direkt zum Inhalt

Nur nicht aufhalten lassen

01 Nur nicht aufhalten lassen – Foto: Thomas Raffler

Als Teenager erhielt Claudia Achilles eine bedrückende Diagnose: neurale Muskelatrophie. Obwohl die junge Frau körperlich inzwischen stark eingeschränkt ist, nutzt sie ihre Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben

Das Gymnasium besuchen, mit dem Partner in dieselbe Stadt ziehen, eine Berufsausbildung beginnen, um bald eigenes Geld zu verdienen – ein Lebensweg, der für viele junge Menschen selbstverständlich ist. Auch Claudia Achilles geht diesen Weg, obwohl sie jeder Schritt viel mehr Kraft und Einsatz kostet als die meisten ihrer Altersgenossen. Sie hat eine Form von neuraler Muskelatrophie. Vor neun Jahren musste sich die heute 23-Jährige einer Herz-Operation unterziehen, von der sie sich nur sehr langsam erholte. „Damals haben die Ärzte erst festgestellt, dass etwas nicht stimmt. Und die Diagnose gestellt“, berichtet sie. Inzwischen ist Claudia Achilles im Alltag fast durchgehend auf persönliche Unterstützung und technische Hilfen wie Rollstuhl und Atemgerät angewiesen. Wegen einer Stimmbandlähmung kann sie zudem nur flüsternd sprechen.

Auch wenn ungewiss ist, wie sich ihre Krankheit weiterentwickelt, ist Claudia Achilles niemand, der einfach aufgibt und sich verkriecht: „Ich habe gelernt, dass viel mehr möglich ist, als es anfänglich scheint oder als andere behaupten“, erklärt sie mit Nachdruck. Auch der Kontakt zu anderen Menschen mit Handicap habe ihr neue Wege und Perspektiven aufgezeigt. So zwangen sie zwar massive gesundheitliche Probleme während der Schulzeit wiederholt zu längeren Pausen, dennoch hat ­Claudia Achilles an der Stephen-Hawking-Schule (SHS) in Neckargemünd ihre mittlere Reife  und dann am dazugehörigen sozialwissenschaftlichen Gymnasium ihr Fachabitur gemacht. Die SHS gehört wie das benachbarte Berufsbildungswerk Neckargemünd (BBW) zur SRH. Ein glück­licher Umstand für Achilles, denn so erfuhr sie von der virtuellen Berufsausbildung: „In der elften Klasse am Gymnasium konnte ich keinen Platz für das vorgesehene Schülerpraktikum finden. Deshalb habe ich schließlich intern beim BBW angefragt“, erzählt sie. Ergebnis: Sie bekam den gewünschten Praktikumsplatz – und einen Ausbildungsplatz zur Industriekauffrau gleich dazu. Mit der virtuellen Berufsausbildung bietet das BBW schwerbehinderten jungen Menschen eine ­berufliche Perspektive. Die außerbetriebliche Ausbildung kann komplett am Computer zu Hause­ absolviert werden. Das Angebot richtet sich an diejenigen, die während ihrer Lehre nicht im Internat des BBW untergebracht werden wollen oder können, weil sie beispielsweise umfangreiche persönliche Assistenz benötigen, auf teure Apparate angewiesen sind oder ihren Stundenplan mit zeitaufwendigen Therapien vereinbaren müssen. 

Claudia Achilles hatte bereits einen Großteil ihrer Schulzeit im Internat verbracht und wünschte sich nun endlich eine eigene Bleibe. Als Wohnort hat sie sich Mannheim ausgesucht, wo ihr Freund Politik studiert. Es kostete die junge Frau jedoch einiges an Energie, das Sozialamt zu überzeugen, ihr ausreichend Platz und Ruhe zum Lernen zu bewilligen. Das Amt hätte sie lieber in einer größeren ­Einrichtung untergebracht als eigens für sie Pflegeassistenten zu organisieren. „Die ersten drei Wochen musste ich in einem Pflegeheim verbringen. Das war keine schöne Zeit“, erinnert sie sich. Inzwischen bewohnt sie eine Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand. Die Wohnung liegt im Erd­geschoss, die Straßenbahn hält vor der Tür: „Einer meiner Rollstühle, der mit Elektroantrieb, wiegt 200 Kilo. Den kriegt niemand auch nur eine Stufe hoch“, schmunzelt Achilles. 

Klassenzimmer im Internet

Ein- bis viermal pro Tag trifft sich die Azubine online mit ihrem Ausbilder, den Lehrern und ihren drei Klassenkameraden zum Unterricht. Via Kopfhörer, Mikrofon und Kamera können sie übers ­Internet diskutieren, Fragen stellen und auf dem Monitor gemeinsam Lösungswege oder Prä­senta­tionen erarbeiten. Anschließend vertieft jeder für sich den Stoff alleine am Schreibtisch oder bereitet die nächste Stunde vor. „Was wir hier machen, kommt dem Lernen in der klassischen Berufsschule­ sehr nahe“, erklärt Achilles’ Ausbilder Hartmut Fietz. Er vermittelt seinen Schülern praktische Inhal­te wie den Umgang mit kaufmännischen Programmen oder typischen Geschäftsvorfällen. Als Aufgabe im aktuellen zweiten Lehrjahr werden die angehenden Industriekaufleute bald eine virtuelle Übungsfirma gründen. Dann müssen sie zum Beispiel ein eigenes Firmenlogo entwerfen, Rechnungs- und Bestellformulare anlegen, Preislisten aufsetzen und Personalkonten einrichten. Ein Großteil der bis­herigen Absolventen ist im Berufsleben angekommen. Das ist auch gesellschaftlich ein Gewinn: „Von Leistungsempfängern sind unsere Auszubildenden zu Beitragszahlern geworden“, sagt Fietz. 

Claudia Achilles legt ihre Ausbildung bislang mit Bravour hin. Motivationsprobleme kennt die Einser-Kandidatin nicht: „Ich finde es einfach toll, dass es diese Möglichkeit gibt und ich die Ausbildung so flexibel an meine Bedürfnisse anpassen kann“, sagt sie. Ihr Wunsch: Mehr Menschen sollten von der virtuellen Ausbildung erfahren. „Ich glaube, es gibt viele junge Leute, die aufgrund ihrer körper­lichen Einschränkungen den Wunsch nach einer Berufsausbildung bereits aufgegeben haben. Einfach weil sie nicht wissen, dass es diese Möglichkeit hier überhaupt gibt. Das ist sehr schade.“

Von Kirstin von Elm

     

Neurale Muskelatrophie ist eine seltene, meist erblich bedingte und fortschreitende neuromuskuläre Erkrankung. Dabei werden sukzessive Muskelzellen geschwächt und abgebaut, was allgemein auch als Muskelschwund bekannt ist.

An der Stephen-Hawking-Schule (SHS) sind unter einem Dach zehn verschiedene Bildungsgänge vereint: von der Grundschule über Werkreal- und Realschule bis hin zum allgemeinbildenden Gymnasium und zwei beruflichen Gymnasien. Insgesamt lernen dort rund 600 Schüler mit und ohne Körperbehinderung. 

Ausbildung nach Maß

Das Berufsbildungswerk Neckar­gemünd (BBW) ist spezialisiert auf die außerbetriebliche Berufsausbildung für junge Menschen mit individuellem Förderbedarf. Rund 700 Auszubildende werden in mehr als 40 staatlich anerkannten Ausbildungsberufen unterrichtet. Die virtuelle Lehre gibt es seit 2000 in derzeit fünf Berufen: Es werden beispielsweise Industriekaufleute, Kaufleute für Büromanagement, Fachinformatiker und technische Produktdesigner ausgebildet. Die technische Ausstattung stellt das BBW. Die Kosten übernimmt in der Regel die Bundesagentur für Arbeit, das Jugend- oder Sozialamt oder eine private Versicherung.

www.bbw-neckargemuend.de

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier