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Ein Junge macht Pläne

Nachdem ihm die Ärzte am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach die Granatsplitter aus dem ganzen Körper entfernt haben, kann Abbas Albunni langsam wieder nach vorne sehen. Fußballspielen, wie früher, wird er aber nie wieder können.

Bombensplitter verletzen Abbas Albunni schwer: Der Junge kann nicht mehr laufen, kämpft mit Druckgeschwüren und hat keine Chance mehr in seinem Heimatland Syrien. Durch Spenden und hartnäckige Helfer konnte ihm im SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach geholfen werden.

Er lächelt, und das ist ein kleines Wunder. Denn einige Monate zuvor steht es gar nicht gut um Abbas Albunni. Im syrischen Damaskus will der heute 17-Jährige nur kurz etwas einkaufen gehen, seine Mutter ruft ihm noch die Liste mit den Besorgungen zu, und da passiert es: Eine Granate schlägt in eine Hauswand in seiner Nähe ein, die Splitter dringen in seinen Körper. Der Junge ist bei vollem Bewusstsein, sieht seine schreiende Mutter, will zu ihr rennen, aber die Beine versagen den Dienst. 

Im Krankenhaus kämpfen die Ärzte um sein Leben und entfernen die meisten Bombenüberreste. Doch an ­einige Splitter kommen sie nicht heran. Diese drücken auf das Rückenmark und verursachen große Schmerzen. Abbas Albunni ist von der Brust abwärts gelähmt, sein Darm geschädigt, und er kann nicht mehr richtig essen. 

Bei dem Angriff wird auch das Haus der Familie zerstört. Der Junge lebt seitdem mit den Eltern und zwei Schwestern in einem Raum bei seiner Großmutter. 

Strom gibt es nur stundenweise. Ohne Spezialmatratze und fach­gerechte medizinische Versorgung leidet der Bett­lägri­ge schnell an Druckgeschwüren, isst kaum. Eine Infek­tion und eine Blutvergiftung drohen. Seine Aussichten sind düster. „Zu dieser Zeit hatte ich die Hoffnung aufgegeben“, erinnert sich der Teenager.

Hartnäckige Helfer

Als sein Cousin Jaafar Marahli, der als Koch im nord­ba­dischen Schwetzingen arbeitet, von der Not des Jungen erfährt, beschließt er zu helfen. Sein Plan: Abbas nach Deutschland holen und hier behandeln lassen. In der Stadt­rätin Raquel Rempp findet er eine unermüdliche Mitstreiterin. Auch wenn beiden klar ist, dass das alles andere als einfach wird. Allein der Transport des Schwerkranken ist eine logistische und finanzielle Herausforderung. Ganz zu schweigen von der medizinischen Behandlung und den Reha-Maßnahmen. Zudem sind die bürokratischen Hürden hoch. Ein Visum für Deutschland gibt es nur nach persönlicher ­Vorsprache bei der deutschen Botschaft in Beirut. Das ­be­deutet eine Autofahrt von rund 200 Kilometern durch unsicheres Gebiet in den benachbarten Libanon – mit einem schwer kranken Jungen. Doch Abbas Albunni will nicht aufgeben. Trotz der Strapazen tritt er mit dem Vater die Reise an. Seine Mutter bleibt mit den beiden Schwestern in Damaskus zurück. „Es war wie ein Traum, als ich mit meinem Vater zur Behandlung nach Deutschland fliegen konnte“, erzählt der junge Mann. „Das hat mir wieder Hoffnung gegeben, gesund zu werden.“ 

Möglich gemacht haben all das zahlreiche Spender und das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Das Fach- und Akutkrankenhaus in der Nähe von Karls­ruhe ist auf die Behandlung von Querschnittgelähmten spezialisiert und übernahm die Operation und die Versorgung zum Selbstkostenpreis. Die Ärzte verzichteten sogar auf ihr Honorar.

Ungewisse Zukunft 

„Wir haben die Granatsplitter entfernen und die gefähr­lichen Folgen der unzureichenden Versorgung erfolgreich therapieren können“, sagt Chefarzt Dr. Carl Hans Fürstenberg. „Jetzt kann Abbas im Rollstuhl sitzen und lernen, wie man mit einer Querschnittlähmung leben kann.“ 
Wer heute in die großen, dunklen Augen des 17-Jährigen blickt, sieht darin noch den leisen Traum, vielleicht doch irgendwann wieder laufen zu können. „Aber wenn das nicht geht, will ich möglichst normal und selbstständig leben, zur Schule gehen und Informatiker werden“, erklärt der Junge pragmatisch, während er Übungen mit einer Physiotherapeutin macht. Dabei ist zu spüren, wie er sein neues Leben im Rollstuhl immer mehr als echte Chance begreift.

„Ein so junger Mensch hat trotz einer Querschnittlähmung eigentlich noch das ganze Leben vor sich – sofern er damit umzugehen weiß und gut rehabilitiert wird“, stellt Chefarzt Fürstenberg fest. Aber es wird dafür noch einige Anstrengungen brauchen, denn noch immer fehlt Geld, um die weitere Behandlung von Abbas Albunni zu bezahlen. In seiner Heimat Syrien sieht der Junge für sich keine Zukunft, denn dort hätte er als Rollstuhlfahrer kaum eine Chance, zur Schule zu gehen, ein eigenständiges ­Leben zu führen. Die Infrastruktur des Landes liegt am Boden, ein Trainingsprogramm, das Gehandicapten zeigt, wie sie mit ihrer Querschnittlähmung umgehen und in Eigenregie leben können, gibt es nicht.

Abbas Albunni hofft, nach dem Ablauf seines einjährigen Visums bleiben zu können. „Ich bin den Menschen hier unglaublich dankbar, die für mich spenden und mich so herzlich aufgenommen haben“, sagt er. „Eines Tages möchte ich in der Lage sein, auch etwas zurückzugeben.“ Dafür lernt er fleißig Deutsch und erarbeitet sich trotz seiner Lähmung jeden Tag ein Stück mehr Selbstständigkeit. Die Unterstützung, die er hier erfahren hat, hat ihm neue Hoffnung und Kraft gegeben. Und jedes ­Lächeln ist der Beweis. 

www.klinikum-karlsbad.de

Text Florian Junker Fotos Thomas Bernhardt

„Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.“

Abbas Albunni, 17

So werden Flüchtlinge medizinisch versorgt

Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz haben Flüchtlinge im Vergleich zu gesetzlich Krankenversicherten nur einen eingeschränkten Anspruch auf medizinische Versorgung. Behandlungen werden nur bei akuten Erkrankungen, Schmerzen, wichtigen Impfungen und für werdende Mütter bezahlt. In vielen Bundesländern müssen Flüchtlinge zudem die Behandlung erst behördlich genehmigen lassen, bevor sie zum Arzt gehen können. Um es einfacher zu gestalten, haben einige Länder und Kommunen eine elektronische Gesundheitskarte eingeführt, über die die Leistungen abgerechnet werden. Die Karte ist allerdings längst noch nicht flächendeckend im Einsatz. 

Abbas Albunni mit seinem Vater Ammar.

Foto: SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach

Zwei Koffer, viel mehr konnten Vater und Sohn nicht aus der Heimat

Wenn auch Sie mit Ihrer Spende dabei helfen möchten, dass Abbas weiter behandelt werden kann: Spendenkonto „Hilfe für Abbas“ bei der Sparkasse Heidelberg (IBAN-Nr.: DE79672500 2000092442399)

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