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„Das ist einfach meine Welt!“

Ganz praktisch: Carina Seemann versorgt eine Wunde. Oberarzt Süleyman Güzel Semme, Facharzt für Chirurgie am SRH Krankenhaus Oberndorf, leitet sie dabei an.

Schon als Fünfjährige weiß Carina Seemann sicher, dass sie später mal etwas mit Medizin machen will. Als eine der ersten in Deutschland absolviert die 27-Jährige ein Studium zur Arztassistentin.

Manchmal ist eine Kleinigkeit aus Kindersicht das Größte. Für Carina Seemann ist es ein roter Arztkoffer aus Plastik, den sie zu ihrem fünften Geburtstag bekommt. Mit Stethoskop um den Hals und Reflexhammer in der Hand untersucht sie ihre beiden Brüder, „bis die sich weigerten, immer meine Patienten zu sein“, erinnert sich die heute 27-Jährige lachend an ihre Kindheit im schwäbischen Rottweil. 
Dabei kommt ihre Leidenschaft fürs Behandeln und Heilen nicht von ungefähr. Die Mutter ist gelernte Kinderkrankenschwester und arbeitet später in der ­Se­niorenpflege. Carina verschlingt bereits als Elfjährige ­Bücher über die menschliche Anatomie. Als Teenager kreuzt sie oft kurz vor Dienstschluss bei der Mutter auf, um sie auf ihrer Runde durch die Station zu begleiten. Es beeindruckt die junge Frau, „wie liebevoll meine Mutter mit den Menschen umgeht und wie viel Freude sie zurückbekommt.“ Biologie und Ernährungslehre sind Carina Seemanns Lieblingsfächer in der Realschule, sie lernt gerne und entscheidet sich nach dem Abschluss für ein Berufskolleg für Gesundheit und Pflege, um die Fachhochschulreife zu erwerben. Sie möchte studieren. Doch Medizin scheidet aufgrund ihres Fachabiturs aus, und ein anderes Fach, das ihrer Vorliebe für die Medizin entspricht, lässt sich nicht finden. 
Alternativ entscheidet sich die lebhafte junge Frau für eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten in einer internistischen Hausarztpraxis: „Acht Stunden am Tag nur vor dem Computer sitzen, wäre einfach nichts für mich.“
Der Umgang mit Menschen dagegen liegt ihr, früh überträgt ihr der Chef die Laborleitung. „Frau Seemann bringt die Sonne in die Praxis“ oder „Keiner kann so gut Blut abnehmen wie sie“ bekommt sie oft als Komplimente zu hören. Sie arbeitet „wahnsinnig gern“. Nach der dreijährigen Ausbildung bleibt sie noch vier weitere Jahre als Arzthelferin in der Praxis, oft zehn, elf Stunden am Tag. Doch mit der Zeit wird ein Wunsch ­immer dringlicher: Sie will ihr Aufgabenfeld erweitern, mehr lernen.

Ein Beruf, wie für sie gemacht

Bei ihren Recherchen stößt Carina Seemann auf das in Deutschland noch junge Bachelorstudium zum „Physi­cian Assistant“ (siehe Kasten) an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Karlsruhe. In abwechselnden Theoriephasen an der Hochschule und Praxisphasen in einem Ausbildungskrankenhaus werden medizinische Fachkräfte quasi zur rechten Hand der Ärzte ausgebildet. Carina Seemann ist begeistert: „Wenn mich vorher jemand nach meinem Traumstudium gefragt hätte – genau das ist es!“
Getragen von diesem Gefühl wird sie in den folgenden Monaten schwer aktiv: Im heimatnahen SRH Krankenhaus Oberndorf am Neckar, von dem sie viel Gutes gehört hat, überzeugt sie Personalabteilung und Chefarzt sowohl von dem neuen Berufsbild als auch von sich selbst – sie wird die erste Physician-Asistant-Studentin in der SRH. Der Ausbildungsvertrag mit einer Klinik ist Voraussetzung für den Studienplatz an der Dualen Hochschule in Karlsruhe. Die schriftliche Aufnahmeprüfung dort besteht sie mit Bravour, im Fachgespräch bekommt sie für ihr Detailwissen von den beeindruckten Professoren gleich die Zusage für den Studienplatz.
Im Oktober 2016 startet Carina Seemann in ihre erste Praxisphase in Oberndorf. Vom ersten Tag an fühlt sie sich in der Klinik „richtig, gebraucht und gefordert“. Bei der Patientenaufnahme zum Beispiel, wo sie unter ärztlicher Anleitung die Erstuntersuchung durchführt. Oder im Operationssaal, wo sie den Facharzt unterstützt, indem sie beispielsweise Wundhaken hält, saugt und tupft. Fasziniert davon, „mit welchen Methoden man Patienten heute helfen kann“, assistiert sie bei einer Zeh-Amputation oder dem Einsatz eines künstlichen Hüft­gelenks. Berufung schlägt Befremden. „Das ist einfach meine Welt“, stellt Seemann fest.

Viel Arbeit vor sich

Freizeit gibt es wenig. Nach Feierabend lernt die an­gehende Arztassistentin medizinisches Fachvokabular für den Online-Kurs Englisch oder verfasst Fallbeispiele für den theoretischen Studienabschnitt. Auch dass sie sich finanziell mit einem Ausbildungsgehalt einschränken muss – geschenkt. „Ich weiß ja, wofür ich es mache“, sagt sie. Freitags und samstags jobbt Seemann in einer Cocktailbar, damit sie sich weiter ihre Zweizimmer-Wohnung in Rottweil leisten kann, plus ein WG-Zimmer für die dreimonatigen Theorieblöcke in Karlsruhe.Dort hört sie derzeit mit zehn Kommilitonen von morgens bis abends Vorlesungen in Chemie, Physik oder Molekularbiologie und besucht Kurse in Anatomie, Untersuchung oder Pathologie, Carina Seemanns Lieblingsfächer. Mit ihren Kollegen im SRH Krankenhaus bleibt sie in der Zwischenzeit verbunden, über eine eigene Whatsapp-Gruppe. Dass man die junge Kollegin in Obern- dorf vermisst, ist für Carina Seemann eine schöne Be­stätigung. „Wenn man wirklich hinter einer Sache steht, kann man viel erreichen“, sagt sie. 

 

www.krankenhaus-oberndorf.de 

www.dhbw-karlsruhe.de/pa 

Text Liane Borghardt  Fotos David Hütter

„Wenn man wirklich hinter einer Sache steht, kann man viel erreichen.“

Carina Seemann, PA-Studentin am SRH Krankenhaus Oberndorf am Neckar

Neu im Krankenhaus: der Physician Assistant

Während der Physician Assistant (PA) in anderen Ländern wie etwa in den USA, Großbritannien und den Niederlanden seit Jahrzehnten fest zum ärztlichen Team eines Krankenhauses gehört, ist er in Deutschland noch ein junger Berufszweig. 2008 be­endeten die ersten elf Absolventen ihr Studium.

Der Arztassistent, wie der Beruf auch genannt wird, ist zwischen Krankenpfleger und Assistenzarzt angesiedelt und gewissermaßen die rechte Hand der Ärzte. In einem mindestens dreijährigen Bachelorstudium erwirbt der PA breite medizinische Kenntnisse in Theorie und Praxis, sodass der Facharzt viele Tätigkeiten an ihn dele­gieren kann. Physician Assistants dürfen zum Beispiel Untersuchungen vornehmen, Behandlungspläne erläutern und durchführen sowie Operationen vorbereiten und dabei assistieren. Kleinere Eingriffe wie das Versorgen von Wunden erledigen die Arztassistenten in Eigenregie. Die medizinische Gesamtverantwortung bleibt beim behandelnden Arzt.

Fünf Hochschulen bieten derzeit Studiengänge zum Physician Assistant an, einige davon als duales Studium, also mit zusätzlicher Ausbildung in einem Krankenhaus. Weitere Angebote, darunter auch eines an der SRH Hochschule für Gesundheit Gera, sind in Planung.
Um einheitliche Standards für die Ausbildung in dem noch neuen Berufsbild zu schaffen, hat der 119. Ärztetag beschlossen: PA-Studenten müssen – um wirklich überall in Deutschland als PA arbeiten zu dürfen – eine vorangegangene medizinische Berufsausbildung mitbringen und ein einheitliches Studium ohne Fachspezialisierung absolvieren. 

Weitere Infos: Deutsche Gesellschaft für Physician Assistants (DGPA), 
www.pa-deutschland.de

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