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Der Sinnsucher

Bergsport wie Klettern ist für Michael Steube mehr als ein Hobby. Er rettet Leben.

Wenn Michael Steube klettern geht, macht er das nicht nur zum Spaß. Der stellvertretende Pflegedienstleiter am SRH Fachkrankenhaus Neresheim arbeitet auf der Schwäbischen Alb ehrenamtlich als Bergretter.

Es waren Michael Steube und seine Kollegen, die sich sofort auf die Suche machten, als der Langläufer nach seiner Tour nicht am verabredeten Treffpunkt auftauchte und Freunde besorgt den Notruf wählten. Zusammen mit 80 weiteren Bergrettern und Rettungskräften suchten sie im Skigebiet Hirtenteich nach dem Mann. „Er war völlig erschöpft, als wir ihn Stunden später endlich fanden, aber zum Glück unverletzt“, erinnert sich Michael Steube, der sich seit 20 Jahren in seiner Freizeit bei der Bergwacht engagiert. Geld gibt es dafür keines. „Berg­rettung in Deutschland ist ehrenamtlich“, erklärt der zweifache Vater und weiß genau, dass er hier richtig ist.
Der gelernte Krankenpfleger und passionierte Bergsportler findet in seinem Engagement eine optimale Ergänzung zur Arbeit im SRH Fachkrankenhaus Neresheim auf der Schwäbischen Alb. Als stellvertretende Pflegedienstleitung organisiert Steube hier etwa 100 Mitarbeiter, die sich um Menschen mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen kümmern. „Die meisten unserer Patienten liegen nach einem Unfall oder einer schweren Hirnblutung im Koma, wenn sie zu uns kommen. Nach zwei bis drei Monaten machen sie im besten Fall hier ihre ersten Schritte zurück ins Leben“, sagt er. Eine intensive und sinnstiftende Arbeit, findet der 41-Jährige.

Traumziel Alpen

Michael Steube kommt ursprünglich aus Thüringen. Auf der Schwäbischen Alb ist er so heimisch geworden, dass er mittlerweile mit süddeutschem Akzent spricht. Nach seinem Abitur in Erfurt wollte er unbedingt in die Alpen und suchte sich eine Zivildienststelle in Berchtesgaden. Neben seinen Schichten als Zivi im Altenheim half er auf einem Bergbauernhof und erfüllte sich seinen Traum, möglichst viel Zeit inmitten der spektakulären Alpenkulisse zu verbringen. Er schloss sich dem Deutschen Alpenverein (DAV) an und entdeckte Klettern, Skitouren und Eisklettern für sich. Ein Leben im Flachland kam für ihn von da an nicht mehr infrage.
Während Steube seinen sportlichen Horizont erweiterte, nahm auch seine berufliche Zukunft eine neue Wendung. Sein ursprünglicher Wunsch, Maschinenbau zu studieren, schien plötzlich nicht mehr passend. „Ich habe in meinem Leben zum Glück immer gute Berater gefunden“, erinnert sich Steube. Seine Stationsleiterin im Altenheim bestärkte ihn darin, Krankenpfleger zu werden: eine sinnvolle Aufgabe, die ihn auch nach 20 Jahren im Beruf immer noch erfüllt.

Vom Kletter-Enthusiasten zum Bergretter

Sowohl im Job als auch bei der Bergrettung findet Steube den Sinn, den er in seinem Leben sucht. „Es herrscht nicht immer Sonnenschein“, sagt er. Aber indem er seine Patienten zurück in ein selbstbestimmtes Leben begleitet und verletzten Menschen in den Bergen hilft, gestaltet er einen positiven Weg mit. Sein Ehrenamt wirke sich darüber hinaus in vielerlei Hinsicht auf seine Arbeit aus. „Eine Ausbildung macht dich nicht automatisch zu einem guten Krankenpfleger. Sie gibt dir nur die Grund­lagen. Durch das Bergsteigen und die Bergrettung habe ich gelernt, in Extremsituationen ein Risiko richtig ein­zuschätzen und unter Druck zu handeln“, sagt Steube. 
Bei der DRK Bergwacht Württemberg lernte er während einer mehrjährigen Ausbildung alles über Sommer- und Winterrettung abseits von Wegen und Straßen. „Wir treffen uns jeden Dienstagabend zur Aus- und Weiterbildung. An mehreren Wochenenden im Jahr üben wir zusätzlich verschiedene Einsätze“, erzählt er. Wie alle der 30 Bergretter in seiner Ortsgruppe wird er im Falle eines Notrufs über Handy von der Rettungsleitstelle alarmiert und meldet zurück, ob er zur Unglücksstelle kommen kann oder beispielsweise bei der Arbeit ist. Im Winter betreut die Bergwacht Aalen zusätzlich zwei Skigebiete. 

Einsatz am Felsabhang

„Wir kümmern uns um klassische Skiunfälle, im Sommer um verunglückte Wanderer oder Sportkletterer und werden immer dorthin gerufen, wo normale Rettungskräfte und -wagen wegen des unwegsamen Geländes nicht hinkommen. Unsere Berge sind nicht so hoch, aber die Abhänge steil,“ erklärt der 41-Jährige. Die Retter seilen sich am Berg ab, leisten Erste Hilfe und transportieren den Verletzten hinunter zum nächsten Weg, wo der Rettungswagen wartet.
Schwere Schädel-Hirn-Traumata, wie Steube sie bei seiner Arbeit täglich sieht, erlebt er bei der Bergwacht zum Glück nur selten. „Meistens sind es Menschen mit verstauchten Knöcheln oder verdrehten Knien, die wir bergen“, erzählt der Bergretter. Seine ruhige Art, die seine Patienten und Kollegen im Krankenhaus schätzen, kommt ihm auch im Rettungseinsatz am Berg zu­gute, denn bei Wanderern, die verletzt am Berghang liegen, ist meist auch das Nervenkostüm angeschlagen.

Unfall als Belastungsprobe

„In den Bergen verunglücken nicht nur waghalsige Leute.“ Steube ist es wichtig, das klarzustellen. Wenn viele Menschen sportlich unterwegs sind, passierten eben Unfälle. „Und in den Bergen gibt es keine vorgefertigten Routen und angemalten Griffe“, sagt er, und man hört ihm an, dass ihm gerade das gefällt. Auch wenn es ihn vor einigen Jahren selbst erwischt hat. Es war ein schöner Frühsommertag im Jahr 2012, als sich bei der letzten Klettertour des Tages der Anseilknoten löste. Steube stürzte einen steilen Hang hin­unter und brach sich beide Füße. Der Freund, mit dem er unterwegs war, rief sofort die Rettungskräfte. Zum Glück hätten ihn nicht die Kollegen von der Bergwacht aufgesammelt. „Das wäre mir peinlich gewesen“, lacht er verlegen, obwohl der Unfall selbst gar nicht ­lustig war: „Die Ärzte waren zu ­Beginn skeptisch, ob ich je wieder normal laufen können würde.“Steube konnte zwar nach einer Woche das Krankenhaus verlassen, war aber ein halbes Jahr auf Bett und Rollstuhl angewiesen. Eine echte Belastungsprobe für einen Mann, den es ständig nach draußen in die Natur zieht. „Als ich wieder laufen konnte, habe ich ganz kleine Brötchen gebacken“, erinnert sich der Bergretter heute. Erst zwei Jahre nach seinem Unfall ist sein Körper wieder fit genug für die Berge. „Aber ich gehe nicht mehr im Vorstieg und habe das alte Niveau längst nicht erreicht“, sagt er bedauernd. Seit dem Unfall habe sich seine Risikobereitschaft verändert. Jeden Knoten prüfe er jetzt zehnmal, aber Michael Steube sagt: „Daran, das Klettern, Skifahren oder das Ehrenamt als Berg­retter aufzugeben, habe ich nie gedacht.“ 

Text Katrin Heine    Foto Marc Holzner

In den Bergen gibt es keine vorgefertigten Routen und angemalten Griffe.

Michael Steube, stellvertretender Pflegedienstleiter und ehrenamtlicher Bergretter

Das SRH Fachkrankenhaus Neresheim im östlichen Baden-Württemberg ist spezialisiert auf die Behandlung und Früh­reha­bilitation von Patienten mit schweren Schädel-Hirn-Traumata und Hirnschädigungen. Anders als in vielen anderen Kliniken beginnt schon während der Intensivphase, sogar bei noch beatmeten Patienten, die Rehabilitation. Die Klinik hat rund 200 Mitarbeiter, etwa 100 davon in der Pflege.
www.fachkrankenhaus-neresheim.de 

Die DRK Bergwacht Württemberg in Aalen kümmert sich mit 30 aktiven Mitgliedern im Ostalbkreis um den Naturschutz und die Rettung verletzter Bergsportler aus unweg­samem Gelände und großen Höhen. Im Winter betreut sie zwei Skigebiete auf der Schwäbischen Alb. Interessierte lernen im Rahmen einer mehrjährigen Ausbildung beispielsweise La­winenopfer zu bergen und Verletzte am Berg medizinisch zu versorgen und abzuseilen. 
www.bergwacht-aalen.de

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