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Bildung

Auslandspraktikum

Darf’s ein bisschen Spanisch sein?

In guter Erinnerung: Mit Spanien verbindet Tatjana Ford viele schöne Dinge, zum Beispiel das Gefühl großer Freiheit oder den Geschmack leckerer Süßigkeiten.

Für Tatjana Ford hat sich ein Traum erfüllt: Während ihrer Ausbildung am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd absolvierte die Gehbehinderte ein Praktikum in Spanien. Von dort hat sie vieles mit nach Hause gebracht: Sprachkenntnisse, interkulturelle Kompetenz und, wie sie sagt, eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. 

Tatjana Ford trägt keine Armbanduhr; das hat sie sich im nordspanischen Logroño abgewöhnt. „Ich war immer zu früh und musste warten, weil die Spanier nie pünktlich waren. Da hat mir meine Uhr sowieso nichts gebracht“, erzählt die Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste und lacht. Das Pünktlichsein hat sich Ford während ihres viermonatigen Praktikums bei Würth España S.A. zwar nicht abgewöhnt. Doch das Fehlen der Uhr soll sie selbst immer an die Gelassenheit der Spanier erinnern – eine Eigenschaft, die die Deutsche tief beeindruckt hat. „Sie sehen vieles entspannter. Klappt etwas nicht, trinken sie erst mal einen Kaffee und versuchen es erneut. Gleichzeitig sind sie sehr motiviert und fröhlich“, betont die 22-Jährige, die sich in Logroño rundum wohlgefühlt hat. „Dort stand nicht im Vordergrund, dass ich behindert bin und komisch laufe. Ich hatte befürchtet, dass meine Kollegen mich schräg angucken oder bestimmte Dinge nicht machen lassen. Aber so war es gar nicht. Und niemand hat mich auf meine Behinderung angesprochen. Das fand ich toll.“ 

Ein Ziel vor Augen

Seit ihrer Geburt leidet Tatjana Ford an einer infantilen Zerebralparese; von dem Spasmus sind vor allem ihre Beine betroffen. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr wächst Ford in Oklahoma, USA, auf, ihr Vater ist US-Amerikaner. Dann zieht die Familie nach Deutschland, in die Nähe von Ludwigsburg bei Stuttgart. Tatjana Ford besucht eine Schule für Körperbehinderte und macht dort ihren Hauptschulabschluss. Doch sie will mehr. Am SRH Berufsbildungswerk (BBW) Neckargemünd (siehe Kasten) erhält sie schließlich die Chance, ihre mittlere Reife und anschließend eine Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste zu absolvieren.

Als sie vom Projekt „European Mobility“ (siehe Interview) erfährt, in dessen Rahmen Auszubildende des BBW ein Praktikum in Logroño absolvieren können, steht für sie sofort fest: Sie möchte mit nach Spanien. Dazu muss sie jedoch einige Hürden überwinden. Eine ausführliche Bewerbung ist Pflicht, ebenso die Teilnahme an einem Sprachkurs. „Doch ich wollte unbedingt nach Logroño“, erzählt Ford. „Deshalb habe ich mir viel Mühe mit meiner Bewerbung gegeben und fleißig Spanisch gebüffelt. Außerdem wollte ich mich richtig unterhalten können und nicht nur herumstottern.“ Als eine von sechs Auszubildenden erhält sie schließlich die Zusage. Bei der spanischen Tochter der Würth-Gruppe haben die Projektverantwortlichen des BBW einen Praktikumsplatz für sie ergattert: Würth España richtet gerade ein eigenes Museum ein – der ideale Arbeitsplatz für die angehende Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste.

Berufliche Starthilfe

Das SRH Berufsbildungswerk (BBW) Neckargemünd bietet jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf vielfältige Dienstleistungen der beruflichen Rehabilitation und Arbeitsmarktintegration. Das BBW verfügt über rund 600 Ausbildungsplätze und bildet junge Menschen in mehr als 35 staatlich anerkannten Berufen aus. Schwerpunkte sind vor allem Praxisbezug und Internationalität. Das BBW kooperiert daher mit zahlreichen Unternehmen im In- und Ausland. Zudem baut es stetig sein virtuelles Berufsbildungswerk aus, das den Umgang mit neuen Medien vermittelt. Da die Auszubildenden am Computer und damit ortsunabhängig lernen, können auch Personen, die auf intensive Pflege oder ein vertrautes Umfeld angewiesen sind, eine Ausbildung machen.

Das Abenteuer beginnt

In der Mediathek des SRH BBW Neckargemünd sammelte Tatjana Ford während ihrer Ausbildung Praxiserfahrung – etwas, das ihr immer viel Spaß gemacht hat.

Anfang Januar 2008 geht es endlich los. „Ich war so aufgeregt, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte“, erinnert sich Tatjana Ford. Begleitet werden die Auszubildenden von Carsten Sievers, dem Leiter der Medienwerkstatt, und von Friedrich Landes, der beim BBW für internationale Angelegenheiten zuständig ist. Nachdem alle gut in Logroño angekommen sind, nehmen die Neuankömmlinge ihre Unterkunft im Studentenwohnheim unter die Lupe: Jeder bekommt ein Einzelzimmer mit Bad und Internetanschluss. Die ersten, noch freien Tage verbringen sie damit, die Stadt zu erkunden. Allerdings wartet noch eine Herausforderung auf sie: Sie müssen sich persönlich bei ihrem künftigen Arbeitgeber vorstellen. „Ich war ganz schön nervös, denn ich sollte erklären, woher ich komme und was ich in meiner Ausbildung mache, und das alles auf Spanisch. Aber es hat ganz gut geklappt“, erzählt Ford.

Eine Woche lang helfen Sievers und Landes ihren Schützlingen, sich vor Ort zurechtzufinden. Dann fliegen sie zurück – und die Auszubildenden sind auf sich gestellt. „Alles war spannend. Ich musste erst einmal schauen, wie ich mein Leben organisiere, wo ich esse, wie ich zur Arbeit komme oder was ich in meiner Freizeit unternehme“, erklärt Ford. Da das neue Museum noch nicht eröffnet ist, arbeitet sie zunächst in der Finanzabteilung von Würth. Schnell verbessert sich ihr Spanisch, und auch beruflich wird ihr immer mehr zugetraut. „Irgendwann habe ich zum Beispiel Rechnungen bearbeitet, bei denen es um ziemlich hohe Beträge ging. Das habe ich als großen Vertrauensbeweis empfunden“, betont sie. Überhaupt seien ihre Kollegen sehr erstaunt gewesen, wie schnell und präzise sie ihre Aufgaben erledigt habe. „Manchmal sagten sie zu mir: ‚Du hast gestern meine Arbeit gemacht, heute mache ich deine‘“, erzählt sie und lacht. „Meine Kollegen machten längere Pausen und zu anderen Zeiten, als ich es gewöhnt bin. Mit diesem Arbeitsrhythmus hatte ich bis zum Schluss so meine Probleme.“ Im März wechselt sie schließlich in das neu eröffnete Museum und wird dort sofort stark eingebunden: Sie schreibt Schilder für die Exponate in Spanisch, Englisch und Deutsch, übersetzt kleinere Texte, bindet das erste Exemplar des Museumskatalogs. Darüber hinaus hilft sie dabei, Ausstellungen oder Workshops vorzubereiten, arbeitet im Museumsshop, macht Bestellungen, archiviert Zeitungsartikel und hilft bei Führungen. „Meine Arbeit war sehr abwechslungsreich und hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht“, sagt Ford.

„Niemand hat mich auf meine Behinderung angesprochen. Das fand ich toll.“

Tatjana Ford

Auch in ihrer Freizeit ist die junge Deutsche aktiv. Ihre Kollegen nehmen sie unter ihre Fittiche, zeigen ihr Lieblingsplätze oder laden sie zum Essen ein. „Ich hätte am liebsten alles auf einmal gesehen“, betont sie. „An den Wochenenden habe ich also meine Segel gehisst und bin auch oft allein mit dem Bus oder Zug in andere Städte oder ans Meer gefahren. Es war toll, so selbstständig und frei zu sein. Die Zeit verging wie im Flug.“ Viel zu schnell heißt es Abschied nehmen. Im Gepäck hat Ford beim Rückflug Ende April einen EU-Pass, zwei Zeugnisse – und das Gefühl, ein ganz besonderes Abenteuer gemeistert zu haben.

Eine bleibende Erfahrung

Im Juli 2009 hat Tatjana Ford ihre Ausbildung abgeschlossen. Aus ihrer Zeit am BBW hat sie neben Fachwissen vor allem eines mitgenommen: die beruhigende Sicherheit, dass sie etwas trotz anfänglicher Hürden schaffen kann. Ihre Erfahrungen in Logroño haben sich bereits bezahlt gemacht: Ende Juli hat sie ihre erste Stelle in der Bibliothek der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe angetreten. „Mein neuer Arbeitgeber hat mir meine Auslandserfahrung als großen Pluspunkt angerechnet“, sagt Tatjana Ford. Doch auch insgesamt möchte sie ihre Zeit in Spanien nicht missen. Immerhin hat sie dort Selbstbewusstsein und Gelassenheit getankt. Und beides kann sie schließlich immer gut gebrauchen.

Gabriele Jörg

Hauptsache Ausland

Seit 2007 nimmt das SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd am EU-Projekt „European Mobility“ teil. Perspektiven sprach mit Geschäftsführer Jörg Porath darüber, welche Chancen sich den Teilnehmern dadurch eröffnen.

 

Perspektiven: Was ist das Ziel von „European Mobility“?
Jörg Porath: Wir möchten möglichst vielen unserer Auszubildenden die Chance bieten, ein Auslandspraktikum zu machen. Auf diese Weise entwickeln sie sich fachlich und persönlich weiter, lernen andere Arbeitsweisen und nebenbei auch Land und Leute kennen. Indem sie ihr Leben selbst organisieren, werden sie insgesamt mobiler und flexibler.

Auslandserfahrung ist heute ein wichtiger Türöffner bei der Jobsuche. Und genau darum geht es uns hier am Berufsbildungswerk: Wir möchten junge Menschen so qualifizieren, dass sie eine Arbeitsstelle bekommen.

 

Wie viele Auszubildende können teilnehmen?
Das hängt natürlich von den Praktikumsplätzen ab, die uns vor Ort zur Verfügung stehen. Seit Juli 2007 sind zweimal pro Jahr parallel zwei bis sechs Auszubildende in Logroño – für sechs bis acht Wochen.

 

Und wer darf mit nach Spanien?
Noten spielen nur am Rande eine Rolle, wichtig ist die Eigeninitiative der Interessenten. In einer Art Bewerbungsverfahren müssen sie zeigen, dass sie bereit sind, sich mit der fremden Kultur auseinanderzusetzen.

Außerdem ist die Teilnahme am Sprachkurs Pflicht. Um sich da durchzubeißen, braucht es Engagement und Mut. Man darf nicht vergessen: Für unsere Auszubildenden ist es nicht selbstverständlich, auf eigenen Füßen zu stehen. Doch Beispiele wie Tatjana Ford zeigen, was jemand erreichen kann.

 

Stehen Sie in Kontakt mit Ihren Auszubildenden in Spanien?
Ja, über das Internet und regelmäßige Telefonkonferenzen. So konnten wir bislang immer die seltenen Anfälle von Heimweh überbrücken. Und wirklich ernste Probleme gab es noch nicht.

 

Wie finanzieren Sie das Projekt?
Die Fördergelder aus dem EU-Topf decken die Kosten für Flug und Unterkunft. Zusätzlich erhalten die Auszubildenden ein kleines Taschengeld vom SRH Förderverein.

 

Mit welchen Partnern arbeiten Sie in Logroño zusammen?
Unser wichtigster Partner ist Würth España S.A., die größte Auslandsgesellschaft der deutschen Würth-Gruppe. Ohne Prof. Reinhold Würth wäre das Projekt nicht zustande gekommen. Als wir Ende 2006 zu ihm Kontakt aufnahmen, war er sofort bereit, mit uns zusammenzuarbeiten. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir unseren Auszubildenden ein Praktikum bei einem so renommierten Unternehmen ermöglichen können.

Zudem haben wir nach und nach unser Netzwerk erweitert: Dazu gehören nun auch die Biblioteca de La Rioja, das Unternehmen RioGlass S.A. und die Universidad de La Rioja, und wir können Praktika für Systemelektroniker, Industriemechaniker, technische Zeichner und Bürokaufleute anbieten.

 

Wie wird es weitergehen?
Unsere Erfahrungen sind rundum positiv. Die Auszubildenden wachsen an der Herausforderung, die ein Auslandsaufenthalt mit sich bringt, und ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz steigen merklich. Daher bauen wir das Projekt sukzessive aus.

Seit Mai 2009 können unsere Auszubildenden auch ein Praktikum in Plymouth, England, machen. Und wir planen, Auszubildende nach Shanghai zu schicken. All das gelingt natürlich nur dank der großen Unterstützung unserer Mitarbeiter, die sehr viel Engagement und die nötigen Sprachkenntnisse mitbringen. Und wer weiß: Vielleicht gehen wir in fünf Jahren ja nach Südamerika.

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SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd

Stationäre und ambulante Dienstleistungen der beruflichen Rehabilitation und Arbeitsmarktintegration für junge Menschen mit besonderem Förderbedarf

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