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Ein bewegtes Leben

Dass ein Pädagoge in ihm steckt, wusste Wolfgang Maier eigentlich immer. Dann kam ihm aber erst mal die Musik dazwischen.

Als Leiter der Jugendhilfe greift Wolfgang Maier Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen unter die Arme. Damit sie ihren Weg gehen können. Sein eigener führte ihn von der SRH über die Rockbühnen dieser Welt und wieder zurück.

20 Quadratmeter im sechsten Stock, ausgelegt mit hellem Teppichboden, der Computerbildschirm übersät mit Notizen und Gedanken zu Projekten. Hier arbeitet Wolfgang Maier. „Ich spiele gerne neue Ideen durch und entwerfe Konzepte für die Jugendarbeit“, erklärt der Leiter der SRH Schulen Jugendhilfe in Neckargemünd bei einer Tasse Kräutertee, während abwechselnd zwei Festnetztelefone klingeln und das Handy brummt. Immer wieder stecken Mitarbeiter den Kopf durch die Tür, fragen nach, stimmen ab, geben Feedback. Ein gefragter Mann.
Im August 2015 hat der Sozialpädagoge die Leitung der Jugendhilfe der SRH Schulen übernommen. „Perfekt geführt“ vom Vorgänger und den bestehenden Teams, wie er fröhlich betont. Heute ist sie seine Herzensangelegenheit. „Ich selbst war ein ziemlich perspektivloser Schüler ohne schulische Motivation“, erzählt der Vater zweier Söhne, zehn und zwölf Jahre alt, von seiner Teenagerzeit, als ihm eigentlich alles egal war, seine Eltern ihn durch die Schulzeit lavierten und er aus reiner Verlegenheit Einzelhandelskaufmann lernte. Deshalb kämpft er wohl heute umso bewusster für Kinder und Jugendliche, die keine starke Familie im Rücken haben, die aus sozial oder emotional schwierigen Lebenssitua­tionen kommen. 
Die Jugendhilfe bietet Familien in Not, aber auch öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Kitas oder Jugendämtern, entsprechende Unterstützung. 2016 kon­zipierte und eröffnete Wolfgang Maier die ersten stationären Jugendgruppen in Neckargemünd, in denen Kinder und Jugendliche mit Problemen leben können und von Sozialpädagogen begleitet werden. 
„Aktuell richten wir den Fokus außerdem verstärkt auf traumapädagogische Inhalte“, antwortet der Jugendhilfe-Chef auf die Frage nach seinem nächsten Etappenziel: Kinder und Jugendliche beim Bewältigen von traumatischen Ereignissen unterstützen, ihnen ­einen sicheren Ort bieten, sie emotional und sozial stabilisieren. Maier und sein Team basteln an entsprechenden ­Jugendhilfekonzepten, die ersten SRH-internen Fortbil­dungen laufen bereits. Denn der Bedarf wächst rasant. „Die Kinder und Jugendlichen, die unsere Hilfe brauchen, werden immer jünger, darunter ein hoher Prozentsatz Traumatisierter, die vieles in ihrem Leben nicht mehr hinkriegen“, sagt der 41-Jährige. Ganz in Jeans und mit Sneakers geht Maier locker als Mittdreißiger durch – und doch verbindet ihn eine schon fast zwei Jahrzehnte lange Geschichte mit der SRH. Neudeutsch könnte man es wohl eine On-off-Beziehung nennen. 1998, Maier ist 22 und hat nach dem Zivildienst mit geistig schwerbehinderten Erwachsenen die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger zu zwei Dritteln in der Tasche, kommt er für das Anerkennungsjahr an die SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd. Keine drei Monate später schmeißt er den Job wieder – aus Liebe zur Musik. 

Mehr als nur eine Leidenschaft

„Entweder werde ich Drummer oder Pädagoge, das war für mich schon als 18-Jähriger klar“, erzählt Wolfgang Maier, der heute seinem Jüngsten Schlagzeugunterricht gibt – und der es zehn Jahre lang selbst als Drum-Profi richtig krachen ließ. Mit seiner früheren Rockband Liqui­do spielte Maier auf allen großen Festivals in Europa, ihre Single „Narcotic“ verkaufte sich allein in Deutschland 700.000 Mal – und war mit ein Grund, ­warum Wolfgang Maier der SRH Ende der Neunziger erst einmal den Rücken kehrte. 

„Plötzlich konnte ich nicht mehr vernünftig ar­beiten, weil kreischende Teenager vor meinem Fenster standen oder weil die Plattenfirma mitten in der Schicht anrief und wollte, dass ich spontan zu ‹Top of the Pops› nach Berlin fliege“, erinnert er sich. Zehn Jahre tourte er als Berufsmusiker durch die Welt, stand in Stadien und Hallen von Mexiko bis China auf der Bühne. „Es war eine spannende und sehr intensive Zeit“, meint Maier und kann heute ganz ohne Wehmut zurückblicken – auch, weil er bei der SRH immer wieder die Chance zum Andocken bekam.Zum Beispiel als er 2002 sein Anerkennungsjahr als Heilerziehungspfleger an der SRH Stephen-Hawking-Schule doch noch durchzog, „nebenbei“ 70 Konzerte in zwölf Monaten spielte und danach komplett wieder ins Musikgeschäft zurückkehrte. Oder als er sich 2008, inzwischen zweifacher Familienvater, endgültig gegen die Rockkarriere entschied. Auch weil aus der Leidenschaft für die Musik immer mehr ein von Produzenten und Kollegen dominiertes Business geworden war. 

Kritischer Geist kommt an

Zaghaft fragte er damals bei seinem alten Arbeitgeber SRH an. „Die Herzlichkeit und Offenheit, mit der ich ­wiederaufgenommen wurde, aber auch das Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten, gaben mir genau den Schwung, den ich brauchte“, sagt er. 2009 übernahm der damals 33-Jährige eine Jugendgruppe mit sozial schwierigen und behinderten Kindern – der erste Kontakt zur Jugendhilfe der SRH Schulen und Startschuss für die zweite Karriere.„Ich war noch nie der Typ für Dienst nach Vorschrift, sondern immer eher der, der sich fachlich mit Ideen einbringen will und auch mal unangenehme Fragen stellt“, sagt Maier über sich. Anderswo wäre er mit seinen kritischen Tönen und visionären Konzepten vielleicht angeeckt, in der SRH Jugendhilfe wurde er von den Entscheidern gehört – auch weil Maier sich schnell das nötige Fachwissen erarbeitete. Zuerst in Workshops und internen Schulungen, später in einem berufsbegleitenden Studium Soziale Arbeit. Im Musikkeller in seinem Heimatort im Kraichgau sitzt Wolfgang Maier immer noch regelmäßig am Schlag­zeug, eine Tür weiter das Holzregal mit CDs und Schallplatten seiner liebsten Punkrock- und Metal-Bands. Eine fast noch wichtigere Kraftquelle ist aber der Sport geworden. Zum Abschalten und Auftanken brettert der 41-Jährige mit dem Longboard durch die Gegend oder am Wochenende mit dem Mountainbike die Berge hinunter. „Das Leben ist keine gerade Linie“, dieses Wissen begleitet den Sozialpädagogen jeden Tag zur Arbeit. „Manchmal muss man den Mut zu einer extremen Kurve haben, um ganz bei sich anzukommen.“ 

 

Text Kristina Junker  Fotos Annette Mück

„Manchmal muss man den Mut zu einer extremen Kurve haben, um ganz bei sich anzukommen.“

Wolfgang Maier, Leiter SRH Schulen Jugendhilfe

Die SRH Schulen Jugendhilfe in Neckargemünd wurde 2002 gegründet. Heute ­betreut das 30-köpfige Team verschiedene (teil)stationäre Wohnkonzepte für Kinder und Jugendliche mit Problemen, leistet Schulsozialarbeit an neun Regelschulen der Region, bietet Sozialkompetenztrainings und offene Jugendtreffs. Die SRH Schulen Jugendhilfe richtet sich vor allem an Kinder und ­Jugendliche bis etwa 18 Jahre aus der gesamten Region.

www.srh-schulen-jugendhilfe.de 

 

Die Jugendhilfe des benachbarten SRH Berufsbildungswerks Neckargemünd hält ähnliche Angebote für die Teilnehmer ihrer Ausbildungen bereit.

www.educare-jugendhilfe.de  

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