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Gründer aus Leidenschaft

Artur Steffen vor einem Werbeplakat für sein neues Unternehmen: MedLango bietet Dolmetscherdienste für ausländische Patienten in Deutschland an.

Schon als Siebenjähriger weiß Artur Steffen, dass er später sein eigener Chef werden will. Mit 28 hat der Berliner SRH Absolvent bereits sein zweites Unternehmen gegründet.

Bananen, zuerst fallen ihm Bananen ein, wenn er an seine Anfangszeit in Deutschland zurückdenkt, sagt Artur Steffen und lacht sein kurzes, tiefes Lachen. Sieben Jahre ist er alt, als er 1995 mit seinen Eltern aus der heutigen kasachischen Hauptstadt Astana nach Berlin zieht. Bananen hat er bis dahin noch nie gegessen, und er kann nicht genug davon bekommen. Die Hälfte der Großfamilie lebt schon in Berlin, Aussiedler aus Kasachstan und der Ukraine, „mit Migrationswurzeln, aber deutscher Identität“, erklärt Steffen. Trotzdem ist dem Jungen Artur erst einmal alles fremd. Früchte, Süßigkeiten – für seine Klassenkame­raden ist es normal, dass alles immer ver­fügbar ist. „Ich kam aus einer ganz anderen Kultur“, erinnert sich der 28-Jährige. Aus einer, in der schon von Grundschul­kindern Disziplin verlangt wird. „Du musst lernen, damit später etwas aus dir wird“, mahnten die Erwachsenen ihre Kinder in Kasachstan und meinten damit vor allem materiellen Wohlstand. „In Deutschland heißt ,etwas aus sich machenʹ auch glücklich zu werden“, sagt er. Der Wunsch der eigenen Eltern war für ihn normal, der der Deutschen gefiel ihm. Heute hat Artur Steffen bereits seine zweite Firma gegründet, die Liste seiner beruflichen Stationen ist lang. Um diese Leidenschaft zu verstehen, muss man tatsächlich zwei Jahrzehnte zurückblenden, zu den prägenden Eindrücken seiner Kindheit. 

„Es ist toll, in einer Firma zu arbeiten, die man selbst geschaffen hat.“

Artur Steffen, Gründer und Geschäftsführer von MedLango

Früh auf eigenen Füßen

Fleißig, selbstständig sein, das lernt Artur Steffen schon als Kind. Die Eltern arbeiten viel, die Mutter als Allgemeinmedizinerin an der Berliner Charité, der Vater in der eigenen urologischen Praxis. Nach der Schule ist der Sohn allein zu Hause und macht sauber. Von den abend­lichen Tischgesprächen behält er vor allem eines zurück: Während die Mutter etwa über die Arbeitsbelastung im Krankenhaus klagt, entscheidet der Vater selbst über die Öffnungszeiten. „Mir schien es einfacher, sein eigener Chef zu sein“, erinnert sich Steffen. Mit 14 Jahren putzt er fürs Taschengeld die väterliche Arztpraxis. Später fotografiert er Touristen am Berliner Fernsehturm, fährt Pizza aus und wirbt für die „Berliner Zeitung“. 500 Passanten am Tag ansprechen, „die Akquise von null auf hundert“, das macht ihm Spaß. „Man hat eine Strategie und weiß nicht, ob sie aufgeht.“ Er mag die Herausforderung und spricht von einer „Challenge“. 

Der junge Mann wählt seine Worte mit Bedacht. Entfernte osteuropäische Färbung, hier und da ein Anglizismus. Die Eltern schicken ihren Sohn ab der neunten Klasse auf eine englische Privatschule, die Berlin British School. Hier glauben sie ihn besser aufs Berufsleben vorbereitet. Das Abitur macht Steffen zusammen mit Kindern von Anwälten, Diplomaten und Top-Managern. Sein Geld gibt er für Markenkleider aus, er will zur „Elite“ gehören, reich werden. Sein schneller Blick für Chancen legt eine Karriere im Investmentbanking nahe. Ein Wirtschaftsstudium in London sowie Praktika bei großen Bankhäusern folgen. Und plötzlich beginnt Artur Steffen zu zweifeln. Die Bestverdiener um ihn herum erscheinen ihm „gar nicht so glücklich“. Auch der Job erfüllt ihn nicht. „Banker ist ein anderes Wort für Verkäufer“, sagt er. Statt Menschen etwas zu verkaufen, will er sie lieber beraten.

Mutig in Marktlücken 

Nach dem Studium bewirbt er sich in Russland als Broker für Getreide. Doch eine Hitzewelle legt den Handel lahm. In seiner Ratlosigkeit besinnt Steffen sich auf ein echtes Interesse, den Medizintourismus. Um sein Studium zu finanzieren, hat er wohlhabende Russen als Übersetzer zu Fachärzten begleitet. Für russische Privatpatienten ist Deutschland Ziel Nummer eins. Steffen ergreift die Chance: Er zieht den Vermittlungsdienst Retas für russische Patienten in deutsche Krankenhäuser hoch, baut in nur sechs Monaten ein Callcenter auf. Beseelt vom ersten Erfolg weiß er wieder, was er eigentlich will: ein eigenes Unternehmen professionell planen, aufbauen und führen. 

Genau das lernt er, zurück in Deutschland, im Studiengang Entrepreneurship an der SRH Hochschule Berlin, seinem „Befreiungsschlag“, wie Steffen die Zeit an der Hochschule nennt. Seine zweite Geschäftsidee führt die erste fort: ein Dolmetscherservice für ausländische Patienten. Für Steffen auch ein persönliches Anliegen: In einer Sprache nicht hundertprozentig zu Hause zu sein, kennt er aus eigener Erfahrung. Patienten aus einer anderen Kultur sind nervös, die Ärzte unter Zeitdruck – eine unselige Mischung. Mit seiner Masterarbeit, in der er seine Geschäftsidee ausarbeitet, wird Steffen zum „Experten für das eigene Thema“, seit August ist die Online-Plattform MedLango freigeschaltet. 

Mittlerweile arbeitet Steffen mit rund 800 Dolmetschern in 40 deutschen Städten zusammen, beschäftigt sieben Mitarbeiter. Ein Einzelkämpfer ist der Jungunternehmer nicht. „Viele Träume lassen sich nur mit einem Team verwirklichen“, sagt er. Zwei Räume seiner Dreizim­merwohnung in Berlin-Charlottenburg hat er zum Büro umfunktioniert, für den Rückzug ins Private bleiben ihm zehn Quadratmeter. Die Einschränkung fällt ihm nicht schwer. „Glück“, sagt er, „bedeutet für mich, von meiner Selbstverwirklichung leben zu können.“ Bingo. 

Text Liane Borghardt
Foto Espen Eichhöfer

Für Unternehmenslustige 

Die SRH Hochschule Berlin ermöglicht Studenten mit dem viersemestrigen Masterprogramm Entre­preneur­ship, eine Geschäftsidee praktisch umzusetzen. Experten begleiten sie dabei. Außerdem vermitteln sie Kontakte zu Kapitalgebern oder helfen, Fördergelder zu beantragen. Dank kleiner Studiengruppen können individuelle Fragen im Gründungsprozess diskutiert werden. Ebenso tauschen Absolventen sich über das Ehemaligen-Netzwerk der Hochschule mit anderen Gründern sowie Dozenten aus. Das Studium beginnt zum Wintersemester, Unterrichtssprache ist Englisch.

 www.srh-hochschule-berlin.de

Retas Medical Assistance organisiert für russische Patienten die Behandlung in deutschen Krankenhäusern. Mit seiner ersten Firma finanzierte Gründer Artur Steffen sein Master-Studium Entrepreneurship an der SRH Hochschule Berlin.
www.retas.ru

Beim Hamburger Gründerwettbewerb Startups@Reeperbahn mit mehr als 100 Bewerbern schaffte es Artur Steffen jüngst mit MedLango, ­seiner Dolmetscher-Vermittlung für ausländische Patienten, unter die ersten fünf Platzierten. 
www.medlango.com

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