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Einmal Rio und zurück

Fast ein Dutzend Studenten, Trainer und Therapeuten der SRH haben erfolgreich bei den Olympischen und den Paralympischen Spielen in Brasilien mitgemischt. Was sie von den Spielen berichten und wie sie Leistungssport und Karriere zusammenbringen.

„Der Moment, in dem man die Goldmedaille um den Hals gehängt bekommt, ist ein absolutes Highlight, das kaum in Worte zu fassen ist“, erinnert sich Melanie ­Leupolz an den 19. August 2016. Gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen von der Deutschen Frauenfußball-Natio­nalmannschaft siegte die 22-jährige SRH Studentin mit 2:1 über die schwedische Mannschaft und holte erstmals eine olympische Goldmedaille. 

Zahlreiche SRH Studenten, Trainer und Therapeuten nahmen im August und September erfolgreich an den Olympischen und den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro teil. Einige Heimkehrer – wie Fußballerin ­Melanie Leupolz (siehe Interview S. 6), die Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, Hockey-Kapitän Moritz Fürste oder Handball-Kapitän Uwe Gensheimer – haben Medaillen im Gepäck. Ausnahmslos alle Teilnehmer bringen tolle Leistungen und wertvolle Erfahrungen mit, die es jetzt gilt, als Motivation in den Alltag mitzunehmen. 

Denn Leistungssport und Job oder Studium unter einen Hut zu bringen, ist für viele ein steter Balanceakt. Wie etwa für Schwimmer und Olympiafinalist Clemens Rapp. Er hat es nach Rio zwar zunächst etwas ruhiger angehen lassen: „Ich denke, nach einem so wichtigen Wettkampf kann man sich mal einige Wochen Erholung mit Urlaub und ‚Nichtstun‘ gönnen.“ Aber auch für den 27-Jährigen ging es Mitte Oktober wieder zurück in den Alltag zwischen seinem Studium und den 25 bis 30 Stunden Training pro Woche, die er am Olympiastützpunkt Rhein-Neckar in Heidelberg absolviert. Schließlich stehen schon im Juli 2017 die Weltmeisterschaften in Budapest an. Nach dem Wettkampf ist eben immer vor dem Wettkampf.

Die enorme Doppelbelastung zahle sich trotzdem aus, findet Rapp: „Ich bin mehrmaliger Deutscher Meister, Europameister und stand bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften im Finale. Diese Momente bleiben mir natürlich immer in Erinnerung und sind der Lohn für die harte Arbeit, die ich in mein Hobby, den Sport, stecke.“

Wer sich aber ausschließlich seinem Sport widme, stehe nach einer Verletzung oder nach dem Karriereende schnell vor dem Nichts. Deshalb arbeitet Clemens Rapp parallel an seiner beruflichen Zukunft. 

Er studiert International Business and Engineering an der SRH Hoch­schule Heidelberg und ist froh, dass sich das Studium mit dem Sport vereinbaren lässt: „Natürlich ist es auch für mich schwierig, nach einer harten Trainingseinheit am Morgen in der Vorlesung zu sitzen und mich dort zu konzentrieren. Das braucht neben einem guten Zeitmanagement auch eine gewisse Organisation des Tages, damit die Regeneration nicht untergeht.“ Immerhin erwerbe er so wichtige berufliche Soft Skills wie Stress­resistenz, Disziplin und Zeitmanagement ganz nebenbei ohne Zusatzkurse, ergänzt er augenzwinkernd.

An selbstorganisierten Lerngruppen kann er selten teilnehmen, weil die meist in seine Trainingszeiten fallen. „Deshalb möchte ich mich hier mal bei meinen Kommilitonen bedanken, die mir Skripte und Mitschriften zukommen lassen und bei Fragen immer weiterhelfen.“

Alles in allem hat Clemens Rapp sein Leben ­zwischen Leistungssport und Karriere gut im Griff: Den –Bachelorabschluss hat er nach acht Semestern in der ­Tasche. Im Herbst 2017, nach den Weltmeisterschaften, soll der Masterabschluss folgen.

„Tischtennis ist ein Sport, den Menschen mit und ohne Behinderung toll zusammen ausüben können.“

Juliane Wolf, Tischtennisspielerin bei den Paralympics, Doktorandin

Umgang mit Stress üben

Für Sportler, aber auch für Berufstätige, Schüler und Studenten ist die Fähigkeit, ihr volles Potenzial – oft das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit – unter Druck abrufen zu können, ein kritischer Erfolgsfaktor. „Menschen setzen sich in oder vor Prüfungssituationen oft so unter Druck, dass sie sich quasi selbst im Weg stehen und in der Folge hinter ihren Möglichkeiten bleiben“, sagt Anne-Kathrin Deloux, Leiterin Geschäftsentwicklung an den SRH Fachschulen. Dort hat man darauf reagiert und integriert ab 2017 spezielle Trainings in die therapeutischen, pädagogischen, IT- und Medien-Ausbildungsgänge: Über die wissenschaftliche Methode des Heidelberger Kompetenztrainings (HKT) lernen die Teilnehmer, in Stresssituationen emotionale Blockaden zu vermeiden und gelassener zu bleiben. 

Eine sinnvolle Initiative, findet Olympiasiegerin Kira Walkenhorst. Die 27-jährige Beachvolleyballerin aus Essen hat selbst eine Ausbildung zur Physiotherapeutin an der SRH Fachschule in Leverkusen absolviert. Die mentale Stärke, die es erfordert, sich in der Weltrangliste auf Platz eins vorzuspielen oder für die Goldmedaille im ausverkauften Olympiastadion an der Copacabana gleich zweimal hintereinander ein brasilianisches Team wegzubaggern, hat sie sich in den letzten Jahren hart erarbeitet. „Zu meiner Zeit gab es leider noch kein HK-Training, aber meine Ausbildung hilft mir definitiv, meinen Körper noch besser zu verstehen, und erleichtert mir die Kommunikation mit unseren eigenen Physios“, sagt sie. 

Melanie Leupolz kickt seit 2013 in der Fußballnationalmannschaft. Die Mittelfeldspielerin ist Europameisterin, Goldmedaillengewinnerin und mit dem FC Bayern München mehrfache Deutsche Meisterin. Nach einem erfolgreichen Sportmarketing- Studium studiert die 22-Jährige nun Betriebswirtschaft und Management mit Schwerpunkt International Business an der SRH Fernhochschule – The Mobile University. 

Wie fühlt es sich an, eine Goldmedaille zu gewinnen?

Melanie Leupolz: „Du stehst da im Stadion, und im Moment des Sieges sprudeln das Glück, die Freude und auch der Stolz einfach aus dir heraus. Ich hatte schon vor Olympia betont, dass mir die Teilnahme an den Spielen nicht reicht. Aber dass ich die Medaille nun wirklich in Händen halte, fühlt sich immer noch ein bisschen an wie ein Traum.“

Bundesliga, Nationalmannschaft, Studium – ein strammes Programm …

„Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, nicht nur im Sport. Wir Fußballerinnen wissen, dass wir ein zweites Standbein brauchen. Wenn du nach der Karriere lückenlos ins Berufs­leben einsteigen willst, dann ist jetzt der Zeitpunkt, an dem man studieren oder eine Ausbildung machen muss, um später bestens vorbereitet zu sein. Ein bisschen anstrengend ist das schon. Aber es tut gut, wenn ich mich nach dem Lernen wieder bewegen kann. Und umgekehrt ist es fürs Training förderlich, wenn man nicht nur an Fußball denkt. Mir macht das Lernen Spaß, besonders wenn es danach auf dem Platz gut läuft.“ 

Wie schaffen Sie das alles?

„Klar ist: Der Fußball bestimmt das Studium. Bis auf dienstags haben wir jeden Tag Training, meistens zweimal am Tag. Hinzu kommen die Bundesligaspiele am Wochenende, Champions-League- und Pokalspiele sowie die Partien mit der deutschen Nationalmannschaft. Wir sind viel auf Reisen und in Hotels. Diese Zeit nutze ich, um zu lernen. Den Lernstoff fürs Studium habe ich dann immer dabei. Außerdem nehme ich mir gewisse Stunden der wenigen Freizeit ganz bewusst vor, um für mein Studium zu arbeiten. Dazu gehört ein gutes Zeitmanagement. Aber wenn man es wirklich will, dann geht das auch. Vielleicht passt es daher ganz gut, dass ich gerade meine Hausarbeit zum Thema Selbstmanagement abgegeben habe.“

Was haben Sie sich als Nächstes vorgenommen?

„Man könnte ja vielleicht denken, dass man irgendwann titelsatt wird. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Der Moment, in dem man einen großen Titel gewinnt, setzt so viel Energie und Freude frei, dass man ihn eigentlich immer wieder erleben möchte. Ich möchte zum Beispiel unbedingt um den Champions-League- und den DFB-Pokal spielen – also die Finale erreichen. Und der Weltmeistertitel fehlt mir ja auch noch.“

„Ich könnte mir gut vorstellen, nach meiner aktiven Zeit eine Mannschaft als Physio­therapeutin zu betreuen.“

Kira Walkenhorst, Beachvolleyballerin bei Olympia, Physiotherapeutin

Sport verbindet

Etwas stärkere Nerven hätte sich auch Juliane Wolf für ihre ersten Paralympischen Spiele gewünscht. Die Tischtennisspielerin verlor den Kampf um Bronze und trauert um die knapp verpasste Medaille. „Ich habe die Kon­kurrenzsituation dort einfach unterschätzt“, erklärt sie nüchtern. „Bei Weltmeisterschaften wird die Bronzemedaille zum Beispiel gar nicht ausgespielt. Deshalb war die Finalsituation in Rio – vier Spieler, zwei Tische – völlig neu für mich.“ An der Weltspitze kann so was schon mal den Ausschlag geben. Die 28-Jährige, die wegen einer frühkindlichen Hirnschädigung Koordinationsprobleme hat, startete erst vor wenigen Jahren im Behindertensport so richtig durch, auch wenn sie schon seit ihrem neunten Lebensjahr Tischtennis spielt. 2015 wurde sie im Einzel und mit der Mannschaft Vizeeuropameisterin, bei der Weltmeisterschaft 2014 belegte sie im Einzel Platz drei.

„Tischtennis ist ein Sport, den Menschen mit und ohne Behinderung toll zusammen ausüben können“, stellt sie fest. „Wer es einmal gelernt hat, kann körperliche Einschränkungen wunderbar durch eine gute Taktik aus­gleichen.“ Diese positive Erfahrung möchte die studierte Inklusionspädagogin gerne weitergeben. Einmal pro Woche trainiert sie deshalb ehrenamtlich im Auftrag des Badischen Behindertensportverbandes die Tischtennismannschaft der SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckar­gemünd. Dort lernen 600 Schüler mit und ohne Körperbehinderung, von der Grundschule bis zum Gymnasium. „Es ist toll zu sehen, wie gut sich viele Kinder durch den Sport weiterentwickeln“, sagt Wolf. 

Ihre persönlichen Zukunftspläne nach Rio: An der Universität Frankfurt, an der sie eine Dreiviertelstelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin hat, möchte sie ihre Doktorarbeit vorantreiben. Ob sie 2020 in Tokio antritt? Mal schauen. „Immerhin weiß ich ja jetzt, wie man um Bronze kämpft“, schmunzelt sie.

www.hochschule-heidelberg.de

www.fachschulen-gesundheit.de

www.mobile-university.de

Text Kirstin von Elm  Fotos Andreas Reeg

Nadine Gallenbach hatte einen Jugendtraum: einmal mit einer Mannschaft bei den Para­lympics einlaufen. Und weil nichts von nichts kommt, arbeitete sie sich konsequent an die Erfüllung ihres Traumes heran. Bevor die Sportphysiotherapeutin als wissenschaftliche Mit­arbeiterin an die SRH Hochschule Heidelberg kam, arbeitete sie lange in der Schweiz. Eine Kollegin stellte den Kontakt zum europaweit größten Zentrum für Querschnittgelähmte in Nottwil her, zugleich der paralympische Stützpunkt der Schweizer. 
Et voilà: Seit inzwischen acht Jahren betreut die 36-Jährige als Physiotherapeutin nebenberuflich die Schweizer Handbike Nationalmannschaft und begleitet das Team zu Trainingslagern, Weltmeisterschaften – und zu den Paralympics. 2012 zum ersten Mal nach London und nun auch nach Rio. „Bei den Paralympics steht der Sport mehr im Mittelpunkt als der Wettkampf, die Sportler gönnen sich gegenseitig die Medaillen“, stellt Gallenbach, selbst begeisterte Handbikerin, fest. „Die Stimmung war unglaublich: entspannt, familiär, jeder grüßt jeden.“ 

Logisch, dass Nadine Gallenbach 2020 in Tokio wieder als Athleten-Betreuerin dabei sein möchte: „Die Schweizer sind ein absolutes Dreamteam und für mich wie eine zweite Familie“, sagt sie. Ob es klappt, erfährt sie – wie schon bei den Spielen in London und Rio – zwar erst sechs Wochen vorher. Aber sie ist optimistisch. „Meine Urlaubs- und Jahresplanung richte ich auf jeden Fall darauf aus.“

Während Clemens Rapp bei Olympia an den Start ging, waren Nadine Gallenbach und Juliane Wolf (rechts) bei den Paralympics dabei.

Das Heidelberger Kompetenztraining (HKT) wurde an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg entwickelt, um mentale Stärke zu trainieren. Unter anderem lernen die Teilnehmer dabei, sich selbst in einen konzentrierten Zustand zu versetzen, Stärken bewusst zu ak­tivieren und sich geistig gegen Störungen zu wappnen. HKT wird zum Beispiel in Schulen und Hochschulen, in der Lehrer- und Erwachsenenbildung und auch bei Leistungssportlern eingesetzt.

In Tokio finden die nächsten Olympischen Sommerspiele statt: vom 24. Juli bis zum 9. August 2020. Unter den 33 Sportarten wird es fünf neue geben: Baseball/Softball, Karate, Skateboarden, Surfen und Sportklettern. 

Wie immer direkt danach: die Paralympics vom 25. August bis zum 6. September. Unter den 22 Sportarten sind erstmals Badminton und Taekwondo, ­dafür fallen Siebener-Fußball und Segeln raus.

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