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Fest auf einem Bein

Als Fürsprecher für Menschen mit Behinderung umsegelt der mehrfache Paralympics-Sieger Wojtek Czyz jetzt die Welt. Mit an Bord: ein innovativer 3-D-Drucker der SRH Hochschule, um vor Ort Prothesen fertigen zu können.

Montag, der 24. September 2001: Als Wojtek Czyz aus der Narkose erwacht, hat er nur noch ein Bein. Die Amputation trifft den 21-jährigen Fußballer vollkommen unvorbereitet. Noch wenige Tage zuvor schien die ersehnte Profi-Karriere zum Greifen nah. Nach einem erfolgreichen Probetraining will ihn der SC Fortuna Köln unter Vertrag nehmen. Zudem hat er gerade die Zusage für einen ­Stu­dienplatz an der Deutschen Sporthochschule in Köln ­erhalten. Erfolge, die sich der in Polen geborene junge Mann hart erarbeitet hat. Mit acht Jahren zieht er allein zu seinem Vater nach Kaiserslautern. Der unverheiratete Lkw-Fahrer hat nicht viel Zeit für den Jungen. Doch Czyz kämpft sich durch: von der Hauptschule bis zum Abitur. Und auf dem Fußballplatz, wo er sich beim Training mit den

Größeren schnell Respekt verschafft. 

Fußball ist sein Leben – bis zu jenem Tag, als er sich beim Abschiedsspiel für seinen alten Verein schwer am Knie verletzt. Er erleidet ein Kompartmentsyndrom an der Unterschenkelmuskulatur, eine Durchblutungsstörung, die schnellstens behandelt werden muss. Doch an diesem Samstagabend verbrauchen Rettungssanitäter und Ärzte bei der Odyssee durch verschiedene Krankenhäuser wertvolle Zeit – und Wojtek Czyz verliert seinen linken Unterschenkel. Ein Foto, kurz nach der OP aufgenommen, zeigt einen traurigen jungen Mann ohne Perspektive: „Mein ganzes Leben bezog sich auf Sport, von einem Tag auf den anderen wusste ich plötzlich nichts mehr damit an­zufangen“, sagt er rückblickend. 

Hinfallen, aufstehen, weitergehen

Aber der Vollblut-Sportler sagt auch über sich: „Bei mir geht es immer gleich von null auf 100“. In der Reha-Klinik zeigt ihm sein Therapeut ein Video von den Paralympics in Barcelona. Czyz ist fasziniert. Er überzeugt die Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes, ihm eine teure Sportprothese zu finanzieren, und beginnt kurzerhand mit dem Training. Keine zehn Monate nach seinem Unfall gewinnt er bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften für Menschen mit Behinderung seine ersten Wettkämpfe. „Endlich konnte ich wieder meinen ganzen Willen in eine Richtung lenken“, sagt er, „nämlich auf die Paralympischen Spiele.“ 2004 holt er in Athen dreimal Gold. Vier Jahre später stellt er in Peking einen neuen Weltrekord im Weitsprung auf, gleich im ersten Anlauf und mit gebrochenem Mittelfuß.Heute ist Wojtek Czyz 35 Jahre alt, durchtrainiert und voller Energie. Auf seinem Ersatzbein hat er in den letzten Jahren mehr sportliche Erfolge eingefahren als viele seiner zweibeinigen Kollegen. Er ist mehrfacher Paralympics-Sieger, Welt- und Europameister in den Disziplinen Sprint und Weitsprung und hat im Behindertensport Weltrekorde aufgestellt. Ebenso sicher und leichtfüßig wie an Land bewegt er sich an Bord seiner Segeljacht „Imagine“, einem zwölf Meter langen Katamaran. Bei einer Bootstour mit einem Freund hat er vor einigen Jahren das Segeln für sich entdeckt. Jetzt, am Ende seiner aktiven Sportler-Karriere angekommen, ersetzt ihm die neue Leidenschaft die Wettkämpfe.Logisch, dass sich jemand mit solchem Leistungswillen nicht mit gelegentlichen Schönwetter-Törns in Küstennähe begnügt. Nach anspruchsvollen Segeltrainings auf der Nordsee und dem Pazifik segelt Wojtek Czyz lieber gleich um die ganze Welt. Begleitet wird er dabei von seiner italienischen Ehefrau Elena Brambilla, selbst erfolgreiche Leichtathletin. Ende Mai sind die beiden von Neustadt an der Ostsee aus aufgebrochen. Über Cuxhaven und ­Helgoland geht es die französische Atlantikküste entlang nach Nordafrika. Ende Oktober soll die „Imagine“ in Safi, Marokko, einlaufen. Dort ist ein dreiwöchiger Aufenthalt geplant, denn mit der Weltumsegelung verfolgt das sportliche Paar zugleich eine persönliche Mission.

Lobby für Menschen mit Handicap 

Während ihrer Reise wollen sie Amputierte in ärmeren Regionen mit Prothesen versorgen. Dazu haben sie den Verein Sailing4handicaps gegründet und, unterstützt von Freunden und Förderern, die „Imagine“ zur hochseetauglichen Orthopädiemechaniker-Werkstatt ausgebaut. Mit an Bord: ein wind- und wasserfester 3-D-Drucker, den Michael Eißele, ein ehemaliger Student der SRH Hochschule Heidelberg, entwickelt hat (siehe Interview rechts). Anhand von Laserscans lassen sich damit exakte Kunststoffmodelle der fehlenden Gliedmaßen ausdrucken. Ein eingeflogener Orthopädie-Mechaniker soll daraus dann alltagstaugliche Prothesen erstellen, indem er die Schäfte mit Gelenken und Zehenersatz versieht. Alle Werkzeuge, Materialien und Komponenten findet er an Bord.Der Crew der „Imagine“ geht es jedoch um mehr als um bezahlbare Hilfsmittel. Wojtek Czyz will auf die ­Situation von Menschen mit Handicap aufmerksam machen. Bei seinen Reisen zu internationalen Wettbewerben hat er viele von ihnen getroffen, unter anderem in Kenia, Thailand, China und Indien. Sein Fazit: Nicht nur die prothetische Versorgung lässt in armen Ländern oft zu wünschen übrig, sondern vor allem auch die Akzeptanz für Menschen mit Behinderung: „Oft werden sie als Krüppel stigmatisiert und vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.“ Diese Sichtweise möchte er mit seiner eigenen Erfolgsgeschichte verändern und Betroffenen so eine neue Perspektive aufzeigen. „Ich habe sehr viel Glück gehabt“, sagt er, „jetzt möchte ich etwas zurückgeben.“ 

 

Von Kirstin von Elm

Gedruckte Prothesen

40 x 38 x 80 cm misst der 3-D-Drucker an Bord der „Imagine“, groß genug, um darin den Schaft einer Prothese für Erwachsene herzustellen. Gebaut hat ihn Michael Eißele, Maschinenbauabsolvent und Akademischer Mitarbeiter der SRH Hochschule Heidelberg. Daraus entstanden ist die Firma Ferrumio, eine Ausgründung der Hochschule Heidelberg, die unter anderem an neuen Herstellprozessen für Beinprothesen arbeitet. 

 

Herr Eißele – Beine aus dem Drucker, wie sind Sie darauf gekommen?

Entstanden ist die Idee vor einigen Jahren zusammen mit dem SRH Berufsförderungswerk in Heidelberg. Dort machen Menschen, die nach Unfall oder Krankheit ihren Beruf aufgeben mussten, eine Umschulung. Einige der Teilnehmer hatten ­Er­fahrungen mit schlecht sitzenden Prothesen. Da haben wir gemeinsam für einen Probanden aus Rumänien einen neuen, maßgefertigten Schaft gedruckt, mit dem er sehr zufrieden war. 

 

 

3-D-Drucker kann man heute bereits für weniger als 1.000 Euro im Internet bestellen. Lassen sich mit so einem Gerät Prothesen drucken?

Nein, die handelsüblichen Geräte sind dafür zu langsam, zu ungenau und zu klein. Der Drucker an Bord der „Imagine“ arbeitet sehr präzise und braucht ungefähr acht Stunden für einen 40 cm hohen Unterschenkel. Für die lange Seereise hat er außerdem einen Wind- und Wasserschutz bekommen und wurde stark versteift, damit er den Seegang unbeschadet übersteht.

 

 

Könnte Herr Czyz mit einer selbst gedruckten Prothese zu Wettkämpfen antreten?

Nein, dafür braucht man spezielle Sportprothesen. Bisher fertigen wir per 3-D-Druck ja auch nur den Schaft, an dem die Metallteile und der künstliche Fuß befestigt werden. Ein dynamisches Bein mit Gelenken auszudrucken, ist sicher eines Tages möglich, derzeit aber noch eine große Herausforderung.

 

www.ferrumio.de

Boot und Mannschaft folgen

Die Reise der „Imagine“ lässt sich live im Internet verfolgen. Die Crew wird von unterwegs bloggen. Bis Dezember wollen sie die Kanaren erreichen, danach den Atlantik überqueren und St. Lucia, Haiti, die Dominikanische Republik und Kuba ansteuern. Überall wird das Boot mehrere Wochen Station machen, um Prothesenträger und medizinische Fachkräfte vor Ort zu schulen. Um möglichst viele Menschen mit Prothesen versorgen zu können, hat der Verein ein Spendenkonto eingerichtet.

www.sailing4handicaps.de

 

Ein Buch, das Mut macht: In „Wie ich mein Bein verlor und so zu mir selbst fand“ schildert Wojtek Czyz sein Leben vor und nach dem Unfall und der Amputation (256 Seiten, Edel Books 2014, 19,95 Euro). Studien zufolge werden jährlich rund 16.000 Menschen oberhalb des Fußgelenks amputiert. Besonders oft betroffen sind Diabetiker. 

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