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„App“ in die Selbstständigkeit

In den Räumen des Gründer-Instituts der SRH Hochschule Heidelberg bauen Barbara Stegmann und Julian Specht ihr eigenes Unternehmen auf.

Zwei Studenten wollen mit ihrer digitalen Geschäftsidee Epilepsie- und Hirntumorpatienten helfen.

Stellenanzeigen, Vorstellungsgespräche, Auswahltests – mit all dem werden sich Barbara Stegmann und Julian Specht so schnell nicht herumschlagen müssen. Denn die beiden Studenten der SRH Hochschule Heidelberg wissen schon genau, wo es für sie im Herbst nach dem Bachelorabschluss weitergeht: im eigenen Unternehmen. „Dann werden wir uns voll um unser Projekt kümmern können“, freut sich die 23-jährige Psychologie-studen­tin, die gerade an ihrer Bachelorthesis schreibt. 
Ihr Projekt heißt Living Brain und soll eine Anwendung – neudeutsch App – für Smartphones und Tablets werden, die „Reha für den Kopf“ bietet, wie es Mitgründer Julian Specht formuliert. Er hat bald den Abschluss in Wirtschaftspsychologie in der Tasche. „Mit der App sollen Menschen mit neurologischen Problemen ganz einfach zu Hause ihr Gehirn trainieren können“, erklärt der 22-Jährige. „Dafür analysieren wir neueste Studien aus den Neurowissenschaften, der Medizin und der Psycho­logie, entwickeln daraus einen Pool von kognitiven Übungsaufgaben und stellen sie in einer App bereit. Der betreuende Arzt kann damit ein Trainingsprogramm individuell für seinen Patienten zusammenstellen und über einen Online-Zugang die Fortschritte kontrollieren.“ Das Feedback aus der Ärzteschaft sei bisher durchweg positiv, berichten die beiden Gründer. 
Die Idee zu Living Brain ist aus eigener Erfahrung entstanden: Vor einiger Zeit musste sich Julian Specht am Gehirn operieren lassen, um seine Epilepsie loszuwerden. „Zu diesem Anlass habe ich mich nach Übungen umgesehen, um meine Konzentrations- und meine Merkfähigkeit trainieren zu können, wenn das nötig geworden wäre“, erinnert er sich. „Aber ich musste feststellen, dass es dafür gar keine digitalen Angebote gibt.“ Denn während Patienten mit schweren neurologischen Einschränkungen eine stationäre Reha absolvieren und dort eigens auf sie abgestimmte Übungen – meist auf Papier – erhalten, sind weniger stark Betroffene auf sich selbst gestellt. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf traf Julian Specht auf Barbara Stegmann, die ihrerseits Geschäftsideen wälzte: „Ich wollte zum Beispiel Unternehmen kognitive Trainings anbieten, die helfen, den Kopf fit zu halten. Für Mitarbeiter als Vorbeugung gegen Burnout und geistige Erschöpfung“, erinnert sich die angehende Psychologin. Seit einem Jahr tüfteln die beiden nun parallel zum Studium an Living Brain. Stand zuerst noch der Plan im Raum, beide Geschäftsideen unter einen Hut zu bringen, kristallisierte sich im Laufe der Zeit das aktuelle Geschäftsmodell heraus: eine Trainings-App, zunächst mal speziell für Epilepsie- und Hirntumorpatienten.

Know-how, Ideen und Kontakte

Weil man eine Unternehmensgründung nicht mal eben aus dem Handgelenk schüttelt, suchten sich die beiden Psychologiestudenten Hilfe am Gründer-Institut der SRH Hochschule Heidelberg. „Dort unterstützt man uns wirklich toll mit Know-how, Ideen und Kontakten“, sagt Barbara Stegmann. „Egal ob es darum geht, das Konzept kritisch auf den Prüfstand zu stellen oder den Business­plan zu schreiben.“ Deshalb absolvierte sie auch kurzerhand ihr Praxissemester im Gründer-Lab (siehe Kasten) und konnte so mehrere Monate in Vollzeit an Living Brain arbeiten, ohne Studienzeit zu verlieren. Ihr Kompagnon ging derweil zu einem großen Softwareunternehmen, um andere Erfahrungen beisteuern zu können. 
Einen großen Schub erhielt Living Brain in diesem Frühjahr, als die beiden Gründer mit ihrer Idee beim Start­up Weekend Rhein-Neckar antraten. Bei solchen Wettbewerben stellen Gründer ihre Konzepte vor und werden vom Publikum bewertet. Die erfolgreichsten Teams entwickeln übers Wochenende mithilfe der ausgeschiedenen Kandidaten ihre Projekte weiter. „Das hat uns enorm vorangebracht“, urteilt Julian Specht. „Wir sind mit einem völlig anderen Ansatz dort gestartet und haben so viele Anregungen bekommen, um das Thema nun ganz neu aufzuziehen.“ Am Ende der Veranstaltung erhielten sie für ihr runderneuertes Konzept sogar den Sonderpreis für medizinische Innovation. 

Viel Arbeit inklusive

Trainings entwickeln, Präsentationen vorbereiten, Kooperationspartner suchen und zusätzlich studieren – ein ganz schönes Pensum. „Ich helfe mir mit viel, viel Kaffee“, gibt Barbara Stegmann lachend zu. „Tatsächlich brüten wir manchmal noch um Mitternacht gemeinsam über Unterlagen. Aber es gibt auch Tage, an denen wir ganz bewusst um acht Uhr das Laptop zuklappen, und dann sind Freunde oder Sport angesagt. Damit wir leistungsfähig bleiben.“ Trotz aller Zugeständnisse in Sachen Freizeit und finan­zieller Sicherheit war klar, dass sie es mit einem eigenen Unternehmen versuchen würden. Julian Specht ist mit guten Beispielen groß geworden: „Meine Eltern sind beide selbstständig. Und nach dem Praktikum in einem Großkonzern war mir klar, dass der dort erlebte Dienst nach Vorschrift dauerhaft nichts für mich ist.“ Barbara Stegmann geht es ähnlich: „Mit 18, 19 fand ich die Vorstellung, in einem Job zu landen, in dem mir jemand sagt, was ich tun soll, absolut gruselig. Überzogene Vorstellung, ich weiß. Trotzdem bin ich immer dann besser in meiner Arbeit, wenn ich freie Hand habe.“ Deshalb freuen sich die beiden Gründer darauf, Living Brain in ­eigener Verantwortung zum Fliegen zu bringen. Ihre nächs­ten Meilensteine: die Wirksamkeit der entworfenen Trainings in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Freiburg an Probanden testen. Dann mithilfe des Gründer-Instituts Fördermittel auftreiben, um die App zu programmieren. Ach ja, und das Studium erfolgreich zu Ende bringen. 

www.livingbrain.de

Text Ulrike Heitze  Fotos Andreas Henn

Gründen ausprobieren

Ein starkes Duo: die Living-Brain-Chefs Julian Specht und Barbara Stegmann

Am Gründer-Institut der SRH Hochschule Heidelberg können sich alle Studenten der Hochschule 
risikolos an einer eigenen Geschäftsidee versuchen. Dafür absolvieren sie ihr drei- bis sechsmona­tiges Praxissemester nicht in einem Unternehmen, sondern im Gründer-Lab des Instituts und ­entwickeln dort ihr Projekt in Vollzeit weiter. Das Gründer-Institut steht ihnen mit Räumlichkeiten, Know-how und einem Expertennetzwerk zur Seite. Die Mitarbeiter besprechen mit den Studenten ihre Fortschritte und stecken nächste Etappenziele ab. Rund 35 SRH Studenten werden allein 2017 das Gründer-Lab nutzen. Damit sind die Betreuungskapazitäten voll ausgeschöpft. Am Ende des Gründer-Praktikums erhalten die Studenten für ihre Arbeit – egal was sie letztlich aus ihrer Gründungsidee machen – Credit-Points, die sie im Studium weiterbringen. Wer möchte, kann sein Projekt anschließend in seiner Bachelor- oder Masterthesis wissenschaftlich unter die Lupe nehmen und damit weiter vorantreiben. Erfahrungsgemäß bleibt gut die Hälfte der Teilnehmer in Sachen Gründung am Ball.

www.hochschule-heidelberg.de / Hochschule / Institute / Gründer-Institut

5,8 %

aller Studenten in Deutschland gründen während des Studiums.

6.401

Gründungsvorhaben betreuten deutsche Hochschulen im Jahr 2016. 

1.615

Mal entstand daraus noch während des Studiums ein Unternehmen.

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