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Bildung04.12.2012

Trotz Handicap startet Gerold Kloos durch

Den Blick immer nach vorn

Im Sommer 2012 schloss Gerold Kloos im SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd seine Ausbildung zum technischen Zeichner ab. Bereits wenige Wochen später bot die SRH dem 28-Jährigen aus Sindelfingen bei Stuttgart eine Stelle als virtueller Ausbilder an. Das glückliche Ende eines Weges, der nicht immer gerade verlief.

Gerold Kloos (Bild:Timo Volz, Mannheim)

Gerold Kloos: " Es ist ein schönes Gefühl, anderen etwas beizubringen und helfen zu können. Erst recht, wenn man sonst selbst auf Hilfe angewiesen ist."

Es gibt gute und schlechte Tage. Und es gibt Tage, an denen man abergläubisch werden könnte. Freitag, der 13. Juni 2003, war so ein Tag. Gerold Kloos hatte sich so sehr auf das Wochenende und diesen Abend gefreut. Gemeinsam mit einem Freund war er unterwegs nach Holzgerlingen. In einer Kurve geriet das Auto ins Schleudern, kam von der Straße ab und prallte mit der Beifahrerseite gegen einen Baum. Während der Freund unversehrt blieb, war Gerold Kloos schwer verletzt. Nach einer längeren Operation war klar: Er würde unterhalb des vierten Halswirbels gelähmt bleiben und für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt sein.

Kloos war damals 18 Jahre alt und im zweiten Lehrjahr auf dem Weg zum Industriemechaniker. Sein Traum: wie sein Vater als Techniker zu arbeiten. Der Unfall durchkreuzte diese Pläne jäh; er konnte jedoch nicht Kloos’ Liebe zur Technik brechen. Sein unbedingter Wille, später in einem technischen Beruf tätig zu sein, trieb ihn an. Aber bis zum angestrebten Ziel war es ein langer Weg. Nach Klinikaufenthalt, Reha und vielen Hundert Physio- und Ergotherapiesitzungen kämpfte sich Gerold Kloos Schritt für Schritt zurück ins Leben. Anfangs konnte er nur den Kopf bewegen. Aber er gab nicht auf, und nach intensivem Training konnte er – wenn auch nur sehr eingeschränkt – seine Arme wieder bewegen. Heute ist er immerhin in der Lage, mit den Knöcheln seiner Finger die Tastatur am Computer zu bedienen.

Viele Enttäuschungen - ein Glücksfall

„Ich bin jemand, der nach vorne blickt und immer versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Ich weiß, dass ich technisch begabt bin. Daher wollte ich unbedingt etwas in der Richtung machen“, sagt Kloos. Aber alle Bemühungen um einen Ausbildungsplatz schienen vergebens. Entweder waren die Räumlichkeiten bei den angefragten Firmen nicht rollstuhlgeeignet, oder die Betriebe hatten keinerlei Erfahrungen mit der Ausbildung von Menschen mit Behinderung und scheuten das Risiko, ihn einzustellen. Als Glücksfall entpuppte sich letztlich ein Hinweis der Bundesagentur für Arbeit. Das SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd (BBW) bietet seit dem Jahr 2000 Menschen mit Behinderung die Möglichkeit, sich virtuell ausbilden und beschulen zu lassen. Ganz neu im Programm war die Ausbildung zum technischen Zeichner. Gerold Kloos sah seine Chance gekommen und hat sie genutzt. „Es hat auf Anhieb für beide Seiten prima gepasst, und im Mai 2009 hatte ich meinen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Das war für mich ein Glücksfall“, sagt Kloos. Der Unterricht und die Ausbildung liefen virtuell von zu Hause aus. Und zu den Prüfungen sind die Prüfer zu ihm nach Hause gekommen. „Die Ausbildung hat mir sehr viel Spaß gemacht und mich in meiner Entscheidung bestärkt“, betont Kloos.

Dank seines Engagements und seiner sehr guten Zwischenprüfung konnte er bereits nach drei statt den vorgesehenen dreieinhalb Jahren zur Abschlussprüfung antreten. Und er meisterte auch diese Hürde mit Bestnote. Für seinen Abschluss verlieh ihm das BBW den Fichtner-Preis. Er wird vergeben an Absolventen, denen es trotz ihrer Behinderung gelingt, das Ausbildungsziel zu erreichen. Die Ausbilder und Lehrer waren fasziniert von Kloos’ herausragenden Leistungen, von seiner ruhigen Art sowie seiner Zielstrebigkeit und boten ihm nach seinem Abschluss eine Stelle als Mitarbeiter der virtuellen Ausbildung für technisches Produktdesign an. „Ich überlegte nicht lange und startete durch“, berichtet Kloos. Heute verbringt er insgesamt 20 Stunden pro Woche mit Vorbereitung und virtuellem Unterricht. „Anfangs konnte ich mir nicht so recht vorstellen, wie das Ganze funktionieren sollte. Aber die Abläufe haben sich immer besser eingespielt.“ Die Ausbildung und die fachliche Betreuung kann er bequem von zu Hause aus erledigen. Der Job gefällt ihm ausgesprochen gut, und auch seine Auszubildenden arbeiten gerne mit ihm zusammen. Das spornt ihn zusätzlich an. „Es ist ein schönes Gefühl, anderen etwas beizubringen und helfen zu können. Erst recht, wenn man sonst selbst auf Hilfe angewiesen ist“, sagt Gerold Kloos.

Die Familie ist für ihn da

Gerold Kloos (Bild:Timo Volz, Mannheim)

Was Gerold Kloos vor dem Unfall mit seinen Händen gefertigt hat, entwirft er heute am Computer. Das SRH Berufsbildungswerk hat seine Talente entdeckt und ihn als virtuellen Ausbilder angestellt. Und wenn er nicht unterrichtet, hält er sich am liebsten im Heimkino auf.

Zur Morgentoilette und zum Ankleiden kommen jeden Morgen Betreuer der Sozialstation ins Haus. Sein großer Halt aber ist die Familie, die stets für ihn da ist. Die Mutter hat nach seinem Unfall ihren Halbtagesjob in einem Möbelhaus aufgegeben. Seine ältere Schwester sowie die Geschwister der Eltern wohnen nahezu alle im näheren Umkreis. Durch den Unfall ist die Familie noch mehr zusammengerückt; man trifft sich regelmäßig, mit Vorliebe auf der Terrasse im Garten von Familie Kloos.

Vor zwei Jahren beschloss die Familie, ein neues Haus zu bauen. Bis auf wenige Ausnahmen, etwa die Pläne für die Abwasserleitungen, hat Gerold Kloos das Haus in Eigenregie entworfen: „Ich habe mir genau überlegt: Welche Räume brauche ich? Und wie sollen diese gestaltet sein?“ Er hat jeden Anschluss genauestens durchdacht und geplant, etwa für Lampen, Steckdosen und Schalter. „Hier kommt halt meine Leidenschaft für alles Technische durch; da kann ich nichts dem Zufall überlassen, da muss alles bis auf den Millimeter stimmen“, sagt er. Besonderen Wert legte er auf die Einrichtung des Heimkinos im Keller, sagt er und lacht verschmitzt.

Dort sieht er sich vor allem die Fußballspiele „seines“ VfB Stuttgart an. Leider ist es ihm nicht möglich, die Spiele live im Stadion zu erleben. Da durch den Unfall seine Temperaturregelung gestört ist, schwitzt er nicht und darf sich deshalb nicht in der Sonne aufhalten. Aber bei der Bildschirmgröße und der Qualität der Akustik ist es in seinem Heimkino fast, als würde man selbst im Fanblock stehen. Apropos Akustik: Wenn er nicht gerade Fußball oder seinen Lieblingsfilm „Lucky Number Slevin“ schaut, sieht er sich auch ganz gerne Konzerte auf dem Bildschirm an. Nur bei seinem absoluten Lieblingsmusiker sollte es keine Konserve sein. Den 6. Juli 2013 hat er sich deshalb schon dick im Kalender eingetragen, denn dann kommt Mark Knopfler, der Leader der Dire Straits, mit seiner Band in die Hanns-Martin-Schleyer-Halle nach Stuttgart.

Auch beruflich möchte Gerold Kloos sich weiterentwickeln. „Gerne würde ich die Lehrtätigkeit noch ausbauen, und mein absoluter Traum wäre es, irgendwann einmal an einem größeren Projekt mitzuwirken.“

Georg Haiber

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Stationäre und ambulante Dienstleistungen der beruflichen Rehabilitation und Arbeitsmarktintegration für junge Menschen mit besonderem Förderbedarf

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