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Energie getankt

Die Chancen für Robin Schleehauf, eines Tages ein unabhängiges Leben führen zu können, standen nicht gut. Das ist etwa 20 Jahre her. Heute fährt der Abiturient der SRH Stephen-Hawking-Schule Auto und Wasserski. 

Wenn Robin Schleehauf erzählt, dass es demnächst nach Italien zum Wasserskifahren geht, traut man ihm das sofort zu – auch wenn seine Krankengeschichte alles andere als rasanten Wassersport vermuten lässt. Der 21-Jährige sitzt sonnengebräunt im bunten Tanktop im Rollstuhl. Während er spricht, unterstreicht seine rechte Hand mit flinker Geste, wie es ab geht auf dem Wasser. Eine Ski-Sonderkonstruktion macht es möglich, dass er diesen Sport ausüben kann. Angst? Nein, die pure Vorfreude. Das nötige Selbstbewusstsein hat er durch seine Familie und die Stephen-Hawking-Schule (SHS) in Neckargemünd langsam gewonnen. 

Es war ein langer Weg, der ihm und seiner Familie viel Mut und Geduld abverlangte. Im Alter von zwei Jahren wird bei Robin Schleehauf eine beinbetonte Tetraplegie diagnostiziert, eine spastische Erkrankung, „mit der Prognose, dass er vermutlich nicht mal wird Sitzen können“, erinnert sich seine Mutter. Doch das können Ekkehard und Elke Schleehauf nicht als endgültiges Urteil für ihren stets fröhlichen kleinen Kerl akzeptieren. Die ganze Familie samt der großen Schwester setzt sich ein, Robin lernt stehen – wenn auch mit viel Hilfestellung – und macht entgegen aller Prognosen die ersten Schritte. Der Junge wird in Stuttgart in einer Regelschule eingeschult und fühlt sich gut integriert. „Aber wegen begleitender gesundheitlicher Probleme war er meist hinterher und damit auch nicht gut in der Schule“, erinnert sich die Mutter. Es ist eine Zeit der Frustration und der Rückschritte. Robin bekommt eine Hauptschulempfehlung. Er ist elf Jahre alt und hat die Krücken wieder dauerhaft gegen den Rollstuhl getauscht. 

Das kann so nicht bleiben, da ist sich die Familie einig. Denn der Junge soll später mal möglichst selbstständig zurechtkommen. Die Familie sucht nach einem Rahmen, der eigenes Lerntempo, medizinische Betreuung, Physio- und Ergotherapie unter einen Hut bringt. Sie findet ihn in der ­Stephen-Hawking-Schule im 100 Kilometer entfernten Neckargemünd. „Wir schauen individuell, was in einem Kind steckt, und fördern es so, dass es seine Ressourcen ausschöpfen kann“, fasst Tobias Böcker, Geschäftsführer der SRH Schulen GmbH, das Grundverständnis zusammen. „Jeder hat das Recht, an der Gesellschaft teilzuhaben. Inklusion im besten Sinne bedeutet, zu schauen, was der Einzelne im Sinne einer nachhaltig stabilen Eigenständigkeit und Selbstbestimmung dazu braucht.“ In Regelschulen könne nicht immer gewährleistet werden, dass jeder die bestmögliche Förderung erhält. Deshalb hält Böcker Wahlmöglichkeiten wie die Stephen-Hawking-Schule für essenziell. 

Die Schule bietet Therapieangebote mit dem Ziel der Alltags- und Lebensbewältigung trotz Handicaps, medizinische Betreuung, Internat und Schule in einem Gebäudekomplex. Die Internatsschüler wohnen in Wohngemeinschaften, bestreiten den Alltag gemeinsam, kochen im Team und nutzen die vielen Freizeitaktivitäten, die angeboten werden.

Vom Sonder- zum Normalfall 

Für Robin Schleehauf ist diese Kombination eine Chance, für die Eltern eine harte Entscheidung. Ist es gut, ihn aus seinem gewohnten Umfeld zu reißen, ins Internat, weg von Familie und Freunden? Der Teenager ist entschlossen – er will gehen lernen. Dennoch fällt ihm der Anfang in Neckargemünd schwer, sehr schwer. „In der Regelschule ist man der einzige Behinderte und damit der Exot, man hat immer einen Sonderstatus“, erklärt er rückblickend. An der SHS dagegen sind Menschen mit körperlichen Einschränkungen in der Überzahl. 

Tisch decken, in der Küche helfen, Zimmer aufräumen – jetzt muss der Jugendliche mit anpacken. Es wird ihm einiges abverlangt. Aber er begreift schnell, dass ihm diese „Zumutung“ Erfolgserlebnisse beschert – er kann vieles alleine und kann andere unterstützen. „Extrawürste helfen einem langfristig nicht“, stellt Robin Schleehauf lebhaft fest. Der Schultag beginnt morgens um acht und endet am späten Nachmittag. Zweimal die Woche gibt es Physiotherapie und zusätzlich Muskelaufbautraining. Freitags geht’s zurück in die Familie. Das ist wichtig, um den Kontakt zu den Freunden nicht zu verlieren – und um dem VfB Stuttgart die Treue zu halten. „Alle zwei Wochen bin ich mit Freunden im Stadion“, erklärt der junge Mann mit breitem Grinsen. 

Wechsel ohne Hürden

Den Hauptschulabschluss bewältigt er schnell und wechselt nahtlos in die Wirtschaftsschule über. „Beim Schulwechsel gibt es für die Schüler keine zusätzlichen Belastungen durch Änderung des persönlichen Umfeldes oder des Gebäudes, in dem man sich neu zurechtfinden muss. Der Rahmen bleibt erhalten, nur die Unterrichtssituation sowie die Anforderungen im jeweiligen Bildungsgang ändern sich“, erläutert Schul­leiter Thomas Bohnert die Vorzüge der Durchlässigkeit.

Das Berufspraktikum kurz vor seinem Realschulabschluss absolviert Robin Schleehauf bei Porsche in Stuttgart. Prompt bieten sie ihm eine Ausbildungsstelle an, aber er entscheidet sich, mit der Schule weiterzumachen. Nun bereitet sich der frisch gewählte Schülersprecher auf sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium vor und hat nebenbei den Führerschein gemacht. Ein weiteres Stückchen persönliche Freiheit. Auf den Rollstuhl kann das Energiebündel mittlerweile stundenweise verzichten und ist immer öfter mit Gehhilfen unterwegs.

 

Von Iki Kühn

SRH Stephen-Hawking-Schule

Energie getankt (Foto: SRH Stephen-Hawking-Schule)

Die Stephen-Hawking-Schule (SHS) wurde 1974 in Neckargemünd – nahe Heidelberg – als Förderschule gegründet. Sie gehört als eine von vier privaten Schulen zur SRH. Seit 1995 werden Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet. Heute besuchen rund 880 Tages- und Internatsschüler die SHS, davon rund 150 in dezentralen Außenklassen. 85 Prozent der Schüler sind körperbehindert. 

Deshalb sind zusätzlich zum schulischen Angebot Therapieangebote in den Schulalltag integriert.

Unter einem Dach sind von der Grundschule über Werkreal- und Realschule bis zum allgemeinbildenden Gymnasium und zwei beruflichen Gymnasien zehn verschiedene Bildungsgänge vereint. Bundesweit ist die Stephen-Hawking-Schule die einzige ihrer Art – Modellschule für gelebte Inklusion.

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