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Dicke Freunde

Wenn Benjamin und Felix auf Benjamins Playstation ihre digitalen Fußballmannschaften gegeneinander antreten lassen, geht es meist hoch her.

SRH Student Benjamin und Schüler Felix haben sich über das Mentorenprogramm „Balu und Du“ gefunden – und lernen seither fleißig voneinander. 

Benjamin gewinnt fast immer an der Playstation. Aber das macht Felix nichts. Der Junge genießt die gemein­same Zeit und die Aufmerksamkeit viel zu sehr, um sich über solche Nebensächlichkeiten zu ärgern. „Am liebsten zocken wir Fifa 17. Da muss man einen Fußballclub managen und Spieler kaufen und verkaufen“, erzählt er enthusiastisch. Fußball – in echt im Park oder auf der Playstation – steht zurzeit ganz weit oben auf Felix’ Lieblingsliste, erklärt Benjamin Panic.

Seit über einem Jahr treffen sich der zehnjährige Felix und der 27-jährige Benjamin einmal pro Woche für einige Stunden zum Spielen, Reden, Lernen und Spaß­haben. „Meistens denkt Benni sich was aus, was wir ­machen, und dann schreibt er es meiner Mama über WhatsApp“, sagt der Junge. So haben der Student und der Schüler schon viele große und kleine Dinge zusammen erlebt. „Wir spielen immer Hase und Jäger im Park. Und wir waren in Leipzig im Zoo und haben die Affen angesehen, in einem Dschungelhaus, in dem es sehr warm war“, erinnert sich Felix nach kurzem Überlegen. „Wir waren auch auf dem Rummel, ein paar Mal im Kino …“, hilft ihm Benjamin lächelnd auf die Sprünge. Und eben immer wieder Fußballspielen. 

Wenn die beiden im Park unter lautem Gejohle und Geschiebe um den Ball ringen, erinnern sie an einen großen und einen kleinen Bruder. Keine Spur davon, dass der SRH Masterstudent und der Grundschüler aus ziemlich unterschiedlichen Welten kommen, auch wenn sie beide in Gera leben. Oder dass sie sich ohne ein bisschen Starthilfe niemals begegnet wären. 

Die Starthilfe heißt „Balu und Du“ und ist ein bundesweites Mentorenprogramm für Kinder zwischen sechs und zehn Jahren (siehe Kasten rechts). Junge Erwachsene zwischen 18 und 30 übernehmen ehrenamtlich eine Patenschaft für ein Kind. Und wie im Kinderbuchklassiker „Das Dschungelbuch“ begleitet der große Balu seinen kleinen Mogli durch den Dschungel des Groß­werdens und zeigt ihm, wie man die Herausforderungen des Alltags erfolgreich meistern kann. 

Er ist zum Beispiel an seiner Seite, wenn bei berufstätigen Eltern und vielen Geschwistern die Zeit für ­jedes einzelne Kind knapp ist, wenn es in der Schule nicht richtig klappt, wenn sich alleinerziehende Mütter einen männlichen Wegbegleiter für ihren Sohnemann wünschen, wenn Scheidungskinder einen neutralen ­Dritten oder verschlossene Kinder einen großen Freund zum Auftauen brauchen. Den entscheidenden Tipp geben meist die Lehrer, oder die Eltern melden sich selbst.

Kindern Erfahrungen ermöglichen

Auch wenn er selbst sagt „Schule ist okay, besonders Sport“, könnte es im Unterricht bei Felix besser laufen, Konzentration ist nicht so seine Stärke. Weil direkte Anläufe zum Lernen bei seinem Mogli nicht besonders weit führten, versucht es Balu Benjamin nun eher durch die Hintertür. „Die Bilder von meiner Reise durch halb Asien kamen zum Beispiel super an“, freut sich der junge Mann, der an der  SRH Hochschule für Gesundheit Gera Psychische Gesundheit und Psychotherapie studiert. „Es hat Felix großen Spaß gemacht, von anderen Kulturen zu hören, und er hat die Details, wie lang die chinesische Mauer ist oder welche Religionen es in Asien gibt, aufgesogen wie ein Schwamm.“

Und wenn der Zehnjährige beim Kicken mit Flüchtlingskindern verblüfft feststellt, dass die teilweise viel hilfsbereiter sind als so mancher seiner Spielkame­raden, bekommt er mit, dass es im Leben mehr auf Persönlichkeit als auf Herkunft ankommt. 

„Natürlich läuft bei den Tandems nicht immer alles rund“, weiß Carolin Thiel, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Gesundheitspsychologie. Sie betreut das Mentorenprogramm „Balu und Du“, für das die Hochschule als einer von bundesweit 70 Standorten die Region Gera abdeckt. Zurzeit sind in Gera 20 Tandems am Start. Die meisten Balus sind Studenten der Hochschule, seit 2016 steht das Programm aber auch Externen offen.

Regelmäßig treffen sich die Mentoren zum Ideenaustausch, zur Weiterbildung, zur Reflexion, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen, wenn es bei einem Duo mal klemmt, und zu Festen, zu denen auch die Moglis mit ihren Eltern eingeladen sind. Während der gesamten Laufzeit stehen den Mentoren professionelle Berater für fachliche und zwischenmenschliche Anliegen zur Seite. 

Gerade weil nicht immer alles nach Plan läuft, bleibt das Lernen keine Einbahnstraße: „Unsere Studenten stellen hohe Ansprüche an ihre Leistung“, berichtet Carolin Thiel. Das könne man von einem Kind aber nicht erwarten. „Die Mentoren sind also gezwungen, die ei­genen Ansprüche zu zügeln. Sie müssen auch mal aushalten, dass das Kind durchhängt und keine Lust hat. Wir stellen fest, dass die Studenten dadurch geduldiger und entspannter werden.“ Viele entdecken noch mal das eigene Kind in sich und haben einfach Spaß. Und habe man zusammen eine auch mal steinige Strecke erfolgreich zurückgelegt, bleibe bei den Mentoren der Stolz, Wegbereiter für einen kleinen Menschen gewesen zu sein, beobachtet Carolin Thiel.
„Ich hab den Felix echt lieb“, sagt Benjamin ­Panic. „Und wenn ich ihm schon in Sachen Schule nicht weiter auf die Sprünge helfen kann, dann möchte ich ihm als Freund einfach eine gesunde und humane Einstellung zum Leben und zu seinen Mitmenschen mit­ge­ben.“ Bei Felix kommt das gut an. „Eigentlich mag ich ­alles an Benni“, stellt der Zehnjährige nach kurzem Überlegen fest. Zwei auf einer Wellenlänge eben. 

Text Ulrike Heitze Fotos Christoph Busse

Balu oder Mogli werden

Das Mentorenprogramm „Balu und Du bringt Grundschulkinder und engagierte Erwachsene zu Tandem-Patenschaften zusammen. Seit 2002 wurden bundesweit knapp 8.300 Gespanne vermittelt. Mentor kann grundsätzlich werden, wer zwischen 18 und 30 Jahre alt ist und ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Eintrag vorlegen kann. Die Erwachsenen verpflichten sich für mindestens ein Jahr, ein bis drei Stunden pro Woche in die Treffen mit ihrem Schützling zu investieren und regelmäßig Bericht zu erstatten.

www.balu-und-du.de, für die Region Gera: SRH Hochschule für Gesundheit Gera, Carolin Thiel, carolin.thiel@srh.de.

Die SRH Hochschule für Gesundheit Gera bildet Spezialisten für den Wachstumsmarkt Gesundheit aus. In sieben Bachelor- und fünf Masterstudiengängen studieren zurzeit rund 1.000 Studenten in Voll- oder Teilzeit, vielfach auch berufsbegleitend. Studienorte sind Gera, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Düsseldorf, Leverkusen und Bonn.

www.gesundheitshochschule.de 

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