direkt zum Inhalt

Gesundheit05.09.2012

Thorsten Schünzel überlebt wie durch ein Wunder

"ICH BIN FROH, DASS ICH NOCH DA BIN"

Thorsten Schünzel geht es gut. Überraschend gut. Der Monteur stürzte aus zehn Metern Höhe, erlitt zahlreiche Brüche und innere Verletzungen, verlor sehr viel Blut. Doch er lebt – auch dank der schnellen Hilfe in der zentralen Notaufnahme des SRH Wald-Klinikums Gera.

An den Sturz kann sich Thorsten Schünzel nicht erinnern. Auch nicht daran, was er zuvor getan hat oder wie das Wetter an diesem Tag war. Auch die drei Wochen, die auf den Unfall folgten, sind vollständig aus seinem Gedächtnis gelöscht. Alles, was der 39-Jährige über diese Zeit weiß, hat er im Nachhinein erfahren – von seiner Frau, seinem Bruder, den Ärzten und Pflegekräften. „Ich hatte sehr viel Glück“, sagt er rückblickend. „Dass ich in der Nähe des Wald-Klinikums war, hat mir, glaube ich, das Leben gerettet.“

Abgestürzt

Thorsten Schünzel (Foto: Timo Volz)

Am besten nie wieder loslassen: Thorsten Schünzel im heimischen Garten mit seiner Frau Christina und Tochter Helena.

Seit 2005 arbeitet der gelernte Heizungsmonteur bei einer Firma mit Sitz in Frankfurt am Main. Die Baustellen, auf denen er unterwegs ist, liegen meist in Hessen. Seine Arbeit macht ihm Spaß, er versteht sich gut mit den Kollegen. Der Haken an diesem Job: Nur am Wochenende kann er bei seiner Familie im thüringischen Bad Frankenhausen sein, unter der Woche lebt er im Hotel.

Als Schünzel am Freitag, den 16. Dezember 2011, um halb sieben aufbricht, ahnt er nicht, dass dieser Tag alles verändern wird. Ausnahmsweise arbeitet er in Gera, verlegt mit einem Kollegen Rohre am Dach eines Neubaus – in zehn Metern Höhe. Bis heute weiß niemand, warum der Monteur von der Hebebühne gestürzt ist. Fest steht: Um 12.01 Uhr wird der Rettungsdienst alarmiert, acht Minuten später sind Sanitäter und Notarzt vor Ort. „Später hat mir jemand erzählt, dass ich direkt wieder aufstehen und weiterarbeiten wollte“, berichtet Schünzel. Noch an der Unfallstelle untersucht der Notarzt den Abgestürzten und stabilisiert dessen Atmung und Kreislauf für den Transport. Diagnose: Polytrauma.

Um 12.55 Uhr wird Schünzel in die Notaufnahme des SRH Wald-Klinikums gebracht. Dort kümmern sich Dr. Gerhard Kuhnle, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin, und sein Team sofort um den Patienten. Im Schockraum wird dieser stabilisiert und anschließend ins CT gebracht. Die Ärzte diagnostizieren unzählige Verletzungen: eine Gehirnerschütterung, Wirbelsäulenfrakturen, der linke Ellenbogen und das Becken sind gebrochen, das Zwerchfell ist gerissen, ebenso wie Lunge, Leber und Milz. Nur 15 Minuten nach seiner Ankunft im Klinikum liegt Schünzel im OP. Er steht unter Schock und hat sehr viel Blut verloren – eine lebensbedrohliche Situation. Ununterbrochen erhält er Bluttransfusionen; bis zum Ende der fünfstündigen Operation werden es insgesamt rund 25 Liter sein. Die Ärzte entfernen Schünzels Milz, nähen die Risse in Leber, Lunge und Zwerchfell. Doch da das Blut in seinem Körper inzwischen mehrfach komplett ausgetauscht wurde, funktioniert die Gerinnung nicht mehr. Daher erhält er schließlich ein Blutgerinnungsmedikament, das normalerweise nur Hämophilie-Patienten bei unstillbaren Blutungen verabreicht wird. „Dieses kostet wohl so viel wie ein Mittelklassewagen, doch ohne es wäre ich wahrscheinlich nicht mehr hier“, berichtet Schünzel nachdenklich.

Überraschend erholt

Thorsten Schünzel (Foto: Timo Volz)

Thorsten Schünzel: „Die Ärzte sind heute noch erstaunt, wie gut es mir geht.“

Nachdem die Blutungen gestoppt sind, versetzen die Ärzte ihren Patienten in ein künstliches Koma. Durch den enormen Blutverlust sind sein Kreislauf und das Immunsystem sehr geschwächt. Erst jetzt können die Mediziner auch die zahlreichen Brüche behandeln. Schünzel wird mehrfach operiert, unter anderem an der Wirbelsäule. Noch weiß niemand, ob er für immer querschnittgelähmt sein wird oder ob andere Schäden bleiben. Insgesamt drei Wochen verbringt er auf der Intensiv­station. Christina Schünzel ist fast immer an der Seite ihres Mannes, täglich fährt sie ins 160 Kilometer entfernte Gera. Ihre siebenjährige Tochter Helena bringt sie in dieser Zeit bei Freunden unter. Weihnachten, Silvester, Neujahr verstreichen – von Thorsten Schünzel unbemerkt. Nur vage kann er sich an „helle Lichter“, „einen Traum, in dem ich gefangen war“ und eine Untersuchung im MRT erinnern.

Doch wider Erwarten erholt er sich sehr schnell. „Die Ärzte sind heute noch erstaunt, wie gut es mir geht“, sagt er. Bereits am 6. Januar wird er auf die Intermediate Care verlegt. Zunächst muss er wieder lernen, eigenständig zu atmen, zu schlucken, zu essen und zu trinken. Unterstützt von den Physiotherapeuten kräftigt er seine Muskeln, kann sogar bald wieder laufen. „Vielleicht habe ich mich ja so schnell erholt, weil ich mich im Klinikum sehr wohlgefühlt habe, wie in einer großen Familie“, erzählt Schünzel und lächelt.

Dr. Gerhard Kuhnle (Foto: Timo Volz)

Dr. Gerhard Kuhnle, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am SRH Wald-Klinikum Gera.

Auf die Zeit im Klinikum folgen sechs Wochen Reha, und Mitte März darf Thorsten Schünzel endlich nach Hause. Dass er noch nicht arbeiten kann und plötzlich so viel Zeit hat, daran muss er sich irgendwie noch gewöhnen. Manchmal langweile er sich schon, gesteht er. Doch die ungewohnte Situation hat auch Vorteile: Nun kann er sich rund um die Uhr um seine Familie kümmern. Er holt seine Tochter von der Schule ab, hilft ihr bei den Hausaufgaben, geht mit ihr schwimmen. Er unterstützt seine Frau in ihrer Physiotherapie-Praxis, hilft seiner Schwieger-Oma beim Kochen. Und er hat die Vorzüge der Gartenarbeit für sich entdeckt. „Langsam kann ich mir sogar die Namen der Blumen merken“, sagt er und grinst. Seine Familie genießt es, ihn bei sich zu haben, zu wissen, dass er da ist, mit ihnen lachen kann. Ihm gehe es wirklich gut, sagt Schünzel – auch wenn noch Ausdauer und Kraft fehlen, der Rücken manchmal schmerzt, sich sein Ellenbogen nicht richtig bewegen lässt und es unsicher ist, ob er jemals wieder als Monteur arbeiten wird. Doch Thorsten Schünzel ist optimistisch, dass es auch beruflich für ihn weitergeht. Seine Firma lässt ihn nicht hängen, da ist er sich sicher. „Doch vor allem bin ich froh, dass ich noch hier bin“, sagt er und lacht – ein Lachen, das ansteckt.

Gabriele Jörg

RUNDUM SCHNELL VERSORGT

In der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin sind alle Bereiche der Anästhesiologie zusammengefasst: Anästhesie, Intensivmedizin, Notaufnahme und Notfallmedizin. Jährlich führt das Team der Klinik rund 18.000 Anästhesien bei Patienten aller Altersgruppen durch. Die interdisziplinäre Intensivstation mit Intermediate Care ist eine der größten ihrer Art in Deutschland. Täglich kommen zudem über 100 Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen in die Notaufnahme des Klinikums. Diese ist rund um die Uhr mit einem Arzt für Anästhesie und Intensivtherapie besetzt; bei Bedarf stehen zudem Internisten, Chirurgen und Neurologen zur Verfügung. Darüber hinaus stellt das Klinikum täglich zwei Notärzte für Gera und Umgebung.

www.waldklinikumgera.de

Kommentar hinzufügen


* Pflichtfeld

Kommentare

Keine Kommentare

SRH Wald-Klinikum Gera

Mit 90.000 Patienten im Jahr in 24 Fachbereichen ist das SRH Wald-Klinikum Gera das größte Krankenhaus der Region Ostthüringen.