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Ankommen – und dann?

Valluvan Selvarajah am SRH Berufsbildungswerk in Neckargemünd, wo er eine Ausbildung zum System­­informatiker absolviert.

Krisenherde auf der ganzen Welt zwingen Familien zur Flucht und entwurzeln sie. Nicht selten kommen Kinder und Jugendliche ganz alleine in Europa an. Valluvan Selvarajah weiß, wie sich das anfühlt.

Valluvan Selvarajah war gerade einmal zehn Jahre alt, als er schwer verletzt und mutterseelenallein aus Sri Lanka nach Deutschland kam. Der heute 23-Jährige beendet in Kürze seine Ausbildung zum Systeminformatiker, hat eine Zwei-Zimmer-Wohnung und genießt seine Selbstständigkeit. Ein langer Weg. Zum Happy End? Leider noch nicht. Die deutsche Bürokratie macht es weiter spannend.
Rückblende: Sri Lanka ist eine grüne Insel im In­dischen Ozean mit üppiger Vegetation – und einem Bürgerkrieg, der mehr als 20 Jahre lang tobt. Bis 2008 bekämpften sich die im Norden ansässigen Tamilen und die Singhalesen, die im Land die Mehrheit haben. Valluvan Selvarajah lebte mit seinen Eltern und drei älteren Geschwistern in der Stadt Nedunkeni, die stark umkämpft war. Seine Kindheit endet in einer Nacht 1999. Da ist er sieben Jahre alt. Ein Angriff tötet seine Eltern und zwei Brüder. Nur Schwester Rajitha, die zu dieser Zeit bei der Großmutter ist, überlebt. Er selbst wacht erst Wochen später aus dem Koma auf und kann sich nicht mehr bewegen. 
Es folgen Jahre mit monatelangen Klinikaufenthalten, in denen sich Oma und Schwester um ihn kümmern. Doch die medizinische Versorgung stößt während des Bür­gerkrieges an Grenzen. Der schmächtige Körper des mittlerweile Zehnjährigen ist lebensbedrohlich wund gelegen, Entzündungen und Fäulnis quälen ihn. Die Ärzte geben ihm nur noch wenige Wochen zu leben. 2002 wird er schließlich über ein humanitäres Programm nach Deutschland ausgeflogen und in Ludwigsburg medizinisch notversorgt. „Es gab keine Alternative“, erinnert sich Valluvan Selvarajah und reibt sich etwas unbehaglich das Kinn. Der junge Mann macht nicht gerne viel Aufhebens um seine Vergangenheit. Während sich die meisten Altersgenossen in Deutschland lediglich Gedanken darum machen müssen, wann genau Mama und Papa mit Teddy, Süßigkeiten und jeder Menge Trost am Krankenbett anrücken, bleibt der kleine Valluvan allein mit seinen Sorgen rund um eine ungewisse Zukunft. „Die meisten jungen Flüchtlinge kommen völlig traumatisiert an“, erklärt Karl-Heinz Fenselau, Leiter der Jugendhilfe am Berufsbildungswerk Neckar­gemünd, wo man sich um junge, unbegleitete Flüchtlinge kümmert. „Ihre Erlebnisse müssen aufgearbeitet werden, und das stellt sich in einem Land, das sich mit solchen Themen bislang – zumindest in so einem Umfang – noch nicht beschäftigt hat, als eine Herausforderung dar.“

Die Odyssee geht weiter

Es folgen neun Monate Klinikaufenthalt in Heidelberg und eine ganze Reihe von Operationen. Für ein Kind eigentlich eine Katastrophe. „Für mich war das die schönste Zeit meines Lebens“, erklärt Valluvan Selvarajah. Denn ein gut eingespieltes Team aus Ärzten, Schwestern und Psychologen begleitet ihn. Er fasst Vertrauen. Mit einigen hält er noch heute Kontakt. Doch dann heißt es wieder Aufbruch – von nun an im Rollstuhl, denn der Junge bleibt von der Hüfte abwärts gelähmt. Er ist mittlerweile elf Jahre alt und muss sich erneut alleine zurechtfinden. Das Internat in Markgröningen, auf das ihn die Sozialbehörden schicken, ist auf Jugendliche, die eine sonderpädagogische Betreuung benötigen, ausgerichtet. Nicht ganz die richtige Wahl für den aufgeweckten Jungen. „Eine dichtere Betreuung der Kinder ist absolut notwendig, um solche Umwege zu vermeiden“, fordert der junge Mann. 

Daheim – und doch nicht zu Hause

Ein Jahr später geht seine Reise weiter in eine Pflegefamilie nach Schwäbisch Hall. Die Familie bemüht sich für den offiziell Staatenlosen um die deutsche Staatsbürgerschaft, doch sie merkt schnell: Das wird eine längere Geschichte. Zuständigkeiten, Beglaubigungen, Übersetzungen – all das braucht Zeit. Seine Freizeit verbringt der junge Tamile derweil meist in der Stadtbücherei und liest, denn „in einer Stadt wie Schwäbisch Hall sind die Möglichkeiten im Rollstuhl sehr begrenzt“, erklärt er. Naturwissenschaften und Technik begeistern ihn, „und vor allem Bionik“, ergänzt er. Den Realschulabschluss in der Tasche, würde er für ein Studium noch die Fachhochschulreife benötigen. Ein engagierter Berufsberater macht ihn auf die Möglichkeit aufmerksam, dass sich Fachhochschulreife und Ausbildung zusammen absolvieren lassen. Das will der 18-jährige probieren. 2009 kommt Valluvan Selvarajah mit Sack und Pack in Neckargemünd an, wo er sich mittlerweile mehr daheim fühlt als in seiner Pflegefamilie.

Am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd absolviert der junge Mann zwei Jahre seiner Ausbildung zum Systeminformatiker erfolgreich. Dann erzwingen massive Rückenprobleme eine Auszeit. Eine komplizierte Operation, und ein halbes Jahr später nimmt er schrittweise seine Ausbildung wieder auf. Weil es ihm noch an der nötigen Energie dafür fehlt, gibt er sein Ziel Fachhochschulreife schweren Herzens erst einmal auf. Zunächst soll im September die Ausbildung fertig werden.Auf seinen Unterarm hat sich Valluvan Selvarajah einen Kranich tätowieren lassen, der reich ornamentiert bis hinauf zu den Schultern reicht, wo sich ein Koi-Karp­fen anschließt: Symbole für Glück und Freiheit, erklärt er. Die kann er weiterhin brauchen – für den richtigen Job und die Sache mit der Staatsbürgerschaft. Der ist er in den vielen Jahren nicht näher gekommen. Auch mühsam beschaffte Dokumente direkt aus Sri Lanka konnten nicht entscheidend dazu beitragen, dass aus der unbefristeten Aufenthaltserlaubnis die deutsche Staatsbürgerschaft wurde. „Es muss möglich sein, die bürokratischen Prozesse zu beschleunigen, um Kindern und Jugendlichen eine stabile Basis und Sicherheit zu verschaffen“, findet er. Mit seiner ursprünglichen Heimat Sri Lanka verbindet ihn nicht mehr viel. „Meine Muttersprache kann ich zwar noch verstehen, aber nicht mehr sprechen“, erklärt er etwas verlegen. Die Übung fehlt. Mehr als alles andere möchte er sich auf seine Zukunft und ein selbstbestimmtes Leben konzentrieren können – ganz normal, mit einem Vollzeitjob und später einer Familie. Er bleibt optimistisch, dass der aktuelle Anlauf erfolgreich sein wird. Ein neu beantragter sri-lankischer Pass soll auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft weiterhelfen. Und sobald er Inhaber eines Passes ist, will er ins Ausland reisen. Sein Traumziel: die Strände von Hawaii. 

 

Von Iki Kühn

Mit rund 400 Mitarbeitern bietet das SRH Berufsbildungswerk (BBW) Neckargemünd jungen Menschen mit individuellem Förderbedarf mehr als 700 Ausbildungsplätze in über 40 staatlich anerkannten Berufen. Sie erhalten neben einer Ausbildung auch die notwendige medizinisch-therapeutische Betreuung wie auch sozialpädagogische oder psychotherapeutische Begleitung.

www.bbw-neckargemuend.de

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