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Bildung13.06.2012

Osman Karcier berät und unterstützt

Ein Stück vom Glück weitergeben

Osman Karcier (Timo Volz)

Vertrauter Ort: An der SRH Hochschule Heidelberg hat Osman Karcier studiert. Heute arbeitet er als Case Manager nur wenige Meter von hier entfernt.

Osman Karcier hat seinen Weg gefunden– trotz vieler Hindernisse. Bei der SRH hat er seine mittlere Reife gemacht und dort später auch studiert. Überhaupt habe er viel Glück gehabt, sagt der 27-Jährige. Ein Stück davon möchte er nun an andere weitergeben – als Sozialarbeiter beim SRH Berufsförderungswerk Heidelberg.

Ginge es nach ihm, würde Osman Karcier am liebsten immer alles auf einmal machen. „Vom Kopf her brauche ich Action, nur körperlich bin ich eben etwas langsamer. Das kann, muss man aber nicht als Hindernis sehen“, sagt der gebürtige Stuttgarter und grinst. Es gibt viele Dinge, die ihm Spaß machen: Musik hören, lesen, sich mit Freunden treffen, ins Kino gehen. „Ich lache gerne, ich rede viel, und“, fügt er etwas nachdenklicher hinzu, „alles in allem bin ich wohl schon eine Kämpfernatur.“ Die ist dem jungen Mann, der da in seinem Rollstuhl sitzt, zwar nicht unbedingt auf den ersten Blick anzusehen. Doch es ist kein Zufall, dass gerade ihm das Wort „helfen“ nur schwer über die Lippen kommt. „Ich mag diesen Begriff nicht; für mich impliziert er Abhängigkeit und Kontrolle von außen. Da sage ich lieber ‚unterstützen‘“, erklärt er. „Ich gestehe anderen ihre Freiheit zu, und genauso will auch ich selbstbestimmt meinen Weg gehen.“

Er hat sich durchgeboxt. Von Anfang an. Fast wäre er damals, bei seiner Geburt 1984, gestorben. Doch er hat überlebt, später seinen Hauptschulabschluss, dann die mittlere Reife und schließlich Fachabitur gemacht. Sein Studium hat er im Oktober 2011 mit der Note 1,5 abgeschlossen, danach auf Anhieb eine Stelle beim SRH Berufsförderungswerk (BFW) Heidelberg gefunden. Heute begleitet der 27-Jährige als Case Manager Patienten mit neurologischen Erkrankungen auf ihrem Weg zurück in den Alltag. Und er hat noch viele Pläne – beruflich und privat.

Kein einfacher Start

Osman Karcier kommt zweieinhalb Monate zu früh zur Welt – mit verkrümmtem Rücken, einem Spasmus in den Beinen und einer Sehschwäche. Er wächst in Stuttgart auf, als viertes Kind türkischer Migranten, muss schon früh zahllose Operationen über sich ergehen lassen. Doch als Nesthäkchen habe er viele Privilegien gehabt, die er zum Leidwesen seiner Geschwister auch stets ausgenutzt habe, gesteht er grinsend. „Meine Mutter war immer übervorsichtig. Da waren Konflikte vorprogrammiert, weil ich mir irgendwann meine Freiräume eben erkämpft habe.“

Lange scheint es, als stünde sein beruflicher Weg aufgrund seiner Behinderung von vornherein fest. „Irgendwie war immer klar, dass ich einen klassischen kaufmännischen Beruf erlerne. Ich kannte nichts anderes, wollte nichts anderes“, erzählt er. Nichts liegt für ihn ferner als der Gedanke an ein Studium.
Daher besucht Karcier zunächst eine Körperbehindertenschule in seiner Heimatstadt, macht mehrere Praktika in Behinderteneinrichtungen und 2003 den Hauptschulabschluss. Mit 18 beginnt ein neuer Lebensabschnitt für ihn: Seine mittlere Reife absolviert er an der integrativen Stephen Hawking Schule in Neckargemünd, die zu den SRH Schulen gehört. Obwohl seine Eltern anfangs sehr besorgt sind, zieht der damals 18-Jährige ins knapp 100 Kilometer entfernte Internat der Schule – eine Entscheidung, die er nie bereut hat. „Zum ersten Mal war ich von zu Hause weg und unabhängig, lernte viele nette Leute kennen“, erinnert er sich. „Diese Zeit hat mich sehr vorangebracht.“ Erstmals bietet sich ihm nun auch die Gelegenheit, den bislang geplanten beruflichen Weg zu hinterfragen. „Irgendwann machte es klick, und ich wusste: Bürokaufmann ist nicht mein Ding“, erinnert sich Karcier. In welche Richtung es stattdessen gehen soll, erkennt er während eines Urlaubs in der Türkei. Dort sieht er zahllose Behinderte, die auf der Straße leben. „Da hab ich erst so richtig begriffen, wie viel Glück ich selbst habe“, sagt er. „Ab diesem Zeitpunkt wollte ich vor allem eines: einen sozialen Beruf lernen und anderen ein Stück von meinem Glück abgeben.“

Nach dem Abschluss in Neckargemünd wechselt er an eine integrative Fachabitur in Sozialwesen macht. SeinSchule in München, an der er sein Ziel steht nun fest: Er möchte Sozialarbeit studieren. Ein Lehrer empfiehlt ihm die SRH Hochschule Heidelberg: Auf dem ältesten barrierefreien Campus Deutschlands sind alle Räume per Rollstuhl zu erreichen, es gibt Pflegeappartements, eine Arztpraxis und ein Therapeutenteam, und mit dem SRH BFW Heidelberg steht Studierenden wie Osman Karcier ein kompetenter Partner zur Seite.

Neue Welten entdecken

Osman Karcier (Timo Volz)

Telefon und Computer sind wichtige Utensilien für eine der Lieblingsaufgaben von Osman Karcier:das Netzwerken.

2008 startet Osman Karcier sein Studium – anfangs mit gemischten Gefühlen. „Ich hatte Angst, die Vorlesungsräume nicht zu finden oder das Studium überhaupt nicht zu packen“, erinnert er sich. Doch seine Befürchtungen verflüchtigen sich bald. Denn der junge Student wird von allen Seiten unterstützt. „Mein Zivi Sebastian zum Beispiel Menschen | Perspektiven 2/2012 SRH Magazin 11 begleitete mich in Vorlesungen, schrieb für mich mit. Er hat meine Beine ersetzt, und seine ruhige Art tat mir gut“, sagt er. Auch Case Managerin Brigitte Sekinger-Mohr (siehe Kasten) vom SRH BFW Heidelberg unterstützt Karcier vom ersten Studientag an. Sie übernimmt die Formalien sowie die Korrespondenz mit der Agentur für Arbeit, die das Studium finanziert, steht ihm bei Fragen und Problemen zur Seite, organisiert Reparaturen für den Rollstuhl oder Assistenten, die für ihn bei Klausuren das Schreiben übernehmen. „Ich selbst schreibe nicht schnell genug, daher habe ich alles diktiert“, erzählt er. „Das ist gar nicht so einfach. Es muss ja zack, zack gehen. Da muss man sehr strukturiert sein, die ganze Klausur im Kopf formulieren.“

Seine Tage sind ausgefüllt: Er besucht Vorlesungen, schreibt Hausarbeiten, übt Diktieren, paukt Psychologie, Methoden der sozialen Arbeit, Recht. Und abends oder am Wochenende ist er mit von der Partie, wenn seine Kommilitonen in die Kneipe oder ins Kino gehen und Konzerte besuchen. „Ich habe gelernt, meinen Mund aufzumachen und auf andere zuzugehen. Wenn man körperlich eingeschränkt ist, muss eben der Mund das ausgleichen“, sagt er. Und es habe sich stets gelohnt, die anderen offen anzusprechen. Seine Studienzeit sei die unkomplizierteste Phase seines Lebens gewesen, schwärmt Karcier. „Plötzlich konnte ich überall mit hin, musste mich nicht darum kümmern, ob eine Kneipe behindertengerecht ist. Wenn nicht, haben mich die anderen einfach getragen.“

Volle Kraft voraus

Nach seinem Abschluss bewirbt sich Osman Karcier bei der ambulanten Pflege des SRH Berufsförderungswerks Heidelberg, die ihren Sitz ebenfalls auf dem Hochschulcampus hat – und erhält eine Halbtagsstelle. „Ohne meine Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Berufserfahrung gäbe es meine Stelle so überhaupt nicht“, betont er. „Im Team stellen wir viel auf die Beine.“ Er selbst betreut Menschen, die zum Beispiel einen Schlaganfall hatten und nach ihrem Krankenhausaufenthalt auf pflegerische Hilfe angewiesen sind. „Ich unterstütze sie dabei, sich wieder in ihrem Alltag zurechtzufinden, zeige ihnen ihre Ressourcen auf, gebe Impulse“, erklärt er. „Ich maße mir aber nicht an, zu bestimmen, was für sie richtig oder falsch ist. Jeder muss selbst entscheiden. Das zu vermitteln, sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben an.“

Seine Arbeit ist abwechslungsreich und macht ihm Spaß: Er berät, klärt rechtliche und organisatorische Fragen, knüpft Kontakte zu kommunalen Trägern. Gerne greift er auch Ideen von seinen Kunden auf; so ist etwa ein türkischer Nachmittag entstanden. Viel Spaß macht ihm auch das Netzwerken, kann ich ganz gut für michetwa mit Studierenden der Hochschule, die Ausflüge für Kunden organisieren und begleiten. Die Menschen, die Karcier betreut, fühlen sich bei ihm gut aufgehoben, seine gute Laune steckt an. Und die lässt er sich selten verderben. „Wütend werde ich eigentlich nur, wenn mich jemand bevormunden will. Schließlich selbst entscheiden“, sagt er.

Meist verpufft sein Ärger jedoch recht schnell. „Ich sehe lieber das Positive: Ich lebe, habe einen Job, Freunde. Das gibt mir Kraft“, betont er. Schließlich hat er noch einiges vor: Irgendwann würde er gerne eine Weiterbildung machen, zum Beispiel zum Coach, später gerne eine Familie gründen. Außerdem träumt er davon, ein Buch zu schreiben über einen jungen Mann, der seine Selbstbestimmtheit entdeckt. „Vor allem aber möchte ich mir selbst treu bleiben. Ich möchte mich weiterentwickeln und wie bei einem Büfett möglichst viele verschiedene Dinge probieren“, sagt er und lächelt. „Es gibt so viele Möglichkeiten. Da wäre es doch schade, wenn ich mich von vornherein einschränken lasse.“ Schließlich kann man Hindernisse als Barrieren betrachten oder eben als Herausforderung. Osman Karcier hat sich für Letzteres entschieden.

Gabriele Jörg

Damit das Studium gelingt

"Es ist ein schönes Gefühl, zu erleben, wie Absolventen der Start ins Berugsleben gelingt." Brigitte Sekinger-Mohr

Brigitte Sekinger-Mohr ist Case Managerin beim SRH Berufsförderungswerk Heidelberg. Sie betreut alle Studierenden der Hochschule, deren Studium aufgrund eines körperlichen oder psychischen Handicaps von einem öffentlichen Leistungsträger finanziert wird.

Frau Sekinger-Mohr, was sind Ihre Aufgaben als 
Case Managerin?
Ich sehe mich als Bindeglied zwischen den Reha-Studierenden, den Leistungsträgern und der Hochschule. Im Prinzip sorge ich für den passenden Rahmen, damit ein Studium erfolgreich verläuft. Ich plane, steuere, dokumentiere, berate, stehe den Studierenden zum Beispiel bei Leistungstiefs, Prüfungsangst oder familiären Krisen zur Seite. Sie können jederzeit zu mir kommen, der persönliche Kontakt ist mir wichtig. Zum Studienstart spreche ich mit jedem von ihnen, wir lernen uns kennen und klären, welche ausbildungsbegleitenden Angebote gestartet werden müssen. Nach jedem Trimester führe ich zudem ein Rückmeldegespräch mit Student und Fachbereich: Wie ist der Ausbildungsstand? Gibt es Probleme? Wird zum Beispiel eine Verlängerung der Klausurzeit benötigt? Ich dokumentiere die Ergebnisse, gebe sie an den Leistungsträger weiter, beantrage Hilfsmittel oder Dienste, organisiere.

Welche speziellen Angebote für Reha-Studierende gibt es?
Auf dem Campus stehen zahlreiche Dienste bereit: behindertengerechte Appartements, Pflege, eine ärztliche Ambulanz, Kinderbetreuung, ein Psychologenteam. Wir haben einen Reparaturservice für Rollstühle und eine Ausleihe für Hilfsmittel. Bei Bedarf stellen wir auch sonderpädagogische Hilfen wie einen Gebärdendolmetscher für Hörbehinderte oder eine Schreibassistenz zur Verfügung.

Und was sehen Sie als größte Herausforderung bei 
Ihrer Arbeit?
Die Koordination der verschiedenen Ansprechpartner. Einvernehmliche Lösungen zu finden kann ganz schön knifflig sein, etwa wenn es gilt, dem Leistungsträger gegenüber zu begründen, warum ein Studium verlängert werden muss. Die Studierenden, die ich betreue, sind ja sehr unterschiedlich, haben ganz verschiedene Lebensläufe. Ich arbeite sehr gerne mit ihnen zusammen, erlebe sie als motiviert, zuverlässig, selbstständig, kooperativ. Und auch die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen und Dozenten läuft richtig gut. Es ist immer wieder ein schönes Gefühl, wenn wir gemeinsam ein Problem lösen – und erleben, wie einem Absolventen der Start ins Berufsleben gelingt.

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