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„Ehre, Mut, Maß und Milde“

01 Ehre Mut Mass und Milde – Foto: Christoph Beer

Dr. Walter Groß ist eine Institution, nicht nur am SRH Wald-Klinikum Gera. Mehrere Tausend Jenaer und Geraer hat er auf die Welt geholt. Im November hat er den Arztkittel an den Nagel gehängt. Was bleibt, ist ein großes Vorbild.


Seit einer Magenverstimmung vor einiger Zeit bekam Privatdozent Dr. Walter Groß jeden Morgen fürsorglich eine Tasse Fenchel-Kümmel-Anis-Tee von seiner Sekretärin gereicht. „Er schmeckt nicht, hilft nicht – und trotzdem trinke ich ihn. Man weiß ja nie“, schmunzelt der Mann im blüten­weißen Arztkittel hintersinnig. Dieser kleine Dienst am eigenen Körper sei mit der Zeit Ritual geworden. Die sympathische Schrulle steht exemplarisch für die wohl wichtigste Charaktereigenschaft des 65-Jährigen, der 17 Jahre als Chefarzt die Geschicke der Klinik für Geburtsmedizin und Frauenheilkunde am SRH Wald-Klinikum Gera gelenkt hat. „Ich bin ein Pflichtenmensch“, sagt Walter Groß über Walter Groß. 
Selbst gestellten oder von anderen übertragenen Aufgaben die höchste Priorität einräumen – von dieser Maxime hat er sich in seinen über 36 Berufsjahren als Frauenarzt stets leiten lassen. Das hielt er so, als so manche Familienfeier wegen dringender Operationen dran glauben musste, als er 2006 von den Chefärzten zusätzlich zum Ärztlichen Direktor gewählt wurde oder wenn er bis zu zwölf Stunden ununterbrochen im OP stand. „Ich habe dar­über nicht immer gejubelt. Aber ich habe das als meinen Auftrag gesehen“, erklärt der zweifache Vater und doppelte Opa bestimmt. Nicht zuletzt dieser preußischen Pflichtauffassung hat es die Klinik zu verdanken, dass sie heute einen sehr guten Ruf im mitteldeutschen Raum genießt. Im November hat Walter Groß die Klinik an seinen Wunschnachfolger Prof. Dr. Christopher Altgassen übergeben. „Mit dem guten Gefühl, ein wohlbestelltes Feld zu hinterlassen.“ Das weiß auch Dr. Uwe Leder, Geschäftsführer des Geraer Klinikums, zu schätzen: „Seine tiefe Menschlichkeit und seine Liebe zu unserem Krankenhaus, den Mitarbeitern und Patienten haben uns alle geprägt. Für mich ist Walter Groß als Arzt und Mensch ein Vorbild.“

Späte Berufung

Dabei hatte der passionierte Frauenarzt beruflich zunächst ganz andere Pläne: 1949 in Waltershausen, der Pforte zum Thüringer Wald, geboren, erlernte Groß einen reinen Männerberuf, das schweißtreibende Schmiedehandwerk, arbeitete neun Jahre als Schmied und wollte danach Metallurgie studieren. Erst sein Engagement als Rettungsschwimmer ließ sein Interesse für den Arztberuf erwachen. Dass es ausgerechnet die Gynäkolo­gie wurde, hat er dem Rat seiner Frau, einer HNO-Ärztin, zu verdanken. Es folgten ein Medizinstudium in Jena, die Anstellung am dortigen Universitätsklinikum und eine 18-jährige Tätigkeit bis zum leitenden Oberarzt der Jenaer Frauenklinik. Obwohl er gerne an der Uni arbeitete, reizte ihn 1997 die Herausforderung, als Chefarzt an das 40 Kilometer entfernte SRH Wald-Klinikum Gera zu gehen. Nicht zuletzt, weil dort die schwierige Vereinigung zweier Frauenkliniken anstand. Einfach hat Walter Groß es sich nie gemacht. Vor allem seinem Geschick ist es zu verdanken, dass aus den Fachabteilungen des ehemaligen Bergarbeiter­krankenhauses und des Bezirkskrankenhauses Gera eine leistungsfähige Gynäkologische Klinik geformt wurde. Zu seiner Berufsbilanz gehören auch die Gründung des Brustzentrums Ostthüringen, die Etablierung eines hochmodernen Mutter-Kind-Zentrums und die Einführung laparoskopischer Operationsverfahren.

Alte Werte

Wer Walter Groß einmal bei einer Visite erlebt hat, dem ist seine Liebe zu den Patienten nicht entgangen. Der Chefarzt nahm sich Zeit, sprach mit jeder Frau, spendete Trost, drückte da eine Hand, schenkte dort ein Lächeln. Sein Team hält große Stücke auf den Ex-Chef, selbst wenn der mitunter laut und unangenehm werden konnte. „Er war noch ein Chefarzt alten Schlages“, erklärt seine Oberärztin Ines Volkmann. „Mit hierarchischem Führungsstil, fachlich kompetent, sachlich, offen für alle Probleme. Auch nach kontroversen Diskussionen war er nie nachtragend und zeigte selbst eine hohe Einsatzbereitschaft.“ Seine Sekretärin Constance Klaus ergänzt: „Für ihn gab es kein krank. Er wäre auch mit dem Kopf unterm Arm zur Arbeit gekommen. Er hat zwar eine raue Schale, dafür aber ein ganz weiches Herz. Wir werden ihn alle sehr vermissen.“

Die Pflicht ruft weiter

Auch ihm werden seine Mitarbeiter wohl am meisten fehlen, bekennt Walter Groß. Ansonsten nähme er jedoch ohne Trauer Abschied von der Medizin. „Vor mir liegen nicht minder große Herausforderungen. Die Betreuung meiner schwer kranken Frau wird mir viel Kraft und Geduld abverlangen. Trotzdem will ich mir die Freiräume schaffen, die ich zum Leben einfach brauche.“ Da sind das Segeln, das Reisen – und die Enkel. Mit dem dreijährigen Fabian verbinde ihn viel mehr als nur Verwandtschaft, eine echte Freundschaft. „Der sagt dem Opa auch schon mal, was ihm nicht an ihm passt“, lächelt Groß. Menschen, die Walter Groß näher kennen, wissen um sein enzyklopädisches Wissen. Viele Reden und Diskussionen hat er mit Zitaten von Hesse, Goethe oder Rilke gewürzt. Befragt nach seiner eigenen Lebensmaxime, nennt der Pflichtenmensch Groß ohne langes Nachdenken: Ehre, Mut, Maß und Milde. Treffender geht es kaum.

 

Von Klaus-Peter Kirsten

02 Ehre Mut Mass und Milde – Foto: Christoph Beer

Dr. Walter Groß bei der Visite

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Laparoskopische Operationsverfahren gehören zu den minimal-invasiven Eingriffen: Bei einer Untersuchung oder OP werden die Instrumente über kleinste Schnitte in die Haut – zum Beispiel in die Bauchdecke – in den Körper eingebracht und bedient. Solche OPs sind schonender für Patienten, weil die Wunden deutlich kleiner ausfallen.

Für Frauen und den Nachwuchs

04 Ehre Mut Mass und Milde – Foto: Christoph Beer

Die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin am SRH Wald-Klinikum in Gera verfügt über 62 Betten. Es werden dort alle gynäkologischen Operationen, einschließlich der großen Tumorchirurgie und der komplexen Beckenbodenchirurgie, durchgeführt. Zur Klinik gehören das Brustzentrum Ost­­thüringen und eine geburtshilfliche Abteilung, die als Perinatalzentrum Level 2 anerkannt ist. Die Klinik ist im Neubau „Im Wald“ un­tergebracht. Dort trägt jede Ebene den Namen einer berühmten Persönlichkeit. Für die Frauenklinik ist es der Forscher und Unternehmer Carl Zeiss (siehe das Relief im Foyer der Klinik oben). 

www.waldklinikumgera.de