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Ein Leben in Bewegung

Ein_Leben_in_Bewegung (Foto: Thomas Raffler)

Sabine Koch ist Deutschlands erste und einzige Professorin für Tanz- und Bewegungstherapie und bildet an der SRH Hochschule Heidelberg den Nachwuchs aus. Mit therapeutischen Tango-Workshops hilft sie Patienten, ihre Körperwahrnehmung zu verbessern.

Im Hintergrund leise Gitarrenklänge, ein Akkordeon. Sanft hält Sabine Koch die Hände einer Patientin, animiert sie mit leiser Stimme, die Musik auf sich wirken und die Bewegungen einfach kommen zu lassen. Erst zögerlich, dann immer selbstbewusster wiegt sich die Patientin zur Tangomusik, meistert Drehungen und schließlich Schrittfolgen. Die konzentrierte Anspannung in ihrem Gesicht weicht einem erleichterten Lächeln. Freude darüber, dass die von der Krankheit steifen Knochen doch noch mehr zulassen als gedacht. Auch wenn Sabine Koch um die Wirkung von Tanztherapie-Workshops weiß, freut sie sich jedes Mal mit den Teilnehmern über deren Erfolgs-erlebnisse. „Über die Arbeit am Körper lässt sich etwas an Gefühlen und Gedanken verändern, eine gute Körperwahrnehmung schaffen und verstärken“, erklärt die 47-jährige Professorin die Wirkweise. Viele Patienten müssen erleben, dass ihr Körper etwa durch Krebserkrankungen, Schlaganfälle, psychische oder psychosomatische Probleme oder Parkinson nicht so funktioniert, wie sie sich das wünschen. So etwas kann traumatisieren. „Da ist es sehr wichtig, positive Körper­erinnerungen zu wecken und die Stärken des Körpers wiederzuentdecken“, weiß Sabine Koch. 

„Wenn man im Alltag merkt, dass Bewegungen zunehmend schwerfallen, zieht man sich schnell zurück und will nicht auffallen“, sagt Martina Stein, die seit einigen Jahren an Parkinson leidet. Das so dringend angeratene Training werde dann zur lästigen Pflicht. „Aber hier im Tango-Workshop hatten alle Teilnehmer ähnliche Einschränkungen. Das nimmt den Erfolgsdruck. Und durch die Musik und das Tanzen habe ich mich völlig entspannt“, berichtet die 52-jährige Mannheimerin. „Da fällt Bewegung wieder leichter. Ich habe in dem Moment ganz vergessen, dass ich krank bin.“

In den Tanzworkshops kommen dann auch die Studierenden zum Einsatz, die Sabine Koch unterrichtet. Ab dem zweiten Studienjahr setzen sie dort die erlernten therapeutischen Fähigkeiten in die Praxis um. Denn Sabine Koch ist nicht nur engagierte Therapeutin. Sie leitet an der SRH Hochschule Heidelberg auch den ersten und einzigen in Deutschland akkreditierten Studiengang für Tanz- und Bewegungstherapie im deutschsprachigen Raum. Bislang erfolgte hierzulande die Ausbildung zum Tanz- und Bewegungstherapeuten – anders als in vielen anderen Ländern – nur über private Ausbildungsinstitute. Als Koch 2012 ihr Konzept für einen Masterstudiengang dem Rektor der SRH Hochschule vorstellte, brauchte es keine große Überzeugungsarbeit. „Der Beruf ist einfach reif für ein akademisches Angebot“, erklärt sie mit Nachdruck. Die Arbeit mit „ihren“ Studentinnen – bislang sind noch keine Männer darunter – begeistert die Dozentin sehr. „Sie kommen gezielt aus aller Welt und mit unterschiedlichsten beruflichen Vorerfahrungen zu uns, weil sie genau dieses akademische Modell möchten. Deshalb sind sie motiviert bis in die Haarspitzen.“

Engagiert in der Forschung

Sabine Koch selbst hat Sozialpädagogik und Psychologie studiert. Sie promovierte und habilitierte sich an der Universität Heidelberg. In Sachen Tanztherapie ist sie an der Hahnemann University in Philadelphia ausgebildet worden. Regelmäßig greift die Professorin auf ihre internationalen Kontakte zurück, forscht und publiziert mit Kollegen verschiedenster Fachrichtungen aus aller Welt. So ließ sich in gemeinsamen Studien etwa zeigen, dass bei depressiven Patienten Kreistänze in Vertikal­bewegungen Freude und positive Affekte erzeugen. Patienten mit Angstzuständen sind über Wiegerhythmen und Dreivierteltakt zu beruhigen. Autisten können über therapeutisches Spiegeln ihre Empathie steigern. Auch wenn die gebürtige Heidelbergerin als Wissenschaftlerin spricht, bleibt ihre Gestik tänzerisch. Während sie engagiert über für Laien abstrakte Details in der wissenschaftlichen Beweisführung doziert, formen ihre Hände sanft feine Bögen in der Luft. 

Forschung ist nicht nur Sabine Kochs Leidenschaft, sie ist auch extrem wichtig für das junge Anwendungsfeld der Tanztherapie. „Wir müssen immer wieder die Wirksamkeit von Tanz- und Bewegungstherapie belegen. Wir sind längst noch nicht in alle klinischen Versorgungsleitlinien aufgenommen“, erklärt sie. Diese Leitlinien der medizinischen Fachwelt geben an, welche Therapien – wissenschaftlich nachgewiesen – für ein bestimmtes Krankheitsbild empfohlen werden können. „Und sie sind ein Zeichen dafür, wie etabliert eine Profession im Gesundheitswesen ist.“ In den letzten Jahren hat sich viel getan. „Ärzte und Psychologen sehen, dass Patienten gut auf unsere Therapien reagieren.“ Bereits empfohlen wird Tanztherapie in der Behandlung psychologischer Traumata und in der Rehabilitation von Brustkrebs. „Aber es gibt noch viel zu tun“, stellt Koch fest. Da ist es nur hilfreich, dass sie mit ihrer Professur das Berufsbild aufs akademische Spielfeld geführt hat.

Ihre eigene Liebe zum Tanz kommt zwischen Praxis, Lehre und Forschung und der Familie mit zwei Teenagern schon mal zu kurz. „Aber ich mache regelmäßig mit Freunden Ca­poeira. Unser Trainer ist sehr stolz auf uns, weil wir noch so gut sind und mit den Studentinnen mithalten können“, berichtet Sabine Koch augenzwinkernd. Capoeira ist eine brasilianische Kampfkunst, voller Energie, anmutig verpackt. Wenn das nicht passt.

Von Ulrike Heitze

Ein Leben in Bewegung (Foto: Thomas Raffler)

Tanz- und Bewegungstherapie studieren

Die SRH Hochschule Heidelberg bietet als einzige Hochschule einen Masterstudien-gang Tanz- und Bewegungstherapie als Voll- oder Teilzeitangebot. 

Das Studium dauert 24 beziehungsweise 36 Monate und führt zum akademischen Grad Master of Arts (Dance/Movement Therapy), der weltweit zur Promotion berechtigt. Zudem liefert das Studium die fachlichen Inhalte für die Heilpraktiker-prüfung. Zu jedem Wintersemester werden 15 Bewerber aufgenommen. Voraussetzung ist ein Bachelorabschluss aus den Sozial- oder Humanwissenschaften oder aus dem künstlerischen Bereich wie etwa Tanz.

Im Januar 2015 ist die Eröffnung der tanz- und bewegungstherapeutischen Ambulanz auf dem Hochschulcampus in Heidelberg geplant. So können Einzel- und Gruppentherapien und noch mehr Patientenworkshops angeboten werden.

In Kooperation mit dem SRH Klinikum in Karlsbad-Langensteinbach baut Sabine Koch aktuell eine tanztherapeutische Traumabehandlung auf.

Tanztherapie ist eine Form der Körperpsychotherapie. Ihre Ursprünge liegen im Ausdruckstanz und in der Gymnastikbewegung der 1920er-Jahre. Über die Jahrzehnte wurde sie kontinuierlich weiterentwickelt. Anders als Physiotherapie, die den funktionalen Aspekt der Bewegung – drehen, strecken, beugen für eine bessere Beweglichkeit – nutzt, wird in der Tanztherapie Bewegung eingesetzt, um Emotionen und Gefühle zu wecken und auf emotionale, kognitive und soziale Aspekte zu wirken. So lässt sich die psychologische Seite einer Erkrankung aufarbeiten und eine Gesamtverbesserung verschiedener Symptomatiken erreichen.

www.hochschule-heidelberg.de

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