn Jahre lang eine Kooperation mit einer indischen Universität (siehe Kasten rechts). Und so nutzte die Professorin kurzerhand auch diesen Indienaufenthalt, um eine ehemalige Austauschstudentin aus Kannur im Norden Keralas zu treffen, die damals als erste indische Studentin Calw besuchte. „Mitten­­ im November war das. Ich weiß noch genau, dass ich ihr einige Pullover und eine Jacke geliehen habe, weil sie so gefroren hat“, erinnert sich Ossola-Haring lachend. Diesmal hatte sie als kleines Mitbringsel einen typischen Bollenhut aus dem Schwarzwald dabei. 

–1 Bunte Blüten an diesem Stand in der Metropole Chennai. 

–2 Verpflegungsstopp unterwegs: Überall am Wegrand gab es frisches Obst zu kaufen.

–3 Michel Haring bei der Kon­trolle der Tankanzeige.

–4 Tempel in Madurai.

–5 Sattgrüne Landschaften erwarten die Reisenden im südindischen Kerala.

So viele Selfies sind noch nie mit mir gemacht worden.

Claudia Ossola-Haring

Indien mit allen Sinnen erfahren

Trotz ihrer Landeskenntnis war das Tuktuk-Rennen eine ganz neue Erfahrung für die Professorin. „So hautnah habe ich Indien noch nie erlebt: dieser unfassbare Lärm von Verkehr, Hupen und Motoren, die ständig wech­selnden Gerüche, die Hitze – und natürlich auch jedes Schlagloch“, sagt Ossola-Haring und fügt hinzu: „Kein Wunder, dass uns abends auch mal Rücken und Hintern wehtaten.“ Schließlich sind die dreirädrigen Taxis eigentlich nur für kürzere Strecken ausgelegt – und nicht für die bis zu 200 Kilometer, die die Teilnehmer des Rennens pro Tag zu bewältigen hatten.Damit das Fahren unterwegs nicht zu langweilig wurde, hatte sich der Reiseveranstalter Aufgaben für die Teilnehmer überlegt. Beispielsweise historische Daten wie Jahreszahlen herausbekommen oder spezielle Gebäude finden. „Eine Art Stadt-Rallye“, sagt Ossola-Haring. „Da mussten wir uns viel durch­fragen – das war nichts für Schüchterne oder Kontaktscheue.“ Und genau diese vielen Begegnungen mit den Einheimischen, die alle „ungeheuer freundlich, hilfsbereit und neugierig auf uns reagiert haben“, waren für das Ehepaar die schönsten Erlebnisse: „So viele ­Selfies wie in den zehn Tagen sind noch nie mit mir gemacht worden“, sagt die Professorin lachend. „Ob kleine Kinder, zahnlose Greise, Polizisten, Händler oder profes­sionelle Tuktuk-Fahrer – jeder hat uns zugewunken, wollte uns die Hand schütteln und Fotos mit uns schießen.“ 

–1 Das Ehepaar aus dem Schwarzwald beim traditionellen indischen Kochen mit nur wenigen Utensilien, dafür im klassischen Sari.

–2 Entschleunigung und Erholung pur in der Fahrrad-Rikscha.

–3 Gedrängel an der Kreuzung: Jeder möchte der Erste sein.

Alle sind Sieger

An den Tankstellen gaben die indischen Rikscha-Fahrer den Rennteilnehmern Tipps – und halfen auch mal, wenn etwa das Standgas zu hoch oder zu niedrig eingestellt war. Ansonsten kümmerten sich unterwegs die Betreuer und Mechaniker des Reiseveranstalters um kleinere Reparaturen und waren bei technischen Problemen mit den Tuktuks zur Stelle. 

Wer die Rallye gewonnen hat? „Ganz klar: alle. Denn es gab keine schweren Unfälle, und jeder ist heil im Ziel angekommen. Um einzigartige Erfahrungen, überraschende Begegnungen reicher – und mit vielen lustigen Erinnerungen und Anekdoten im Gepäck“, schwärmt Ossola-Haring. „Ich würde es sofort wieder machen.“

Text Katja Stricker

Kooperationen mit Indien

Im Zuge der Internationalisierung ihrer Studiengänge pflegen einige SRH Hochschulen Partnerschaften mit indischen Universitäten, die kontinuierlich ausgebaut werden. Das Austauschprogramm der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw führt mittlerweile die SRH Fernhochschule – The Mobile University weiter. Partner ist die indische Kannur University im Bundesstaat Kerala. Im Fokus stehen das Kennenlernen von Wirtschaft und Kultur, der akademische Austausch sowie gemeinsame Forschungsprojekte. Im Rahmen der Kooperation besuchen indische Studenten regelmäßig für zwei bis vier Wochen die deutschen Hochschulen – und umgekehrt. 

Die SRH Hochschule für Logistik und Wirtschaft Hamm hat 2016 eine Partnerschaft mit der indischen Manipal University im Bundesstaat Karnataka ins Leben gerufen. Ziel ist es, die internationale Zusammenarbeit von Studenten und Lehrkräften zu fördern, beispielsweise auch bei konkreten Forschungs- und Lehrprojekten (mehr zu den Plänen der SRH im Ausland ab Seite 16).

Ein Tuktuk (oder allgemein Autorikscha) ist die motorisierte Variante der ursprünglich aus Japan stammenden Rikschas, die entweder zu Fuß oder mit einem Fahrrad gezogen werden. Wegen des typischen Motorengeräuschs werden sie lautmalerisch „Tuktuk“ genannt und sind in indischen Metropolen wie Mumbai, Delhi und Chennai die tragende Säule des Nahverkehrs. Allein in der Hauptstadt Delhi gibt es schätzungsweise gut 100.000 Autorikscha-Taxis. Mehr als eine halbe Million neue Tuktuks werden in Indien jährlich verkauft. Sie kosten neu weniger als 2.000 Euro. 
Der Rickshaw Challenge Classic Run wurde organisiert vom ­Reiseveranstalter Travelscientist. Er bietet verschiedene Tuktuk-Touren durch Indien an.
www.rickshawchallenge.com

Der Name ist Programm an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien Calw: Den Studenten stehen vier Bachelor- und drei Masterstudiengänge rund um Wirtschaft und Medien zur Auswahl, zum Beispiel BWL (auch in Teilzeit und in Englisch), ­Medien- und Kommunikationsmanagement, Internationales Mittelstandsmanagement sowie International Business and Engineering. Zurzeit sind rund 300 Studenten eingeschrieben.
www.hochschule-calw.de 

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