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Bildung15.06.2011

Simon Maiers Lebensfreude steckt an

Abenteuer Handicap

Seit 2003 arbeitet Simon Maier im Kreisjugendring in Backnang. Dort betreut er Projekte, mit denen er andere Menschen mit Behinderung zu mehr Selbstständigkeit ermuntern will.

Er hat eine eigene Wohnung, eine Freundin, einen Job und eine Vision. Mit seinem Projekt „Abenteuer Handicap“ will der ehemalige SRH Auszubildende Simon Maier Menschen mit Behinderung Mut machen, ein normales Leben zu wagen. Er selbst ist das beste Vorbild.

Rollende Steine setzen kein Moos an, sagt ein Sprichwort. Für Simon Maier trifft das ganz besonders zu. Wenn er nicht gerade im Büro des Kreisjugendrings in Backnang arbeitet, ist der 35-Jährige unterwegs: zu seinen Eltern oder denen seiner Freundin, zu Freunden, zu Konzerten oder zu Sport- und sonstigen Veranstaltungen – am liebsten gemeinsam mit seiner Freundin. Begegnungen mit Menschen bedeuten ihm, der seit seiner Geburt behindert und auf fremde Hilfe angewiesen ist, alles. Manchmal sind sie für ihn wahre Glücksmomente. So wie damals, als er mit seinen Eltern in Amerika unterwegs war. Während eines Rundgangs in Las Vegas entdeckten sie in der Ferne eine große Menschenmenge vor einem der vielen glitzernden Hotels. „Wir kommen näher, und plötzlich teilt sich die Menge wie einst das Rote Meer, und am Ende erkenne ich Muhammad Ali, schon schwer gezeichnet von seiner Parkinson-Krankheit. Aus seinem Augenwinkel sieht er mich, dreht sich zu mir um und lässt sich, gestützt auf seine Begleiter, zu mir hinführen“, erzählt der gebürtige Remshaldener. „Er beugt sich zu mir, drückt meine Hand und sagt: ‚May God bless you.‘ Ich bin überwältigt, starre hinterher auf meine Hand und überlege, ob ich sie nie mehr waschen oder mir einen weißen Handschuh überstreifen soll. Aber das geht ja nicht. Ich bin ja Rechtshänder“, sagt Simon Maier und grinst verschmitzt.

Ein Traum wird wahr

Mit seiner Arbeit möchte Simon Maier zeigen, dass gehandicapte Menschen wie selbstverständlich zur Gemeinschaft gehören.

Neben Momenten der Freude gibt es in Simon Maiers Leben auch Begegnungen, die sein Leben verändert haben. Auf einer Fahrt nach New York im Jahr 1998 trifft er Frank Baumeister, den Leiter des Kreisjugendrings Rems-Murr, der die Reise organisiert und begleitet. „Frank hat sich Jahre später an mich erinnert und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, im Kreisjugendring mitzuarbeiten. Ich war perplex; für mich ging in diesem Moment ein Traum in Erfüllung“, erinnert sich Maier.

Und so beginnt er, direkt nach seiner Ausbildung zum Bürokaufmann am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd im Jahr 2003 für den Kreisjugendring zu arbeiten, zunächst in der Buchhaltung und im Zuschusswesen, bevor er eigene Projekte betreut. Eine seiner Aufgaben ist es, Sponsoren für die Projekte der Jugendarbeit zu gewinnen. Das Wissen, das er am BBW erworben hat, kann er gut anwenden, und den Ausbildern in Neckargemünd ist er heute für so manchen Rat dankbar. „Sie haben zum Beispiel viel Wert auf Pünktlichkeit und Gründlichkeit gelegt, und das auch immer betont. Damals kam mir das ziemlich übertrieben vor, aber heute kann ich es nur unterstreichen“, sagt er. Denn aufgrund seiner Behinderung ist er trotz seiner Selbstständigkeit immer auf andere angewiesen, zum Beispiel auf Zivildienstleistende, die ihm unter anderem bei der Toilette helfen. Und Maier mag es nicht, wenn Leute ihn warten lassen. „So wie damals, als ein Zivi 40 Minuten später kam, obwohl die Uhrzeit ausdrücklich abgesprochen war, und hinterher noch meinte, das mache ja nichts, ich hätte doch sowieso nichts vor“, erinnert sich Maier. „Das tat richtig weh. Außerdem arbeitete ich zu diesem Zeitpunkt gerade an meinem ersten großen Projekt für den Kreisjugendring, dem Buch ‚Der Rollmops – Geschichten aus dem Alltag eines Rollstuhlfahrers‘“, sagt Maier. „Mit dem Spitznamen Rollmops haben mich meine New-York-Mitreisenden geneckt, als ‚Rache‘ für meine Anfeuerungen, den Rollstuhl doch bitte schneller zu tragen, wenn es in Manhattan die U-Bahn rauf und runter ging“, sagt er und lacht herzlich. In dem Büchlein berichtet Maier von seinen Begegnungen mit Menschen – von zufälligen und herbeigesehnten, von traurigen, komischen, nachdenklichen und wunderbaren. Zu den Letzteren gehört für ihn das Treffen mit den Mitgliedern seiner Lieblingsband PUR vor einigen Jahren. Die Musik und Texte der Band bedeuten ihm viel. Und wann immer es ihm möglich ist, besucht er deren Konzerte – inzwischen war er auf mehr als 50.

Ziel ist, mehr Menschen mit Behinderung in die Jugendarbeit zu integrieren und Berührungsängste abzubauen.

Simon Maier

Wer wagt, gewinnt

Manchmal ist er zu Konzerten oder Freunden auch ganz alleine unterwegs. „Sonst muss ich ja immer warten, bis Freunde oder Bekannte mal Zeit haben. Lieber ergreife ich selbst die Initiative“, betont er. Hinter seinem Rollstuhlsitz steckt eine Metallrampe, mit der sich kleine Treppen oder S-Bahn-Einstiege überbrücken lassen. „Ich bitte dann einfach jemanden um Hilfe, und meistens klappt das auch prima“, sagt er. Einmal sei er mit der S-Bahn von Stuttgart nach Remshalden, seinem Wohnort, gefahren. Da habe er einen Jugendlichen gebeten, ihm beim Aussteigen zu helfen. „Wie selbstverständlich ist der dann mit mir gefahren, obwohl er zwei Stationen vorher hätte aussteigen müssen. Das fand ich cool.“

Auch durch schlechte Erfahrungen lässt sich Simon Maier nicht entmutigen. Als er einmal auf dem Weg zum Zug dringend auf die Toilette muss und eine Mitarbeiterin der Bahnhofsmission um Hilfe bittet, meint die, einen Hosenknopf zu öffnen sei eine pflegerische Leistung, die sie nicht ausführen dürfe. „Zum Glück sind aber immer genug Passanten unterwegs, die helfen. Doch es ist schon eine Überwindung, jemanden auf der Straße zu fragen: Könnten Sie mal bitte … ?“ Letztlich steige aber mit jedem gelungenen Ausflug das Selbstbewusstsein. Und genau das möchte er mit den Geschichten im „Rollmops“ zum Ausdruck bringen und damit anderen Menschen mit Behinderung Mut machen.

Projekte, die Mut machen

Treppen sind für Simon Maier unüberwindbare Hindernisse. Daher kämpft er gegen äußere und innere Schranken - und damit für ein barrierefreies Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung.

Aus diesem Wunsch heraus startet Simon Maier 2008, unmittelbar nachdem sein Buch fertig ist, beim Kreisjugendring das Projekt „Abenteuer Handicap“. „Ziel ist, mehr Menschen mit Behinderung in die Jugendarbeit zu integrieren und Berührungsängste abzubauen – sowohl bei den Betroffenen, die oft zurückgezogen leben und sich nicht trauen, um Hilfe zu bitten, aber auch bei den Mitmenschen, die häufig verunsichert sind und nicht wissen, wie sie sich uns gegenüber verhalten sollen“, erklärt er. Das Projekt umfasst mehrere Bausteine, etwa den Rolliführerschein, bei dem sich nichtbehinderte Jugendliche im Umgang mit dem Rollstuhl schulen können. Das finden viele spannend, und in drei Jahren konnte Maiers Team etwa 1.500 Führerscheine ausstellen. Ein anderer Baustein ist die „Schatztruhe“, ein Bündel von integrativen Aktionen, darunter Theaterspiel und Freizeiten. „Damit möchten wir zeigen, dass sich gehandicapte Menschen integrieren können und wie selbstverständlich zur Gemeinschaft gehören“, sagt Maier. Das Echo auf „Abenteuer Handicap“ ist enorm. Sogar Bundespräsident Christian Wulff hat sich für das Projekt interessiert. Anlässlich des internationalen Tages der Menschen mit Behinderung hat er Ende 2010 gemeinsam mit Vertretern der „Aktion Mensch“ 150 Gäste in seinen Amtssitz auf Schloss Bellevue eingeladen – darunter auch Simon Maier.

Aufgrund des großen Erfolgs plant der Kreisjugendring schon ein Nachfolgeprojekt: Mit „Abenteuer Inklusion“ will das Team um Simon Maier künftig noch andere Bausteine etablieren. Dazu zählt unter anderem das Modell „Begleitkreise“, bei dem sich Menschen mit und ohne Behinderung regelmäßig treffen und von ihrem Alltag berichten. „Wir wollen die Betroffenen aus ihrer Isolation herausholen und sie ermuntern, neue Kontakte zu knüpfen und auch mal was auf eigene Faust zu probieren“, sagt Maier.

Nie den Humor verlieren

Selbstständig zu sein, das hat Simon Maier ein Stück weit schon während seiner Schul- und Ausbildungszeit am BBW Neckargemünd gelernt. Richtig ernst wurde es aber erst, als er im Jahr 2005 in eine eigene Wohnung zog. „Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Meine Eltern wohnen ein Dorf weiter, und ich kann bequem mit meinem Rolli dorthin fahren“, erzählt Maier. Wenn er trotz Arbeit und Unterwegssein doch einmal allein ist, nutzt er zur Kontaktpflege das Internet. Auf diese Weise hat er zwei Jahre nach seinem Umzug seine Freundin kennengelernt, mit der er nun zusammenlebt. Vieles wird dadurch leichter; so muss beispielsweise am Abend und am Wochenende kein Betreuer mehr kommen.

Wir wollen die Betroffenen aus ihrer Isolation herausholen und sie ermuntern, neue Kontakte zu knüpfen und auch mal was auf eigene Faust zu probieren.

Simon Maier

Über seine Erlebnisse mit Zivildienstleistenden könnte er ein eigenes Buch füllen. „Es gibt Zivis, die ihre Arbeit gerne tun, und solche, die es nur machen, weil sie müssen. Das merkt man“, sagt er. „Die positiven Erfahrungen überwiegen jedoch. Manchmal ergeben sich sogar ganz merkwürdige Situationen, die ich nicht missen möchte.“ Wie im Frühjahr 2006, als er mit einem Betreuer zur Mediale, einer Kooperationsveranstaltung des Kreisjugendrings Rems-Murr mit dem Kreisjugendring Meißen, nach Moritzburg fährt. „An einem Abend hat er mich geduscht und ins Bett gebracht, aber er hatte im Auto eine Decke vergessen. Er ist gleich losgelaufen mit den Worten: ‚Geh nicht weg, ich bin gleich wieder da.‘ Ich antwortete: ‚Na gut, dann bleib’ ich eben hier und laufe nicht weg.‘ Da mussten wir beide lachen, denn ich kann natürlich alleine überhaupt gar nirgendwohin gehen.“

Denn trotz seiner Einschränkungen ist Simon Maier schon immer ein humorvoller Mensch gewesen, der Schritt für Schritt an seinem kleinen Glück gebaut hat. Und was er sich für die Zukunft wünscht? Dass er und seine Familie weiterhin gesund bleiben. „Manche lachen dann“, sagt er. „Aber ich meine es wirklich ernst.“

Georg Haiber

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Stationäre und ambulante Dienstleistungen der beruflichen Rehabilitation und Arbeitsmarktintegration für junge Menschen mit besonderem Förderbedarf

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